Dienstag, 17. Mai 2011

0064 - AMTLICH BEHANDELT

man kann, sagte der student, doch gleich einen polizisten holen. der schaffner (die schaffnerin) in voller amtstracht, mit amtskappe amtspfeiferl amtsjacke amtshose(rock) amtszange, mit amtsmund amtsaugen amtsohren amtshoden(brüsten) amtshänden amtsfingern amtshoden(vulva) amtsfüßen amtszehen amtschuhen, der schaffner (die schaffnerin) begann zu amtieren. der student hatte die mappe unter den arm geklemmt, eine riesenmappe, völlig intransportabel, doch bemüßigt zum transport, ein geschäft, das er sich nicht entgehen lassen dürfe, hatte der vermittler dieses geschäfts gesagt, unter keinen umständen. das echo war geteilter natur gewesen, die gutachter waren dort gesessen, hatten „gut, leider“ gesagt und „leider gut, zu gut“, wobei sich das „gut“ leider dem „leider“ zu gut anglich, nicht einmal ein bedauern, vielleicht einige bedauernde laute aus ihren sückelnden mündern, bedauernswerte geschöpfe, ein bedauernswertes geschöpf, wer? er, der student, vor ihren nassen/trockenen (sückelnden) mündern (augen), gut leiden, ich kann mich gut leiden, ich konnte mich gut leiden, ich konnte sie, gut, leider. er hatte keines ihrer gesichter mehr in erinnerung. die gutachter standen auf, und gingen einer nach dem anderen hinaus, nur er blieb wie angewurzelt stehen. der student blieb wie angewurzelt stehen, oder er stürzte als erster hinaus, mit wehenden fahnen, keuchend unter der last der mappe. oder er ließ die mappe einen augenblick liegen, das heißt er hatte gegen ihren aufgeklappten flügel, den linken arm gestemmt gehabt, den zog er jetzt weg, ungeachtet des aufwirbelnden staubs, und stürzte im hinausstürzen wieder herein: es war eines seiner fundamentalen erlebnisse. ein alptraum, so eine mappe, hatte er gesagt, daß meine erinnerungskraft so versagt. kein autobus hatte angehalten, zu solchen stoßzeiten, mit einem solchen stoß zeichnungen in einer solchen mappe, mit beinahe tränen in den augen, er, mit galle im mund, mit solch einem alptraum inmitten nichtsahnender leute. wie sich die pneumatischen türen öffneten, schlossen, mit lautem paff, wie die leute mit völlig verschlossenen gesichtern völlig abwesend aneinandergepreßt, mit ihren arbeitstaschen eng aneinandergepreßt, in der schwebenden zuckelnden hüpfenden stockenden rotweißen kapsel standen, wie sich die pneumatischen türen öffneten, schlossen. der 13er ist eine unglückszahl, aber auch der 17er, den es gar nicht gibt, der 9er, der 5er, der 1er. die gutachter waren zu einem verwischten übergutachtergesicht zusammengewachsen, sie waren an dem zusammengesackt stehenden studenten vorübergehuscht, nicht er an ihnen. er sah sich jetzt unter wasser, im kalten, des donaukanals, im schmelzwasser der traun enns ybbs erlauf melk pielach traisen tulln wien, und neben ihm treibend, geradezu lustig auf und ab trudelnd, die ganze gutachtergilde, jeder einzelne wundenlos, aber mit den verschiedensten aufblähungen/fratzen, jeder auf seine weise spastisch, epileptisch, verurteilt zu epilepsie. es war eines seiner fundamentalen erlebnisse, der student, der ihm aufs haar glich, begann mitten ins gemurmel, mitten in die folge erhobener zeigefinger des vortragenden zu schreien. es war eine botschaft, die kam gurgelnd aus der linken mittleren fensterreihe, die riß die gesichter dorthin. das würgen im hals hat nachgelassen, sagte der student, mein beinahe eingeschlafener arm ist gezwungenermaßen erwacht, ich war entschlossen. plötzlich stand ich entschlossen mit leichter, aber unhandlicher mappe im pneumatischen paff, ich sprang, hangelte mich hinauf, war drinnen, war hinein zwar durch die verbotene tür, war aber drinnen und sah die wirklichen gesichter, atmete, sah, immerhin mit geöffneten augen, ganz im gegensatz zu den gutachtern, die nicht sahen oder eine andere zeit sahen, andere gesetze, für ihn gegenstandslose. die unglückszahlen begannen sich zu drehen, drängten sich in reih und glied mit gezückter karte vorbei, jeder fahrgast hat eine gültige fahrkarte vorzuweisen, eine ungültige wegzuwerfen, womöglich schon vor dem betreten des wagens oder im sack zu belassen und eine gültige karte beim schaffner (bei der schaffnerin) zu lösen. der student kam mit dem zählen nicht mit, ich bin ja gar nicht abergläubisch, sagte er, er atmete, obwohl, was er atmete, arbeitskluftluft war, arbeitslungenluft, arbeitshaarluft. das schreien verstärkte sich. es war schwer zu hören, denn der lärm, der aus der umgebung des schreiens kam, wurde lauter. doch er ging hin. er kannte den studenten nicht, der ihm aufs haar glich, war an mitleid nicht interessiert. es läßt sich leicht in den schaum um den mund blicken, wenn man vorher ein amtsgesicht bei der verkündigung einer amtsbotschaft gesehen hat. die fratze war nicht wieder zu erkennen, obwohl es ein mensch wie er war. die zuckungen waren ohne schaudern zu betrachten, wenn man vorher die verzerrung eines amtsgesichts während der verkündigung einer amtsbotschaft gesehen hat. der schmerz in den augen läßt sich leichter ertragen. die vertierung der stimme läßt sich leichter ertragen, wenn man vorher die stimme aus einem amtsgesicht gehört hat. man kann, sagte der student, doch gleich einen polizisten holen, aber niemand hörte ihn. er atmete, aber niemand hörte ihn. er war kaum wiederzuerkennen, er hatte die verbotene tür benützt, er war links hineingegangen, nichtsahnend, hatte sein geschäft verrichtet, hatte dabei keine obszönitäten an den wänden bemerkt, an sicherlich nicht frisch gestrichenen, keine schwänze und fotzen dort gesehen, nur sich selbst im spiegel, mit etwas verdunkeltem, leicht verzerrtem gesicht, nichtsahnend. und gleich die frau, erbleichend, weich werdend, die in der tür wie angegossen stehenblieb, wie ein begossener pudel mit ihren löckchen unter dem kopftuch hervor. es war gewiß die falsche tür, doch der student konnte atmen. mit einem alptraum von mappe, mit gezückter gültiger karte, durch die verbotene tür jetzt atmend. die amtstracht begann sich zu rühren, amtskappe amtspfeiferl amtsjacke amtshose(rock) amtszange, amtsmund amtsaugen amtsohren amtshoden(brüste) amtshände amtsfinger amtshoden(vulva) amtsfüße amtszehen amtschuhe begannen sich zu rühren, der schaffner (die schaffnerin) begann zu amtieren, und der rasch herbeiholte polizist mußte nicht assistieren.

