12
der minengürtel reicht nun bis vor die küste nordvietnams: das bedeutet blockade, lese ich, schreibst du.
bis donnerstag 18 uhr haben die nachschubschiffe zeit, die gewässer zu verlangen; ab diesem zeitpunkt erfolgt jede fahrt auf eigenes risiko.
die puppe lehnt mit geöffnetem schädel in einer ecke aus wand & strohkoffern.
jeder hat ein recht, seine interessen zu verteidigen & bei der verteidigung dieser interessen respektiert zu werden.
es gibt immer eine zweite tür.
allerdings sind oft solche türen nur hintertüren, & man weiß nicht, ob während das hinausgehens nicht jemand anderer hereinkommt & einem das gesicht vermasselt.
ich gehe wie jeder ein risiko ein, wenn ich hier sitzenbleibe in meiner privatatmosphäre, die sich allerdings ausweitet, deren ausweitung sich niemand entziehen kann; wie groß aber ist, läßt sich erst dann ermessen, wann die ersten verbindlichen reaktionen aus den metropolen vorlegen werden.
ich betrachte die puppe mit wohlgefallen, ich bin ein schreibtischattentäter, dessen wirklichkeit die literatur bestimmt.
meine frau ist jetzt wieder einmal weg, wäschewaschen, wenn das nicht auch wieder ein vorwand ist.
warum soll sie auch nicht ständig neue vorwände hervorholen, jetzt, wo sie doch gar nicht mehr so arm ist, wo sie den intellekt, die bücher, die sie früher so unglücklich machten, entdeckt hat, & zwar unter solchen umständen, daß es mich, den bücherliebhaber, verärgert?
sie hat nie einen angriff auf mein GEHEIMNIS, wie sie es nennt, gestartet.
die einkreisungsmanöver um mein GEHEIMNIS sind faktisch zu ende.
zur diskussion steht natürlich, wie schon so oft, die TRENNUNG, was bedeutet, daß das GEHEIMNIS keine bedeutung mehr hat.
die zeitbomben ticken.
morgen punkt 18 uhr wird alles scharf usw. usf.
(15.-30.5.1972)
e.a.richter - 2014-02-20 13:00
11
du bist der vorwurf in person, sag ich, schreibst du, solche bestätigungen brauchst du doch.
du bist wirklich arm, wir leben in der tat in einem kriegszustand.
vor deinem schlafzimmer ist ein minengürtel, zu deinem bett führt eine tödliche eisbahn.
der wolkenbruch geht zurecht in dieser stunde nieder, ich hab es nicht anders verdient.
nasse haare fördern die gehirnkrankheiten, immer unter der gewitterwolke dahinzugehen, ist ein dräuende verrücktheit.
eine klare linie ist ein halbes programm.
es ist was in der welt, sagt die großmutter, es ist.
ich kann dir nur immer wieder sagen, daß du verrückt bist, verrückt in einem ganz besonderen sinn, sag ich, dein körper ist durch & durch neurotisiert.
& sie sagt, du kennst doch meinen körper gar nicht, jedenfalls nicht in vergleich zu meinem, & welch ungeheurer betrug das alles sei.
& ich sage, ganz recht, sie betrüge sich & mich um die gegenwart & die zukunft, weil sie doch alles von einem datum abhängig mache, noch dazu von einem, wo mein leben auf eine besondere weise intensiv verlaufen ist, zwar nur ein paar tage, aber das sei unvergleichlich gewesen.
& sie sagt, aber die struktur bleibe für sie die gleiche.
& ich sage: jetzt, wo du mich erkannt hast, so, wie du mich vor jahren hättest erkennen müssen, was soll das alles?
ich weiß, ich will trotz der anscheinenden sinnlosigkeit weiterleben, das prinzip hoffnung läßt sich nicht so einfach abwürgen, jetzt, wo ich doch eine art kehrtwendung vollzogen habe, allerdings nicht von der wirklichkeit weg, so wie du, sondern ich stehe dazu, auch wenn ich mir erbärmlich & göttlich zugleich vorkomme, stehe ich dazu, daß ich gelebt habe, ohne zu räsonnieren, ohne soziale bedenken, doch das leider nur so kurze zeit.
was gefolgt ist, sei nicht eine folge, sondern eine zwischenzeit zwischen ungeheuren dingen, dingen von ungeheurer wichtigkeit, menschlichkeit, was sie aber verneinen müsse, da sie ja eine ganz andere art von menschlichkeit im auge habe, eine ganz andere art von narzißmus.
