Sonntag, 21. September 2014

SZ-02 A POET'S PROGRESS

sein jüngster Ersatzliebhaber wollte ich nicht sein,
auch nicht ein bed-visitor. Sein Bad hab ich
nie geputzt, nie seine hundert Goldfische
umgelagert, bin auch nicht in seine ausgetretenen
Patschen geschlüpft, hab seinen klapprigen VW
mit keinem einzigen Tropfen beschmutzt.

Es gab keine bellenden Hunde in der Nacht,
nur eine Unmenge Katzen, die nicht
in die Notaufnahme mußten, wenn er weg war –
sie wurden verwöhnt, von den Nachbarn,
von angereisten verwegenen Verehrern,
vom Hausfreund, von verstorbenen Dichtern.

Die Umgebung des Hauses, in dem er wohnte,
war keine Mondlandschaft, sondern sanft hügelig
zwischen Perschling und Donau, mit einer Bahn,
die ihn schnellstens nach Wien bringen konnte.
Und in der Nähe der Fichtenwald, der Tann,
der ihm Natursex gestattete, urgriechische Anwandlungen
dem Briten, in Specht- und Käfergesellschaft.

Er pflegte sein Echsengesicht, blickte aus
immerwachen Echsenaugen auf die transatlantische,
die mitteleuropäische Nachkriegswelt.
Es war überall gleich furchtbar wie immer,
provinziell nur in diesem Land, das Niveau rapid gesunken,
ohne Krawalle und Streiks, ohne Drogenkonsum.

Ihm war egal, wer seine Gedichte auswendig konnte -
er schrieb Libretti, eins zu A Rake’s Progress
die gesungen werden mußten. Wenn die Oper,
die Kulturbeamterei versagte, sang er sie selbst
seinen Katzen vor, den ungerührten Goldfischen,
wenn sein Liebhaber wieder einmal auf Tour war

(Sonntag, 9.10.2011, 0.30 Uhr)

Siehe auch hier , hier und hier.

(Erschienen in: Schreibzimmer, Edition Korrespondenzen, 2012)

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