(mittwoch,18.2.1970)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 18)

Montag, 16. Mai 2011

0063 - MIT ATROPIN

atropingespritzte oder mit sonst einem gift augen
augen daß man auf einen meter entfernung (1 m e) nichts sieht das heißt doppelt
sieht mit plötzlichen katzenpupillen
du siehst die mit siehe oben gespritzen augen der greisinnen über ihren
wangentäschchen hinter ihren riesigen ringbrillen wie hinter mattglas
und wände BERÜHREN VERBOTEN
und türen BERÜHREN VERBOTEN
und hinein ins labor in die schwarze pupille hinterm vorhang: kinn aufstützen stirn
anlehnen auf den lichtpunkt blicken
es ist kein punkt ein ausgezackter lichtblick ein blickchen
und rechts und links grün und rot was gedreht wird erlaubtes verbotenes
kreiselnd
und von rechts nach links von oben nach unten buchstaben zahlen von a bis z 1 bis 9
(in 1 m e)
wir haben hier umsonst schweiß abgesondert dieser winzige raum macht in wirklichkeit
niemandem angst
sicherlich rot wird die ärztin auftauchen rot duftend im nächstbesten traum
wir werden die alten verjüngen die jungen heranreifen lassen blitzschnell
wir werden die tapeten beschmieren den boden aufreißen in die tür unsere namen
herzen einritzen
wir werden jetzt den text da problemlos lesen können all das so nahe & nächstliegende

(jänner 1970)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 17)

Sonntag, 15. Mai 2011

D-08 WANDBILD MIT BETT

fast ein Gesichtsloser, gleich neben mir
an der Wand , der sich vorbeugt,

um die linke Brust einer kopflosen
Frau zu küssen, beide in Grau,

mit überlappenden schwarzen Schatten.
Aus einer S-förmigen Schlange

wächst ein geschwänzter Schädel pfeifenartig,
mit einer vibrierenden blauen Kugel

oben drauf. Zwei frei schwebende Hände
begrenzen gestikulierend

eine siebeneckige gelbe Fläche,
aus der sich kakteenartige Pflanzen erheben,

dunkelrote Beeren auf den Dornen, in der Mitte,
schmelzend, ein heftig pochendes mexikanisches Herz.

Dieses Bild spielt keine Rolle mehr in den Träumen.
Ohne Widerstand lebt die Wand neben mir Tag und Nacht.

Hinter einer Scheibe aus Gleichgültigkeit
wartet sie auf einen Überschuß

an Leidenschaft für den Maler.
Er ist ihr Urheber, nur ihn liebt sie

(Mittwoch, 19.5.1999, 22 Uhr)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 16)

Samstag, 14. Mai 2011

E-02 TRESOR

mit voller Absicht dieses Fundwort: Tresor. Ist das Ohr
ein Tresor? (Tres Ohr?) Ist dieses Sirren, das so nah
der Sprache erscheint, ein Dauerton, ganz aus der atmenden
Nähe, auch aus der Sternenferne, Widerhall von Lichtjahren,
die nie aufhören würden, sich zu äußern, auch ohne offenes
Ohr? Achja, offen, ohne geöffnet zu sein, schreiben, ohne
geschrieben zu werden, sehen ohne Sicht und doch Durchblick?

Ein Frühling, der hinterm linken Ohr hinweht. Es ist auch ein Wehen
am Bildschirm, schwankende Helligkeiten inmitten schimmernder
Schwärze – schwarzer Monitor, der zweite, dritte, und darauf
ein schlaffes Blatt, das sich nie erheben würde, wenn nicht
ein Pfauchen aus mir herausbräche, künstliche, sehr gesteuerte
(beteuerte) Wut. Gestern Wut, heute keinerlei Reue. Ruhe.

