Dienstag, 3. Mai 2011

EU-02 BEAUTY

Schönheit schmerzt doch tötet nicht
wenn ich sie einkreis mit meinen Kunst-
traumforschungen auf extraterrestrischem Gebiet

Schönheit schmerzt und tötet in einem fort
nur den nicht der sich weigert aus seinen Augenblicken
Kristalle zu formen die ihn zwölffach zeigen

Schönheit tötet den Schmerz des Selbst
das sich auslöschen will im fortwährenden Zitieren
einer Welt voller Schärfe Blut und Angst

Schönheit ist die aufgerichtete Stille
nach dem letzten Hauch der das Bild
an den Erzeuger fesselt – subtil und leer

(Dienstag, 18.7.1989,20.30 Uhr, Deal)

(Erschienen in Eurotunnel, Literaturedition Niederösterreich, 2005)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 04)

Montag, 2. Mai 2011

0060 - REIZE BRECHREIZE

reize brechreize
brechen erbrechen
als ob es etwas anderes gäbe als schläge brechschläge
schläge mit der weißen handkante weißer handkantenhände
von oben herab der magen baumelt tanzt einschnürungen
pressen kompressen
mit dem steifen kittel hebamme mit den roten wangen waden
hebamme mit der glühbirne schlägen in der hand
quälwerkzeuge sterne quader pechheißes blei zischende
zukunfthautfetzenschläge
kreuzschläge kreisschläge verharmlost quer heimtückisch
sogenannte heiße schläge mit salz mit rotem salz in die hautwunden
sogenannte umschläge unter der tuchent gegen onanie und oral
hebammen die alles wegwischen vom plötzlich geplatzten himmel
plötzlich geplatzten luftballon
erbrechen geborstener magen von borsten durchlöchert meditierte
stöße bitterst
aufstoßen sodbrennen mundwallungen erkenntnisse bitterst
zacken heißest auseinander schweflig
unmerklicher denkgeruch auch aus dem sicherheitshelm auch im
sicherheitsgurt nichtgelöst doch geschleudert
erbrochenes was in die faust geht
erbrochenes was in den schädel paßt erinnerte trinkschalen
stöße schläge immer wieder stöße schläge ruckartig schläge
auf backen breitseiten
immer wieder während aufzuckt brennen brandrot
kalt dagegen kalt stockend gestocktes erbrechen

(14.1.1970)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 03)

