Mittwoch, 18. April 2012

A-01 THE ARTIST/IL ARTISTA

nur mit Block ausgestattet und Filzstift
ist Fausto the artist/il artista, der allen
sofort etwas schenkt: seinen Namen, ein
Schnellporträt, einen Satz, eine Pointe,
einen Witz, einen Blick, winzige Fundstücke,
blitzschnell in immer neuer Konstellation.
Am Gitterzaun Anfang und Ende zugleich.

Du und ich, wir alle, wir kommen und gehen.
Wenn du von rechts kommst, empfängt dich
ein lang gezogener Kreidemann, zittrig,
doch mit schmaler ausufernder Hand.
Es ist Faustos etwas klebrige Rechte,
die er nicht aufhält. Die Cent-Münzen
kommen aus der eigenen Tasche,
in einem Schiffchen aus Alufolie
oder einer schäbigen Börse, von wo sie dir
scheinbar von selbst in die Hand wachsen.

Narcissus! Wenn du Narcissus sein willst – jederzeit;
hol dir eine Porträtscherbe aus der Plastikdose!
Alles von ihm und doch Eigentum aller anderen.
Jetzt bist du zufällig der andere, der nur immondizia erbt,
rubbish, wie die desparate Nackte auf dem Blatt
gegenüber an der Mauer der Akademie,
die eine schnell hingeworfene Strichfigur mit ihrem
langen Fernrohr ununterbrochen beäugt.
Du beäugst ihn, Fausto, er dich. Sie ihn, er sie,
im Licht aus den Strahlern im Boden.

Die Alubarke entgleitet dir nicht. Eine Weile
bleibt sie Bestandteil deiner Ideen. Münzen, Blätter,
Stifte, frische Luft. Als Studio genügt dir, wie ihm,
der Betonrand des Durchgangs, und dort
ein paar Kreidestummel, schwarze und weiße
Kartone, zerquetschte Farbtuben.

Und wenn du einen Doppelgänger suchst –
nimm ihn, Fausto, als Divus Augustus in einen
zusammengeschusterten Rahmen gepreßt,
vor einem Foto mit römischen Lettern!
Willst du aber gehen, dann benütz einfach the long jump/
il grande salto: zwischen drei Absprungpositionen
kannst du wählen. Wo auch immer du landen willst -
jede entfernt dich jäh und ganz

(Dienstag, 27.03.2012, 2.08, Rom)

Montag, 16. April 2012

0097 ICH KÜSSE DEN VERSTECKTEN MUND

ich küsse den lärm der ablenkt von Ginsbergs
metaphysik auf die rote sonnenbrille
den versteckten mund eines auweh schreienden buben
auf den schoß einer hilflosen mutter

auf die zahnspangen die aufkreischen
durchdrungen von materialität
aus ihrem aufgerissenen bett heraus
inmitten von pflastersteintürmchen ohne protestzweck

ich küsse die verlegen lachenden tschuschen
gezeichnet mit den leuchtfarben des staates
mit den schlagschatten unter den büschen
mit dem sprühregen auf die rosenzucht

inmitten der kraut und rübenfelder
mit der Donau im hintergrund ohne schiffe oben und unten
mit einer völlig unauslotbaren zukunft
den versteckten mund einer bereits verlorenen tochter

ich küsse die schritte unter meinen sohlen
die steinchen ästchen rindenstücke
die flüssigkeitsflecken essensreste den kot
die fahrzeugspuren die rebellischen lüfte

die lüste die ängste die herrlichkeiten alles
was ablenkt von Ginsbergs metaphysik auch
eine erschreckt aufspringende vorstadtschöne
deren buch auf den versteckten mund

(mai 1971)

