Licht, Schatten

Donnerstag, 10. November 2011

L-10 NOTIZ ZU Z.

Tampons, Pfropfen in Zeitungspapier,
Monatsblutspritzer an den Wänden,
schiefe Betten auf rutschigen Parkettböden,
ein Bonmot nach dem andern,
an der Donau, im Wäldchen, beim Flughafen.

Die geraubte Jugend,
die entgangenen Freundschaften,
keine Tänze, keine Verrücktheiten,
die jemand geahndet hätte. Weibliches,
das noch nicht entschieden war. Wunden,
die funkelten, und am Kaputtwerden
arbeiteten, mit Entzücken

(2005)

Dienstag, 4. Oktober 2011

L-09 ROSEN, VASEN

meine Rosen, die nur im Drei-Wochen-
Rhythmus erscheinen: nun schon

vertrocknete, gebrochene, braune.
Steife, unberührbare Wandbehänge.

Rosenzeit – plötzlich entschwunden.
Geschenkandrang – unnotwendig.

Das Gemeinsame der Vergangenheit:
ein selbständiges Archiv,

in dem meine Erinnerung blüht.
Doch blaue Rosen – prinzipiell

kein Problem in einer bestimmten Gegend.
Ja, es gab Vasen, die umfielen,

am Badezimmerboden zerschellten.
Also Rosen – aber auch Vasen,

denen man sich nachsehnt.
und das alles, um etwas zu markieren,

extern zelebrierten Erinnerungswillen,
einer allgemeinen Aufmerksamkeit zuliebe –

einer Vasenrosenvergrößerung,
mit stämmigen Stengeln, armgroßen Dornen;

und mit Blütenblättern aus knorpelartigem
verfilztem Material. Hör- und Sehrosen,

die sowohl Zuchtinstrumente sind,
Instrumente der Selbstverwirklichung

als auch der Züchtigung, Ertüchtigung
in Form von Liebeswallungen im Echo.

Wie Rosen auf Trümmerhalden
erscheint mir ein künftiges Leben

(Samstag, 11.08.2007, 8.30 Uhr, Weimar)

(Weiteres zu "Rosen" hier.)

Dienstag, 20. September 2011

L-08 JUNKTIM

1

gestern ein Junktim: ich darf,
sagt sie, wenn. Nicht Kopf
oder Adler, ich darf, wenn.
So ist es ausgesprochen, ich darf, wenn -
davon nicht gealtert, sogar verjüngt.
Ausfahrtsplanung, zu zweit,
nicht im Schnee, über den üblichen
Rahmen hinaus, in aller Öffentlichkeit.
Venedig-Gefühl, das gerettet werden muß.
Verreist mit der Muse, der hiesigen,
hitzigen, der andern, die lockt
mit Verstummen, Übertreibung
der Familiengeschichten, ihrem real
gelebten Minimalismus, Gefährdung
in fast jedem Bereich

2

der Boden glatt, das Mobiliar
zusammengeschludert, stilles
Armutszeugnis vergangener Generationen.
Und wir in deren Betten, ohne Recht,
etwas zu fordern. Ihre Porträts
im Korridor starren auf uns
Eindringlinge, die sie blenden.
Wir sind da, ohne Kommentar.
Abgekoppelt verbringen wir unsere Tage,
machen ausführliche Notate
zwischen unseren Träumen,
die wir nicht mehr erinnern,
in Erwartung einer schönen Wetterlaune;
und als Draufgabe am Abend ein kurzer,
sich schnell ausbreitender Taumel

(Montag, 18. September 2006, 4.30 Uhr, Venedig)

Sonntag, 18. September 2011

L-07 HAARSCHARFES UNGLÜCK

plötzlich beinahe von selbst, wie jetzt,
auf verlagerten Kindheitsbetten, in der Wiege,
Truhe, in den Körnermulden, im Heuloch.

Das sind die Ausgangspunkte,
in denen sich noch immer gut ruhen läßt:
blütenweißes Kind mit rotvioletten Augen.