Sonntag, 1. Mai 2011

0059 - IM SPIEGEL

6...5...4...3...2...1... während der vorbereitungen kam es zu keinen zwischenfällen. während die hüllen fielen, die maske heruntergerissen wurde, war alles still. unter der dicken farbe konnte zuerst nichts entdeckt werden, kein gesicht, keine larve, kein antlitz. mit viel mühe und liebe hatte sie sich zurechtgemacht, wie sie sagte, hatte farben gekauft, stoffe, die passenden farben/stoffe, hatte die vorbilder studiert, von oben nach unten von links nach rechts, hatte sie umgedreht, umgeblättert, hatte versucht, die hinterseite der vorbilder zu entziffern, mit viel mühe and liebe, wie sie sagte, und jetzt war sie vor dem spiegel gesessen mit rasch wechselnden eindrücken von sich selbst, der familie, dem haus, der gesellschaft, der radio- und fernsehgesellschaft mit den rasch wechselnden blitzen, blitzängsten, blitzaufheiterungen, blitzfreuden, blitzersatzfreuden, blitzbestätigungen usw., war gesessen mit höchst unklarem kopf (3...4...5...2...1...), etwas völlig verwischtes im spiegel sehend, angelaufen von ihrem eigenen atem, weil sie ihm zu nahe kam, kommen mußte, ohne ihn jedoch abzuwischen, ohne daran zu denken. sie hatte einen augenblick den eindruck eines dampfenden saals, sie fühlte sich sicher, sie hatte die farben sorgsam gewählt. der tänzer war ihrem gesicht zu nahe gekommen, er hatte gar keine annäherung im sinn, er begann zu sprechen. während die motoren aufheulten, wurde zum letzten mal alles überprüft. die ingenieure zitterten, obwohl sie männer waren, die frauen der ingenieure zitterten und dachten an das zittern ihrer männer. plötzlich bedeckten alle die augen, es gibt ein foto davon: sie hoben die flachen, gestreckten hände an die augenbrauen, reckten die hälse, bogen die köpfe auf den gereckten hälsen in den nacken. plötzlich blickten alle in die luft, der ganze saal, die leute auf den bänken, die leute hinter den tischen, die leute auf der tanzfläche, das fernsepublium, alle reckten die hälse, bogen die köpfe in den nacken, rissen augen und münder auf und blickten hinauf. von oben kam aber nichts herab, nur die reflektierten blitze der fotografen. die fotografen waren schnell zufrieden, waren bald mit ihren geräten auf und davon. draußen war es so kalt, daß sich bei einer bestimmten geschwindigkeit reif am vergaser bilden konnte, der natürlich die kraft des motors dementsprechend drosselte. die reflexe der reflexe der blitzlichter draußen im schnee: die zeit ist anscheinend stehengeblieben. der meister mit dem breitgedrückten schädel und der ungeputzten brille hatte das mit dem reif gesagt, der im taubenblauen mantel, während ich ihm gegenüberstand, getrennt durch eine art theke. wir sind erst umgezogen. die ordner stapelten sich auf dem boden im linken blickwinkel, neben die mädchendame mit dem interessanten akzent (und der schlechten frisur trotz der schönen haare) und der fischäugigen mit dem flotten pulli und der flotten hose, während ich den meister fast unsicher anblickte, hier im büro ihm gegenüber, alles wörter einer fachsprache, fast einer fremdsprache, obwohl bildhaft, nicht bildlich. der tänzer mit dem leicht einknickenden gang, mit seiner scheu vorm tanzen, also eigentlich nichttänzer, therapietänzer, nimmt den spruch des psychotherapeuten vorweg. jedes mal, wenn sie von dr. straka kommt, wenn sie also wieder zurückfindet in ihr verrauchtes doppelbettzimmer mit ihren kinderwünschen an den wänden, durch die kälte zurückfindet durch das kalte dunkle vorzimmer an der offenen kalten klotür vorbei, jedes mal bleibt die tür offen oder bleibt zumindest der schlüssel stecken, an dem ein ganzer schlüsselbund hängt mit seinem schlüsseltäschchen. am schlüsseltäschchen sind die schlüssel für das haus, für die wohnungstür links und die wohnungstür rechts. der tänzer hatte nichts von schlüsseln gesagt, nicht daß ich wüsste. nicht so schüchtern war der mann in nöten, von dem sie sagte: da ist ein mann plötzlich vor mir gestanden, und als der schlüssel schon im haustor steckte, aber noch nicht umgedreht war, hatte sie gesagt, hat der auch endlich von mir, meinem arm abgelassen, war beinahe zusammengesackt vor erschöpfung, erleichterung, hatte sie gesagt, also ein mann in nöten, hatte sie gesagt, im nachhinein könnte man sogar so etwas wie verständnis aufbringen, im nachhinein könnte man sogar bei irgendeiner gelegenheit seine hand, seine schmutzige, die er damals beschmutzt aus dem hosensack, hatte sie gesagt, vielleicht sogar zu ihrem tänzer oder zu ihrem verwischten gesicht im spiegel. jetzt wischte sie den hauch vom spiegel, mit der versuchung, mit den fingern, gespreizten fünf fingern strichmännchen, gleich fünf, nebeneinander zu zeichnen, in einem zug. jetzt waren die vorbereitungen also schon vorbei, der große augenblick schon vorbei, es war im augenblick leere. das gesicht des tänzers war neben dem eigenen, noch immer verwischten, nicht zu rekonstruieren. neben ihr der raum im spiegel blieb ein unendlicher, unendlich leerer spiegelraum, flachraum neben ihrem nichtgesicht, ihrer nichtlarve, ihrem nichtantlitz. auch ihre farben hatten jetzt nichts mehr zu sagen. sie nahm die verschiedenen tuben, tiegel, döschen und rückte sie in die leere des spiegels. der taubenblaue meister, die mädchendame, die fischäugige, dr. straka. dr. straka hielt die hände in den hosentaschen verborgen, es war eine spannung im raum, hatte sie gesagt, im raum zwischen mir und dr. straka und dem nichttänzer/therapietänzer, ein gespannter seh-, hör- und riechraum, tastraum zwischen uns dreien. ein einfaches dreieck a hoch 2 plus b hoch 2 ist gleich c hoch 2. ein einfacher raum, siehe-oben-raum, aber doch auch luftraum mit drei menschen als kanten, ein dreidimensionales atmendes dreieck. wie dieses dreieck in ihrem traum zu torkeln begann, wie es sich drehte, umkippte, hinundhersauste, wie es aus der form sprang, andere formen annahm, vierdimensionale und noch andere: das alles erzählte sie dr. straka. auch über den start der rakete (6), über würfelaugen (5), säulenhandkanten (4), windrosen, windsbräute (3), murmeltierstimmen (2), gespitzte ohren (1), über die weckhand (0), die sie zum aufwachen zwang (00). und was der schlüssel am morgen, wenn er noch im schloß steckt, zu bedeuten hat. und was es heißt, wenn er noch am haken hängt. und was die angst zu bedeuten hat, daß einer nachts reingreift, wie man selbst einmal reingriff am türfenster, mit großer anstrengung unter extremer armverbiegung. und schließlich leder, das leder, das weiche leder des schlüsseltäschchens. und klimpern, helles klimpern, schlüsselgeklimper in der dunklen kälte. jetzt war alles still.

