Donnerstag, 12. Februar 2015

DZL-11 SCHWIMMERIN

wenn sich das Tor geöffnet hat, fährt allen in ihren Booten
etwas wie ein Blitz ins Gesicht: die unerwartete Schönheit,
zugleich Verschlossenheit dieser Figur, die gar nicht strahlt,
aus ihrem Schatten heraus einen Moment lang alles stocken lässt.

Ein Zufall, dass die Vorbeifahrenden nicht nach vorne schauen.
Der Gondoliere gibt keinen Hinweis; nur ein glücklicher Impuls,
wenn jetzt jemand den Kopf nach links wendet, weg
vom fotografierenden Mann, vom Kind, Handy der Freundin,

und das Vorbeischweben stoppt, indem er im Reflex
mit allen Sinnesmöglichkeiten das Blickfeld erfasst und fixiert.
Nichts ist zu erforschen in diesem Moment, die Blitz-
erscheinung dieses Wasserwesens auf dem Silberball

setzt nur in der Phantasie Fragen in Gang, scheint sie doch
im Gleichgewicht zu sein, auch in einer höchst kippeligen Position.
Ihr Gesicht nicht zu sehen, nur die Badehaube,
ihr Badeanzug, die angezogenen Beine, die Knie

hinter den aufgepressten, viel zu großen Händen.
Man denkt vielleicht an ein Gleichgewichtszittern,
andauernde Anstrengung, nicht samt der Kugel ins Rollen
zu kommen, die vier, fünf Stufen herunter ins Wasser,

wodurch die sensible Verklammerung von Frau und Globus
mit einem Schlag gelöst sein würde. Ein rundes Ding
schwimmt, bleibt obenauf; doch die Schwimmerin –
in ihrer glatten dichten trockenen Schönheit, anscheinend

mit geschlossenen Augen, ohne Schwimmbewegungen -
taucht nicht mehr auf, verschwunden im Nachbild.
Zurückbleibt ein heftiges Drängen, zwingender Grund,
die Bootsfahrt gleich nochmals von vorn zu beginnen

(2013)

(Erschienen in: Der zarte Leib, Edition Korrespondenzen, 2015)

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