Dienstag, 19. Juni 2012

0110 TAGESSCHAU

die heuschrecken in der pannonischen tiefebene
werden durch den blitzbesuch indischer rosenstare
(nestbau eiablage brut & aufzucht in maximal 6 wochen)
angekündigt kronprinz Rudolf zeigt in den briefen an Billroth
eine art von verfolgungswahn in der überschätzung
der gegnerischen kräfte bei entsprechender unterbewertung
der eigenen zwei drittel der erzeugten fernwärme
werden in kühltürmen sofort wieder vernichtet
abtreibung sei trotz der dunkelziffer von 70.000
kein empfehlenswertes mittel der geburtenregelung
im chor die tonleiter singend stürzen sich
schülerinnen und lehrmädchen von der gloriette
in den himmel der daddys und ihrer huckepackkinder

(mi.6.7.1971,17.30 uhr)

Sonntag, 17. Juni 2012

0109 - 3 X TÄGLICH

die mutter 3 x täglich am telefon
als rituelles überwachungmuster
einer einsamkeit mit der man zufrieden
sein könnte aber existentielle angst
das krematorium im vorzimmer
die mittelmiesen grabplatten in der
wand wo schon nach 10 jahren
alle namen gelöscht
worden sind durch andere ersetzt
& auch dahinter die urnen
rutschen ganz einfach hinab
wenns keine verwandten mehr gibt
wenn die großmutter tot
ist & die mutter also beide
in ihrer peinlich reinen 2-zimmer-
wohnung nicht mehr existent
als muster verklemmter haßliebe
sodaß man auf rilatin & kaptivan verzichten
kann auf die flucht unter
die tuchent ins fieber oder
in die bücher Thomas Bernhards

(fr.1.7.1971,4 uhr)

Donnerstag, 14. Juni 2012

0108 MORGENLIED

die suche nach ein paar socken am morgen
lächelt ein unhörbarer furz während des griffs
in den kühlschrank marke santo

die heiligen sind alle ins wasser
gepurzelt es war lächerlich
einfach der griff bleibt haften

wie das bild des mannes
der mit beiden händen seine wangenhaut
wegzieht wie ich jetzt die milchhaut

die milch entspannt sich
vor meinen augen das brot
schwebt durch meinen kauvorgang

schwebt die substanz sich erhaltend
durch meinen after in die ursprünglichkeit
der roggen&weizenkörner zurück

ich habe messer gabel und löffel
nach ästethofunktionellen erwägungen
gekauft du lachst noch durch die tür

während ich zeitunglesend am klo sitze
und plötzlich einen mann vor mir sehe
der ungerührt sein frühstück verzehrt

während ihm vor seinen augen
ein wildfremder anderer die frau vergewaltigt
die heiligen sind alle ertrunken

es war lächerlich einfach mit meinen
schwarzen socken an meinen füßen
mache ich wie immer schule

(so.13.6.1971, 13.03 uhr)

Dienstag, 12. Juni 2012

A-02 CASTING

J., fast unsichtbar in der Dunkelheit.
J., immer wieder unterm Kreuz,
ganz dunkel, lentamente, bis die Schiedsrichter
ihn schneller bewegen. J., in den Wiederholungen
seines Auftritts in wechselnder Gestalt,
immer langes Kleid, nackte Füße,
über dem Kopf ein Tuch, das er abnehmen darf.
Die Haare meist schwarz, struppig, in Strähnen
mindestens bis zu den Schultern.
J. muß immer ans Licht, lentamente, die Befehle
ohne Widerspruch ausführen: Lächeln,
tiefer Schmerz, Hände wenden, nach außen,
Innenseite, Arme ausgestreckt vom Leib weg,
zum Kopf, Hände, die einen Leib formen,
den zart streicheln. So geht das Casting voran,
mit leisen christlichen Nebenbemerkungen,
demonstrativen Handbewegungen, lentamente.
Man scheint sich einig zu sein über die Bewertung
der wie programmiert agierenden Emanationen.
Man hat die Wahl getroffen: den mit dem sanftesten
Blick, den wildesten Haaren, schönsten Füßen,
dem eindringlichsten Quelltext: Sic Transit Gloria
Mundi, Cosi svanisce la gloria del mondo,
Thus Passes The Glamour Of The World.
Nichts wiederholt sich, die Darsteller
verschmelzen, der Regisseur beginnt seine Rede,
während er im Boden versinkt, lentamente

(Donnerstag, 29.03.2012, 8.45, Rom)

Samstag, 9. Juni 2012

F-20 DREIMAL SIEBEN IST JOT

(Hommage à Ernst Jandl)
I

1 Am Anfang sitzt Jot da, auf einem ein-
2 fachen Sessel, steht auf, setzt sich
3 wieder in Jot-Form, rasselt ohne
4 Verbeugung seine Biografie runter, baut
5 einen unsichtbaren Baum auf, mit Kirschen
6 und Affen, lustiglustig, enthüllt sich
7 gelassen vor der schwarzen Tiefe.