& sie beginnt in der küche herumzuwerkeln, nachdem sie sich ausgeschlafen hat.
sie kommt mit einem unmotiviert ruhigen gesicht durch die tür.
während mich die folgen der gespräche körperlich spürbar plagen, hat sie sich für eine weile abgeschüttelt & kann wieder ihre ehemals heile welt zwischen herdplatte, kühlschrank & abwasch betreten, sich auf das rote stockerl setzen & erdäpfel schälen, schreibst du.
der herzförmige erdapfel, den ich ihr einmal geschenkt habe, ist inzwischen runzlig geworden, hat aber absurderweise drei lange grüne triebe produziert, wovon einer schon bei der ersten berührung abbricht usw. usf.
(15.-30.5.1972)
e.a.richter - 2014-02-17 13:00
10
ich lese: luftpirat sprang in den tod, schreibst du, & dann kleingedruckt: möglicherweise, & irgendwo darunter, daß der ehemalige apollo-astronaut bormann erregt die TODESstrafe für den luftpiraten gefordert habe, & ich sehe keinen zusammenhing zwischen TODESsprung & TODESstrafe, ich erinnere mich an sätze wie: man kann nicht leben, weil es den TOD gibt.
oder: die konferenz zur bestimmung des TODESzeitpunkte war ohne zweifel bedeutsam für den österr. fremdenverkehr –
oder: für informationen, die zur festnahme des flugzeugentführers führen, sind 5.000 dollar belohnung ausgesetzt –
oder: u., ihr freund z. & drei weitere burschen lebten zwischen unrat, schmutz, lumpen, kaum mit kleidern, fast ohne möbel, nur mit alkohol, & mitunter kleinen mahlzeiten –
oder: in dem moment, als d. g. seinem freund die pistole mit den worten: das ist nichts zum spielen! wegnehmen wollte, löste sich ein schuß & traf die 13jährige c. p. am linken knie & den 14jährigen h.h. am linken ellenbogen –
oder: schließlich ließen die beiden männer die bewußtlose nackte frau auf dem elendslager liegen –
oder: eine 17jährige, die intime beziehungen hat, ist ebenso reif oder unreif wie eine 40jährige –
oder: natürlich bin ich allen justizministern früherer jahrzehnte dankbar, daß sie mir die sicherheit gegeben haben, auf die welt kommen zu können, obwohl ich das sechste kind meiner eltern war –
oder: das ganze leben ist eine fiktion in hinblick auf den TOD –.
oder: der TOD ist die letzte bestätigung das lebens –
oder: insofern ist das leben das grausamste, was möglich ist, so quasi, weil der SINN nur der TOD ist –
oder: wir leben, als würden wir leben –
oder: usw.usf.
(15.-30.5.1972)
e.a.richter - 2014-02-14 13:00
9
jetzt weiß ich: kuhblut läßt mich nicht schlafen, schreibst du.
auf meinem schlaraffia-sargbett muß ich immer wieder die kuh mit durchschnittener kehle sehen, ihre riesige tödliche wunde.
ich muß meinen kopf in das herausschießende blut halten, es auffangen, weil ich mich immer so vor IDENTIFIKATION gefürchtet hab, jetzt alle schmerzen der identifikation durchmachen, gleichzeitig die kuh & der schlächter & die nachbarin & meine frau seiend, sozusagen ein operierender schriftsteller, auf der schlachtbank erst fündig, schreibst du.
ich erfinde meinen nachbarn hierher: er ist klobig, während seine frau zart ist, von bleicher natur, hinfällig; er ist er ein richtiger schlächter.
er sagt: nicht schweine sollte man schlachten, sondern ehepaare.
währenddessen hält die rauchentwicklung an.
meine frau will sich beschweren, ruft ihre eltern an, öffnet die fenster, schließt sie, malt sich die auswirkungen den SCHWARZEN rauchs auf alle vorhandenen WEISSEN gegenstände aus.
die meisten gegenstände sind hier weiß: außenmauern, fensterflügel, verhänge, inneneinrichtung.
mir gefällt der schurz des schlächters: er ist dottergelb, noch unbefleckt, weil es früher morgen ist. usw. usf.
