T-02 TATIANA

Es war eine bräunliche Flügelmappe, die ich zuerst auf die Sitzbank legte und dann, als mich niemand dabei sehen konnte, in meinen Rucksack schob. Schon im Auto warf ich einen Blick hinein: ein Bündel Mailausdrucke, einige Studentenarbeiten. Dazwischen das Notizbuch eines Mannes namens Daniel Ramirer mit tagebuchartigen Aufzeichnungen.

Siegt jetzt der Wunsch, durch die Erinnerung an dieses Ereignis von mir abzulenken, diesem momentan so löchrigen Ich, das immer wieder an Reisen denken mußte, Flüge in ferne Städte denken, etwa nach Tokio, Hongkong oder Wladiwostok?

„Lieber Sascha. Aber möchte dir etwas sagen: Als ich 17 Jahre alt war, wollte ich auch nicht lernen. Ich habe meine Hausübungen nicht gemacht, ich habe oft MEINEN UNTERRICHT NICHT BESUCHT. Ich konnte ganze Tage mit Freunden im Café HERUMsitzen. Ich konnte sogar EINEN PRÜFUNGSTERMIN VERSTREICHEN LASSEN, WEIL MICH DAS NICHT INTERESSIERTE. So war ES in der Schule, und SO WAR ES AUCH zwei Jahre LANG AN der Universität. Aber einmal am Morgen BIN ich VON SELBST DRAUFGEKOMMEN, dass ich EIN unrichtiges Leben führe. Ich habe ERKANNT, dass mein Leben nur für mich wichtig ist, dass meine JUGEND verschleudert wird, die Jahre VERgehen und ich sie nie WIEDER zurückholen kann. Ich habe eine Entscheidung GETROFFEN: Ich werde mich UM 180 GRAD DREHEN! Ich WERDE fleissig lernen, öfter DIE Bibliothek besuchen usw. Ich habe sogar NACHHILFESTUNDEN GENOMMEN, weil ich GEWUSST habe, dass ich viele Löcher in meinem Kopf habe. MIR FIEL ALLES SEHR SCHWER, weil so viel Zeit verloren worden WAR. Aber ich HABE mich sehr bemüht. Mein Leben hat EINEN anderen Sinn BEKOMMEN Alle meine Freunde HABEN mich mehr geachtet. Und ich mich natürlich SELBST auch. Mehrere FreundSCHAFTEN wurden BEENDET, viele andere Interessen wurden FALLEN GELASSEN. Jetzt bin ich in einem anderen Land UND habe EIN sehr interessantes Leben in dieser schönen Stadt, WÄHREND sie NOCH IMMER dort sitzen. Zieh DEINE EIGENEN SCHLÜSSE DARAUS! Ich wohne hier in einem Studentenheim GLEICH hinter der Universität und schreibe meinen Eltern JEDEN TAG ein Mail. Ich denke JEDE SEKUNDE an meine süße Julia!“

Wahrscheinlich hatte Ramirer diesen Brief mit Großbuchstaben korrigiert, mit einem grünen Filzstift. Zwischen den Blättern auf zwei Fotos eine junge Frau, anscheinend eine Tatiana. Das zweite nur eine Ausschnittsvergrößerung. Das erste zeigte eine Gruppe von 7 Studentinnen und 5 Studenten in einem Vorlesungsraum. Nur die Frauen lächelten. Die jungen Männer schauten nachdenklich, zwei sogar mit offenem Mund in die Kamera. Einer lehnte schräg an der Wand und stützte sein Kinn auf die rechte Hand; wahrscheinlich ein Araber. Tatiana saß als einzige, zwischen zwei Tischen, auf denen Wörterbücher und Notizblöcke lagen. Hinter ihr zwei junge Frauen, die eine südamerikanisch und die andere türkisch aussehend, die Türkin mit blondierten Haaren.

Auf der etwas unscharfen Vergrößerung Tatiana selbstbewußt, mit einem verhaltenen, leicht spöttischen Lächeln. Das hellbraune Haar so hochgesteckt, daß einige Strähnen über dem linken Ohr hinunterhingen; und Fransen über der Stirn. Die Lippen in einem zarten gleichmäßigen Rosa. Hochgeschlossene Jacke mit einem Leopardenmuster, der Reißverschluß bis zwischen die Brüste geschoben. Darunter schien sie kein T-Shirt anzuhaben. Die Hände über der Taille verschränkt. Auf dem Ringfinger der rechten Hand ein rosa Ring.

(31. Dezember 2006)

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