Freitag, 18. Mai 2012

D-34 ALLTAGSMYTHOLOGIE

Hochdruck über ganz Mitteleuropa –
Prognose, gültig für mehr als einen Tag!
Und Camus sprach kurz und bündig
im täglichen Gedicht aus der Schweiz:
glücklicher Sisyphos beim Anblick der eigenen Hand!

Bei Ranke-Graves, Band 2, fand sich nur
Tantalos als eigenes Kapitel, darin der Hinweis,
daß Strabon diesen mit Sisyphos gleichsetzt,
wegen des Felsens, der, im Tartaros über ihm hängend,
jeden Augenblick herunterzufallen droht.

Und dessen Strafe, die in ähnlicher Weise fortdauert,
abgeleitet vom Bild des Lichttitanen,
der die Sonnenscheibe mühevoll zum Zenith stößt.
Über Tantalos‘ Schulter baumeln jedenfalls
Äpfel, Birnen, Feigen – Früchte des Toten Meeres.

Im Hintergarten trug nur einer von den drei Bäumen:
Kirschen, zitronengelbe, die zwei Töpfe füllen könnten,
aber nur einen Magen, wenn auch nicht meinen.
Sobald sie jemand berührte, zerfielen sie zu Asche.
Ich hatte zum Glück aufs Essen vergessen.

Am nächsten Tag saßen Vögel in den Zweigen,
taten sich gütlich, hielten sich schadlos am Leben

(1999)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

Mittwoch, 16. Mai 2012

D-31 KLEINE MORGENEVOLUTION

wie frisch geschlüpft beginnt
dieser Tag am Fluß mit
trichterbauenden Ameisenlöwen;

an einer erstarrten Kröte schleifen
Nattern vorbei; lautlos in einen Igel
verkrallt sich ein Uhu, zerreißt ihn

unter dem Überhang für seine Jungen
in verdauliche Stücke; blauflügelige
Libellen verschwinden sekundenlang

im spiegelglatten Wasser, wo weiter draußen
zwei kleine Füchse tolpatschig paddeln;
langbeinige Wespen in Scharen -

stopfen grüne, genau passende Raupen
in Sandlöcher, verschließen sie sorgsam.
Doch hier bei mir Nachhallrauschen, Dachrieseln,

Westwind durch die porösen Mauern,
kalter Schauer. Vielleicht nur ein Warnbild
der Überlebensunruhe, zur Selbstklärung:

ich bezeichne die im Fenster erscheinende
Lichtspirale als Ersatz für die Schreibhand,
ihre Schraubbewegung, die sich entfaltet

zu einem planetarischen Kreis,
nach oben oder auch unten hin
offen, der saugt, ohne Erbarmen

(1999)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

Montag, 14. Mai 2012

0104 - ZEICHEN UND AKTE

blaue flecken als sichtbare
liebeszeichen was natürlich zusammenhängt
mit dem fleisch unter der haut
bzw. den gewohnheiten der liebhaber:

ein waldgänger & einer mit wünschel-
rute ein jordanischer general samt frau
und irgendein stinkender outlaw: pietät
ist nur den geschenken gegenüber am platz

die gelenke müssen nicht eingerenkt werden
rotwein oder mestruationsblut
(als hättest du dein ganzes leben
nur geblutet) wird aufgespart

für eine hochzeit oder orgie
mit irgendeinem ältlichen hochschulprofessor
nur ein akt der verweigerung
der aber bald in einen katzenjammer

voll tränen und tusche umschlägt:
gerontologie als zuhälterin der psychologie
erkenntnisverwirrung als folge einer klar
erkannten oder auch nur erträumten neurose


(mi.9.6.1971)