II

1 Jot spricht aus Angst vor Subjektivität,
2 aus Hoffnung auf Objektivität, sagt Jot,
3 nur in der dritten Person, verwende
4 stets nur den Konjunktiv, breit lächelnd
5 oder mit starrem, glänzendem Blick
6 aus der nahezu randlosen Brille
7 auf einen fernen vierten Sessel,
8 der über der Situation thront.

III

1 Jot lispelt schreiend oder schreit
2 lispelnd, sagt er, und Luise, seine Mutter,
3 komme aus dem Grab, eilig, fülle
4 seine Zeilen, seine vorsichtig mit Whisky
5 oder Schlafpulvern zerstörten Zellen
6 mit Wörtern: er werde
7 Text, auf dem weißen Blatt Papier,
8 bekomme Kontur aus der dunklen
9 gleichgültigen Alltäglichkeit.

IV

1 Jot braucht, um vorwärtszukommen
2 einen Reim, sagt Jot, irgendwo, der zufällig
3 erscheine, o Gott, oder eine Zahl,
4 die sich festfresse, ihm keine andere Wahl
5 lasse, oder zumindest den schwarzen schüchternen
6 Beifall der Ein, Lebens-Freundin auf Zeit,
7 den beharrlichen Hinweis auf die Klassizität
8 seiner Liebes- und Eßkultur, seines neuesten
9 Einfalls, die längst fällige Entdeckung eines weißen
10 Flecks, unübertrefflich originell.

V

1 Plötzlich hat Jot die zunehmende Strophe
2 erfunden, sein Mond-Prinzip, sagt er, das er gleich
3 wieder umkehrt, ohne die Anfangsbuchstaben der Wörter
4 wechseln zu müssen, rinks und lechts: so
5 bleibe er immerdar in der Mitte
6 der Straße, der Zeit, inmitten der Situation,
7 Mittelpunkt der Beziehung, sei aber zugleich auch
8 abwesend, was ihn beruhige, Sprech-Blase,
9 fern von allem, in autoritärer Unschärfe.

VI

1 Deshalb zählt Jot, sagt Jot, höchstens bis drei: höflich
2 bezichtige er sich des wiederholten Versuchs,
3 sich abzuschaffen, höflich demonstriere er
4 immer wieder seine unabwendbare Verzweiflung, sein Nonsens-
5 Konsens-Leben, eingezwängt zwischen Grammatik und
6 höhnischer Herz-Dramatik: nur mit dem Fallbeil
7 des Zynismus, der Kreissäge des Selbstzweifels
8 schneid er sich zeitweis aus dem Teufelskreis raus.

VII

1 Zum Schluß wieder allein, zeigt uns Jot,
2 wie sich seine Sprache festigt, sein Ich sich auflöst
3 im Einschlafzeremoniell: in Betrachtung von Polster
4 und Tuchent, sagt Jot, streiche er das Laken glatt,
5 aufnahmebereit für seinen Nachtschweiß, sein Hin-
6 und Herwälzen, Hinauszögern, sein Fluchen über das Läuten
7 des Weckers am Morgen, trotz allem ein sehr leiser Laut.

(1981)

(Erschienen in: Friede den Männern, Residenz Verlag, 1982)

Donnerstag, 7. Juni 2012

F-19 EXIL

Geträumt
von einem namenlosen Ort
des Exils, wo die Menschen
vorbeihuschen
als Befehlsträger
mit undurchsichtigen Blicken,
ins Lager weisenden Armen.
Probeweis
muß ich so tun,
als wären meine Freunde tot,
unerreichbar,
in einem Land mit völlig anderen Gesetzen,
anderer Totalität.
Als Gast
kann ich nur leisetreten,
mich bewegen
wie ein Fisch im Wasser,
wortlos, unauffällig
und konspirativ.
Immer wieder
sag ich mir zum Trost: Dies
ist nur eine Übung,
wie ein Aufsatz,
der nach zehn Jahren
verbrannt wird.

