Donnerstag, 14. April 2011

0053 - SCHWÄRZE

gedrucktes was bedeutet das schon
sprechen aber auch abbrechen müssen mitten im satz weil
die toten schwarzen käfer ein elend sie kommen nicht vom fleck:
ich erliege einer blendung blendwerk räucheraal
geölt & der blitz aber butter am kopf & schmalz als hirn oh
wies tropft wie die tropfen klopfen
the raven: die tür zu das fenster zu aber Minerva der
hirnlose gripsgips als sockel schwärzester verfolgung
dem wächsernen Poe die locke abschneiden die abgeschnittene
locke um die gurgel der erscheinung ein ruck & zurück
bleibt ein einziger tropfen ein häufchen federn
macht nicht viel federlesens mit solch einem film lest die folge
von hell & dunkel als nichts anderes als chiaroscuro
sonst wachsen euch buchstaben unentwegt in die augen
augen mit solch einer tiefen verletzung die sehen nur mehr geister
abbrechen müssen weil man stets die schwelle überschreitet und
davor ein abgründiges gurgelndes loch
ich verbeiße mich in der fallenden schwärze verbeiße mich im
stäubenden federnfall es folgt aber nur ein mäandriger schrei

(fr.20.6.1969)

Mittwoch, 13. April 2011

0052 - MONDJAMMER

die hinterseite ist jetzt die vorder-
seite die unterseite auch die ober-
seite: eine allseits sichtbare kugel
geröll gebirge & einige richtig hüb-
sche vulkankrater: einer sieht aus
wie? der Fudji jama sieht Fudji aus
der wie? wie? der aus Fudji sieht
jama Fudji der wie? aus sieht eine
hinterseite wie? vorderseite wie? un-
terseite wie? oberseite die vergleiche
schwirren durch die atmosphäre des
unvergleichbaren durchs all mond
wie? erde erde wie? haus haus wie?
zeit zeit wie? mensch mensch wie?
ich ich wie? ich am rücken des ber-
ges am hals der flasche am fuß des
stuhls usw. bräunlichgrau bräunlich-
weiß weißlichgrau tiefgerillt mit glat-
tem grund wie? sehr nasser lehm wie?
der Fudji jama wie? das objektive
auge das alles sah wie? das objektiv
das alles sah wie? die umwelt des
sehenden jetzt sprechenden wie? die
sprache des sprechenden wie? die ge-
schwindigkeit der abkehr rückkehr
zur sprachkugel wie? sehr nasser
lehm ich wie? ich mensch wie?
mensch zeit wie? zeit haus
wie? haus erde wie? erde
mond wie? mond

(juni 1969)

Dienstag, 12. April 2011

D-05 ZWEI STÜHLE

an der Wand zwei Stühle:
hochhäuptig, kerzengerade.
Ich unterstelle ihnen die Wachsamkeit
der Besitzer, ihre Spitzelsucht.

Sie beobachten jeden Schritt,
jede meiner Handgreiflichkeiten,
strahlen zurück mit ihrem aufgeladenen Gedächtnis.
Es sind unsterbliche Pflanzen,

die nur Weltherrschaft anstreben.
Zur Beruhigung erzähle ich ihnen meine Träume,
den Schläfer links hinsetzend, den Wachen rechts.
Der Schläfer robbt sich auf einer Eisfläche voran,

zusammengeschobenes, wieder gefrorenes Packeis,
das sich wellenartig erhebt,
über opake und stellenweise glasklare Flächen.
Er bewegt sich unaufhörlich vorwärts

mit den hoffnungsvollen Schlägen
des Schmetterlingsschwimmers.
Plötzlich eine honiggelbe, nachgiebige Masse,
worin er versinkt.

Kaum wie von einer unsichtbaren Hand befreit,
steht er auch schon wieder am Ufer.
Der Wache verwickelt ihn in ein Gespräch,
befragt ihn zur Konsistenz dieses Stoffes,

zum Wunder seines Entkommens.
Er verweist auf den Kopfschmerz,
der den Schädel als Rosen-Kranz umgibt.
Gern hätte er sich auf des Schläfers Rücken gebunden,

eine Heliumblase im Brustkorb.
Noch besser: als Hubschrauberpilot
hätte er ihn sofort an einem Seil
aus der Gefahrenzone geschafft.

Doch der Schläfer sonnt sich im Traum,
beharrt auf eigenständiger Rettung.
Jetzt sind die zwei Stühle
Schatten, harmlos, gleißend

(Mittwoch, 14.7.1999, 11.30 Uhr)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

(Blick zum Nachbarn: Fragment 02.)