(Donnerstag, 15.1.1970)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 02)

Samstag, 30. April 2011

D-07 BLUTKREISLAUF

gleich mehrere Anakondas,
eine davon ein Albino, hellgelb
mit orangeroter Zeichnung,
in den Händen dreier Uniformierter:
sie gleiten mit ihnen durch neue Terrarien
im Haus des Meeres.

Blut pumpt mich durch Orte und Zeiten -
Eklatantes baut sich rundherum auf -
Blut kehrt in sich selbst zurück.

Ein Mann ist Iraker,
sein Bruder Albino -
orangerote Augen und eine Brille
mit Mikroskop auf dem linken Glas.
So kann er von hellgelben Monitoren lesen,
auch von fernen Tafeln.

Blut pumpt mich durch Orte und Zeiten -
Eklatantes baut sich rundherum auf -
Blut kehrt in sich selbst zurück.

Die Fernsehsprecherin trägt heute
ein orangerote Kostüm,
spricht auch bei den Bildern
zu den Leichenfunden im Kosovo
mit sonor-bebendem Brustton,
erweckt Liebeswut, hellgelb.

Blut pumpt mich durch Orte und Zeiten -
Eklatantes baut sich rundherum auf -
Blut kehrt in sich selbst zurück.

Männer messen sich mit Ihresgleichen,
kämpfen auch gegen Frauen
mit vorschnellem Verstand, Streitlust.
Gleich mehrere hellgelbe Anakondas
schlingen sich liebestoll um die orangeroten Hälse
der hyperventilierenden Uniformierten.

Blut pumpt mich durch Orte und Zeiten -
Eklatantes baut sich rundherum auf -
Blut kehrt in sich selbst zurück.

Nicht weit weg die Frau des Irakers,
der eine viel Ältere heiraten wollte.
Jetzt zur Bat Mitzwa spricht sie
über Moab und Österreich,
Willkommen und Prügel für Fremde.
Die Tochter im hellgelben Kleid
entschlüpft dem Getätschel des Rabbiners
ins orangerote unterirdische Klo.

Blut pumpt mich durch Orte und Zeiten -
Eklatantes baut sich rundherum auf -
Blut kehrt in sich selbst zurück.

In irgendeiner ganz fernen Wohnung
wächst ein kleines Mädchen heran.
Auf ihrem Geburtsfoto im Internet
sieht man schon die hellgelbe Anakonda.
Es ist kein Geheimnis,
daß ihr Fremde täglich orangerote Briefe schreiben.

Blut pumpt mich durch Orte und Zeiten -
Eklatantes baut sich rundherum auf -
Blut kehrt in sich selbst zurück.