Freitag, 13. April 2012

0096 NATURALISMUS

ein konsequent durchgehaltener naturalismus
endet in schizophrenie sag ich die definition der beziehungen
wird ständig verweigert ich langweile mich
in meine müdigkeit hinein ein magenekel

macht mir zu schaffen die so weitläufig beschworene telepathie
ist eine verschleierung von besitzansprüchen
Jesus war sicherlich ein arier wahrhaftigkeit
in unsere prärevolutionäre situation auf jahrhunderte

kunst & käse die jungdichter wundern sich
über den spalt der mir plötzlich so viel bedeutet ich prüfe
die nässe der finger in meinem atemhauch am spalt
des zeitalters temporäre verliebtheit

und daraus entspringend die erektion eines hörspiels
wo Sappho wütet und Haarmann seine jünglinge akustisch zerfleischt
der allgemeine rahmen ist nicht so einfach zu verleugnen
die archetypen erscheinen auch in der langeweile

könig & königin oder der vierkanthof Thomas Bernhards (zitat)
kunst & käse ein konsequent durchgehaltener naturalismus
beweist einen beischlaf (achtung ehebruch) im auto
minutiös die pervertiertheit von bruder & schwester

ich habe eben diese masche die mir nichts einbringt
außer zerkratzten händen ich fahre weiter
mit einem kopf am schwanz ich nehme mich zurück
in die pseudogeschütztheit des autos wo atem & schweiß

eine feindliche welt verschließen ich nehme mich aus
von der gerechtigkeit gültigkeit dieses augenblicks
mein geschwollenes gesicht ist eine sexuelle maske
ortskunde höchstens dienlich zur auffindung eines heurigen

wo der wein die hunde in rage bringt den Freddy zum beispiel
was mich sofort an die jähzorn meines vaters erinnert
als ich weiter am spalt wüte mit dem schalthebel übertreiben
läßt sich die gefahr fliegender tischlerwerkzeuge in gewissen

abständen die autoscheinwerfer als entblößung des traums
Jesus wandelt am eis ungebrochen durch die jahrhunderte
er versinkt in den augen des heutigen publikums für dich
eine vereinte ungläubigkeit bringt alles zu fall

beziehungswahn läßt die wichtigsten fragen offen erschöpft sich
in banalität herzklopfen über das umgefallene regal die armen
bücher mußt du nun steigen mit vorsichtigen zehen
die blöße die ich mir gab wegen der magischen sieben

(sieben stunden langeweile oder amüsement je nach standpunkt)
an den rahmen denkst du nicht in deinem aufschrei
wir haben ein geheimnis errichtet das nur rumpelstilzchen
kennt oder die sieben zwerge oder frau holle

das heißt irgendein bach irgendein geländer irgendeine anhöhe
wo das laub raschelt wenn nur die familie
die ich garnicht kennenlernen muß in den gesprächen
sympathisch bleibt halluzinationen aus brennenden augen

eine fortbewegung zum bett hin zu schwarzwäldertorten punschkrapfen
eine pflaume nein eine zwetschke ja eine zwetschke
im eiskasten Bill Carlos Williams' wie Pound ihn nennt
zu 98 % stehst du außerhalb der kirche abnehmen ist für mich

tatsächlich ein problem aber nicht für den mond
der heutnacht sicherlich alles verschweigt die begehrlichsten
wörter auf die natürlichste weise entstehen dreiecksverhältnisse
ein bankraub ist ein angriff auf den kapitalismus

ein mann glücklich im gold schwimmend ein mann
sicherlich tot in seinem beruf der ihm nicht berufung sein konnte
alles überspannende freizeit wenn wir das tun vögeln fegeln
(ein iterativ) mitten am stephansplatz wenns geht

oder in der nationalbibliothek zu ehren der größten geister
ihren zerfallenen knochen unter zusammenstürzenden bücherkästen
im hauch von tausend handtrocknern so schwitzen
wir uns aus dem schlaf in den schweiß und umgekehrt

mit einem schmetterling im bauch der allerdings kein ästhetizismus ist
sondern schicksalhafte verstrickung verdrehung versponnenheit
lauter fingergroße Wotrubas aus deinem puppenzeitalter
entkommst du jetzt in eine übersteigerte kratz und schreilust

kunst & käse die jungdichter sind ratlos ich beginne mich
zu verändern als moralische institution meiner selbst
meiner liebe sag ich direkt in die gesellschaft hinein
die mich mit naturalismus beglückt kunst & käse


(sa.22./so.23.5.1971)

