T-13 TATIANA

"Ich, der ich keineswegs zwanzig Pfirsiche auf einmal hinunterschlingen kann, nicht einmal drei oder vier, denn ich vergesse oft auf das Essen, nicht nur vor dem Weggehen, sondern auch nachmittags, weshalb ich anfallweise Heißhunger verspüre, den auch manchmal befriedige, entweder mit Mehlspeisen oder – an einem Schnellimbiß – mit Leberkässemmeln oder Käsekrainer, aber du hast das ja schon mitgekriegt, auch daß ich nichts von einer fetten russischen Festtagstorte halte, wie du sie vorige Woche mitgebracht hast...

Ich, der ich viel häufiger ins Theater gehen würde, als ich es tue; doch wenn ich es täte, würde ich keineswegs lauthals den Regisseur oder gar den Autor lästern wollen, auch nicht die Schauspieler; ich würde mich – im Theater - niemals lauthals äußern wollen, sondern immer der stumme Zuschauer bleiben, auch wenn ich einmal auf die Bühne geholt werden sollte, vielleicht um zu demonstrieren, wieviel Spontaneität und Schlagfertigkeit in einer Lehrperson steckt, worüber du ja inzwischen sehr gut Bescheid weißt...

Ich, kein Causeur wie P., auch kein Schnellredner oder –denker, doch in vielen Situationen beredt und dann wieder ein Schweiger, der große Augen macht und sich darin verkriecht, sodaß jemand, der ihn still beobachtet, vielleicht glauben könnte, er habe den Raum durch ein Fenster verlassen oder sei völlig in sich versunken, was ich ja nie wirklich bin – ich ehre die Pausen, die Ruhpunkte, und schlimmstenfalls suche ich sie mir selbst, indem ich mich in eine ferne Ecke zurückziehe, wo niemand zu sehen ist, um nichts anderes zu tun als mit geschlossenen Augen vor dieser Wand die Präsenz von Masse, deren Strahlung und Anziehungskraft zu spüren...

Ich also, und das würde ich T. gegenüber immer wieder betonen, der niemals irgendeinem Spruch, meine Zukunft betreffend, vertrauen würde, im Gegensatz zu P., der sich sein kurzes Leben lang vor dem „weißen Roß, weißen Kopf, weißen Menschen" hütete; ich, der ich heimlich und begierig zugleich auf jene Drehpunkte warte, die mir gestatten: „Schicksal!“ zu rufen, während mir bewußt ist, daß meine wichtigsten Entscheidungen – einerseits – schon vor meiner Geburt getroffen wurden, andererseits aber der lebendige Augenblick in der Auseinandersetzung und Verbindung mit einer völlig Fremden wie dir etwas unerwartet Neues zum Vorschein bringen wird...“

(14. Jänner 2007)

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