Nach dem morgendlichen Aufbruch des Personals tagsüber Ruhe.
Das Personal ruht auswärts. Das Licht zuckt über die schwarze
gerahmte Fläche – nur Reflexion von Papierhaufen hinterm Rücken.
Rücken und Nacken gestreckt, steife Selbstbewahrungshaltung.
So der Schmerz (und ein solcher auch direkt hinterm Ohr) beinahe
wie ausgeschaltet, weggesperrt in ein anderes Zimmer, achja,

dort unter dem Bett, der fraglichen Wand rechts, die nie fragt,
sondern starrt voller altmexikanischer Vorausahnungen.
Jetzt Pause, auch aus dem Magen, mit herausragender Sonde
hin zum linken Ohr – wer wagt es, mir deshalb Linkshändigkeit
zuzuschreiben? Ich selbst erfand sie mir unlängst, ohne Not.
Ich sei Linkshänder gewesen, gewalttätig umgeschult.

Sah mich als Schüler, dem das Ohr zornig wuchs in der Hand
des Lehrers, der es wusch und salbte, auch Stirn, Nase und Wangen.
Zu welchem Zweck? Solch ein Lehrer kommt aus dem Tresor der Zeit,
die zugleich so unwahrscheinlich zusammengepreßt unterm Stuhl lauert.
Der Stuhl (sonst das Allerlauteste im Raum) schweigt. In der kleinsten
Bewegung die Möglichkeit, daß alles auf einmal abblättert und
ich mich hinausstürzen muß bei der Tür in die Natur voller Herzweh

(Freitag, 13.05.2011, 15:37 Uhr)

(Fundstelle: http://www.aleatorik.eu/2010/11/30/%E2%80%9Edie-ganze-zeit%E2%80%9C-wenn-ein-text-ein-tresor-ist/)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 15)

Freitag, 13. Mai 2011

E-01 SCHATTENBLITZ

vorhin dieses Foto des jungen Kafka, schön schwarz-weiß und
ganz zufällig, wie auch immer ein solcher Zufall zu werten ist,
der sich innerhalb eines unkalkulierbaren Gespinsts ereignet,
so auch wie jetzt wo ich – im Rahmen einer Absicht – auf
ein Gedicht stieß, dessen Äußerlichkeit – als Buchstabenpaket –
schon eine eigentümliche Verschlossenheit transportiert, die mir –
im Augenblick – nur den Zugang zu einzelnen Wörtern erlaubt,
Denken, Vogel, Luft, Schatten, mich – als allererstes –
mit Schattenblitz verquickt, einer Worterfindung/Wortfindung,
die mich auf mich selbst zurückverweist, andererseits – und das ist
vielleicht der Sinn – ganz mit dem allgemeinen Lebenserhaltenden,
das mir und allen anderen um mich herum derzeit zur Verfügung
steht, Luft, wozu ein Satz von gestern wieder auftaucht: nicht
das Herz, sondern die Lunge sei das wichtigste Organ, was ein
üblicherweise Vergessenes ist, auch von Ärzten, und – wieder
von gestern – Vogel, eine Schar Vögel am Spätnachmittagshimmel,
ein Rudel, Pulk, Zug in Formation, Krähen – Saatkrähen, Nebel-
oder Rabenkrähen – auf dem Weg zum Nachtquartier, ehe die
Sonne untergehen wird (so die gesprochene Zeile), hinter
dem Dachhorizont, der Rauchfangbatterie, unter einer
voraussichtlich – im Vergleich zu mexikanischen Sonnen-
untergängen – bizarren Wolkenformation und entsprechend
barocken Lichtstrahlenblenden, derzeit – an einem ganz
anderen Ort – ersetzt durch gleichmäßig durchwachsene
Dunkelheiten, aus denen heraus sich noch unbelaubte Zweige
ins Blickfeld schieben, womit ich leicht schließen kann, nicht
mit dem Wort Wüste, das kein Fundament für mich darstellt,
keinen Ort der Sehnsucht, keinen aus Träumen, kein Traum-
führungsziel, keine Instanz zum Wagnis von Unsichtbarkeit

(Montag, 4.4.2011, 19.58 Uhr)

(Siehe dazu das Gedicht von Daniela Danz bei Aléa Torik.)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 14)

Donnerstag, 12. Mai 2011

EU-06 MA (DERING STREET)

niemanden zwang Ma. Er blendete
mit seiner Nacktheit, den langen
Haaren, seinen Mädchenlippen.

Er kochte für alle. Nicht alle
durften mit ihm essen, nur Auserwählte,
an ausgewählten Orten.

Manche durften tun, was sie wollten,
auf einer Bühne. Dort mußten sie,
wie angekündigt, etwas mit ihm machen,

nur eine Sekunde oder noch kürzer.
Das war der Moment auf dem Foto,
den er mit seinem Lächeln ausgelöst hatte

oder einem herrischen Handzeichen.
Er konnte klatschen und diejenigen,
die ihn dabei berührten,

erstarrten zu Gelähmten,
deren Lähmung nur er lösen konnte.
Er löste sie immer.