Dienstag, 10. April 2012

0095 GERECHT ZU DEN DINGEN SEIN

immer will ich gerecht zu den dingen sein sagst du
wenn ich zum beispiel wie es heute passiert ist
eine abgebrochene haarnadel erwische

und mit ihr einen lockenwickler im haar
zu befestigen versuche spüre ich einen schmerz
der von der stumpfheit herrührt

und ich tausche sie gleich aus
mit einer nicht stumpfen aber im selben moment
muß ich denken ich hätte die stumpfe

verletzt weil ein stumpfe eben um vieles
verletzlicher ist und ich nehme die stumpfe
stecke sie anstelle der nicht stumpfen

durch den lockenwickler spüre jedoch
sofort ich habe die nicht stumpfe beleidigt
als ich sie von ihrem angestammten platz

entfernte von ihrer wohlverdienten funktion
zwar kosten ließ aber gerade diese ach so
kurze kostprobe sie umso mehr verletzen mußte

als hätte sie nie ihre einzige wahre zweckmäßige
funktion kennengelernt das ist sagst du
natürlich ein höchst banales beispiel

sagst du aber mein leben besteht vor allem
aus einem solch banalen und höchst schmerzhaften
animismus sagst du aus stumm schreienden dingen

(do.20.5.1971, 10.30 uhr)

Mittwoch, 4. April 2012

D-26 HvK

schaut mich noch immer nicht an, er,
HvK, schrägköpfiges Rotgesicht,
während ich in dem blutigen Bett
versinke, heftig winkend auftauche aus
dem Hitzepool hinter meinem Rücken.

Vorbei und unerkannt. Keineswegs ein offenes
Buch ist die Zeit. Unordnung schützt
den Boden. Schuhe marschieren einzeln
in verschiedene Richtungen, klappern
bewußt Möglichkeiten ab, schließen welche aus.

Socken als schwarzschwangere Fragezeichen?
Rot noch immer, reflektierend gestreckt,
das die Oberflächenschrift zerdellt.
Stiftechaos, die meisten keineswegs mehr schreib-
fähig. Trotzdem das Wort Paradies. Und gleich:

Paradeiser, Tomate, Österreich, Pina Colada
in einer hohlen Ananas. Salude, Seele!
ein erfüllbarer Traum. Aber Zeit, jetzt groß
geschrieben, und mehr: sonst ist nichts
lesbar; und von Vera nur era. Gekreuzte

rote Pfefferoni als H in Schüsseln. Tisch
in der Hocke über dem Monitor. Darauf,
wegen des Winkels, keineswegs mein Gesicht:
Findlinge, Erdbeben im unmöglichen Zimmer,
Glück im Fall, Verzücken, wortlos

(2000)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

Sonntag, 1. April 2012

D-25 DISSIPATIV

Unentschiedenheit, wie schön,
zwischen Büchern, Leseplätzen.

Nun ist es das Schlafzimmer, das zweite,
und eine kroatische Luftmatratze

mit einer hiesigen Auflage samt Blümchen-Polster
aus dem vorderen Doppelbett: hingelegt

auf den Bauch, und noch immer Prigogines
dissipative Strukturen, Bifurkationen,

und gegen Chardins Punkt Omega
als Möglichkeit der Große Zusammenbruch.

Im offenen Koffer Plastiksäcke
mit Wäsche, zwei ungleiche Bücherstapel:

darin Brodsky und Hughes, übereinander,
Urania samt Tiger, der hier niemanden tötet.

Es gab nur einen einzigen lang nachhallenden Donner,
wie unlängst diesen Knall, dessen Herkunft nicht zu eruieren war.

Inzwischen fasrig quellende Wolken im Talkessel,
nur an einer einzigen Stelle lichtdurchlässig.

Keinerlei Blendung.
Kein Berg, kein Aufstieg.

Leichtes Erzittern blutroter Geranien,
ihrer olivgrünen haarigen Blätter und Stengel, wenn ich sie ansehe.

Daneben: Hemden, in Zufallsfalten erstarrt.
Keine Dämmerung, mit Kastanienkühle.

Kein rotglühendes Eisen, wie beim Schmied im Dorf,
kein Schlagecho mehr bis in die Nacht hinein.

Keine reglosen Narzissen, anstelle aller zu Staub
gewordenen Pfingstrosen, Nelken und Lilien meines Lebens.

