Namen

Montag, 22. Juli 2013

T-01-21 TATIANA

Tatiana 01
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Tatiana 19
Tatiana 20
Tatiana 21

(29.12.2006 ff)

Samstag, 20. Juli 2013

T-21 TATIANA

Es gab noch einige andere Papiere, die nichts mit Tatiana zu tun hatten. Ein sie betreffendes Blatt stach mir ins Auge, weil es zeigte, daß der Inhalt der Mappe mindestens ein Jahr alt sein mußte. Fälschlicherweise hatte ich angenommen, alles, was ich gefunden hatte, stamme aus dem vergangenen Dezember.

„2. März: Keine Täuschung T.s Mail, in dem sie von Schwierigkeiten berichtet, die man ihr bei der Ausreise macht. Muß in Moskau bleiben.

15. März: Noch immer bei ihrer Mutter, angeblich. Gibt keine Telefonnummer an.

30. März: Sie habe keine Kraft mehr, schreibt T..

19. April: Fundstück! Eine Tatiana auf der Seite von Dating World (Aussehen und alle Angaben zur Person passen genau auf Tatiana Kornienko) schreibt folgendes:

„Hallo, schön, dich in der weiten Welt des Internets anzutreffen. Die Suche hier kann zwar so lang und mühsam sein wie die Arbeit eines Goldgräbers. Doch warum sollte ich es nicht probieren, denn die Chancen stehen ja mindestens eins zu einer Million? Du siehst mich hier auf den beiden Fotos, einmal nur mein verträumt lächelndes Gesicht, dann mich in meinem schönsten Kleid, obwohl ich normalerweise Hosen trage.

Du merkst schon: Ich bin eine Russin, die nur scheinbar den eingefahrenen Klischees entspricht. Ich habe etwas von Anna Karenina in mir (genauer: von deren Darstellerin Sophie Marceau, auch wenn ich 17 Jahre jünger bin), aber auch von Anna Netrebko, ohne daß ich eine vergleichbare Gesangsausbildung vorzuweisen hätte. Ja, ich kann spielen und singen; aber - viel wichtiger - ich kenne sowohl das russische Unternehmensrecht als auch die Gefahren häuslicher Gewalt.

Du liest hier diesen Text über mich, weil ich annehme, daß wir ähnliche oder gar die gleichen Interessen und Bedürfnisse haben, nämlich einen zuverlässigen, familienorientierten, liebevollen und gebildeten Partner zu finden. Es gibt für jeden eine Chance, auch für dich und mich. Aber alles hängt davon ab, wie wir sie nützen, und zwar im richtigen Augenblick. Vielleicht ist er jetzt gekommen. Meine Wünsche sind einfach: ich will glücklich sein und jemanden glücklich machen, der mich und meine Tochter liebt...“

Sollte ich Ramirer jetzt weiter im Blickfeld von Vermutungen behalten? Sollte ich ihn tatsächlich verfolgen? Sollte alles Weitere ein Ramirer-Projekt werden, indem ich mich ihm auf die Fersen hefte und ihn damit in den nächsten Wochen, vielleicht sogar Monaten in den Mittelpunkt stelle? Siegt jetzt der Wunsch, dadurch von mir abzulenken, diesem so löchrigen Ich, das immer wieder an Flüge in ferne Städte denken muß, etwa nach Tokio, Hongkong oder Wladiwostok?

(25. Jänner 2007)

Donnerstag, 18. Juli 2013

T-20 TATIANA

Mich wunderte, daß Ramirer, sichtlich an optischen Täuschungen interessiert, Tatiana eine solche Sprach-Aufgabe zumutete. Er notierte dazu etwas auf die Rückseite eines Ausdrucks, auf dem die Nebenwirkungen von Schlafmitteln genannt werden:

„Häufig bei Halcion/Triazolam: Schläfrigkeit, gedämpfte Emotionen, gehobene Stimmung, reduzierte Aufmerksamkeit, Verwirrtheit, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Benommenheit, vermehrtes Schwitzen, Mundtrockenheit, gestörte Muskelfunktion, Ataxie, Schwindel, undeutliches Sprechen, Doppelbilder. Gelegentlich bei Halcion/Triazolam: gastrointestinelle Störungen, Veränderung der Libido, Tachykardie, Hautreaktion. Selten bei Halcion/Triazolam: Schlafwandeln, Gangunsicherheit, Bewegungsunsicherheit, Synkope. Anterograde Amnesie. Demaskierung einer bereits bestehenden Depression. Paradoxe Reaktionen (Unruhe, Reizbarkeit, Aggressivität, Wut, Alpträume, Halluzinationen, Psychosen, unangemessenes und anderes ungewöhnliches Verhalten) besonders bei Kdrn. und älteren Patienten. Cave bei Halcion / Triazolam: psychische und physische Abhängigkeit, bei Therapieende Entzugssymptome oder Reboundphänomene.“

Davon hatte er „gehobene Stimmung", „Kopfschmerzen" und „gastrointestinelle Störungen" rot unterstrichen und „Demaskierung einer bereits bestehenden Depression" mit zwei Fragezeichen versehen. Das entsprach nicht meinem Vorstellungsbild von ihm. Denn ich hatte ihn für agil, anpassungsfähig, beredt, schlank und kräftig gehalten. An ständige Schlafprobleme hätte ich nicht gedacht.

Auf die Vorderseite des Papiers hatte er geschrieben:

„Wie sich mit Täuschung auch Enttäuschung verband. Wollte zum Beispiel die Wasserfalltäuschung am Monitor nachvollziehen, mit dem kleinen Programm einer Kollegin. Öffnete es, ohne Mißtrauen. Es besteht aus 3 kreisförmigen Teilen: im äußeren schwarze und weiße Kreissegmente in gleichen Abständen, wandern von außen nach innen; im mittleren abwechselnd schwarze und weiße Kreise, wandern nach außen; und in der Mitte ein sich drehendes Kreis, von dessen Mitte schwarze und weiße Spiralen ausgehen. Diese drei Bewegungen mit einander gekoppelt, im gleichen Tempo. Aufgabe: Auf den Punkt in der Mitte des Bildschirms konzentrieren und mindestens 30 Sekunden hinschauen, damit es funktioniert (z.B. langsam auf 30 zählen). Danach schauen Sie auf den Handrücken der Hand, die auf der Maus liegt.

Fehlschlag: bei Nacht und bei Tag ausprobiert, mit und ohne Brille: da dreht sich nichts auf dem Handrücken, sondern es gibt nur 2, 3 Sekunden lang eine Art Blähungseffekt. Vielleicht aber brauchbar als Konzentrationsübung. Entwirrung der Verwirrung!“

(23. Jänner 2007)

Sonntag, 14. Juli 2013

T-19 TATIANA

Voraussichtlich gab es keine Küsse. Ebenso wenig heftige Umarmungen, auf diesem schmalen Betonrand, wo sie ein falscher Schritt hätte 10 Meter hinunterstürzen lassen. Dann hätten sie im schmutzigen stinkenden kalten Wasser, den Schock bekämpfend, ein Stück flußaufwärts schwimmen müssen, bis zu der Stelle, wo an die Betonwand Sprossen befestigt worden waren. Wieder oben angelangt, hätten sie sich der Kleider entledigen, einander mit einem Badetuch trocken rubbeln, dann nackt in Ersatzkleidung schlüpfen und zum Auto laufen müssen. Nichts dergleichen wäre ihnen zur Verfügung gestanden.

Tatiana erhielt einen Anruf am Handy, der sie sichtlich beunruhigte. Sie sagte nur, es sei ein Studienkollege, doch Ramirer vermutete, es handle sich um einen durch ihr Ausbleiben beunruhigten oder verärgerten Mann aus der Community. Sie hatte einige Sätze auf Russisch gesprochen, mit sonorer Stimme. Dabei mußte er sie sich als 9- oder 10jähriges Mädchen vorstellen, grimassierend, ihren erstarrenden Blick, ihr hysterisches Gelächter. Verrückter, offener als heute, noch unter der Herrschaft ihrer Eltern und Lehrer, schnell an der Grenze der Geduld, mit den Füßen auf den Boden stampfend, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.