(Samstag, 26.6.1999, 0.20 Uhr)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 01)

Freitag, 29. April 2011

0058 - LOGISCHE SEKUNDEN

überraschend kauft BAYER 25 % von HÜLS
HÖCHST kauft 51,5 % von CV die 50 % von HÜLS besitzt
BAYER und VEBA kaufen 21 % von CV
BASF kauft 75 % von HERBOL
HÖCHST BAYER und BASF kaufen je 25 % von CASELLA
in den logischen jahreswechselsekunden kauft BASF 25 %
von CASELLA
dazu verkauft die BASF 50 % von CASELLA an HÖCHST
und bezahlt außerdem 280 millionen in bar
HÖCHST verkauft die mehrheitsbeteiligung an der CV an
BAYER und außerdem 25 % von HÜLS
BASF kauft von BAYER die 25 % von HERBOL und erhält
dazu 463 millionen in bar
jetzt besitzt BASF 100 % von HERBOL
HÖCHST besitzt mehr als 75 % von CASELLA
und BAYER 72 % von CV gibt aber die hälfte an VEBA ab

(14.1.1970)

Donnerstag, 28. April 2011

EU-01 ICH BIN DER ESSER DER NICHT ISST

ich bin der Esser, der nicht ißt.
Ich bin der Esser, um zwei und drei und vier Uhr früh, der nicht ißt.
Ich bin der Esser, um fünf und sechs Uhr morgens, der nicht ißt.

Nie esse ich:
Ich esse nicht um sieben, nicht um acht –
schon um zwei und sechs aß ich Brote, Wurst und Käse,
hab alles in winzige Stückchen langsam zerkaut.
Jetzt esse ich mein Mittagsmenü,
Triumph bei jedem Bissen.

Nie esse ich:
Ich liebe die Leere im Magen,
die aufsteigende Säure,
die heisere Aufwachstimme.
Ein ganzer Tag voller Eßmomente liegt vor mir.

Nie esse ich.
Ich erinnere mich an kein Essen:
nie aß ich zu Hause am Eßtisch,
nie im Bett, auf der Straße, im Bus, im Park;
nie in einem Café, Gasthaus oder Restaurant.

Ich bin der Esser, der nicht ißt
der die andern nicht beim Essen sieht,
nie Essen sieht.

Ich bin der Esser, der im Magen lebt, im Darm,
in den Verdauungskreisen, die die ganze Welt umschließen,
in diesem brisanten Prozeß, nie unterbrochen
der mich nachts weckt aus jedem Traum.

Ich bin der Esser, der stets hungrig bleibt,
satt vom Blut,
bis zum Hals voll Luft

(Freitag, 13.07.2001, 8 Uhr, London, Österreichisches Kulturinstitut )

(Erschienen in Eurotunnel, Literaturedition Niederösterreich, 2005)

Einladung

"E. A. Richter: „Obachter“ und „Fliege“

Do, 28.04.2011, 19.00 Uhr
Literaturhaus Wien,
Seidengasse 13, 1070


Lesung & Gespräch

"„Gedichte, die einem nichts vormachen, wo ... das Kalkül die Substanz nicht erdrückt.“ (Wendelin Schmidt-Dengler im Nachwort zu „Das leere Kuvert“).„Neben dem Romancier ... gilt es … immer aufs Neue den Lyriker Richter zu entdecken, einen subtilen Chronisten, der seinen scharfen Blick nach wie vor auf das vermeintlich Unspektakuläre richtet“, so Helmut Neundlinger, der mit dem Literaturexperten Helmut Gollner und dem Verleger Reto Ziegler neben dem Autor an diesem Abend auch zu Wort kommen wird."

Mittwoch, 27. April 2011

O-07 HERZGEDRÖHN

so neben mir her, durch und über die Jahre
außerhalb von Schuld, selbstverantwortungslos.
Bedauern, dauernd, wie schwer mir das fällt.

