Montag, 30. Juli 2012

J-22 MUATTA / MUTTER

aum fööd en da frischn
luft woas gean jezt
sizts scho seit mea
oes zeen joa umadumm
en da kuchl und jammad
draamhappad und waand
und fint se nix ztuan
und wiad dikka und dikka
fon aan sundoch aum aundan
oowan fatta den schdekkts
no imme ei en de doschn
zwischn d fiaß und zwoa need
nua drepfalweis sundan
med an draara fo de aung

(oktober 1972)

(Erschienen in: Jetzt bist aufgwocht, AV-Presse, Heidelberg, 1973)


(am feld in der frischen
luft war sie gern jetzt
sitzt sie schon seit mehr
als zehn jahren herum
völlig fertig und weint
und findet nichts zum tun
und wird dicker und dicker
von einem sonntag zum andern
aber den vater steckt sie
noch immer ein die tasche
zwischen den füßen und zwar
nicht nur tröpfchenweise sondern
mit einem dreher der augen)

Sonntag, 29. Juli 2012

J-21 FRIARA UND JEZT / FRÜHER UND JETZT

friara
haums nix kobt
nua r a dooch
iwan kopf
a boa akka
a roos
an glaan woed
an weigoatn
und schuidn

friara
haums nix kobt
nua r an glaum
das ollas
nua bessa
wean wiad oes s woa
wei s auf kan foe
füü schlechta
häd wean kenna
oes s woa

de leztn
dreißg joa
haum sa se grakkad
sans ka anzechs moe
fuatgfoan nua woefoatn
hegstns haum d schuidn
oozeod und drei kinda
grosszong: jezt
geeds eana
guad bessa
kennts goa nimma sei

jezt
fiachtns auf amoe
dass wiida schlechta
wean wiad das nua no
wos schlechtas
nochkumma kau
jezt songs
auf aamoe: friara
woas bessa
friara
woas schee

(oktober 1972)

(Erschienen in: Jetzt bist aufgwocht, AV-Presse, Heidelberg, 1973)


(früher
haben sie nichts gehabt
nur ein dach
übern kopf
ein paar äcker
ein roß
einen kleinen wald
einen weingarten
und schulden

früher
haben sie nichts gehabt
nur einen glauben
dass alles
nur besser
werden wird als es war
weil es auf keinen fall
viel schlechter
hätte werden können
als es war

die letzten
dreißig jahre
haben sie gerackert
sind kein einziges mal
fortgefahren nur wallfahrten
höchstens haben die schulden
abgezahlt und drei kinder
großgezogen: jetzt
geht’s ihnen
gut besser
könnts gar nicht sein

jetzt
fürchten sie auf einmal
dass es wieder schlechter
werden wird dass nur noch
was schlechtes
nachkommen kann
jetzt sagen sie
auf einmal: früher
wars besser
früher
wars schön)

Samstag, 28. Juli 2012

J-20 BRÜÜN / BRILLEN

aubrüün
no amoe aubrüün
das se de brüün
fon deina frau glei
fafinstan: jezt siachst
nua mea blau
und deim scheef
is a liachd aufgaunga
und ea locht se sööwa
und di graung
wei deine drei kinda
do dahaam aum scheam
sizzn und rean

(mittwoch, 12.1.1972, 2.20 uhr)

(Erschienen in: Jetzt bist aufgwocht, AV-Presse, Heidelberg, 1973)


(anbrüllen
noch einmal anbrüllen
daß sich die brillen
deiner frau gleich
verfinstern: jetzt siehst
nur mehr blau
und deinem chef
ist ein licht aufgegangen
und er lacht sich selber
und dich krank
weil deine drei kinder
da daheim auf dem topf
sitzen und weinen)

Freitag, 27. Juli 2012

J-19 EN SCHDÖÖLUNG / IN STELLUNG

muattasöönalaanech
en da kapuzinagruft
ooda em diafn groom
ooda en jeeda schdöölung
de du gean moxt

(mittwoch, 12.1.1972, 8.05 uhr)

(Erschienen in: Jetzt bist aufgwocht, AV-Presse, Heidelberg, 1973)


(mutterseelenallein
in der kapuzinergruft
oder im tiefen graben
oder in jeder stellung
die du gern magst)