Zu Hause schrieb er ihr, nachdem er ein wenig recherchiert hatte, ein Mail:

„Tatiana, diese Wasserfalltäuschung, der wir heute so zauberhafte Minuten verdankt haben, war schon den Römern bekannt: wenn man den Blick auf etwas richtet, das sich gleichförmig in eine bestimmte Richtung bewegt, und man dann auf etwas Statisches schaut, scheint dieses plötzlich im die umgekehrte Richtung zu driften. Drift, das war es, was ich empfunden habe – treiben, sich treiben lassen.

Weißt du, es handelt sich um einen Nacheffekt, eine Täuschung, die die Aktivität der Neuronen bewirkt. Denk daran, daß unsere Bewegungswahrnehmung nicht auf den absoluten Bewegungsniveaus aller bewegungssensitiven Zellen beruht. Denn sie entsteht ja dadurch, daß die Feuerungsraten verglichen werden. Bei der Wasserfalltäuschung feuern die nun ermüdeten richtungsspezifischen Zellen im Ruhezustand weniger als diejenigen Neuronen, die für die entgegengesetzte Richtungswahrnehmung zuständig sind. Sie haben nicht auf die Wasserströmung reagiert, waren daher ausgeruht und produzierten eine höhere Spannungsaktivität.

Was macht das Gehirn? Irrtümlicherweise schließt es auf eine entgegengesetzt gerichtete Bewegung. Dafür zuständig ist ein bestimmtes Areal in der Sehrinde. Es gibt noch andere Nacheffekte. Aber in unserem Fall war der Auslöser das gleichförmige Fließen des Wassers, vor dem wir gestanden sind.

Wie ist es jetzt bei dir: könntest du, im Bett liegend, allein mit deiner Vorstellungskraft, auch diesen Effekt hervorrufen? Könnten wir, wenn wir miteinander telefonieren, durch gegenseitige Beschreibung unsere Empfindungen so verschränken oder abstimmen, daß wir ein fiktives Territorium betreten, das nur uns gehört, wo wir alles tun können, was wir bisher nicht getan haben?“

(21. Jänner 2007)

Freitag, 12. Juli 2013

T-18 TATIANA

Der Fluß war erstaunlich ruhig, sie sahen keine Strömung, kein Schiff kam ihnen entgegen. Nur einige Spaziergänger waren vor ihnen. Ramirer hatte Tatiana da schon an der Hand gefaßt, worauf sie ihn erstaunt angeblickt hatte, und so gingen sie im schnellen Gleichschritt mit schwingendem Doppelarm in ihrer Mitte an dem Paar mit dem Hund vorbei, auch an zwei einsamen Fischern.

Eine der Lampen, die langsam aufleuchteten, begann zu zucken, als sie sich ihr näherten. Kaum waren sie vorbei, erlosch das Flackern. Tatiana ging noch einmal ein Stück zurück, doch die Lampe blieb dunkel. Ebenfalls, als Ramirer mit dem Fuß heftig gegen den Masten stieß. Jetzt war er überzeugt, daß es keinen Wackelkontakt gab.

Schließlich tauchte das Windrad auf, Ramirer und Tatiana blieben stehen und schauten hinauf. Der Propeller drehte sich, die Flügel waren deutlich zu erkennen. Doch deren Spitzen erschienen bei bestimmten Positionen, als würden sie sich ins Nichts auflösen.