Montag, 11. April 2011

0051 DIE FALLE

wesen ohne unterleib: gewiß nicht vom Pluto
wesen ohne unterleib: nicht aus einer praterschau
ohne unterleib: schüler höherer schulen
unterleib: eine fata morgana (der verdurstende sieht eine regenwolke sandtropfen
ertränken ihn)
aber sie werden die tür aufreißen zum kabinett mit den überdimensionalen schwänzen
& fotzen mit der überdimensionalen (göttlichen) fickmaschine
trotzdem riecht hier alles wie immer nach kernseife
die eingeseiften treten heraus mit riesigen krebsen in ihrer vorstellung
draußen ist scheinbar alles ruhig die wimmerln vermehren sich rasch die schnecken
begatten sich selbst die spinne frißt ihr männchen schläuche bäuche sind sünde das zeigen die wörter
fatale krümmung des rückgrats: sie werden die zukunft tragen wie ihre hemmung
gelernt sich zu bücken ducken auf jedwede weise doch ungelernt im ejakulieren auf
jedwede weise
ohne parfüm ohne leichtigkeit ohne spielerei: sie schweben nicht sie tappen blind
blindlings
die falle ist riesig: sie klappt nicht zu sie gibt nach jeder raserei nach man kommt aber
nicht vom fleck

(so.15.6.1969)

Sonntag, 10. April 2011

0050 - GEGENGESICHT

zur flöte des kindes hilfreich gesang & das alles vermutlich gegen den altweiberdreck
das kotfleisch
ich entdecke mich darin eingeschlossen entdecke die kalte gegenflöte in mir meinem
herzen: flötentabulatur flötenluft/duft flötenlöcher alles geht flöten
ich entdecke den kalten gegengesang er schlüpft durch die löcher poren: in den löchern
poren leuchten luftbirnen auf
ich entdecke die schlottrigsten arschbacken die sich mir zuliebe vermutlich
die schönsten furze abquälen
vermutlich sind wir jetzt inmitten der schneidendsten blähung kolik: mit den frischesten
kitzspitzen mit dem saftigsten rammlerbart mit dem schlegeln der bauchtrommler meinen zerbrechlichen fingern (die flugzeuge stürzen ab wenn sie an die luftleere decke stoßen)
kannibalische lautpresser/fresser: meine finger
ich entdecke hinter der tapetentür den noch nie gesehenen neurologen: schatten
über den herzen der patientinnen ihr zweites herz
die stille danach ist nicht andächtig dankbar sondern ekelerregend: ein plötzliches
ohrensausen: kalte gegentöne
ich entdecke mich kalt auf der couch hinter der tür & glaube erleichtert an die
fieberröte meines gegengesichts

(so.15.6.1969)

(Blick zum Nachbarn: Freaks Nr. 37.)

Samstag, 9. April 2011

D-04 ELSTERNGEDICHT

im Sitzen, auch Stehn schimmert sie vorbei,
Elster, weißbäuchig, spitzschwänzig,
auf stahlblauen Schwingen

aufblitzende Felder -
lärmt nicht um den Tod Christi,
ist nicht schwatzhaft oder gar streitsüchtig,

wenn sie schwierigen Wörtern nicht gewachsen ist.
Zu zweit schäkern sie von Zeit zu Zeit
von einem Wipfel zum andern,

mittendrin völlig still,
was immer sie da tun,
fühlen, denken, Elsternleid minimieren.

Dann wieder schönfiedrig
von der wehenden Birke
in eine der Nachbarsfichten.

Gelegeverluste rühren mich nicht,
aber der Anblick eines so treuen Paars,
das mit Drahtwürmern Schnecken Grillen Spinnen

lebenslang sich umwirbt und nährt.
Ich wage keinen Mucks auf dem kippeligen Feldbett,
erpicht auf einen Anflug Zutrauen.

Nur einmal saß eine der Elstern
unter der Birke im Gras so nah,
daß ich mich vergaß:

schon entfloh sie
dem greifbaren Begehren,
und ich schalt mich, kettete mich zur Strafe

in meinem Brustkorb fest, mußte Schönheit, Scheu,
viele Wörter mit "sch" am Anfang,
miteinander reimen, bis nur noch Speichel rann

( Sonntag 18.7.1999)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

(Blick zum Nachbarn: Freaks Nr. 39b.)