Er tröstete sie mit seiner Mädchenhaut,
dem Mädchenmund, seinem Mädchenpenis.
Nie schaffte es jemand, ihn mit Blut zu füllen.

Nie entglitt ihm die Herrschaft über sich und die andern.
Er verteilte Augenblicke der Schönheit,
die man nicht essen konnte

(Donnerstag, 12.07.2001, 12.40 Uhr, London)

(Erschienen in Eurotunnel, Literaturedition Niederösterreich, 2005)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 13)

Mittwoch, 11. Mai 2011

F-09 MICHIS BLUT

Sein Blick durchs vergitterte Fenster, wie wir aussteigen;
als der Wärter die Tür öffnet, bleibt er verschwunden,
bis ich sein halbes Gesicht hinterm Ofen entdeck und er kreischend
hervorstürzt. Er weiß unsere Namen nicht mehr, will sofort
ins Auto, mit dem Auto in die Stadt, zu den Geschäften.
Vor den Auslagen hälts ihn nur kurz: Colts, Panzer,
eine Cowboyausrüstung wie die, die ihm einer verbrannt hat;
ein heftiger Schmatz durchs Glas auf die Schnauze des Bären, weiter,
weiter, trotz der Magenschmerzen vom vielen Cola
aus dem Automaten im Durchgang, runter zur Donau,
vorbei an den Schrebergartenhäuschen auf Stelzen - im Spaß
springen wir sofort ins eisige Wasser, und Michi spielt Retter,
eine Sekunde, dann packt ihn das Mitleid mit einem treibenden
Holzstück, bis ihn ein winziger Hund zurückscheucht.
Die Schläge der Pfleger, sagt er; er schlägt mit den Fäusten
zurück, sagt er; die haben vor ihm Angst, die sind krank,
alle sind sie krank. Er fällt mich an, ohne Übergang,
beißt mich in den Hals, schmust mich heftig ab. Plötzlich
hat er Hunger. Im Wirtshaus die gestohlenen Comics, Tarzan
und Donald, er blättert schnell, Analphabet, trotz der zwei Jahre
Schule, zack puff. Er entdeckt die Kellnerin, verfolgt sie,
zack puff, reißt den Fotoapparat an sich, knipst sie
ins verlegen lachende Gesicht, mehrmals. Als das Essen kommt,
ist der Appetit fast weg. Nach einigen Bissen stürzt Michi zur Tür,
raus auf den Platz, stürzt sofort wieder rein, wegen der Totenstille:
die spinnen, du spinnst. Noch im alten Jahr, sagt er,
wütet der Dinosaurier, trotz der Schlaftabletten im Mund
zertritt er Häuser, Fabriken, Autos, Menschen
auf der Flucht, und überall ist Blut auf den Straßen, Michis
Blut, vorgestern abend im Fernseher.
Und der Neue Mensch wartet, ein ganz anderer,
schön wie ein Ei, ohne irgendein Folterwerkzeug
hinterm Rücken, ohne Mordgedanken, ganz Freundschaft und Liebe,
der wartet im doppelt versperrten Keller oder
in einem der kahlen Bäume unter der Rinde,
der wartet aufs Losungswort, zack puff,
jetzt spinn aber ich. Dann tritt die Anstalt
wieder ins Blickfeld, wir sitzen im Patientencafé,
und Michi, das einzige Kind, hantiert mit der Kamera,
schleicht sich auf allen Vieren an ein zahnlos
turtelndes Paar ran, zwingt die bleiche Blonde
grinsend zum Rockhochheben, kriegt den Traktatleser
mit Bart ins Visier, den Dicken im Nadelstreif,
aber ohne Zigarre: er tut, als wär kein Film drin,
als wär Fotografieren ein Verbrechen, auch
vor der staubigen Krippe hinterm Christbaum,
vor den Disneyfiguren über der Hobelbank.
Wieder mit uns vor der grifflosen Tür, sagt er, er will
nicht weg aus dem Männerhaus, nicht weg
aus dem Zimmer mit den zehn Betten, nicht
zu den fünfzehn Michis ins Heim -
die bringt er alle gleich um am ersten Tag,
und nicht mit dem Messer: er drückt
ihnen einfach die Luft ab.

(1981)

(Erschienen in: Friede den Männern, Residenz Verlag, 1982)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 12)

Dienstag, 10. Mai 2011

F-08 IDYLLE MIT DROHBILD

An der Weggabelung entscheiden wir uns
für links, für uns und die Kinder, das eine
am Rücken, mit einem Mund voller Luftbläschen,
das andere hüpfend vorn oder schreiend
hinten, und wir gehen hinter den Häusern
vorbei, an den Silos in Richtung Schloß
unter unerwartet milder Sonne, und der ältere
Bub springt übers umgefallene Gatter hinein
ins bekannte Geheimnis, ins milchige Licht-
und Schattenspiel unter den Kastanien, lockt uns
zum frischumzäunten Graben, zur bemoosten,
statuenbewehrten Steinbrücke, zum Wunderbaumstumpf:
da lauern reglos Hunderte Käfer, alle
mit einem roten Kreuz am braunen Buckel.
Bettelheim, sagst du, zählt eine Unmenge
Umschreibungen für Massenmord auf, redet
von der Mitschuld der Alliierten
an der Judenvernichtung. Am Güterweg
startet ein Bauer seinen Traktor, fährt
ein Jauchefaß aufs Feld. Unser Kleinkind
sticht seinen Zeigefinger in die Luft:
im Kukuruzacker will er Kolben abbrechen,
entblättern, abnagen wie unlängst.
Und sein Bruder reißt meine Hand an sich:
ich soll ihn tragen, wie vor vier Jahren
im Hohlweg zum Sendemast am Bisamberg.
Wieder im Stadel hinterm Hof,
überfällt mich der Geruch des Strohs, der Säcke,
der verstaubten Geräte, zwingt mich
ein Drohbild zu Boden: sekundenlang
sehe ich dich und die beiden Kinder
schmelzen im bläulichen Feuer.