Auf einmal bemerkten sie, daß sich das bis dahin als stillstehend erscheinende Wasser doch langsam bewegte. Was Ramirer, da er seine Brille nicht mithatte, zuerst für einen niedrigen Wasserstand und damit für ein von Steinen durchsetztes morastiges Ufer hielt, entpuppte sich, so Tatiana, als eine von hellen Schaumflecken, aber auch Plastik- und Holzabfall bedeckte Wasseroberfläche. Je weiter sie flußabwärts gingen und je näher sie zur Schleuse kamen, desto mehr Bewegung bemerkten sie: eine ganz sachte Gegenbewegung, von der Schleuse weg gegen den Strom.

Ramirer konnte immer nur betonen, wie wunderbar es für ihn sei, mit Tatiana jetzt an diesem Ufer zu sein und diese noch nie gesehene Stromaufwärtsbewegung von Schaum und Abfall zu betrachten. Und auf einmal entstand dieses wunderbare Gefühl, daß ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wurde oder der Boden sie unaufhörlich mitnahm: dort, am Betonrand, während sie das Treibgut fixierten. Der Boden unter ihnen schien sich tatsächlich zu bewegen, genau in der Geschwindigkeit des Zurückflutens, gleichmäßig langsam, in die entgegengesetzte Richtung. Als würden sie am Wasser vorbeitreiben, nicht das Wasser an ihnen. Ramirer, mit aufsteigender Hitze zu Übertreibungen neigend, sagte: Wir schweben bei völligem Stillstand!

(20. Jänner 2007)

Mittwoch, 10. Juli 2013

T-17 TATIANA

Wasserfalltäuschungen habe ich schon mehrmals erlebt. Sollte ich sie deshalb nicht einfach auch Ramirer und Tatiana zuschreiben?

Ramirer, denke ich, wäre genauso verwundert, wenn nicht begeistert gewesen, hätte sich der Boden unter seinen Füßen bewegt, und zwar stromaufwärts, und er hätte nichts dagegen tun können, außer sich immer wieder von neuem zu wundern, mit ihm Tatiana, als wären sie jetzt beide auf einer Insel gelandet, in der die üblichen physikalischen Gesetze nicht gelten. Natürlich bewegt sich der Boden, die Erde, aber so unmerklich, daß nichts davon zu spüren ist. Die Erde dreht sich, und alles, was sich auf ihr befindet, dreht sich mit, Sonne, Mond und Sterne drehen sich von selbst usw.

Ein unausweichlicher Zustand, jedenfalls, solange man sich mit beiden Füßen am Boden befindet, auch wenn man deshalb, bildet man sich ein, man müßte sich mitdrehen, bald den Kopf verliert und selbst hinstürzt, und Gras und Erde können ungeniert in den Mund eindringen, und zwischen den Zähnen und auf der Zunge ist der Geschmack dessen zu schmecken, was uns ernährt und am Leben erhält. Jetzt zubeißen, und wir schlucken es, mit knirschenden Zähnen.

Ramirer wollte Tatiana überraschen. Sie widersprach ausnahmsweise nicht, als er ihr sagte, er werde sie jetzt nicht gleich zum Studentenheim bringen, dazu sei der Abend zu schön. Sie kannte das Industriegebiet am Fluß nicht, auch nicht den Damm, den Schienenstrang daneben, der dreimal die Straße überquert und danach wieder zurückführt, so daß sich eine langgezogene Schlangenlinie ergibt, von der man aus die früher hier die noch in Betrieb befindlichen Fabriken mit Nachschub versorgen konnte. Ramirer hätte nicht sagen können, ob hier tatsächlich noch überall Züge fahren.

Um in der Nähe des Kraftwerks an den Fluß zu gelangen, mußte er mit dem Auto unter einer schmalen Brücke hindurch, diese oben überqueren und an einem Fischrestaurant vorbei, um dahinter das Auto zu parken.

Nur noch einige Stufen hinauf, und sie konnten im Westen die letzte Brücke und nördlich davon eine Ansammlung von Hochhäusern sehen, alle unter der 100-Meter-Grenze, eher eine strukturierte Wand als einzeln zum Himmel aufragende, ehrgeizige Bauwerke. Und im Osten, flußabwärts, in etwa einem Kilometer Entfernung das Kraftwerk und die damit verbundene Schleuse. Er schlug vor, in diese Richtung zu gehen.