Ich blick auf, träum, bläh die Haut.
Wind von draußen, Uhr, die stockt.
Herzgedröhn, dicht neben dem Ohr

(Freitag, 23.06.2000, 12.30)

(Erschienen in: Obachter, Edition Korrespondenzen, 2007)

Dienstag, 26. April 2011

D-06 a POSTAVA ZOSTUPUJÚCA PO SCHODOCH

Ľudské telá, moje,
V množnom čísle, akoby som sa skutočne
Rozprestrel do mnohých točitých schodov
Jedna za druhou zostupujúce postavy,
S výhonkami do všetkých svetových strán,
svalové vlákna, uzly nervov,
Krátko zastavené na medziplošinách
Pod kupolou svetla,
Z ktorej to niekedy kvapká:
Kondenzovaná voda, nie ranná rosa –
Paralelný pád
Do vystreľujúcej diaľky pred očami.
Na prízemí som potom mnohosťou domu,
Katalyzátor a agens
Od povaly po pivnicu.
Už vo dverách –
Len viac kvapiek krvi iskrivej hmly peľu

(Preklad Mila Haugová)

(Veröffentlicht in der Zeitschrift „vlna“ („Welle“), Bratislava, 2010.)

Montag, 25. April 2011

D6 - GESTALT DIE TREPPE HERABSTEIGEND

Menschenkörper, meiner,
als Mehrzahl, so als hätte ich mich tatsächlich
aufgefächert in viele die Wendeltreppe
hintereinander herabsteigende Gestalten,
mit Austrieben in alle Himmelsrichtungen,
Muskelfasern, Nervenknoten,
kurz innehaltend auf den Zwischenplateaus,
unter der Lichtkuppel,
von der es manchmal tropft:
Kondenswasser, nicht Morgentau -
den parallelen Sturz
in die heraufschießende Tiefe vor Augen.
Im Erdgeschoß bin ich dann die Vielfalt des Hauses,
Katalysator und Agens
vom Dach bis zum Keller.
Schon in der Tür -
nur mehr Blutströpfchen Sprühnebel Blütenstaub

(Samstag, 15.5.1999)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

Donnerstag, 21. April 2011

0057 - 37 MINUTES 3879 STROKES

mit einem blick zu erfassen die linke gegenüberliegende ecke des zimmers
aus linker & gegenüberliegender wand & über allem liegendem plafond
und im spiegel an der gegenüberliegenden wand die ecke aus linker hinter
mir liegender wand und dem über allem liegen den plafond
das heißt allem gemeinsam ist der plafond: ich selbst kann mich nirgendwo sehen
und die tür ist gefüllt mit glas die geschlossene gefüllt mit einem glas als hätte
mr Robert Morris (37 minutes 3879 strokes) diesmal auf glas meditiert
und an der tür die schnalle sehr wohl zum fliegen geeignet das heißt am türbeschlag
ein gespiegeltes fenster in der form eines flügelquerschnitts
sehr wohl zum davonfliegen dieser schwarze hut mit schwarzer samt & seidenrose
der auch völlig still liegend flattert vor meinen augen das heißt sich langsam auf & abbewegt und zugleich langsam fällt das heißt mit deinem kopf fällt
ich ziehe die luft ein & das zimmer verschwimmt hinter dem vorhang der völlig
still hängend sich bewegt: mit praller lunge sehe ich den schatten dieses zimmers dieses so plötzlich verschatteten (von oben)
und während ich den holzstrich zwischen gegenüberliegender wand & plafond
& linker wand (mit tür) & plafond verfolge zu verfolgen versuche lasse ich luft aus & das zimmer wird so hell so weiß wie nie zuvor bis die augen in den winkeln zu schmerzen beginnen
ich nehme die kamera & werfe sie (bildlich) durchs fenster
ich nehme die verblichenen rosen (bildlich) die so unerträglich fleischlichen
rosen & esse sie (bildlich) auf
ich schiebe den vorhang zurück & sehe kein meer nur nebel
ich sehe die haare auf meiner rechten hand über die geschwollenen adern wuchern
ich beginne an meinen fingern zu saugen
mein magen antwortet meiner nase mit plötzlich flüssiger lust

(di.9.9.1969, Morgat)

Mittwoch, 20. April 2011

0056 - MARTINIKUSS

einer schneidet sich die nägel
vornübergebeugt in den alu-
aschenbecher er spricht
mit seinen fischaugen & handkanten
die schere am dreckigen band:

unter lloyds bank kapitalien grün
eine stechendrot angeführte schlange
aus köpfen rümpfen & einem gesicht noch
ganz deutlich voller schlaffalten
schlafffaltern: 10 uhr 41 42 43 44
45 46 47 48 49 50 jetzt

jetzt ist es zeit jetzt schmeckt
vielleicht am besten ein martini kuß
ein martini kuß für verliebte wie uns
rosso & bianco zärtliches glühn
jetzt nach dem eisigen ekel acid