Samstag, 12. Mai 2012

0103 - 10 UHR PAULUSPLATZ

eine menge junger männer
in gelben und blauen leibchen und hemden
vorm monarchistisch lackierten münzfernsprecher:
sonntag vormittag 10 uhr paulusplatz

das klatschen zahnloser weiber
verscheucht für einen augenblick die tauben
der lachende kurier pappmann
hat mit seinen neun superautos dauernd erfolg

heiße schweißige telefonhörer
die freundinnen sind jetzt aufgestanden
launisch erregt auf flüssigkeiten aus
donauwasser schweiß samen

die tische im freien alles grüne der stadtwüste
als verschleierung von leistungsdruck repression
hinter und über und unter und neben
der freizeit freiheit am arbeitsplatz

die vögel am nußbaum vorm haus
bauen ihr nest im dunstabzugsrohr weiter
ihren jungen droht der tod aus dem schock
des allerersten ventilatorgeräuschs

die männer vergraben ihre hände
in den taschen trotz der hitze
sie können mit ihren bäuchen
schwer aneinander vorbei

ein spatz klettert die lichtstange empor
rutscht ab zum graublauen himmel
zeigt der einbahnpfeil benzin
dringt in die lunge einatmen einatmen

(so.6.6.1971, 10 uhr)

Donnerstag, 10. Mai 2012

0102 - ANAL

du hast einen kasten voller kleider
während ich auf einer luftmatratze
im leeren zimmer sitze Otto Mühls
entkleideter analfaschismus anarchismus

ein blitz vorm fenster quer durch die schräg
hinausgespiegele küchenverbauung
der regen ist neu das aufprall und abrinngeräusch
es regnet in den offenen mund kälte

aus dem weltall der astronauten
du ziehst hier ein und alles
hat seinen platz doch ich habe bücher
und kein regal ich hänge bereits

mit einem fuß aus dem fenster mir alle
kinder vorstellend die aus den berührungen
mit frauenkörpern fremdkörpern
entstammen könnten es ist ein zwangs-

mechanismus: du putzt was dir gehört
hast kein verständnis für meine hilflosigkeit
mein zug ist zumittag abgefahren
in einer sekunde lächerlicher autorität

und dabei die koprophilie oder auch nur
der greifzwang besonders erhöht
bei kopfschmerzen unsicherheit heißen
tagen: du arrangierst dich trotz

deiner schwäche mit all diesen
so wichtigen dingen ich starre
auf meinen kot verständnislos fixiert
auf die überbleibsel deines wunschlebens

(do.27.5.1971, 20.20 uhr)

Dienstag, 8. Mai 2012

D-30 FIEBER

alles, was ich trank, verschwand
ohne Wiederkehr, mußte
sich ausschwitzen, fand nur mit heißkaltem
Brennen einen Ausweg. Fenster zu,

See, Himmel, Bergwelt weggesperrt!
Zukunft – schnarrend undankbare Idee!
Tuchfühlung zu andern – ichlose Manie!
Selbstvorwürfe, aus den Mündern derer,

die sich in einer fernen Studentenwohnung aufbauten:
auffallend gealtert in ihrem zynischen Lächeln.
Fügsam bereute ich jeden Schritt.
Glockenhell lachten die Gastgeber.

Ich sollte vor ihren Augen kotzen,
wieder Grund zu Gelächter.
Aus dem Fieber trat allerdings nichts hervor,
nichts Rührendes, keine Schocksekunde,

keine noch unerkannte Erinnerung,
kein Ort, der irgendein Geheimnis barg,
auch kein schöner narbenloser Körper,
meiner, in einer völlig anderen Welt.

Ich lag flach, heiß,
elendiglich krumm in den Laken, gepfählt,
ja gepfählt vom eigenen Arm,
dem spitzfindigen, dem jede Wendung recht war,

damit nur die Zeit verging,
was sie ganz von selbst tat:
mit einer ermüdenden Allergie
auf Pläne, Zukunftsprojektionen.

Hölzerne Dauer,
fauchende Heimfahrt.
Erhitzt-feuchtes Erwachen.
Proustianisierte Phantasien!

(Dienstag, 27.7.1999, 21.30)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

Sonntag, 6. Mai 2012

D-29 LAC LEMAN

Hangwiese,
passend zum übrigen Grundstück,
von der du unlängst schriebst,
sie würde einmal dir gehören.