Am Himmel nur Stahl, ohne eine Spur Purpur.
Fast hohler Bauch, gewiß eine Täuschung, mit Spitznabel,

aus dem papierenes Gedärm entfließt Brei,
noch formbar, natürliche Tinte,

die mir ein Lob entlockt, kleines, auf die Negation
dieses isolierten Systems, die mich fallweise rettet

(Dienstag, 27.7.1999, Altaussee)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

Donnerstag, 29. März 2012

D-24 KLEINER MAMCO-WAGGON

zuerst steht der kleine, grüne Waggon
auf einem Friedhof, an einer Wand
aus Grabsteinen: so zeigt es ein Foto;
dann in einem Koben aus rohem Holz,
innen geweißt, in einer Reihe von Kuben,
inmitten einer sonst leeren Fabrikshalle.

Beschütz mich vor meinen Wünschen!


Und draußen über den nahen Dächern
auf einer Leinwand die Köpfe des Paars,
das sich zugleich anblickt und aneinander
vorbeistarrt, lächelnd auf etwas unsichtbar
Fernes oder Nahes hin: auch ihr Zwillingsbild
in dem Korridor weiter unten,
auf heftige Rot- und Blautöne reduziert,
gibt keinerlei Auskunft über die Qualität ihrer Intrigen,
Verzweiflungen, Tag- und Nachtexzesse.

Beschütz mich vor meinen Wünschen!


Jetzt in dem Koben ist der grüne Waggon
schräg abgestellt in nordöstlicher Richtung,
aufgeschlagen zum Dreiflügel-Altar
die Türen. Und drinnen die Bücherei
irgendeines Lebens, das auch meines sein könnte,
wäre irgendetwas in mir dazu bereit.

Beschütz mich vor meinen Wünschen!

Wohn- und Wahn-Archiv, von wem auch immer
zusammengetragen, zu welchem Zweck –
ist schnell zu umkreisen, zwingt bald zur Einbildung
eines Rundumauges, das alles, Innen und Außen,
mit einem einzigen Blick erfaßt und durchdringt:
zu einer Unzahl winziger Annäherungsversuche
mit Verschiebung Verschachtelung Tiefe Schleife
wie in einem einzigen Zug.

Beschütz mich vor meinen Wünschen!


Beiläufig verfinstert, dieses Wandergesicht
beleuchtet sich ganz von selbst. Beides,
Lichtflecken, befremdliche Schatten, erlöschen
mit der jähen Erinnerung an einen Raum,
in dem Schalter im Dunkel blinkten, wieder
und wieder, die Menschen schemenhaft
auftauchen ließen, Männer mit blutenden
Kopfwunden, Beinverbänden, verbrannter Haut,
Frauen mit verklebten Milchbrüsten.

Beschütz mich vor meinen Wünschen!


Der Koben ist offen, der Waggon lädt ein,
wetzt trotz allem hinter dem Betrachter her,
keucht, heult und glüht

(Sonntag, 18.7.1999, 8.15, Chernex)

(Mamco ist das „Musée d´art moderne et contemporain“ in Genf.)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

Montag, 26. März 2012

D-23 GERÄUSCH

dieses Geräusch, das keines sein wollte,
um so mehr eines war: Höschen
abgestreift, unterm Schweigekleid
vor dem Mann, Vater, von der Frau,
Mutter, die sich vorbeugt in einem Rondeau

um einen fingierten Brunnen herum,
Lusthaus, von der Tochter,
die lauscht und sieht, um dieser Szene
Schärfe, Schmach, Rausch
zu nehmen, auf sie projiziert.

Im Brunnen, in dem sich nun beide spiegeln,
Vater&Mutter, von dem hastigen Aushauch
zerdellte Gesichtsflächen. Und über ihnen,
an der Innenwand ihres Tempelchens,
in Ovalen oder Lichtdurchlässen

in gnadenlos überschwenglichen Farben
Porträts der Geschwister, Endlosreihe,
die auch fremde Familienzüge inkludiert und variiert,
als würde jedem Samen dieses Mannes, Vaters,
ein wahrer Mensch entsprungen sein –

nun allesamt verdammt, sich einzuschwärzen
mit jedem neuen Lidschlag.
Rotschwarzes quillt heraus, breitet sich aus,
verdrängt das Quecksilberlicht
aus ihrem Traumraum – plötzlich

eine rotschwarze Fontäne,
die lautlos die Kuppel durchsticht,
sie mitreißt und immer weiter nach oben trägt,
tanzend balanciert, mit diesem Geräusch,
das keines sein wollte,

sie umso mehr erschüttert:
Nun wölbt sich der Boden, drückt hinauf,
hebt sie, die Tochter, empor
auf einen höheren Ausguck,
bis sie die beiden, Vater&Mutter,

mit einem Vogelblick im rotschwarzen Schlamm,
im ausgeronnenen, nur schlaff wabernden Bett
erfaßt, ihn, den Mann, Vater, völlig flach,
nur Gerippe, Haut, Hunger- und Leidensblick,
die Frau, Mutter, hingegen ein federleichtes