(1981)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 11)

(Erschienen in: Friede den Männern, Residenz Verlag, 1982)

Montag, 9. Mai 2011

0062 - TANTENTEXT

weil da oben die tante steht, weil der tisch zur seite gerückt werden muß, weil man sonst nicht dazukommt, weil der tisch staubig ist, weil das essen draufsteht. es ist zeit zum abendessen, die großmutter wartet schon. die großmutter wartet schon, denkt die tante, das bett der großmutter steht hinter dem verschlag, es ist noch ungelüftet. der arzt war schon dreimal da. weil essensreste, verdauungsreste, lebensreste und rückstände an, auf und in allen gegenständen, in allen zimmern zu bemerken sind, weil die luft schal ist, eine geruchsluft. weil im halbdunkel in der halbdunklen ecke vor dem kasten da oben auf dem staubigen, vorher schreiend abgeräumten tisch, den rock steif vom essen, vom essensdreck, von der ausgetrockneten essensfeuchtigkeit, vom rotz, vom schleim, von der schleimansammlung ihrer eigenen und der der großmutter, die unter der schweren tuchent im feuchten zimmer liegt, die mit fieber, das sie fantasieren läßt, liegt, besser fantasieren als fantasielos vegetieren, sie vegetieren, sagt der bruder bzw. sohn, sie sind wie tiere, sie ersticken im dreck, welche tiere ersticken im dreck? der bruder bzw. sohn steht in der ecke und hebt den krampen. am bett der großmutter ist nichts zu rütteln, auch nicht an ihrem erinnerungsgebäude aus ihren besten stunden, aus ihren völlig veränderten besten stunden, bei ihrem erzähl und ausschmücktalent, alles handarbeit als ehemals im schuldienst tätige, sozusagen spezialistin für stick- and strickarbeiten. es ist schwer für herrn petok, nein zu sagen. er steht in der rostigen gartentür and hält seine tasche mit den eben gekauften marillen schon lange in der hand, die faulen kommen zum vorschein. es ist diesmal eine ungewöhnlich lange geschichte. na sehn sie, sagt die großmutter, und herr petok sieht wirklich das junge mädchen und die jungen verehrer des jungen mädchens und die rettung des jungen mädchens durch den hübschesten jungen verehrer. die luft ist zu riechen, die marillen faulen, sie faulen wie eh unter je, aber herrn petoks frau macht ihrer ungehaltenheit zum letzten mal luft, bevor sie ihn suchen geht. weil die installateure den boden nicht aufreißen wollten, weil ihnen ihre frauen wie immer von der pfuschzeit etwas wegstehlen wollen, weil auch der samstag den frauen gehören soll, weil die kinder einmal aus der fernsehwahrheit entkommen sollen dürfen. die tante dreht die birne heraus, ihr bruder haut mit dem krampen so in den beton, daß alles zittert und scheppert. die birne in der einen hand der tante, der krampen in der einen hand der bruders. die frauen der installateure sind meistens ehemalige, zumindest die frau des einen. was die großmutter von der arbeit der installateure mitgekriegt hat während ihrer gürtelrose. was im alten doktorbuch steht über gürtelrose. was aber auch drinnen steht über keuschheit und onanie: daß keuschheit erlaubt und onanie verboten, und daß der sogenannte keuschheitsgürtel beiden bestens diene. was die installateure und die frauen der installateure sicherlich nur mehr höchst vage in erinnerung haben. was sie von derzeitiger lust und derzeitigem lustgewinn wissen aus erster und zweiter hand. was sich beide denken, welchen unterschied sie spüren beim berühren der flanschen, beim berühren von flachs, beim drehen der gewindeschneidemaschine, beim anblick des glühenden metalls in der schweißbrennerflamme. was die tante weiß von ihrem entlaufenen mann, während des kriegs einfach abgehauenen manns. ob sie die fotografien, falls vorhanden, manchmal nach oben dreht. gewußt habe ich natürlich nichts, sagt herr petok, ich lasse die nachbarn halt reden. die namen der nachbarn sind unbekannt. sie wohnen halt da, man sieht sie halt manchmal mit kind und einkaufstasche, man hört so manches, das kind, die einkaufstasche, das kind hat schwarze augen, die mutter blaue, die waden der mutter sind fast so dick wie das kind, die waden gehen, das kind geht, und die pralle einkaufstasche schwebt daneben schlenkernd durch die luft. was die tante den nachbarn erzählt, was von der wahrheit der tante in ihre umgebung gedrungen ist, von ihr aufgesogen worden ist, für welche farbveränderungen die tante verantwortlich ist. woher der wein stammt, der aus der unabsichtlich zertrümmerten flasche rinnt und den dann der bruder bzw. sohn aus neugier(?) kostet, wobei ihm diese kostprobe einen verdorbenen magen einbringt und eine kurze furcht vor vergiftung. der rotbraune fleck im gelbbraunen sand, das neu eingeleitete licht im keller, der frisch abgerissene verschlag, die im verschlag in einer morschen kiste gefundenen weinflaschen. man sieht einen mann, der die jugoslawischen trauben von der hecke im schrebergarten abklaubt, die trauben händisch preßt, den saft in flaschen abfüllt, den saft gären läßt. man sieht einen toten mann, der die jugoslawischen trauben von der hecke abgeklaubt hat. was die großmutter