Freitag, 8. April 2011

0049 - TRAUM VON PFERDEN

während aber die pferde stillhielten wirbelte der nebel blau her
aufschreiende stille: ein in die lunge gekrochenes jubelndes röcheln
geiflernd geichlernd geißlig bont: der kopf in meinen händen war
von aalen durchsetzt
ich ergriff meine hoden es war morgen
du mußt mir bis an den rand folgen ich sag du mußt du mußt
du erzählst mirs Anna: wie das feuer auftauchte wie das wasser sprühte
menschlich brennendes entsetzen weil der blitzende schmerz weil die hauchdünne klinge
der wald ging auf & Anna bamstig eine geschwollene sonne
ich werde das wiehern abstellen: lautlos einbrennen die zeichen der
besitzer: der wald dampft
in die hohle kugel in die hohle hand in das hohle herz etwas geritzt
das niemand erwartete
während über mir der see schaukelte unten meine füße in nebel gewickelt
du zählst eins zwei drei vier fünf sechzigtausend herabfallende ich:
sie sind beinahe körperlos
sie weiden dort drüben die sonne geht auf: ich verlier sie plötzlich
aus den augen

(juni 1969)

(Blick zum Nachbarn: Freaks Nr. 39a.)

Donnerstag, 7. April 2011

0048 - ZEITGEFANGENE

mit deiner uhr hab ich anteil an deiner zeit
deine zeit kann ich sichtbar auf meiner hand verfolgen
ich verfolge haare deren herkunft ich nicht kenne auf meiner zunge
deine zunge hat wurzeln geschlagen sechs geschlagen in mir
schon im ersten schlag liegt die gesamte grausamkeit eines geschlechts
das sich nur in der wiederholung steigern kann
wiederholte annäherungsversuche an eine vereinfachte zukunft
einfach im wind den hut lüften & sagen aha
aha was mir zufliegt weibliche sonne weiblicher tau weiblicher morgen
mit bloßen händen einfangen
die plötzlich gefangene zeit
die gefangene zeit von plötzlich solcher bewußtheit
es ist zeit sich zu erheben anstelle des zeigers sich selbst zu bewegen

(mai 1969)

(Blick zum Nachbarn: Freaks Nr. 37.)

Dienstag, 5. April 2011

D-03 KÖNIGE EINHORN 1

die sogenannten Könige oder auch nur
Könige, sagte sie, Judäer, ihre

Köpfe, zerschunden, abgeschürft,
augen- und kinnlos, halb-

seitig in der kollernden Zeit,
entmenschlicht: oder eigentlich

schon immer wie aus Stein in
ihrem Gehabe, jetzt nicht mehr

überprüfbar: diese Steinköpfe,
sagte sie, in dem wunderhellen Licht,

das einen bleibenden Schimmer erzeugt,
weiche, tagtraumhafte Plastizität

in diesem Saal, wo ihre Häupter
wie die von Geköpften zu dritt oder

viert ein wenig von oben herab,
und das auch wegen ihrer Über-

lebensgröße, sagte sie: also diese
Steinkönigshäupter, die sie

umgaben, um sie anzuhauchen
mit fröhlichem Todeshauch,

mit der lautlosen Mahnung,
nie wieder zu flüchten

vor einem Anblick, der sie so verstörte
wie die enthaupteten Rümpfe daneben,

als wären sie in einem ihrer bedeutungs
schwangeren Faltenwürfe festgefroren:

ein Jammer, der doch keiner war,
weil sie ja Lust gestreift hatte,

Übermut, Aufbegehren über die
Zeiten hinweg: sie sah sich nun

frei, befreit vom Klammerherz,
um sich zu öffnen. Und sie konnte ihren Blick,

sich selbst wieder abwenden, ohne
Schrecken. Und licht,

leichten Schritts,
kam das Einhorn

(Dienstag, 6.4.1999, 1.30 Uhr)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

(Blick zum Nachbarn: Freaks Nr. 34.)

Montag, 4. April 2011

0047 - MÜD

der zustand wird nicht beschrieben sondern projiziert: müd
eine umstürzende wand eine zerfallende mauer: schwer
das auseinanderklappen senkrechter schichten: entblätternd
das entblätterte zentrum: schwer

der solarplexus: bebend
die radikaldurchstechung das auslaufen der flüssigkeiten: langsam
die hochaufgeschwollenen warzen: erstarrend
die milchflaschen die darauf erstarrten milchspuren: tastbar

tastbare widerstände: hörbar
ein brausendes langanhaltendes erlöschen: hörbar
über die katarakte stürzt mit einem mal der ganze nil: brausend
die glieder türmen sich durchwässet am boden: müd

das geschwollene wirkt feist das feiste: blau
auswürfe aufwürfe der müdigkeit: durchwässert
maulwürfe: blind
im samt ein gehirnchen aus gerangel von regenwürmern: erstarrend

wie die tropfen güsse die erde zertatschen: müd
wie die erde ein bett ist: müd
wie der körper die erde ist: müd
wie das fallen der körper ist: müd

(mo.19.5.1969)

(Blick zum Nachbarn: Freaks Nr. 36.)

