Samstag, 1. Oktober 2011

E-04 TOTSEIN GANZ OHNE ROSEN IST NICHT LUSTIG

Totsein ganz ohne Rosen ist nicht lustig –
du warst am Soldatenfriedhof, und alle
Kreuze hatten russische Namen,
die du nicht lesen konntest.

Ich las sie mit deutschem Akzent.
Es waren deutsche Soldaten, die auf den russischen
lagen. Hier, sagtest du, wo wir wohnen, liegen
noch immer französische, auch auf dem Flugfeld.

Niemand liegt über ihnen. Unter ihnen,
in den Hügelgräbern, mitteldanubisch,
unbewaffnete Ahnen. Totsein
ganz ohne Rosen ist nicht lustig, sagtest du,

im Gedanken an Schnitzler, hier eingestiegen
ins Linienluftschiff, er hob ab nach Venedig,
über Felder, jetzt aufgewühlt und umgegraben,
über die Baumaschinen neben der neuen U-Bahntrasse.

Schnitzler steigt ein, neben Bombentrichtern,
den jetzigen Erdhügeln, künftigen Hochhäusern.
Schwankungen überm Gebirge, von der Leere
in der Tiefe ergriffen, über den Gräbern.

Er spürt die Kreuze, die du ihm nachwirfst,
deine Lesebeflissenheit, deinen Nahsehsinn.
Un coup de pistolet...! Er schreibt das, sagst du,
der Tochter, tot in Venedig, er schweigt.

Seine Schrift kannst du lesen,
Totsein ganz ohne Rosen ist nicht lustig –
du warst am Soldatenfriedhof, und alle
Kreuze hatten russische Namen und deutsche

(Donnerstag, 29. September 2011, 20.40 Uhr)


(Weiteres zu "Rosen" hier.)

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