Nachts, in der schwappenden Finsternis -
ich hielt an, atmete; ging
weiter, bis zum Zaun.
Und am Berg hinter mir

gelbe Türöffnung, gelbes Fenster;
und unten am Seeufer die Lichter
von Montreux, Vevey, der Ortschaften
auf dem Mont Pelerin

und dessen vorgelagertenHügeln.
Funkelflüssigkeit Finsternis, weiche Luft.
Nichts roch ich, streckte jedoch
die Arme, bis zu den Fingerspitzen,

ließ sie kreisen, sich dehnen.
Beschrieb so, momentane Lust und Laune,
einen Land- und Seekreis, der allein mir gehört,
feucht leuchtendes Luftinselchen,

so weit das Auge reichte.
Am Fernsehturm oben auf dem Berg
erlosch nur eines der drei roten Lichter.
Atmete heftig, bewußt

hyperventilierend, zwang mich
den Luftausstoß immer heißer zu spüren.
Auch der Einhauch wärmte,
in den Adern erhitztes Blut.

Wie in der abgedunkelten Badewanne
auf der Grasnarbe meine Zehen.
Und dazwischen der heiße Strahl,
mein Blick, der alle nahen Gewächse

zischend in sich sog, untertauchte,
sie einem Zufallsspiel unterwarf.
Der Lac Leman steigt von Genf,
das von hier aus nicht zu sehen ist,

bis zu mir herauf. Er wird die Wiese wässern,
wenn sie deinen Nachkommen gehört.
Sie wird sich an dich erinnern, Erdreich
grünen lassen, nützliches Memento

(Donnerstag, 15.7.1999, 18 Uhr)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

Freitag, 4. Mai 2012

D-28 MORGENFORSCHUNG

schon am Morgen im Garten mit Forscher-
Augen: über den See hin, zu den seidigen
Nebeln über den Wassern
zwischen den Bergsenken. Dann:

jeden Baum, jedes Gesträuch
aus der Nähe betrachtet, umschritten – so
entstanden Namen aus dem Unwissen, pro forma.
Schließlich saß ich unter der von mir

so genannten Hängeesche, versteckte
mich vor dem herabstoßenden Helikopter,
fixierte die Koniferen vor dem Bungalow.
Meinen Entschluß zu bleiben projizierte ich

so lange auf sie, bis sie tanzend zusammen-
wuchsen, bei Frühlingsmusik, dabei harte
blaugrüne Früchte abwarfen und sich kletternd
über das Dach ausbreiteten. Es war,

als würden sie sich in deinen Traum einschleichen:
drinnen der Therapeut, heraußen sein Stellvertreter,
und sie rivalisierten um die Erklärung
deines zweifachen Lächelns. Als du dann

in der Tür erschienst, war dein Nacken elastisch,
fast schmerzfrei, und du sprachst von dir,
deinen Wünschen, ohne einen Funken Lust
auf spirituelle Vereinigung

(Montag, 12.7.1999, 12 Uhr)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

Mittwoch, 2. Mai 2012

EI-12 SCHLAF ODER SCHAF

mit schlafen ist keineswegs nur Schlaf gemeint:
ein Schaf, das sich aus dem Bett herauswühlt,
Schaf aus Wolle und Federn mit Maske,
etwas aus der Vorwelt Entsprungenes,
der Nacht, die erst am Morgen begonnen hat.
Nicht Schafähnlichkeit war der Gedanke im Schlaf -
haarscharfe Schaf- und Schlafbefreiung.
Ein Tier schweigt, ein Mensch schreit und schweigt.
Das Schaf ist kein Opfer, Opfer ist der Schlaf.
Es gibt keinen Schlaf ohne Schaf, kein Schaf ohne Schal,
keinen Schal ohne schlaffen Schlag.
Da ist mein Gesicht wie das wollene Schaf.
Das schaut mir aus dem Gesicht wie der Schlaf.
Kaum kommt das Licht, verschwindet das Schaf.
Jemand zieht mir die Maske vom Gesicht,
und niemand spricht mehr von Schaf oder Schlaf

(Dienstag, 1.11.2011, 23.11)

Montag, 30. April 2012

D-27 HÜGEL BEI ASPERN MIT SCHAF

Brücke, Mädchen mit Hund,
der sich heranschnüffelt,
im Schritt vergräbt.
Noch kein Schaf, schmutziggraues,
das hungrig zwischen Hütten herumirrt,
menschenleer seit der letzten Eiszeit.

Über die einspurige Bahnlinie
weiter hügelan.
Nasser nachgiebiger Weg.
Am Rand Wicken Nesseln Klee.
Nun aus der Ferne blökt es,
Herzweh, Menschenleid
aus Wolle, Bratenfleisch.
Gras gerupft für das Schaf,
damit es erscheint.

