Wiener Blut

Sonntag, 22. Juni 2014

0156 - HEILIGES MOZAMBIN

Heiliges Mozambin,
komm herab,
senk meinen Puls,
töt mein Gehirn ab,
laß mich meinen Folterschweiß vergessen,
erhör mich,
schenk mir einen alptraumlosen Schlaf.

Ich kann meinen Wachatem nicht mehr hören,
meine Lüsternheit verstimmt mich,
meine Ohnmacht kränkt mich,
meine Unwissenheit läßt mich verzweifeln.
Während der Magen grunzt, bauen sich Szenen auf,
die ich tatsächlich erlebt haben könnte,
zeigt sich meine Ethik
in ihrer verquälten Verdorbenheit:
Es gibt kein Entkommen
in den Spalt zwischen den Wirklichkeiten.
Während sich der Wadenmuskel endlich entspannt,
brennt meine Lust am Chaos weiter,
mein Glaube an die Selbstregulierung jeglichen Bemühens.
Dein Monatsblut lähmt mich,
dein Schweigen erstickt mich,
meine ungenauen Ungerechtigkeiten
stilisieren sich zu einer paradoxen Schuld.
Trotzdem lasse ich alle anderen Frauen
hinter meinen Schultern herankommen:
Sie sollen mich fotografieren, massieren,
in weiche Stoffe einhüllen, unentwegt küssen.

Heiliges Mozambin,
komm herab,
schenk mir einen Traum
von der einzig möglichen Gemeinsamkeit:
vom niederfahrenden Geist, der allen zugleich
Vertrauen einflößt, sie kurzschließt
zu einem einzigartigen gemeinsamen Orgasmus
unterm herabstürzenden Mond.

(Mi.30.12.1981, Mitternacht)

Freitag, 6. Juni 2014

0155 - DIE NEUEN BARBAREN

Sechs Jahre nach dem Putsch
ist die Gewalt in Gesetze gegossen,
ist das Unrecht institutionalisiert.
Soziale Markwirtschaft heißt:
uneingeschränkte Freiheit der Unternehmer,
bedingungslose Öffnung für ausländische Investoren,
Aufhebung aller Schutzzölle,
Reprivatisierung aller öffentlichen Dienstleistungen,
freies Spiel der Preise bei fixem Lohn:
was entwickelt war, wird wieder unterentwickelt
für Monokulturen, für den Weltmarkt,
für die Ausplünderung aller Rohstoffe.

Sechs Jahre nach dem Putsch
häufen sich die Sprengstoffanschläge:
aber neben den zerfetzten Leibern der Miristen
liegen griffbereit Dokumente
mit dem Hinweis auf künftige Attentate,
Legitimation der Junta
für das neue Antiterrorismus-Gesetz:
jede Handlung gegen die soziale Ordnung,
gegen die guten Sitten, gegen Personen
oder gegen das Eigentum
beweist die Illegalität einer Vereinigung.

Sechs Jahre nach dem Putsch
wird auch Schluß gemacht
mit den Gemeindegründen der Indios:
parzelliert und privatisiert
treibt es die Mapuchen, die sich verschulden müssen,
in die Hände der Großgrundbesitzer
deutscher Herkunft.

Sechs Jahre nach dem Putsch
steht auf ehernen Sockeln die Militärmacht,
unterm Beifall der Welt.

(11.9.1979)

Montag, 2. Juni 2014

0154 - OFENSPIELE

Als weißgrauer Rauch
aus dem Schornstein drängt
gegen den grauschwarzen Himmel,
kommst du und sagst: Rübezahl,

meinst meinen Riesenschatten
auf der gekalkten Wand,
deinen kleinen daneben
belächelnd.

In meinem flachen Kopf
ist ein langer, atemloser Moment,
während sich das Bild
im Sucher von selbst auslöscht,

während sich das gelbe Licht
aus der Küche
auf den unsichtbaren
Film schmuggelt.

Ihr drinnen vorm Ofen
bückt euch übereinander,
Vielfüßler, zuckende,
und laßt voneinander nicht ab,

bis alles geklärt ist:
warum wir nicht sprechen dürfen,
wer welche Sätze ausschneidet
aneinanderreiht nach welchen Gesetzen,

wie dann die Zufallsgeschichten
auf den einzelnen Blättern zu deuten sind,
weitergehn anstelle
weiterer tödlicher Nachrichten.

(21.9.1979)

Freitag, 30. Mai 2014

0153 - FLURBEREINIGUNG

Runter von der Autobahn
raus aus dem Auto hin
zum Kraterrand rein
in die Kiesgrube, dort
hört die Geldwirtschaft auf:
bezahlt wird mit Bons
im Zentrum für Herz und Nieren,
für feste und flüssige Alternativen,
mit Schlamm unter den Füßen,
Schlamm an den Leibern,
bis die Hunde kommen,
sich totlecken umsonst.
Wieder raus aus der Grube,
ausruhn im Chaos der Gruppen,
flanieren, warten
auf die Bühnenereignisse.
Doch die Ansager sagen,
daß keine Ansagen mehr
angesagt werden können,
Bauern sind im Anmarsch
zu ihren Feldern, sitzend
auf ihren Mähdreschern
verweigern sie jede Diskussion,
decken Lärm und Kot
zu mit Stroh, zündens an
zur Flurbereinigung,
seelenruhig voll Wut.