Donnerstag, 26. Juli 2012

J-18 IWA D FREINDINNA / ÜBER DIE FREUNDINNEN

1

i mooch an schdriich
untan aundan
bisd nimma aussakaunst
aus mein feeglkäfech

2

i schbeib de au
i schlekk de oo
jezt bine dopped
zfriidn med dem
wose bin

3

i greu en di eine
und waas gauns genau
das unta deina haund
d höö aufaunkt

4

aus dein xicht
schneide glaane heazaln
und hängs aufn gristbaam
daun san iwas joa
d nächt unhaamlech schdüü

(mittwoch, 12.1.1972, 2.10 uhr)

(Erschienen in: Jetzt bist aufgwocht, AV-Presse, Heidelberg, 1973)


(1

ich mach einen strich
unterm andern
bist du nimmer rauskannst
aus meinem vogelkäfig

2

ich spei dich an
ich schleck dich ab
jetzt bin ich doppelt
zufrieden mit dem
was ich bin

3

ich kriech in dich rein
und weiß ganz genau
daß unter deiner hand
die hölle anfängt

4
aus deinem gesicht
schneid ich kleine herzen
und häng sie auf den christbaum
dann sind das ganze jahr
die nächte unheimlich still)

Mittwoch, 25. Juli 2012

J-17 MEINE WEATA / MEINE WÖRTER

leichd
leichde da haam
med meine weata
auf d nokkade drekkeche
friidhofsmaua

(mittwoch, 12.1.1972, 8.05 uhr)

(Erschienen in: Jetzt bist aufgwocht, AV-Presse, Heidelberg, 1973)


(leicht
leucht ich dir heim
mit meinen wörtern
auf die nackte dreckige
friedhofsmauer)

Dienstag, 24. Juli 2012

J-16 JAAGA / JÄGER

wiare de füün antn
auf da oedn donau
xeng hob hoowe ma lauta
jaaga fuagschdööd
eanare mäng
und wias grood d antn
do drin daschiaßn

(mittwoch, 12.1.1972, 2.10 uhr)

(Erschienen in: Jetzt bist aufgwocht, AV-Presse, Heidelberg, 1973)


(wie ich die vielen enten
auf der alten donau
gesehn hab hab ich mir lauter
jäger vorgestellt
ihre mägen
und wie sie grad die enten
da drin erschießen)

Montag, 23. Juli 2012

J-15 FASCHIIDANE FISCH / VERSCHIEDENE FISCHE

lauta wossa
em weiei d glaan fisch
san bsoffn de großn
fisch need:
se wassan
und wassan

(mittwoch, 12.1.1972, 2.10 uhr)

(Erschienen in: Jetzt bist aufgwocht, AV-Presse, Heidelberg, 1973)


(lauter wasser
im wein die kleinen fische
sind besoffen die großen
fische nicht:
sie (ver)wässern
und (ver)wässern)

Sonntag, 22. Juli 2012

J-14 A R UNGEHEIA / EIN UNGEHEUER

waunst a-a moxt
muast owa r a b-b mochn oowa
daun woxt da r a riisex
muattamäu untam heazz
und zwa bluadeche kepf
hoosd unta da iaxn
und an scheam
aum famochtn schäädl

(mittwoch, 12.1.1972, 8.05 uhr)

(Erschienen in: Jetzt bist aufgwocht, AV-Presse, Heidelberg, 1973)


(wenn du aa machst
mußt aber auch bb machen
aber dann wächst dir ein riesiges
muttermal unterm herz
und zwei blutige köpfe
hast unter der achsel
und einen nachttopf
auf dem eingewickelten schädel)

Samstag, 21. Juli 2012

J-13 GROOSFOTTA / GROSSVATER

sei schenste zeid woa da kriach
sogt a ollaweu fon de weiwa waas a
fost nix zom dazöön seine freind
san olle scho unta da ead

seine freind san scho olle
unta da ead med fümfasechzg joa
hod a zom rauka aufkead seit d groosmutta
gschdoam is lebt a unhamlech gean

jezt lebt a unhamlech gean
jetzt draad a aa eine und maunxmoe
aa duach jezt hood a r a aungst
um sei gsundheid und pflegt sein bauch

jezt pflegt a sein bauch
jezt kaaft a se loose fon da klassnlottarii
sofüü r a wüü jezt schaud a nua mea fean
und waas aa wos a rett und wos a wüü

(oktober 1972)