träumt, sagt sie nicht. aber in ihren erzählungen, auch in denen, die sie nicht erzählt oder die sie nur zu erzählen beginnt und nicht weiterkommt, weil dann diejenigen, die zuhören sollten, sich umdrehn und weggehn, nachdem sie sagten oder auch nur dachten: wir kennen das schon, obwohl sie es noch gar nicht kennen, jedenfalls nicht in dieser fassung, ist dieser tote neben vielen anderen toten ein besonderer toter, wohl wegen des weins. was der draht zu bedeuten hat, der hier aus dem mauerwerk ragt, warum ihn die tante um keinen preis angreifen mag. die birne ist jetzt in der fassung, die krampenspitze unter dem bretterboden. der schrei ist jetzt noch im mund der tante, der schrei noch im mund des bruders/sohns, die milchflaschen noch in der einkaufstasche, die brotwecken die semmeln das mehl der zucker das salz, was die nachbarn halt so zum kochen brauchen. die genügsamen nachbarn, die hinter zerbröckelnden mauern unter dem schadhaften dach bei schwachem licht sowohl tags als auch abends. nachts sind die nachbarn schwarz, die tante und die großmutter auch, ihre fenster und türen mit papier verpickt, packpapier, zeitungspapier, sie wollen nur ihr licht, ihre luft. es ist unser mittagessen, sagen die installateure, sie sind ganz blaß, sie halten sich ihre bäuche. wenn wir die katze erwischt hätten, die würde jetzt an der wand kleben. was ihre frauen zu solch empfindlichen mägen sagen, wie ihre mägen auf andere gerüche reagieren, auf haarspraygeruch und haarschampoogeruch und haarcremegeruch und haarfärbemittelgeruch, auf die gerüche ihrer noch nicht zimmerreinen kinder. wenn der große pappi gleich umfällt, wie soll der kleine pepi grad stehn? der lampenschirm in der einen hand der tante, der krampen in der einen hand des bruders. katzen liebt sie über alles, sagt herr petok, wobei aber zu bemerken ist, daß das hier stadtkatzen sind im gegensatz zu den landkatzen. stadtkatzen stinken, landkatzen riechen. die stadtkatzen fressen aus einer schachtel voll durchnäßter sägespäne, die neben der kellerstiege steht. die installateure gehen jeden samstag die kellerstiege mindestens zwanzigmal auf und ab. der schirm in der einen hand der tante, der krampen in der einen hand des bruders. weil die großmutter nebenan hinter der dämmplattenwand unter der feuchten tuchent mitten in der schalen luft mit ihrer gürtelrose im gesicht und dem fieber im ganzen körper. weil die tochter sich ihrer mutter erinnert, weil krankheit die eine herrisch, die andere hilflos macht. weil begründungen fehl am platz sind. weil der mann der tante, weil sie von der rente ihrer mutter, weil sie ohne mutter nicht, weil begründungen fehl am platz sind. weil die bewegung fortgeführt werden muß, weil die zeit nicht stillsteht. es ist zeit zum abendessen, die großmutter wartet schon. die zeit der großmutter ist in der zeit des herrn petok nicht mehr die zeit der großmutter und schon gar nicht in der zeit von herrn petoks frau. der arzt war schon dreimal da, aber was kann ein arzt gegen ein doktorbuch? das doktorbuch wird aufgeschlagen, und herausspricht die zeit, in der man jung war, und nur die jugend zählt. na sehn sie, sagt die großmutter, aber diesmal spricht sie mit sich, das heißt mit ihren erinnerten verehrern, mit ihrem erinnerten lebensretter in seiner hübschen jugend. nur den lärm hinter der dämmplattenwand, den kann sie sich nicht erklären. doch er klingt für sie weiter weg, als die tante befürchtet hat. noch immer die tante mit dem schirm in der einen hand, der bruder schon zum wievielten mal mit dem krampen in der einen. der boden zittert, staubt, der löschkalk staubt, der rock der tante ist voller staub, auf dem staub der tischplatte kann man die tritte der tante zählen, der schweiß auf der stirn der bruders bzw. sohns ist grau. herr petok steht in der tür und ist beinahe nicht zu sehen. als dann der schirm am boden zerbirst, bleibt die krampenspitze im soeben durchschlagenen brett stecken. als der schuft aus dem mund der tante herausgeschleudert ist, duckt sich der bruder und läßt den krampen stecken. als der mörder aus dem mund der tante herausgeschleudert ist, duckt sich herr petok. der bruder richtet sich auf und springt zum tisch. als der mörderbruder beim tisch steht, schleudert die tante ein messer aus ihrem mund. der bruder nimmt es mit seinem mund und ersticht sie. als der bruder die wirkliche hand genommen hat, als der bruder die wirkliche. na sehen sie, sagt die großmutter zu herrn petok, der gar nicht vor ihr steht, sondern eine unzahl von verehrern, die alle ein bißchen den installateuren ähnlich sehen, die marillen essend auf den bäumen im schrebergarten sitzen. na sehen sie, sagt sie, ich weiß, was ich sage

(sonntag, 8. bis dienstag, 10.2.1970)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 10)

Sonntag, 8. Mai 2011

EU-05 WEDDING & BEAUTY (GERRARD STREET)

es war dein Geburtstag
welcher, wolltest du nicht sagen.
Ich wußte, ich durfte es nicht verraten
hier im Harbour City.
Mein Magen, sagte ich
und trank nur Cola, aß nur Reis.