Sonntag, 3. April 2011

0046 - HUNGER

hunger: ein wort zum essen hunger: der fadenschatten durch die schritte
einer viertelstunde vieler viertelstunden
der blick nach innen macht alles synchron: auch mädchen
ein zufälliges muster was sich von oben darbietet: mein aufgestiegener
hunger riecht & äugt
langsam den speichel sammeln gustieren: auswahl reihenfolge
äpfel birnen feigen jegliches obst: mädchen
mein schäumender schwappender speichel: solche bläschen in der lunge
die knistern nach pneumothorax
erste hungerhilfe: zufällig mädchen
das gesamte objekt umkreisen unmerklich seine sphären verletzen
unmerklich eintauchen mit schnabelartigem krallenartigem zahnartigem
energiefelder hautdünste lautfolgen durchkreuzen während schmerzhaft
deutlich im sinn die vorformen nachformen des hungers: oberer unterer hunger
hunger sucht die form mädchen erklärt die form mädchen zerstört
die form mädchen
eine bewegung eine spritzende auseinanderflucht als wäre ein stein
vom himmel gefallen
haare: widerspenst stopfknäuel würgflechten: haut: gespannt durchblutet
von feinster textur: fleisch: eine extremform von fleisch: blut: es ist warm: knochen
etwas wie schreie weil etwas wie haut zerrissen weil etwas wie blut fließt
mädchen essen hunger essen
mädchunger schmeckt hart & trocken erst nach längerem kauen schmeckt
es weich & süßlich
es schmeckt aber nur zum vergessen
das wort essen essen

(mi.21.5.1969)

(Blick zum Nachbarn: Freaks Nr. 35.)

Samstag, 2. April 2011

D-02 (sk) PRÁZDNA OBÁLKA

Nespokojná s úlohou
Vlastnej prítomnosti na stole,
Rúk, ktoré sa miešajú s inými,
Celkom určite vec náhody;
Nie premyslenej voľby:
Obkolesené smrťou, jej pachom –
je to cudzí sen
z jednej knihy z Yalom.

V strede listov z času,
Ktorý nepretržite ubieha medzi
Prstami vystrihovačky nožnicami:
Ktorá sedí strihá, lepí, mizne
Ten pach, žije v búrke,
Ktorá sa rýchlo rozšíri.

Všetky jej obrazy, listy v jednom balíku
Čo mi dala previazaný stužkou.
Vnútri obálka, imúnna
Voči rozpadu, plesni smrti.
Niekto ju rozrezal,
Teraz je prázdna.

Neskôr na ulici stará
Špinavá topánka,
Ktorá sem asi spadla –
Ako tá na povale, ktorú
Som ako žiak musel tak často kresliť.
Patrila starému otcovi, ktorý bol
Osobou ktorá neustále tárala
A rozčuľoval sa nad prítomnosťou.

Pritom žiadny pach smrti,
Len spomienky nohy
Na chôdzu, skrvavenie počas práce,
Nútený pohyb vpred na podložkách,
Ktoré sa pretlačili, bez toho aby prehovorili

Vo sne sa podrážka oddelí od topánky,
Vo mne chýbajúca odvaha,
Primálo sebaodhalenia.
Podošva duša: Čo strácam?
Biele bláznovstvo, bláznivý rozum?
Čo získam?
Hviezdy roztavujúcu hudbu.

(Preklad Mila Haugová)

(Veröffentlicht in der Zeitschrift „vlna“ („Welle“), Bratislava, 2010.)

(Blick zum Nachbarn: Freaks Nr. 27.)

Freitag, 1. April 2011

D-02 DAS LEERE KUVERT

unzufrieden mit der Rolle
der eigenen Elemente auf dem Tisch,
der Hände, die sich mit anderen mischen,
ganz sicher eine Sache des Zufalls;
nicht einer ausgeklügelten Wahl:
umgeben vom Tod, seinem Geruch –
es ist ein fremder Traum,
aus einem Buch von Yalom.