(Erschienen in: Jetzt bist aufgwocht, AV-Presse, Heidelberg, 1973)


(seine schönste zeit war der krieg
sagt er immer von den frauen kann er
fast nichts erzählen seine freunde
sind alle schon unter der erde

seine freunde sind alle schon
unter der erde mit fünfundsechzig jahren
hat er mit dem rauchen aufgehört seit die großmutter
tot ist lebt er unheimlich gern

jetzt lebt er unheimlich gern
jetzt gibt er an und manchmal dreht er
auch durch jetzt hat er angst
um seine gesundheit und pflegt seinen bauch

jetzt pflegt er seinen bauch
jetzt kauft er sich lose von der klassenlotterie
so viele er will jetzt schaut er nur mehr fern
und weiß auch was er redet und was er will)

Freitag, 20. Juli 2012

J-12 A GRAUMF / EIN KRAMPF

mei famüüle soogt aana
oes gauns junga dutta
is a r anzecha graumf:
a jeeda hod sei oawad
gean und fiacht se
fua ia a jeeda
fiacht se fua d leid
em doaf mocht owa nix
fia ooda geng
d leid em doaf a jeeda
loßtn buagamaasta duan
wos a wüü schimpft owa
auf d boletik
und d schdudentn:
a jeeda griagt graumfoodan
und gfreid se no drauf

(oktober 1972)

(Erschienen in: Jetzt bist aufgwocht, AV-Presse, Heidelberg, 1973)


(meine familie sagt einer
als ganz junger mensch
ist ein einziger krampf:
jeder hat seine arbeit
gern und fürchtet sich
davor jeder
fürchtet sich vor den leuten
im dorf macht aber nichts
für oder gegen
die leute im dorf jeder
lässt den bürgermeister tun
was er will schimpft aber
auf die politik
und die studenten:
jeder kriegt krampfadern
und freut sich noch drauf)

Donnerstag, 19. Juli 2012

J-11 GROOSMUATTA / GROSSMUTTER

goenschdaana
a fuachtboa schwochs heazz
graunkheitn iwa graunkheitn
oowa r a schdoake schdimm
um fümfe en da frua de de dooch
von da gaunzn famüüle
eideud hod noch iare schmeazzn:
waun de groosmuatta da genareu
jezt fua aan schdandad dadad mas frong
woss eigantlech zaumkoedn hod
de fümfazwanzg joa
em leidn und kommandian:
da gristus aum ööberg iwan bett
en groosfatta sei rara schwaunz
ooda de göödkassa zwischn
de drei hoatn boesta undn schdroosokk

(oktober 1972)

(Erschienen in: Jetzt bist aufgwocht, AV-Presse, Heidelberg, 1973)


(gallensteine
ein furchtbar schwaches herz
krankheiten über krankheiten
aber eine kräftige stimme
um fünf in der früh die die tage
der ganzen familie
eingeteilt hat nach ihren schmerzen:
wenn die großmutter der general
jetzt vor einem stünde würde man sie fragen
was sie eigentlich zusammengehalten hat
fünfundzwanzig jahre lang
im leiden und kommandieren:
der christus am ölberg überm bett
großvaters rarer schwanz
oder die geldkassa zwischen
den zwei harten pölstern und dem strohsack)

Mittwoch, 18. Juli 2012

J-10 GÖÖD UND BOAT / GELD UND BART

kaana
fon meine näxtn fawauntn
denkt drau
dase nua so drauf woatt
das ma aana an hundata hiblalt
fia meinn boat

jezt sizze
de gaunze zeid
hinta meinn boat
und woat hoed
biss hundata rengt

(keiner
von meinen nächsten verwandten
denkt daran
daß ich nur so drauf wart
daß mir einer einen hunderter hinblättert
für meinen bart

jetzt sitz ich
die ganze zeit
hinter meinen bart
und wart halt
bis es hunderter regnet)

Dienstag, 17. Juli 2012

J-09 OOWEGFOEN / RUNTERGEFALLEN

d boodwaun rinnd
d klomuschl hod an schbrung
und i schbring di
ausn wossa au
und mia foen olle zwaa
wia r a aanzecha schdaa
en d sikkagruam

(die badewanne rinnt
die klomuschel hat einen sprung
und ich spring dich
aus dem wasser an
und wir fallen alle zwei
wie ein einziger stein
in die sickergrube)

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