Du hattest fünfzig Lippenstifte ausprobiert,
auf dem linken Oberarm.
Wir waren auch schon im Teddybärengeschäft gewesen.
Ich hatte die meisten Stofftiere berührt:
Willst du das? Oder das?

Du verneintest stets, wünschtest dir
nochmals einen Gang durch die Electric Avenue:
Brotfrüchte kaufen,
exotische Fische hin- und herwenden,
mit den Verkäufern fachsimpeln.

Ich sollte inzwischen im McDonald’s sitzen,
endlich Fotos von Schwarzen machen -
hatte ja nur so getan, als würde ich abdrücken,
dir damit den Geburtstag schon im voraus versaut.

Doch die Strafe war der Geburtstag selbst:
die Erwartung, daß er ausblieb,
daß es kein Tag werden würde,
der dem Einwickelpapier entstieg wie ein Präsent,
kein Tag voller Geschenke,
die genau deinen Wünschen entsprachen.
Ein Tag, an dem du ohne irgendeinen Wunsch aufwachtest
und bis in die Nacht hinein wunschlos durchhieltst.

Achtung!, sagte der Kellner, Aufnahme!
Achtung, Wedding & Beauty!
Er öffnete die Tür zum Studio -
Bräute, mit arglos vornüber gebeugten Köpfen.
Und rechts chinesische Zeichen,
immer kleiner im Hintergrund versinkend.

Wir verließen das Lokal in die andere Richtung.
Dort wartete das Glück in Form von kleinen Blitzen,
die du, wie ich dir prophezeit hatte,
erst bei völliger Dunkelheit im Kleiderschrank sahst –
beim langsamen Zerdrücken meiner Hustenbonbons*),
mit offenem Mund und einem Spiegel davor

*) WintOGreen Life Savers
(siehe Robert L. Wolke, Was Einstein seinem Friseur erzählte, S. 114 ff)

(Donnerstag, 12.07.2001, 12.30 Uhr, London)

(Erschienen in Eurotunnel, Literaturedition Niederösterreich, 2005)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 09)

Samstag, 7. Mai 2011

EU-04 DÄMMERUNG (HYDE PARK CORNER)

keine Reiter, keine Läufer: drei Frauen.
Eine lag mit dem Kopf auf dem Schoß
der anderen, beide lachten unmäßig.
Und eine Blondine in hellem Mantel,

nach vorn gebeugt vor einer Bank, und
unter ihr stocksteif ein Mann. Es schien so.
Es schien so, als ob die gelben Rosen nicht röchen.
Es schien so, als sei es kühler als gestern.

Frösteln trotz langer Ärmel. 12. Juli,
und wir hatten das Wechselspiel satt:
Wolken am Himmel, die sich in Windeseile
vor die Sonne geschoben hatten, unentwegt.

Und jetzt kalter Wind aus dem Gebüsch,
von den Bäumen, von überall her. 15 Grad.
Wir hatten keinen Unfall gesehn,
waren schon vorher nicht in die U-Bahn gestiegen:

denn zwischen Waggon und Röhre
würde kein Platz zum Durchkommen sein.
Wir wollten uns nicht vorstellen, wie der Zug
irgendwo auf der Strecke hält, und nichts rührt sich

niemand weiß etwas, und Hitze und Panik
steigt auf von allen Seiten, blitzschnell.
Jetzt im Zimmer, im 5. Stock, erhitzten wir Wasser,
füllten eine Plastikflasche, die sofort schrumpfte

und lang nicht anzufassen war. Schließlich
tranken wir aus der Leitung. Alles fühlte sich
enttäuscht, matt und unberührbar an:
Tür, Vorhang, Fensterglas, Bettdecke, Haut

(Sonntag, 6.8.2000, 22.40 Uhr, London)

(Erschienen in Eurotunnel, Literaturedition Niederösterreich, 2005)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 08)

Freitag, 6. Mai 2011

EU-03 SCHWARZWEISS (BRIXTON ROAD)

hinter dem Schwarzen im Bus
mit dem Mini-Handy am Ohr
die ganze Brixton Road entlang,
und noch weiter bis zum Piccadilly –

neidische Blicke auf schwarz-weiße Paare,
einander heftig umarmende Flanierer,
was hieß: verdrehte die Augen
nach draußen, lachte, gurrte: ah ah ah

wollte gleich das Vollbild, wo
ist dein Vollbild, hast du eins, schicks mir,
wann, gleich jetzt! Und: Hast du Zeit,
nie hast du Zeit, heut abend, wo bist du,

du mußt kommen, ich warte –
so viel gespielte Verachtung und Hohn
für weiße Londoner Mädchen: ah ah ah
mit versagender Stimme, die Haut

an den Fußsohlen reibend, streifte
über die Nägel, fast unhörbar, nur
sein Atem kam näher, wie er tief Luft holte,
während des Lachens zu röcheln begann,

wie ihn ein Husten aus dem tiefsten Innern
überfiel, nicht mehr zu stoppen war,
Gekeuche, schon am Boden, krumm,
um ein bißchen Liebe und Sauerstoff