(19. Jänner 2007)

Montag, 8. Juli 2013

T-16 TATIANA

Andererseits halte ich Ramirer für einigermaßen mit der griechischen Geschichte vertraut und auch willens, mit seinen Kenntnissen Tatiana zu imponieren. Aus diesem Grund könnte er sich auf Bias von Priene, einen der bei Platon erwähnten Sieben Weisen, berufen haben, der, als jemand von ihm wissen wollte, was besser sei, zu heiraten oder ledig zu bleiben, folgende Antwort gab: "Du kannst an eine Schöne geraten oder an eine Häßliche. Die Schöne mußt du mit anderen teilen; die Häßliche wird dir nur Unglück bringen. Beides ist nicht empfehlenswert. Also ist besser nicht heiraten!“

Sollte darauf Tatiana, sich der Bezüglichkeit zu ihrem Vorleben bewußt, gefragt haben: Kann man das nicht auch entgegengesetzt auffassen? – wie hätte Ramirer pariert?

-Ja, natürlich: Heirate ich eine Schöne, schwimme ich im Glück. Nehme ich mir eine Häßliche, muß ich sie mit niemandem teilen. Fazit: Besser heiraten, als es nicht zu tun!

Tatiana: Das ist also hier der Umkehrschluß? Dann habe ich einmal richtig, einmal falsch gehandelt.

Ramirer: Auch wenn du jetzt lachst, und zwar mit Recht, denn du hast beides ausprobiert, aber nicht im Sinne dieses Griechen, meine ich, daß die zweite Lösung kein echter Umkehrschluß ist. Denn Bias von Priene war ja von der Voraussetzung ausgegangen, man sollte deswegen nicht heiraten, weil das sowohl bei einer schönen als auch bei einer häßlichen Frau mit einem Nachteil verbunden ist, also notwendigerweise jeden Ehesüchtigen betreffen wird. Wer das umkehrt, weicht damit ja keinem vorhandenen Fehler aus, sondern behauptet nur das Nichtvorhandensein eines Fehlers, der für ihn gar nicht existiert.

Tatiana: Dann genügt es also, wenn man sagt: Egal, welche Frau ein Mann wählt, er muß immer etwas Unangenehmes in Kauf nehmen: entweder er teilt sie mit anderen oder sie bringt ihm kein Glück?

Natürlich könne man auch denken, hätte Ramirer jetzt anfügen können, daß die Unterscheidung zwischen einer Schönen und einer Häßlichen kein vernünftiges, gerechtfertigtes Unterscheidungsmerkmal sei. Auch wenn Häßlichkeit und Schönheit besonders ins Auge stechende Gestaltsmerkmale seien, gebe es doch auch eine dritte Möglichkeit, an die Bias von Priene offenbar nicht gedacht hatte, nämlich die 'mittlere Schönheit' - eine solche nämlich, die weder augenblicklich süchtig macht noch heftige Abneigung hervorruft. Wobei diese „Mitte“ ein breites Spektrum der Mischung von individuellen Merkmalen umfasse, nicht Endpunkte auf einer apodiktischen Beurteilungsskala.

Vielleicht dachte Ramirer auch an das Wort „ehetauglich“, ohne es auszusprechen. Denn Tatiana würde er, ginge er von ihrem Erscheinungsbild und den Auswirkungen ihres Verhaltens aus, nicht zu dieser Kategorie von Frauen zählen wollen. Doch glücklicherweise redete er von etwas ganz anderem.

(18. Jänner 2007)

Freitag, 5. Juli 2013

T-15 TATIANA

Ich unterstelle Ramirer, daß er auf der Suche nach einem passenden Beispiel war, um Tatiana das Wort „Umkehrschluß" zu erläutern. Etwa so:

„Angenommen, deine Mutter hat sich von dir, als du noch klein warst, einmal am Nachmittag verabschiedet. Auf dem Tisch ist eine Schale mit Obst gestanden, und sie hat gesagt: Daß du mir ja nichts von den Äpfeln nimmst! Du konntest dich aber nicht zurückhalten und hast, kaum war sie draußen, in eine Birne gebissen.

