0009 - BEI ZWENTENDORF

(für Franz Haderer)

1 Die Au

Eine riesige Lunge, schwer atmend, ist hier die Au.
Eine Fabrik, unsichtbar, kauert im Osten,
bläst Zementstaub, allerfeinst, in die Luft:
er ist grau, weißgrau, und grau ist jeder Tag dieser Au.

Sie keucht, hüstelt unmerklich; ihre Brennesselstauden,
Erlen, Weiden, ihr Rohrgras, mannshoch, stehn bebend da,
würgend, unwiderstehlich der Brechreiz.

Das Knacken der dürren Äste unter den Schuhn
ist ein Husten, trocken, heimtückisch. Das ständige Rieseln
ein Alptraum verfestigten Lichts: das Licht

bleibt liegen, grau, lautlos, gefährlich lauernd.
In der Nacht wird die Lunge versteinert sein, weiß.


2 Die Schlange

Zu heiß für bloße Sohlen die Steine:
das Wasser schießt glücklich prustend
durch die zwölf Löcher des Wehrs.

Blickschnell, ein Strahl lappt sich empor,
dunkles S mit silbernem Schnörkel:
die Natter hat den Fisch zappelnd im Maul.

Ihr Schlängeln in Bernstein geschnitten,
es dauert; der silberne Blitz dauert.

Die Horizonte saugten ein Vakuum hier.
Kein Ort, keine Zeit: nur ich, im Schlangenbiss, lautlos.

(Juni 1967)

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