(Sonntag, 6.8.2000, 22.40 Uhr, London)

(Erschienen in Eurotunnel, Literaturedition Niederösterreich, 2005)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 07)

Donnerstag, 5. Mai 2011

0061 - DIE ENTDECKUNG DES TEMPELS DER LIEBE (ODER: MOND LIEBE MOND)

die reste waren ausgegraben, die erde war heruntergekratzt, grundmauern, treppen, säulenbasen standen frei da, miß love stand frei da neben dem torso, love in einem kurzen kittel, womöglich blau, mit kurzem schatten, mit der rechten im kittelschlitz, der linken am faltenwurf, vom hintern des torsos weg zur kniekehle hin, mit womöglich gebräuntem körper, mit kurzem womöglich blauen schatten, neben dem strahlenden torso, kopflosen körper, mit ihrem leicht nach rechts, leicht nach vorne gebeugten kopf und den harten schatten im gesicht, mit spielbein und standbein spielerisch neben dem abgewandten torso womöglich von liebe, love neben liebe. wer einen (liebes)garten sein (liebes)eigen nennt, kann die (liebes)idee des privat(liebes)schwimmens schnell und problemlos verwirk(lieb)lichen, wenn er sich der erfahrung(sliebe) eines (liebes)spezialisten bedient. die reste waren ausgegraben, love wischte sich den schweiß von der stirn. das foto zeigte einen swimmingpool der dritten generation, die (liebes)private (liebes)welle wogt. love sagte, wie man sagt, die grundmauern, treppen, säulenbasen ergäben ein rondell von 17 metern durchmesser, und drinnen, in der mitte, stehe, wie man sagt, völlig nackt, von der arbeit schweißtriefend, von der ungewohnten sonne, voller staub unter einer staubkruste, die erst jemand abkratzen müßte, superlove vielleicht, die aber erst kommen müßte, und unter der kruste, die fest sei, beinahe steinhart, stehe, so sagt man, in ihrer gebräunten womöglich schönheit, in ihrer völlig unverletzten (intacta) willenskraft, strahlendheit neben der erscheinung ihrer entdeckung des tempels der liebe, rondells, was den beschreibungen, zeichnungen, allen verhandenen, entspräche. womöglich war der tempel tatsächlich offen, sagte love, und der jetzige torso allseits den jetzigen scherbenbringern, damaligen blumenüberreichern gänzlich offen. schwimmbecken aus plastik, kunst(liebes)stoff, edel(liebes)stahl; kieselgur(liebes) und quarzsandfilter; raumluft(liebes) und wasseraufheizgeräte; finnische sauna(liebes)anlagen; komplette schwimmhallen(liebe); schwimmbad(liebes)zubehör; reinigungs(liebes)chemikalien. als armstrong den mond betrat, stieß love auf die grundmauern, treppen, säulenbasen. als armstrong den mond betrat, schwebte hüpfte, stockte, seiltanzte, schnursprang, blubberte, trällerte, träumte, schwebte, hüpfte, stockte, seiltanzte, schnursprang, blubberte, trällerte, träumte auch love. mond liebe mond, schrie love wie unter großer anstrengung, nackt unter der kruste, schweißtriefend. scherben, mondgestein, schrie love. archäologen, futurologen, wir haben jetzt faktisch den mond ausgegraben, schrie love. und wieder waren es die amerikaner, schrie love, die eine (liebes)entwicklung vorweggenommen haben, die auch hierzu(liebes)lande hohe (liebes)wellen schlägt. mondsichel, halbmond, vollmond, wir haben den mond ständig vor augen, schrie love im meer der stille, im herz der wissenschaft. wir, schrie love, eine glatte, staubige ebene, die durch keinen uns auf erden vertrauten prozeß entstanden sein kann, schrie love, völlig erschöpft und fröhlich. für 70 gr porto können sie natürlich alles erschöpfend genau erfahren über private schwimm(liebes)anlagen. wir fanden im staub, schrie love, das glied, schrie love, eines hübschen mamornen fingers, überleben(liebes)groß

(dienstag, 20.1.1970)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 06)

Mittwoch, 4. Mai 2011

EU-02 WEDDING

wir heiraten beide die Kunst sag
ich du als Mann ich als Frau:
dreieinig arbeiten wir abwechselnd
mit- und gegeneinander. Wir drehn uns
überraschend für alle fahren aus
der Küchenhölle hinab in den Abfalleimer
unter dem Teppich kopieren die Mauern
millimeterdick aus Bazillenmatsch.
Niemand hat mehr Macht über uns.
Unser Bau hat jetzt 27 Stockwerke
erstaunlich leicht zugängliche Wohnungen
einen Lasten- und einen Personenlift
einen stets allegorischen Hausmeister
und ist unfehlbar wie das nackte Leben

(Mittwoch, 19.7.1989, 18.15 Uhr, Brüssel)

(Erschienen in Eurotunnel, Literaturedition Niederösterreich, 2005)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 05)

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