Vielleicht hast du dir dann Folgendes überlegt: Sie hat zwar von Äpfeln geredet, doch ist es wahrscheinlich, daß alles Obst gemeint war, also auch die Birnen. Apfel also als pars pro toto für Obst, denn Äpfel und Birnen sind einander durchaus ähnlich, weshalb sie das eine – Äpfel – als Oberbegriff für alles gemeint haben könnte, obwohl das Sprichwort – ja nicht Äpfeln mit Birnen zu vergleichen – das zu verhindern versucht.

Du denkst jetzt noch einmal daran, was sie gesagt hat. Doch da es sich um deine Mutter handelt, kannst du dir nicht vorstellen, daß sie dir wirklich verboten hat, ein Stück Obst in ihrer Abwesenheit zu essen. Legt sie nicht immer großen Wert auf gesunde und vitaminreiche Ernährung? Solltest du anstelle dessen zu Keksen oder Schokolade greifen? Ständig nervt sie dich mit ihrer Warnung vor Schnitten, Bonbons und Fastfood. Kommt der „kleine Hunger“, dann sollst du sofort an Obst denken. Das hat sie dir also noch nie verboten. Warum also gerade heute?

Du erinnerst dich, daß sie einen Apfelkuchen backen wollte. Jetzt ist die Sache klar. Also denkst du: Ich laß die Äpfel in Ruhe! Dafür kann ich Birnen essen, bis mir der Bauch platzt!

(17. Jänner 2007)

Dienstag, 2. Juli 2013

T-14 TATIANA

Derzeit - und das sehe ich in einem notwendigen Zusammenhang mit Ramirer – beschäftigen mich zwei Wörter: „Umkehrschluß“; und – das hatte sich bei der Suche nach Beispielen dafür ergeben – „Wasserfalltäuschung".

Ramirer hatte sich mit „Umkehrschluß“, wohl ausgelöst von Tatianas Verhalten, ausführlich beschäftigt. Es ging ihm sichtlich um ihr ausgefuchst verschränktes Einen-Schritt-vor-einen-Zurück-Spiel. Egal, wer von den beiden den tat: der andere reagierte mit einer Umkehrschlußhandlung!

„5.Jänner: 17.05 Uhr. Café Ring, Nichtraucherraum. Sie sitzt vor der Spiegelwand, ich sehe mich, wenn ich an ihr vorbeischaue, beim T.-Anschauen im Augenwinkel, sehe mir beim An-ihr-Vorbei-Schauen - zur Kontrolle jeder auch noch so minimalen Mimik- und Haltungsveränderung - zu.

Erstaunlich, wie schnell alles wechselt. Draußen Blaulicht, Polizei, Demonstration. Weg die Absicht, sie mit den hiesigen politischen Verhältnissen - zu konfrontieren. Hilft dabei ihr heutiges Clownsgeschau? Ihr unschuldiges - unwissendes? - Stirnrunzeln? Erfaßt schnell, daß ich hier vom Job, vom Studententratsch nichts wissen will - keine Nina, keine Sanaz, keine Emine usw. – alle müssen hinter die Spiegelwand. Auch kein Veton, der sie bis zur Weißglut reizen kann mit seinem überdimensionalen Macho-Gehabe.

Ihre eigentümliche Unschlüssigkeit bei der Auswahl der Speisen: geht dreimal im Kreis, bis sie sich für Gemüse entscheidet. Stochert bis zum Weggehen lustlos im Essen herum. Kann da nicht zuschauen, nehme ihren Löffel, damit der Teller leer wird.