Etwas blutet, eine der ständigen Verletzungen,
dem Körper ist so oft etwas im Weg,
wenn er sich erheben will - helles Blut,

das sich schnell verkrustet. Diese Selbst-Regenwäsche –
probates Mittel, um sich zu ermächtigen,
jederzeit ertüchtigt als Tragtier,

Fütterungsinstrument, Bildungsinstanz -
heraus aus der sozialen Misere. Die dicken Tanten,
die ewig fuchsteufelswilde Nachbarin:

steckengeblieben im Streit. Und ich:
dem Keller verhaftet, der Gärgasgefahr,
Treibhausatmosphäre, den Blitzjahrmillionen.

Jederzeit am Unglück haarscharf vorbei.
Und dazu auch noch Altersschwindel,
verspäteter Jugendirrsinn, aus dem Überfall

von Phantasmen gespeist, aus Erinnerungsdisponaten,
die jeweils ein Ganzes ergeben, willkommenes
Konstrukt aus Körperfragmenten,

das weiteratmet, Blutabnahmen übersteht,
Zahnaufbohrungen und der Versuchung,
von neuem eigensinnig Nachkommen zu zeugen

(Sonntag, 17. September 2006, 9.55 Uhr, Venedig)

Mittwoch, 13. Juli 2011

L-06f FARBEN DER VOKALE: E (farblos)

gräulich, bräunlich, bräunliches Grau, rot- und blau-
angebranntes, Farbhäuche. Gräulich rotbläulicher Flügel,
der aufschwingt zum Durchblick auf glasierte
Gliedmaßen, Kniescheiben, spröde Knöchel.
Erst im Umfallen entsteht der Unfall; er will sich
nicht festlegen. Und Blätter von oben, schon
trocken, fast farblos. In diesem Moment
verdunkelt sich der Schweiß, werden ständig
Gläser nachgefüllt, geschärft Messer und Gabeln.
Und über die Abwasch gebeugt – nur so passiert
das Essen; und kaltes Wasser, das dann alles
durch den Abfluß wegschwemmt. Transparenz bleibt
und vergeht. Sicherheit schwindet im Rinnsal
jeder Handlung. Wenn der Regen aussetzt,
verletzt dich der Gedanke an völligen Stillstand

(Donnerstag, 19.06.2008, 11.25 Uhr)

(Mehr dazu hier und hier, hier, hier und hier)

(Blick ins Nebenzimmer: Nullo nullo 23)

Sonntag, 10. Juli 2011

L-06e FARBEN DER VOKALE: U (grün)

grüner Nirgendort - immer anwesend;
durchwässert das Hirn, schleichend dominant.
Es sind allgegenwärtige Wellen, Romantik-
zyklen der Hoffnung, im Kontrast
zur Selbsttäuschung vom gravierenden Abschied –
wir gehen nach vorn und bleiben doch fest verklebt
im vergangenen Jahrhundert – mit jedem Dengelschlag,
Dengelton zur Schärfung von Hammer und Sichel.
Mäher in die grüne Morgenröte hinein.
Mähend fallen. Rispen, zarte, eßbare Blätter.
Weißgrünes Gras zwischen den Zähnen, grüne Leidenschaft.
Dieser kirrende Ton, den ich dabei anschlag –
wie der krähende Hahn, die Henne, die brütet,
das Lamm, das gurgelt, wenn es ausblutet

(Donnerstag, 19.06.2008, 11.20 Uhr)

(Mehr dazu hier und hier, hier und hier)

(Blick ins Nebenzimmer: Nullo nullo 22)

Freitag, 8. Juli 2011

L-06d FARBEN DER VOKALE: O (blau)