Mädchen, schimmernd, quicklebendig,
noch immer ihr Ebenbild.
Ihr verzeiht sie mit einem Mal alles –
jedes böse Wort, jede Strafpredigt,
ihm, dem Mann, Vater, nichts:

keinen einzigen aufmerksamen Blick,
kein romantisches Zu-Sich-Winken,
keine vermeintliche heimliche Zärtlichkeit,
keinen unschuldig tuend geraubten Kuß.
Er sollte nur mehr der Stoff sein,

aus dem sich Weiblichkeit erhebt
und stärkt, die Frau, Mutter, und sie selbst;
Hülle, in Zukunft ohne jede
männliche Energie: schlottriger Vorhang,
den sie zerreißt und gleich wegwirft

(Samstag, 17.7.1999, 0.50, Chernex)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

Freitag, 23. März 2012

F-14 AUGARTEN

Unterm bröselnden Flakturm
Gelächter in der Sandkiste,
schnell schwindendes Kinderglück,
keimende Feindschaften, Tränen,
eingedrilltes Schwarz-Weiß-Schema.
Stolz, mit spiegelnder Sonnenbrille,
balanciert am Rad der kleine Usurpator.
Klingelnd umkreist er die Sandburg,
läßt Wasser rauschen,
das alles unterminiert.
Schwach scheint die Sonne,
im Schatten torkelt ein Baby,
hebt die Ärmchen,
bläst grinsend Speichelblasen,
bis es vornüberkippt im Rasen,
Hölzchen und Steine im Mund.
Auf tun sich die noch nackten Kastanienbäume,
raus schießen zwitschernd Meisen,
begeisterte Gartenzwerge im Marschschritt,
Fähnchen schwenkend
mit Franz Joseph- und Hitler-Abziehbildern,
unterm Beifall flanierender Pensionisten.
Scherben hinterlassend,
zerschlagene porzellanene Doggen -
aus der Manufaktur strömen die Lehrlinge,
zerreißen die Flaggen,
färben sie mit ihrem Blut,
verscheuchen den Spuk.
Beim Tor der steinerne Löwe
folgt der gekritzelten Aufschrift,
steigt vom Sockel herab,
wird höllisch liebender Mensch.

(21.3.1981)

(Erschienen in: Friede den Männern, Residenz Verlag, 1982)

Dienstag, 20. März 2012

F-08a IDYLLE MIT DROHBILD

An der Weggabelung entscheiden wir uns
für links, für uns und die Kinder, das eine
am Rücken, mit einem Mund voller Luftbläschen,
das andere hüpfend vorn oder schreiend
hinten, und wir gehen hinter den Häusern
vorbei, an den Silos in Richtung Schloß
unter unerwartet milder Sonne, und der ältere
Bub springt übers umgefallene Gatter hinein
ins bekannte Geheimnis, ins milchige Licht-
und Schattenspiel unter den Kastanien, lockt uns
zum frischumzäunten Graben, zur bemoosten,
statuenbewehrten Steinbrücke, zum Wunderbaumstumpf:
da lauern reglos Hunderte Käfer, alle
mit einem roten Kreuz am braunen Buckel.
Bettelheim, sagst du, zählt eine Unmenge
Umschreibungen für Massenmord auf, redet
von der Mitschuld der Alliierten
an der Judenvernichtung. Am Güterweg
startet ein Bauer seinen Traktor, fährt
ein Jauchefaß aufs Feld. Unser Kleinkind
sticht seinen Zeigefinger in die Luft:
im Kukuruzacker will er Kolben abbrechen,
entblättern, abnagen wie unlängst.
Und sein Bruder reißt meine Hand an sich:
ich soll ihn tragen, wie vor vier Jahren
im Hohlweg zum Sendemast am Bisamberg.
Wieder im Stadel hinterm Hof,
überfällt mich der Geruch des Strohs, der Säcke,
der verstaubten Geräte, zwingt mich
ein Drohbild zu Boden: sekundenlang
sehe ich dich und die Kinder
schmelzen im bläulichen Feuer.