(1981)

(Erschienen in: Friede den Männern, Residenz Verlag, 1982)

Dienstag, 5. Juni 2012

F-18 SPAZIERGANG ÜBER DEN ATLANTIK

Konjunkturbewußt, egoman,
Vollstrecker des Vor-Lebens der Väter,
zugleich sein eigenes schüchternes Opfer:
der Held, der mit schnell wechselndem Rückgrat
an seinem süßen Fleisch nagt, modisch
zerfurcht aus dem Goldrahmen blickend,
unter dem die Zeit-Lokomotive
schwarz dampfend aus der Wand huscht;
der Held über der Uhr, die immer voraustickt,
im Kopf die neue, alles gleichmachende
Heiterkeit; der Held mit dem penetrant
harmlosen Gesicht, der mühelos freihändig
über den Atlantik spaziert, hinten,
im Rucksack, die ungenauen Maße
und Gewichte, die Honigmasken, die nutzlosen
bösen Blicke, die Arroganz-Surrogate,
die von allen Seiten zugeschäumten
Utopien, und vor allem:
liebe kleine deutsche Wesen,
die jeden Riß zukleben.

(1981)

Sonntag, 3. Juni 2012

F-17 DIE NEUEN TUGENDEN

Nach dem Ende des fernen Kriegs
Bilanz der Politisierung:
aus der totgeredeten Kunst
hat sich ein noch stinkendes Haupt
herausgebohrt, facettenäugiger,
schleimiger Vielfraß -
die erklärten Selbstmörder
kehren wieder zur Erde zurück,
versacken im Praktikablen,
unersättlich nach Wirklichkeit.
Aus den heiteren Demonstrationen
wird harte Arbeit: kein großzügiger
Duft mehr, keine schreienden
Farben, keine Feste mit Schall, Rauch, Rausch.
Die neuen Tugenden heißen: messer-
scharfes Maß, Selbstbeschneidung,
Ausmerzung der Ränder,
eilfertige Zufriedenheit
durch innere Zensur. Keiner
ist mehr selig in ihm selbst.
Niemand fühlt sich schuldig
im Dickicht der Neurosen.
Der Kampf ums verlorene Terrain
findet bald nur mehr
in den Köpfen statt: lächerlich
im maßgeschneiderten Korsett.
Und die Schöpfer haben sich wieder
abgesondert, selbstgerecht,
liefern pünktlich ihre platt-
gewalzten Wörter ab, ihre Alibi-
Denunziationen, marktwirtschaftlich
verschlüsselt, heftig applaudiertes
Faktenwahnsystem, Gegenbild
zu den nichtlebbaren schönen Ideen.

(1981)

(Erschienen in: Friede den Männern, Residenz Verlag, 1982)

Donnerstag, 31. Mai 2012

F-16 A. H., ANS KREUZ GENAGELT

Unterm Heiligenschein
A. H., ans Kreuz
genagelt, über und über
mit Hakenkreuzen bedeckt:
Blut
schießt aus seinen Händen,
seinen Füßen, und aus dem Boden
darunter sprießen schöne Blumen: dies
ist das Bild eines Schülers,
der Vater und Mutter ehrt.
Doch als sies sieht,
seine Mutter, krümmt sie sich,
reißt sich auf, saugt
das brüllende Kind
wieder ein, ohne Rücksicht
auf die kippelige
Balancearbeit ihres Mannes:
atemlos fällt er
in sich zusammen, hört
aus allen vier Ecken das Urteil
der Engel der Geschichte:
Wenn es sein muß, das Neue,
kann das Alte nicht brechen
von heut auf morgen;
wenn es sein muß, das Neue,
ertönt im Bauch nur Gequiek
vom wiederbelebten Foetus,
Kurzzeitgespenst, Schwarzer
Mann, gehandhabt
von falschen Ängsten;
wenn es sein muß, das Neue,
sitzen wir schon auf der richtigen Spur,
folgen ihr
mit beharrlichem Blick:
gelassen,
nicht fiebrig,
nicht total explosiv.