Inmitten von Briefen aus Zeiten,
die ununterbrochen auslaufen zwischen
den Fingern der Scherenschneiderin:
sie sitzt, schneidet, klebt, verschwendet
diesen Geruch, lebt im Gewitter,
das sich schnell verzieht.

Alle ihre Bilder wie Briefe in einem Paket,
das sie mir verschnürt übergibt.
Darin ein Kuvert, immun
gegen Fäulnis Zerfall Tod.
Jemand hat es aufgeschlitzt,
jetzt es ist leer.

Später auf der Straße
ein schmutziger alter Schuh,
der da herausgefallen sein könnte -
wie derjenige auf dem Dachboden,
den ich als Schüler so oft zeichnen mußte.
Er gehörte dem Großvater,
war ein Wesen, das unvermutet plapperte
und sich über die Zeiten empörte.

Darin kein Geruch des Todes,
nur Erinnerungen eines Fußes
ans Gehen, Blutigwerden während der Arbeit,
Zwangs-Fort-Bewegungen auf Untergründen,
die sich durchdrückten, ohne zu reden.

Im Traum löste sich die Sohle vom Schuh.
In mir fehlender Mut,
zu wenig Selbstenthüllung.
Sohle oder Seele: Was verliere ich?
Weise Torheit, törichte Vernunft?
Was gewinne ich?
Sternenschmelzende Musik?

(Dienstag, 13.7.1999, 14 Uhr)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

(Blick zum Nachbarn: Freaks Nr. 32.)

D-02 DAS LEERE KUVERT

unzufrieden mit der Rolle
der eigenen Elemente auf dem Tisch,
der Hände, die sich mit anderen mischen,
ganz sicher eine Sache des Zufalls;
nicht einer ausgeklügelten Wahl:
umgeben vom Tod, seinem Geruch –
es ist ein fremder Traum,
aus einem Buch von Yalom.

Inmitten von Briefen aus Zeiten,
die ununterbrochen auslaufen zwischen
den Fingern der Scherenschneiderin:
sie sitzt, schneidet, klebt, verschwendet
diesen Geruch, lebt im Gewitter,
das sich schnell verzieht.

Alle ihre Bilder wie Briefe in einem Paket,
das sie mir verschnürt übergibt.
Darin ein Kuvert, immun
gegen Fäulnis Zerfall Tod.
Jemand hat es aufgeschlitzt,
jetzt es ist leer.

Später auf der Straße
ein schmutziger alter Schuh,
der da herausgefallen sein könnte -
wie derjenige auf dem Dachboden,
den ich als Schüler so oft zeichnen mußte.
Er gehörte dem Großvater,
war ein Wesen, das unvermutet plapperte
und sich über die Zeiten empörte.

Darin kein Geruch des Todes,
nur Erinnerungen eines Fußes
ans Gehen, Blutigwerden während der Arbeit,
Zwangs-Fort-Bewegungen auf Untergründen,
die sich durchdrückten, ohne zu reden.

Im Traum löste sich die Sohle vom Schuh.
In mir fehlender Mut,
zu wenig Selbstenthüllung.
Sohle oder Seele: Was verliere ich?
Weise Torheit, törichte Vernunft?
Was gewinne ich?
Sternenschmelzende Musik?

(Dienstag, 13.7.1999, 14 Uhr)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

(Blick zum Nachbarn: Freaks Nr. 29b.)

Donnerstag, 31. März 2011

O-06 GLÜCK

Glück, kurzes, kann jeder, auch du:
beim Wiedererkennen die Schwarze,
im Untergrund Dunkelbraune, die alles
Weiße wegoxidiert hat.

Glück: unter einem Glasdeckel
vier Äpfel. Dampf, Kardamon,
Zimt, Stechmesser, Fingerloch. Glück:
was hinter den unsichtbaren Linsen ist,

wo das erträumte Försterhaus steht,
an dem wir anstreifen, ohne es zu betreten?
Schwimmendes Eis, Unterführung, Straßenlärm,
Allee, kerzengerade, mit Hunden,

die sich überfordern mit riesigen Prügeln im Maul,
falsch angepackt. Glück: im Frauenbett
jungfräuliches Zappeln, im Takt der Erinnerung
an Eltern, die knapp hintereinander gegangenen

(So, 28.01.2001, 15.20)

(Erschienen in: Obachter, Edition Korrespondenzen, 2007)

(Blick zum Nachbarn: Freaks Nr. 33.)

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