(24.8.1979)

Samstag, 24. Mai 2014

DZL-04 - ZU MEINER ZEIT

zu meiner Zeit war gar keine Zeit.
Die Zeit hatte sich noch nicht losgelöst,
lag ungelöst in einem dunklen Raum,
ungelöst in den Gläsern, die ich noch

leer trinken würde, schwebte in Rauchringen,
die ich den andern – mit meinem langen Atem –
gestohlen hatte. Ich stand vor der Zeit,
ohne sie als eigene zu erkennen. Fremde Zeit

umgab mich, chancenlos festgenagelt,
nicht betrunken, nicht berauscht,
nicht niedernikotinisiert, nicht wissensgeil,
in keiner Therapie, in keiner auch nur

ansatzweise erträglichen Lebensform.
Zu meiner Zeit war alles ein lausiger Entschluß,
inmitten eines Blütenmeers am Blumentag,
der diese Zeit nie verlassen würde

außer mit einer überraschenden Explosion.
Zu meiner Zeit war keine Zeit zum Studium
von Geschlechtsteilen, niemand bot dergleichen feil.
Sowohl Ziehharmonikabeherrschung als auch

fleißigster Besuch von Tanzschulen führte
vom Umweg des Frauenkörperporträtisten
nicht weiter als zum Schaum auf den Lippen
anderer, Mädchenlippenschaum, der sich nicht

herunterküssen ließ an solch schäumenden Tagen.
Jede Bemühung zu meiner Zeit verschlug mich
in die Annäherung an das Jetzt: zu den nackten
Tatsachen einer Unzahl zeiterschöpfter Uhren

(2013)

(Erschienen in: Der zarte Leib, Edition Korrespondenzen, 2015)

Dienstag, 20. Mai 2014

0151 - ICH ZEUGER

Verwundbar wie in den besten
Zeiten der Vorvaterschaft
erschein ich schon wieder
in deiner unauslöschlichen Rede
als ungeahnt potenter Nachkommen-
Zeuger, weißbärtig, ohne
Haupthaar inmitten einer Schar
sich im Schlaf wälzender Kinder.
Da ließe sich ruhn, später,
ohne Gewissensbisse, ohne
Uneinigkeit mit sich selber.
Du pochst auf deine Gesundheit
und Kraft, dein Recht
auf Schwangerschaft, Wiederholung
der Kindheit mit anderen Vorzeichen,
auf eine künftig erfüllte Zeit.
Meine Widerrede bleibt stumm.
Ich geh jetzt nicht schlafen, setz
auf die roten apokalyptischen Reiter,
im Fernsehn, für mich ganz real.

(12.7.1979)

Freitag, 16. Mai 2014

0150 - BRENNESSELFELD

Im Brennesselfeld
neben dem Steinbruch
überraschend der Anfall
des Asthmatikers.

Vom Kirschbaum
auf dem Weinberg herab
betracht ich die Verjüngung
seiner spitznäsigen Freundin,

als er sich vor Schmerz
auf den Findlingen windet.
Die überreifen Kirschen
prasseln zu Boden,

beflecken alles.
Von der Mülldeponie
weht ein Faulgeruch her.
Ich bleibe, die andern flüchten.

(13.7.1979)

Dienstag, 13. Mai 2014

0149 - RECYCLING

Eine Steckdose
in jeder Hundehütte,
das ist Fortschritt.
Trotzdem - der Hund
riecht den Haschischknochen:
regulierte Anarchie,

dezentralisierte Einheiten,
Recycling ohne Heldenkult
im Neandertal, keine Konkurrenz
der Windmacher, keine
pharaonische Beschneidung,
keine Angst vorm Streicheln.

Und brennend aktiv
mit gefilterter Wut
gegen die Polizistenstiefel
über den stockenden Fluß
aus Öl hinüber in den Wald,
zur Graswurzelwerkstatt.

Aktiv als Triebtäter,
mit dem Stimulans der Vision
einer allumfassenden Koalition
gegen Kirch- und Reaktortürme,
mit dem zweischneidigen Messer
der Zukunft, herzverstärkt.

(23.8.1979)

Samstag, 10. Mai 2014

0148 - COMPUTERTOWN

Computer erigieren sich
in jedes Wohnzimmer: alles
wird abrufbar gegen Lohnabzug,
jeder Abruf registriert mittels Code
im Speicher der Zentralen Friedenssicherung.

Draußen die schwarzen
Armbinden sind eine Provokation,
die Straßenbahnen fahren leer, Fußgänger
demonstrieren kurz für die Zweite Gesellschaft,
halbdunkler Untergrund ohne Bewaffnung. Trotzdem –

die Polizei kocht Kaffee
und Würstchen vorm Haus, stellt
einen Hochstand hin, beobachtet das Wachsen
des Grases. Und weit weg, im Hochsicherheitstrakt,
lagern die Herzschrittmacher der inzwischen toten Rebellen.

(22.8.1979)

Mittwoch, 7. Mai 2014

0147 - GEWITTER

Während droben auf den Kahlenberg
ein Gewitter niedergeht, die grellgrünen
Bäume Widerstand üben, seh ich meinen Vater
noch immer im sterilen Gang der Heilanstalt,
kaltes, graubraunes Essen schlürfend.

Als wir mit gestohlenen Blumen auftauchen,
schläft er mit offenem Mund, und sie sagt:
du denkst nur an deine Zukunft; und sie sagt:
noch immer beschneidest du meine Freiheit;
und sie sagt: selbst mein Psychiater lacht über dich.

Jetzt sitzen wir kauend zwischen Kerzen.
Und sie sagt: Zum Verdauen braucht mein Magen
völlige Stille. Und sie sagt: Meine einzige
Hoffnung ist der neue Mann in Berlin.

Draußen trocknen die Blätter. Sonne bricht durch,
die Wiese glänzt durch die Scheiben.
Die Erde reißt auf, im Mälstrom unter mir
leuchtet versteinert mein Vater.

(8.7.1979)

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