(1980)

(Erschienen in: Friede den Männern, Residenz Verlag, 1982)

Sonntag, 18. März 2012

F-13 DORFSTANDPUNKT

Nach einer Biegung in einer Mulde
gleich neben dem Sägewerk

um einen unsichtbaren Anger herum
liegt schräg das Dorf

an einem mageren Bach: es reicht
bis zum Schloß mit den kupierten Türmen,

den Kastanienbäumen, den scheuen,
dreckigen Schafen im Graben,

bis zum Milchkasino, zur Bäckerei,
zur Dollfuß-Gedenkplatte,

bis zum Kirchturm, zum Wirtshaus
mit dem Telefon hinterm geblümten Vorhang,

es reicht bis zu den Bauern-Zimmern
hinter den spiegelnden Fenstern,

zu den Jahreszeit-Ritualen
in den Höfen, auf den umliegenden Feldern.

Heut ist das Dorf für uns nur
eine bewußt eingesetzte Ablenkung

von übermäßiger Innerlichkeit:
jeder arbeitet an seinen Beziehungen,

den frustrierenden Lieben,
den kläglich endenden Befreiungsversuchen;

den Gleichgültigkeitsanfällen,
den Überfällen beharrlicher Hoffnung;

den abgestandenen Dreiecksverhältnissen,
den Kämpfen um Kinder und Frauen.

Auf jeder Fliege sitzt ihr Herr,
Beelzebub, sag ich, und lacht sich eins.

Als es Nacht wird, strömt aus dem Friedhof warme Luft,
der Geist der unlängst begrabenen Neunzigjährigen,

die jahrelang nur von Schnaps und Brot gelebt hat.
Wir blicken in ihr Haus, sehen nichts,

laufen in panischer Angst zum Kornfeld, lassen uns
fallen, holen uns einen winzigen Trost

von den glimmenden Satelliten,
den Fußabdrücken der Astronauten am Mond.

(1981)

(Erschienen in: Friede den Männern, Residenz Verlag, 1982)

Freitag, 16. März 2012

F-12 NATURDENKMAL

Ort des Nachdenkens:
der wiedergefundene Wald
mit den blauen Leberblümchen,
mit dem braunen Eichenlaub,
mit dem Wind, der hörbar
vom Berg heranschwillt, heftig
über mich hinwegschwappt,
meine Herzstille ertappend;
Ort des Nachdenkens:
die hellgrüne Talsohle
mit dem frisch geschlägerten Holz,
mit dem Traktor daneben,
kein Mensch weit und breit,
nur der Pilot da droben
im Helikopter - Marx oder Freud-,
der sein Hirn vornüberkippt,
das aufklatscht am einsamen
Steinblock inmitten der Wiesen
vor mir, daneben ein Schild:
Naturdenkmal.

(22.3.1981)

(Erschienen in: Friede den Männern, Residenz Verlag, 1982)

Dienstag, 13. März 2012

0094 - IM PRINZIP

im prinzip am sonntäglichen kater völlig unbeteiligt sein
im prinzip aus der sicht einer dreikindermutter
(in wirklichkeit vermutlich eine alte jungfer)

und dagegen gesetzt die am samstag sonntägig
(wie ich mirs vor stelle) rauchenden jungen männer
mit ihren behaarten unterarmen auf den ausdünstungen

ihrer untergebreiteten pölster mit ihrer (unter den augen
einer neugierigen katze) so selbstverständlich weggeblasenen
wochenendlangeweile im prinzip von liebe sprechen

von schrecklich verhemmten wörtern von der notwendigen
wortkargheit von den absonderungen eines begonnenen briefes
der beim wort heirat abgebrochen wurde im prinzip

verheiratet sein mit einer stets (abwesend) gereizten
reizend reizlosen fleischlich fleischlosen inkarnation
von liebe das heißt des augenblicks wo sinn

und berauschung zusammenfiel kartenhaus totenhaus
und stets sich bewußt (bei der wiederholung des wortes prinzip)
bewußt der sicherlich unbewußten (sich verstärkenden)

verschleierung des sinns im prinzip (und das argumentierend sanft sogar)
gegen die leichtsinnig versprochene todesminute sein provoziert
vom anblick eines weges prospekts wo der weg abfällt

