Sonntag, 3. Juni 2012

F-17 DIE NEUEN TUGENDEN

Nach dem Ende des fernen Kriegs
Bilanz der Politisierung:
aus der totgeredeten Kunst
hat sich ein noch stinkendes Haupt
herausgebohrt, facettenäugiger,
schleimiger Vielfraß -
die erklärten Selbstmörder
kehren wieder zur Erde zurück,
versacken im Praktikablen,
unersättlich nach Wirklichkeit.
Aus den heiteren Demonstrationen
wird harte Arbeit: kein großzügiger
Duft mehr, keine schreienden
Farben, keine Feste mit Schall, Rauch, Rausch.
Die neuen Tugenden heißen: messer-
scharfes Maß, Selbstbeschneidung,
Ausmerzung der Ränder,
eilfertige Zufriedenheit
durch innere Zensur. Keiner
ist mehr selig in ihm selbst.
Niemand fühlt sich schuldig
im Dickicht der Neurosen.
Der Kampf ums verlorene Terrain
findet bald nur mehr
in den Köpfen statt: lächerlich
im maßgeschneiderten Korsett.
Und die Schöpfer haben sich wieder
abgesondert, selbstgerecht,
liefern pünktlich ihre platt-
gewalzten Wörter ab, ihre Alibi-
Denunziationen, marktwirtschaftlich
verschlüsselt, heftig applaudiertes
Faktenwahnsystem, Gegenbild
zu den nichtlebbaren schönen Ideen.

(1981)

(Erschienen in: Friede den Männern, Residenz Verlag, 1982)

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