Blau – eine Art Leiden, damals; dazu diese
eigenartigen blauen Sterne; und blaue
Schmetterlinge, die sich unablässig
flatternd entfernen, zum Bildrand hin.
Mühsam die Oden, die die Lehrer verbreiten,
leere blaue Augenblicke. Ein Schüler greift
in die Tasten, bläst Flügelhorn, spielt auf
für die kriegslüsterne Partei, die sich über den
Grasteppich voranschiebt, mit blauen Fahnen.
Blau der Männergesang, der Frauenchor.
Blau jeder Abend, angesichts
des emsig rauchenden Großvaters.
Blau markiert mit dem allgegenwärtigen
Kupfervitriol; blau in die Schürze gewickelt,
im Fürtuch ausgebreitet und gewalkt.
Dann unter der Stirn – wie so oft –
Stille; nur das blaue Dach vibriert

(Donnerstag, 19.06.2008, 11.15 Uhr)

(Mehr dazu hier und hier und hier)

(Blick ins Nebenzimmer: Nullo nullo 21)

Mittwoch, 6. Juli 2011

L-06c FARBEN DER VOKALE: I (rot)

rot das Gelächter, rote Irritationen,
Entfremdung, bußfertige Fluchten.

Rot der Doppelgänger, vor meinen Augen -
ertrinkt, taucht gleich wieder auf, am andern Ufer.

Rot die Steinchen im Schenkel, die Nägel darin,
frisch die Blumen am Kopf, die Wundränder.

Steht auf, rollt in Richtung Stadt, im Rausch.
Rot in die letzte Reihe im schalldichten Raum.

Beginnt hier die Schule des Lebens,
endlich entlastet von vorgeburtlicher Schuld?

Gelingt aus der Haut der Auszug, spielerisch
die Migration des eigenen Fleisches?

Es gibt tatsächlich Frauen mit roten Öffnungen,
synchron-roten Explosionen auf der Leinwand

(Donnerstag, 19.06.2008, 11.10 Uhr)

(Mehr dazu hier.)

(Blick ins Nebenzimmer: Nullo nullo 20)

Montag, 4. Juli 2011

L-06b FARBEN DER VOKALE: E (weiß)

weiß das Taufhemd,
die Taufmasche,
die Hand, die die Taufkarte aufschlägt
vor mir, weitläufiger Glanz.

Ausdünstungen, Schlieren
in der Küche, federnschleißende,
schnatternde Nachbarinnen,
Schatten von Engeln.

Lämmer, ihr weißes Osterblut,
im Strahlenkranz. Flieder,
weißer Fronleichnam.

Du wirst den Kalk
essen müssen, Kalkbrei, die Kalksuppe,
schon in der Kalkgrube.

Weißes Getreide,
am Dachboden aufgehäuft -
hitziges Körnerbett,
großartige Denkhöhle.

Heiße Schauer, Illuminationen,
unter Sparren und Balken,
unterm weißen Frühlings- und Herbsthimmel

(Donnerstag, 19.06.2008, 11 Uhr)

(Mehr dazu hier.)

(Blick ins Nebenzimmer: Nullo nullo 19)

Freitag, 1. Juli 2011

L-06a FARBEN DER VOKALE: A (schwarz)

schwarze Traube; oder auch Taube, latente.
Taube in schwarzen Anzügen in der
Taubstummengasse; schwarz der Perron,
die ganze U-Bahnstation, schwarzer Schwarm
vorm Zug, auf den sie starren, voller Hoffnung.

Schwarze Trauben, sich von allen Seiten
vor meinem Mund zusammendrängend. Und Tauben,
nicht auf dem Dach - brennend nah, genauso
in perfekter Nachahmung gemalt wie die Trauben:
zum Hingreifen, Hineinbeißen, Saft und Augen.

Griffe ich hin – die Fingerkuppen färbten sich blau,
schwarz, gelb; lösten sich ab, Finger eines Handschuhs,
Häute eines Abgestürzten, im Urwaldboden Versunkenen.
Taube, ganz in Schwarz, nun allein vor mir:
pausenlos nickt sie, ohne ein Friedensangebot

(Donnerstag, 19.06.2008, 10.35 Uhr)

(Blick ins Nebenzimmer: Nullo nullo 18)

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