(1981)

(Erschienen in: Friede den Männern, Residenz Verlag, 1982)

Dienstag, 29. Mai 2012

F-15 EINE SEKUNDE FERNSEHEN

Columbo, der herumläuft
wie ein ungemachtes Bett
und die reichen weißen Haie
reihenweis aufs Kreuz legt, legal,
glasäugiger Feixer. (Beethoven, ja,
bei Gorki kann mans lesen,
Lenin hat ihn geliebt!) Wärmestrom
Kältestrom, von mir
zu dir (wenn du schön brav bist),
da schaun wir schon aufs Gleichgewicht,
damit keine Metaphysik rauskommt.
(Schlau und präzise,
das ist unsere Devise
nach dem toten Adam Riese.)
Die Angst bei Rot.
Bei Rot hält alles. (Und die Kapital-
akrobaten fühlen einander
den Puls, kochen über
vor Leben, schäumen
vor Profit. /Lieber tot
als rot!/) Aber darüber
spricht man hier besser nicht.
Die Dialektik im Ärmel, das ist
das richtige Schlußwort. (Endzeit
weltweit.) Und dann
die Sendepausen, oder der nützliche
Ausfall des Senders Kahlenberg.
(Fick doch den Schirm
mit diesem gräßlichen Schnee drauf,
bis endlich wieder
die schwarz-weiß-schwarze Fahne
bleiern weht!) Schweigen.
(Aus Angst hüsteln
die Intellektuellen verlegen,
bewegen knisternd
die Füße, heben ihre Arme
bis zum Einschußloch.)

(1981)

(Erschienen in: Friede den Männern, Residenz Verlag, 1982)

Sonntag, 27. Mai 2012

0107 - DIE LEHRER

die lehrer verlassen
die schule aus dem daumenkreis
der schüler entkommt auch
die hübscheste lehrerin der gong
wird mitgenommen der schwamm

tropft in den nachmittag es regnet
kreide & rhetorik aus den heften
die fassadenliebhaber
kommen aus ihren verstecken
hinter den sand- & ziegelhügeln

hervor sie haben ihre pläne
plan auf der brust
zwischen ihren nackten arschbacken
gedeiht das vergangene jahrhundert
hier war eine wiese jetzt

wächst nur hafer der die schüler
sticht und grünspan
auf den gesichtern die schulwarte
sind alle einäugig aufräumefrauen

riechen nach essig im keller
wird ein berg weggeworfener butterbrote
für notzeiten aufbewahrt am dachboden
zerdroschenes mobiliar

als verkehrter beweis
für unverminderbare repression
die lehrer beobachten
auf den straßen das benehmen
der passanten kleidung&haartracht

die relationen sitzen verkrampft
zwischen den ohren sport
als mittel gegen sexualität
wir singen im chor
die tonleiter geschwollene zungen

zwischen den zähnen eine unmenge
vergeudeter laute vergeudeter
stunden geschwollene finger
zwischen den schenkeln die lehrer
beobachten ihre verantwortung

(fr.1.7.1971,4 uhr)

Freitag, 25. Mai 2012

0106 - ORTSBESTIMMUNG

schrick ist ein ort
in niederösterreich hinter einer schreck-
lichen kurve gas
geben oder der imaginierte
graben voller abwässer
läuft hier quer durchs zimmer alle einwohner
haben asthma die kinder
die maul&klauenseuche auf den überall
angeschlagenen karten sind die zeckengebiete
seltsamerweise rot
eingezeichnet allerdings sterben
jährlich nahezu zwanzig-
tausend geologen und dazu maikäfer als rarität
vom spiegel serviert ein winter-
licher sommer mit über-
laufenden sickergruben hunde katzen
und schwarze zum kotzen die imperative
vermehren sich unerkannt hitler
sorgt für den neuen rechtsdrall
der wolken die zaungäste haben sitzfleisch
für 10 jahre die mitläufer
entrollen die neuen fahnen

(fr.1.7.1971,0.50 uhr)

Dienstag, 22. Mai 2012

0105 - SACKGASSE

7 stunden in der schule davon 5
regulär minus eine wo ich aufsätze
verbessern mußte aber bei weitem
nicht so viele wie Gerlinde sie sagte irr

ich bin schon ganz irr davon du auch also 2
am nachmittag nach der verfolgung
durch zwei schüler sagte der lehrer
ich sei ein osttiroler ich sagte ich verstehe

euch nicht ganz aber in wahrheit ergriff
ich die flucht vor den spinnen
der spinnenzucht des einen seinen
erstaunlich erwachsenen machtutopien

vor der penetranten neugier des andern
in ein wirtshausmittagessen (würstel
mit saft in einem halbwegs erträglichen garten)
nur so konnte ich meine adresse

verbergen die ich andererseits jetzt
mit lageskizzen versehen (am größten
ist das zeichen für SACKGASSE)
in mengen an fremde flüchtig bekannte etc