(so.7.9.1969, Ramsgate)

Dienstag, 19. April 2011

0055 - LANDSCHAFT MIT TRAVELIN

unser zimmer hatte die nummer 19
nachts sah ich anstelle der schwarzen wand ein plakat: riesiger baum
auf hellgrünem rasen weiß gestrichene gatter
was bedeutet ein verkehrszeichen wie dieses -L
ein aus holz geschnitzter pudel mit einem geringelten schwanz &
langem blondem haar
nur um der atmosphäre willen sagst du
dunkelgrünes schild mit gelben ziffern nackte häuser
eine nackte frau inmitten von perlendem wasser kalte grüne reklame
sie bewegt sich in zeitlupe aus ihrem arsch ragt ein federbusch
ornamente stickwerk am himmel
sehr deutlich zum beispiel deine magenkonvulsionen deine
oszillierende brust
ein kerzengerader zug der sich in richtung aug bewegt mit einem hellen pfiff
das meer ein sehr hellgrauer streif & davor ein sehr dunkler wellentrog
häuser wie man sie als kind sich vorstellt: fenster tür rauchfang
vorhang blumen
und daneben eine erdbeere genauso groß wie das haus hängend mit
dicken schwarzen tupfen
viele liebe dinge nicht niedergeschrieben sagst du
das pulver wirkt nämlich schon langsam sagst du
unser zimmer hatte die nummer 999

(so.7.9.1969, London-Ramsgate)

Samstag, 16. April 2011

0054 - GERUCHSFELD

dein körper alle deine dinge riechen nach stark parfümierter seife
doch keinerlei geschmack nach vollkommenen dingen im mund auf der
geschwollenen zunge
alles was ich weiß wird von stricken festgehalten
alles andere ist ein unsichtbarer käfig
die stachelhaut der leiber die in der vierten dimension
jetzt bremsen den kopfschmerz ausbremsen zugleich kuppeln synopse
ich sehe die schrift tableaus vivants stückwerk vieler jahrhunderte
eine art konzentration die gerade das gegenteil zu sein scheint das
heißt zerstreuung
der vorhang unbewegt die bleistifte die papierrosen unbewegt
einzig die lider schnipseln
das sonst so gefällige wachs hinterläßt flecken die dochte erinnern
an lunten
jetzt würde ich gern spielen und dem sumerischen engel auf dem tisch
die drei nadeln noch tiefer ins köpfchen drücken
doch der tisch ist kein arbeitstisch sondern gedenkstätte dich berauschend
beruhigender dinge
ich will leben doch dein geruch ist so unwirklich daß ich mich hinwerfe und
das atmen eine weile einstelle
zurück bleibt ein erinnerter weiblicher strauß ohne ironie doch haltbar

(fr.20.6.1969)

Freitag, 15. April 2011

F-07 GESCHLECHTERFEINDSCHAFT

Die Feindschaft bricht auf
so eindeutig wie alles
zwischen uns: zwischen
den blauen Heften, den unleserlichen blauen
Kinderschriften herausleckendes
Feuer, kalt machend
wie der Himmelsfrost.
Zwischen den Zeilen
die ungesagten unaussprechlichen Sätze,
die sich wiederholen,
die ungeschlachten Augenblicke,
die sich wiederholen.
Die Wiederholung
wiederholt sich.
Du gehst weg,
der Heizlüfter singt,
der Wasserhahn tropft,
ich friere in den Zehen.

(1981)

(Erschienen in: Friede den Männern, Residenz Verlag, 1982)

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„...Dies ist der Versuch eines komprimierten Familienromans, zugleich ein Reisebericht, der an einen Ort führt, wo die Kriegsschäden an den Menschen und deren Behausungen noch unverhüllt sichtbar sind. Lena und Stefan, von den gegensätzlichen Seiten der Geschichte kommend, unternehmen, sich zwischen Überlebenden und deren Nachkommen bewegend, einen Versöhnungsversuch...“ (Klappentext)

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