und abfallend sich hinter dem gebüsch (des friedhofs)
ins ungewisse verliert und dagegen gesetzt
die reinheit einer schnurgeraden pappelallee

wo sich der weg nicht verliert sondern sanft aufsteigend
entschwindet im prinzip also gegen die idylle
und doch zugleich an den plätzen der idylle

zuhaus zu aufgesparten auswegslosen zeiten da es heißt
aufreizende abwesenheit (so im schweiße steckend)
abwesenheit zu motivieren (vor allem vor sich selbst)

mit der prinzipiellen sehnsucht nach der klarsichtigen berauschung
durch zum beispiel dralle (brünstige) friedhofsnatur
durch das aufklappen des feldbetts (jederzeit möglich)

unterm (jederzeit möglichen) (sinn)himmel
in die strahlen einer (jederzeit möglichen) (sinn)sonne
eines (sinn)monds (sogar über den gräbern) sagst du

(so.9.5.1971)

Sonntag, 11. März 2012

0093 - KRIMIDYLLE

das stille glück in der backstube dauert nur fünf monate dann
sagt sie zum ihm sie sei schon im fünften monat dann
schmiedet er einen teuflischen plan dann
hebt er mit einem gestohlenen spaten vorm dorf ein grab aus dann
besorgt er sich aus der nächsten apotheke 300 cm3 äther als treibstoff für sein
modellflugzeug wie er sagt dann
fährt er nachts seine geliebte auf dem moped in den wald zum grab dann
sagt er keine angst ich tu dir nichts dann
holt er die flasche tropft das mittel auf den mitgebrachten lappen dann
drückt er ihn samt der süßlich riechenden flüssigkeit auf ihr gesicht dann
bricht sie ohne einen klagelaut zusammen dann
reißt er seinem opfer die kleider vom leib dann
schleift er es in die grube dann
schaufelt er sie zu dann
kehrt er ins dorf zurück und legt sich schlafen dann
sagt der bäckermeister er war fleißig und freundlich wie immer er hat der polizei
(fleißig und freundlich) bei der suche in den wäldern geholfen dann
wiegt er sich in sicherheit dann
findet man die tote dann stiehlt er einen roten opel rekord dann
rast er ohne führerschein nach süden dann
nimmt die polizei seine spur auf dann
stellt sie ihn in einem wald dann
gesteht er den mord zu toben beginnt er erst als er das ergebnis der obduktion
erfährt: die hat nur schwanger gespielt damit du sie heiratest

(do.25.3.1971)

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DZL-06 IN DIE HÖHE SINKEN
schwierig zu lesen: Er begriff seine Geschichte. Blatt...
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DZL-07 TISCHLERPLATTE
mein Vater, Tischler, hatte keine Tischlerplatte, er...
e.a.richter - 2015-05-07 13:52
DZL-08 GOLD, GLANZ, HEITERKEIT
sie sagt, ich bin älter als mein Vater, als er zu...
e.a.richter - 2015-05-07 13:51
DZL-09 WIR GLAUBTEN AN...
wir glaubten an das Blut. Dieses Wir ist mit Vorsicht...
e.a.richter - 2015-05-07 13:51
DZL-10 BRAUTMASCHINE
ein Mann braucht nur eine Wand und eine Braut. Er braucht...
e.a.richter - 2015-05-07 13:50
DZL-11 SCHWIMMERIN
wenn sich das Tor geöffnet hat, fährt allen in ihren...
e.a.richter - 2015-05-07 13:50
DZL-12 FRESSEN UND WUCHERN
Gedichte zu fressen ist nicht meine Sache. Ich lese...
e.a.richter - 2015-05-07 13:49
DZL-13 KONTROLLE VERLIEREN
Kontrolle verlieren, im Nebenraum, wo alles aufgetürmt...
e.a.richter - 2015-05-07 13:49
DZL-14 MUNDSCHUTZ FÜR...
es begann mit strahlenden Augen, auf einer Schnitzerei...
e.a.richter - 2015-05-07 13:48
DZL-15 JUNGE FRAUEN...
dem kleinen Mann macht die Situation einen Gefallen: zwei...
e.a.richter - 2015-05-07 13:48

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Zuletzt aktualisiert: 2016-01-06 11:08

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