versende die schule verändert ohne
sich selbst zu verändern sagte der lehrer
ich sehe von mir als person völlig ab
idioten seid ihr das heißt als masse

von 35 eine ansammlung unmündiger
unvernünftiger trotz gruppendynamik
auf einmal sind meine ideale im eimer
euren mist weigert sich selbst der schulwart

wegzuräumen brüllen und nochmals brüllen
als bühnenerlebnis das aber meine zukunft
verformen wird mein gesicht klebt
an der wand mit loser haut doch das

ist eine demütigung der institution Gerlindes
ersehnte anbiederung verschwindet
unerkannt in den aufgeriebenen nerven
irr wie sie sagte der lehrer bin ich seit langem

der allgemeine unverstand ist das produkt
einer allgegenwärtigen zwangssituation
die sinnvoll zu verwendende freizeit
ist eine farce von lächerlicher kürze

unschuldig werde ich zur verkörperung
von terror sagte der lehrer werdet ihr
zu liziteuren die mit minuten
ihres lebens abbüßen was ich

ganz irr vom aufsatzverbessern
vom regulären gong von der flucht
der nachmittags die alle nicht mir
gehörten von meiner zeit

euch schenken muß zur gefälligen
selbsterkenntnis welterkenntnis
aber segelwetter und zensuren rumoren
euer blut steigert meine ignoranz

innerlich sagte der lehrer geb ich alle
meine standpunkte auf alle meine
irrtümer zu in einer sekunde zerreiße ich
Gerlindes hefte samt meinen wir machen

unsere roten zeichen woanders hin
der vulgäre ton ist nun einmal eingerissen
ich bin aber beinahe unbeteiligt ich sehe
mich schon die erste bombe werfen

(di.15.6.1971, 20.50 uhr)

Sonntag, 20. Mai 2012

D-33 JOURNAL 1

1

wieder viel zu viele Infobits während der Nacht?
Dabei ein so einfacher Traum: Da taumelte oder
schleppte sich jemand wie ich einen Hügel hinauf
neben stauenden Autos, pflaumenkauend;
überholte dann mühelos eine Gruppe viel Jüngerer, von denen
einer auf meine Socken zeigte und schrie: FKK! FKK!,
und ich, ich schmolz dahin vor Scham, hinterließ
nur ein Häufchen brennendes Zeug

2

dieser Bauch, nur beim Anfassen fest, nicht beim Anblick:
so voll, so leer, ein solch großartiger Schlauch von Natur aus,
Organ alltäglicher Eß-Quälerei: Joghurt, mild, mit Vanille;
und Rauchkarree, schon längst abgelaufen, Schweinefleisch,
Kochsalz, E250; dazu ein welker Salatrest von gestern,
Essigwasser, süßlich, und Kürbiskernöl; noch zwei Semmeln dazu,
eine mit Mohn, etwas zäh; und schon beim Aufstehen
probiotischer Fitneßdrink Orange. Die Banane, goldgelbes
Mondsichel-Imitat, wieder weggelegt – Vorrat fürs Lesen im Bett

3

Lichtflecken auf dem Boden, an den Wänden, fächelnde
Schatten von Birkenästen. Undefinierte scharfe Kälte
oder kalte Schärfe im Magen. Summender Kühlschrank.
Porzellanweißes Püppchen, übersät mit Akupunkturpunkten,
am Rand des Westfensters, vor geschlossenen Jalousien.
Noch immer erstarrt, in sich versunken: Klavier, Fernseher,
Zimmerfahrrad, Korbbank, Sitzmöbel, krachledern.
Der stets leere sehr filigrane Käfig auf dem Regal.
Die unberührten Bücher im Halbrund. Ein Herz-Ei
aus Gips am Sockel der abgewandten Araberbüste.
Und draußen ab und zu eine kleine Bö, das Scharren
der Äste auf dem kopfnahen Blechdach

4

nur dieser wüste Tisch führt direkt hinaus in die wirkliche
Welt: zu Ameisen-Robotern, Röntgen-Inferometern,
in Rhizosphären. Er verweist auf Schönheit und Logik:
die Kreiszahl Pi, ihre mysteriöse Dezimalentwicklung,
die Milliarden Nachkommastellen, die man kennt, ein Nichts
im Vergleich zu den noch unbekannten. Alles ist Membran,
liegt parat, verbirgt sich, kontert mit Fülle, Sog

(1999)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

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