F-13 DORFSTANDPUNKT

Nach einer Biegung in einer Mulde
gleich neben dem Sägewerk

um einen unsichtbaren Anger herum
liegt schräg das Dorf

an einem mageren Bach: es reicht
bis zum Schloß mit den kupierten Türmen,

den Kastanienbäumen, den scheuen,
dreckigen Schafen im Graben,

bis zum Milchkasino, zur Bäckerei,
zur Dollfuß-Gedenkplatte,

bis zum Kirchturm, zum Wirtshaus
mit dem Telefon hinterm geblümten Vorhang,

es reicht bis zu den Bauern-Zimmern
hinter den spiegelnden Fenstern,

zu den Jahreszeit-Ritualen
in den Höfen, auf den umliegenden Feldern.

Heut ist das Dorf für uns nur
eine bewußt eingesetzte Ablenkung

von übermäßiger Innerlichkeit:
jeder arbeitet an seinen Beziehungen,

den frustrierenden Lieben,
den kläglich endenden Befreiungsversuchen;

den Gleichgültigkeitsanfällen,
den Überfällen beharrlicher Hoffnung;

den abgestandenen Dreiecksverhältnissen,
den Kämpfen um Kinder und Frauen.

Auf jeder Fliege sitzt ihr Herr,
Beelzebub, sag ich, und lacht sich eins.

Als es Nacht wird, strömt aus dem Friedhof warme Luft,
der Geist der unlängst begrabenen Neunzigjährigen,

die jahrelang nur von Schnaps und Brot gelebt hat.
Wir blicken in ihr Haus, sehen nichts,

laufen in panischer Angst zum Kornfeld, lassen uns
fallen, holen uns einen winzigen Trost

von den glimmenden Satelliten,
den Fußabdrücken der Astronauten am Mond.

(1981)

(Erschienen in: Friede den Männern, Residenz Verlag, 1982)
Sturznest - 2012-05-29 18:19

in wirklichkeit gibt es die wirklichkeit gar nicht. in wirklichkeit erzählen sie in ihrem gedicht doch eigentllich folgende geschichte, ein landvermesser bekommt den auftrag ein land zu vermessen, er soll sich im schloss melden, leider meldet er sich dort aber nicht an, sondern geht in die von ihnen genannte wirtschaft, dort fragt er nach einer übernachtungsmöglichkeit, man schaut ihn schief an, legt aber trockene tücher auf den boden und bittet ihn aber ruhig zu sein, dummerweise wird er gefragt, nachdem er sich doch eigentlich schon schlafen gelegt hat, was er eigentlich hier will und anstatt sich schlafend zu stellen, worauf er vielleicht getötet werden würde, aber das risiko muss man eben eingehen, beantwortet er die frage in dem er sagt, ich bin landvermesser. natürlich wird ihm in bester internetmanier gesagt, ein landvermesser wird hier aber gar nicht gebraucht, worauf er aufsteht und um ein telefongespräch bittet. wen er den anrufen möchte, wird er gefragt, nun, die verwaltung im schloss sagt er, worauf die schon sehr angetrunkenen gäste nur lächeln.
Sie halten ihn natürlich für einen Landstreicher, was übrigens ein viel schöneres Wort als Landvermesser ist

frauminsk - 2012-05-31 06:59

wenn die welt wirklich ist
so ist das wort unwirklich
wenn wirklich ist das wort
so ist die welt
die ritze der glanz der wirbel
nein
das verschwindende und die erscheinungen
ja
der baum der name
wirklich unwirklich
sind wörter
luft sind sie nichts

(o. paz)
Teresa HzW - 2012-06-26 17:49

Ein wunderbarer Text.
Es sieht und empfindet wohl jeder, der ihn liest, etwas anderes [und das ist das Schöne, wenn man die hier vermerkten Kommentare liest].
Ich sehe das Dorf, das mir Heimat ist, und die ganze "bigotte Bagage", wie Sie sich abmüht mit ihrem Tagleben, und wie man doch einem jeden von ihnen, von diesen Dorfbewohnern da, etwas Liebreizendes abgewinnen kann: Weil es sich einfach um das Leben von Menschen handelt, das sich hinter jeder dieser Türen da abspielt, und die sind eben nicht perfekt, die Menschen. Wir.

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