Im Hohlweg rechts und links
Gebüsch: Haselnuß Liguster.
Zwei hoch aufragende Bäume
mit unerreichbaren Kirschen.
In den Heckenrosen Geflatter.
Plötzlich ganz nah das Schaf,
offenen Mauls, lautlos,
mit verblödeten Augen –
sieht nicht die Taube auf dem Dach,
auch nicht den Spatz in der Hand.

Bergauf und zurück,
Schritte im kindlichen Licht,
das aus den Gräsern zurückstrahlt.
Von einem Querweg
Hügelabblick auf Dörfer.
Nun eine ganze Herde,
die sich dort drängt,
blökend, mampfend,
Schafsschädel, Schafsgesichter,
vereist.

Mit schweren Schuhn
zwischen Weinstöcken hinab,
zu den Masten in der Ebene,
Schafstrompete Schafsohrwurm
Schafsabgesang.

Nirgendwo ein Mohnfeld,
das all dieses tödliche Grün
auslöscht

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

Samstag, 28. April 2012

O-25 HAUCH

meine verheimlichte Hand
dort bei den Tieren, am Rand des Geheges:
speiste sie mit geschöpflicher Liebe,
und sie erwiderten mir einen Moment heiteren Glücks
in meine verworfene Existenz zurück.

Danach, beim Flughafen
unter dem aufgekratzten Spätnachmittagshimmel -
fast wär ich ertrunken
in den Schwarzbildern am Kanal,
im unsäglichen Nervengewimmer

(Montag, 8.1.2001, 9.50 Uhr)

Freitag, 27. April 2012

O-24 HERZGEDRÖHN

so neben mir her, durch und über die Jahre
außerhalb von Schuld, selbstverantwortungslos.
Bedauern, dauernd, wie schwer mir das fällt.

Ich schaue auf, träume, blähe die Haut.
Wind von draußen, Uhr, die stockt.
Herzgedröhn, dicht neben dem Ohr

(Freitag, 23.06.2000, 12.30)

(Erschienen in: Obachter, Edition Korrespondenzen, 2007)

Mittwoch, 25. April 2012

O-23 LIED

denk ich an dich, muß
ich lächeln; seh ich dich,
bin ich ruhig. So beginnt
ein Lied, das sich in mir

wiederholt, ohne ein
weiteres Wort, eine Zeile
mehr. Nicht daß ich mich
wirklich im Kreis dreh.

Divergenz, suspense aus
einzelnen Lebensaugenblicken;
und Wärme von Schenkeln,
die nicht zuschnappen

(2001)

(Erschienen in: Obachter, Edition Korrespondenzen, 2007)

Montag, 23. April 2012

0098 - FREIE LIEBE

ich komme schnurstracks aus dem schweiß
in die verkörperte trägheit meine unleserliche
schrift bedarf natürlich des vorlesens
pfeffer auf kaltes huhn kalter karireis

endlich einmal freies essen nach der freien
liebe befreit von der verlogenheit zumindest
in andeutungen mit nackten fingern in den mund
in die nationalbibliothek oder in dein loch

du sagst oh und lachst so befreiend knall
doch den kram hin deine jahrgangsneurose
laß dich doch nicht von den stubenhocker-
typen vermiesen von frühmorgendlichen

spätnächtlichen anrufen die du dann drei vier
nächte später natürlich viel geschickter erwiderst
ich sehe meine hände vor den augen dieses mannes
oder irgendeines exoten in seiner noch schäbigeren
wohnung zerschmelzen ich halte irgendetwas fest

versuchs jedenfalls ist es jetzt zum verzweifeln
knieweiche sehnsucht ein unkontrollierter
verhinderungsversuch pubertäres selbstschmerzvernügen
unter schäfchenwolken und kunststoffsitzdunst

vollgepumpt mit verliebten aggressionen
deine trägheit motiviert deine abwesenheit
aber in den reiskörnern bist du deine zukünftige
gastritis in der erzählung vom tötungsakt der hühner

und lämmchen was mich trösten könnte im geruch
der haut frisch abgezogen vom hasen
knieweich mit flaumigem blutigem balg
in der hand freies essen freie liebe

(mi.26.5.1971)

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