Drei Foto-Mappen: ihre Eltern, die dicke Mutter, der vollglatzige Vater, die dickliche Tochter; und sie selbst in den verschiedensten Posen, sehr wandlungsfähig, immer süß, äußerst attraktiv und auch rührend. Mich plagt - völlig unsinnig - die Frage, warum ich da nicht dabei gewesen war. T. auch hier, vergangenen Sommer, vor den verschiedensten Touristenzielen, oft auch mit dem Heiratsanwärter, wie ich ihn nenne, dem Studenten, dessentwillen sie ja eigentlich ausgereist war.

Der darf jetzt kein Thema mehr sein, als ob er gar nicht existiert hätte. Sie wird sich allein durchschlagen, glaubt sie – und Hilfe nur dann , wenn sie die fordert. Zeit für mich, wann es mir möglich wäre, sie privat zu treffen - weg von Universität und Heim; warum kein Ausflug in die nähere oder weitere Umgebung? Sie zeichnet mir eine Liste in mein rotes Buch, mit allen ihren Vorhaben und Beschäftigungen in den nächsten Wochen.

Dachte, ich hätte fast keine Zeit. Sie dreht das um – so, als würden nur Minuten für mich übrigbleiben können. Fazit: verschlossen, verriegelt.“

(16. Jänner 2007)

Sonntag, 30. Juni 2013

T-13 TATIANA

"Ich, der ich keineswegs zwanzig Pfirsiche auf einmal hinunterschlingen kann, nicht einmal drei oder vier, denn ich vergesse oft auf das Essen, nicht nur vor dem Weggehen, sondern auch nachmittags, weshalb ich anfallweise Heißhunger verspüre, den auch manchmal befriedige, entweder mit Mehlspeisen oder – an einem Schnellimbiß – mit Leberkässemmeln oder Käsekrainer, aber du hast das ja schon mitgekriegt, auch daß ich nichts von einer fetten russischen Festtagstorte halte, wie du sie vorige Woche mitgebracht hast...

Ich, der ich viel häufiger ins Theater gehen würde, als ich es tue; doch wenn ich es täte, würde ich keineswegs lauthals den Regisseur oder gar den Autor lästern wollen, auch nicht die Schauspieler; ich würde mich – im Theater - niemals lauthals äußern wollen, sondern immer der stumme Zuschauer bleiben, auch wenn ich einmal auf die Bühne geholt werden sollte, vielleicht um zu demonstrieren, wieviel Spontaneität und Schlagfertigkeit in einer Lehrperson steckt, worüber du ja inzwischen sehr gut Bescheid weißt...

Ich, kein Causeur wie P., auch kein Schnellredner oder –denker, doch in vielen Situationen beredt und dann wieder ein Schweiger, der große Augen macht und sich darin verkriecht, sodaß jemand, der ihn still beobachtet, vielleicht glauben könnte, er habe den Raum durch ein Fenster verlassen oder sei völlig in sich versunken, was ich ja nie wirklich bin – ich ehre die Pausen, die Ruhpunkte, und schlimmstenfalls suche ich sie mir selbst, indem ich mich in eine ferne Ecke zurückziehe, wo niemand zu sehen ist, um nichts anderes zu tun als mit geschlossenen Augen vor dieser Wand die Präsenz von Masse, deren Strahlung und Anziehungskraft zu spüren...

Ich also, und das würde ich T. gegenüber immer wieder betonen, der niemals irgendeinem Spruch, meine Zukunft betreffend, vertrauen würde, im Gegensatz zu P., der sich sein kurzes Leben lang vor dem „weißen Roß, weißen Kopf, weißen Menschen" hütete; ich, der ich heimlich und begierig zugleich auf jene Drehpunkte warte, die mir gestatten: „Schicksal!“ zu rufen, während mir bewußt ist, daß meine wichtigsten Entscheidungen – einerseits – schon vor meiner Geburt getroffen wurden, andererseits aber der lebendige Augenblick in der Auseinandersetzung und Verbindung mit einer völlig Fremden wie dir etwas unerwartet Neues zum Vorschein bringen wird...“

(14. Jänner 2007)

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