(15.-30.5.1972)
e.a.richter - 2014-02-11 13:00
8
schließlich vergesse ich vertrieben zu sein, schreibst du.
schließlich finden der mann mit der feinen gesichtshaut & ich, wovon er geschwärmt hat: völlig zerwühlte erde, historischen boden, napoleon was here, laufgräben, was von einer flugzeugmotorenfabfik noch übrig geblieben ist.
es geht auf & ab, zwischen gebüsch & gräben, trichtern, das schöne, das absurde ist die unberührtheit der naturdinge, sagt er, daß alles eben überwuchert, eingeebnet, gleichgemacht wird.
wir werden hierher zurückkommen, um den leuten zu zeigen, was gleich vor ihrer nase liegt, welche möglichkeiten hier vorhanden sind, sich ins MATERIAL zu transponieren, das MATERIAL zu erobern, das MATERIAL in die PSYCHE zu integrieren.
wir sagen ihnen, sie sollen die bäume als textträger benützen, jeder bringt seinen anschlag mit & geht zugleich durch einen wald von anschlägen der andern, sagt er.
so wird dieser wald., trotz der zeckengefahr, zu einem riesigen kommunikationsareal.
oder wir sagen ihnen, sagt der mann mit den noch weniger haaren, bringt alle kleider mit, die ihr habt, hier gibt es plätze, lichtungen, kahlschläge, die zu nichts anderem dienen als dazu, sich zu VERKLEIDEN; & stellt euch verkleidet hinter diesen baum, auf diesen umgeworfenen pfeiler, auf diese kaum erkennbare stufe im gras, in diesen halbverschütteten laufgraben, auf diesen hochstand –
wo ihr euch pausenlos LIEBEN könnt, habe er gesagt, mit dem blick z. b. auf die schießstättenmauer, & dabei denken, der BUNDESPRÄSIDENT schaut von dort auf euch herab mit seinen zwei - im hinblick auf die soeben gezeugten empfangenen ARBEITS- & STAATSbürger - mild lächelnden augen; oder auch nur auf aufgeschreckt flüchtende hasen, die natürlich nicht wissen, was sie tun, nämlich vor FREUNDEN flüchten oder solchen, denen es höchstens um ein lustiges SPIELCHEN geht, ein bißchen in die gegend ballern & so –
& dann läßt sich einer als karl, sagt er, in diese grube fallen, dann taucht eine andere als marina in diesen ehemaligen fabrikspool, dann kommen zwei als maria & josef aus diesen verzündelten bunker, denn blickt einer als jesus auf die hochspannungsleitungen, dann läßt sich einer als j. f. oben herab ins gras fallen, dann denkt sich einer als r. d. ungeahnte politische chancen aus.
oder wir sagen ihnen, sagt der - so meine frau - bildschöne mann: ich bin am so&sovielten, ohne zu wissen, was mich erwartet, diesen verbotenen weg hineingegangen & habe eine VIELZAHL von möglichkeiten auftauchen sehen; geht also am so&sovielten ebenfalls rein & denkt euch noch mehr aus.
oder wir sagen ihnen: bleiben wir doch beim feuer.
du setzt dich, sage ich, sagt er, auf diesen ahornbaum & filmst das ganze; genauso gut könntest auch du das filmen oder du.
& du bringst das öl mit, die brennbaren stoffe!
& du beginnst, wie damals in den schnee mit deinem harn, der leider nicht brennbar ist (denke: BRENNBARER harn auf einem schnee, der das brennen NICHT verhindert!), also dein öl auszuschütten in dem bewußtsein, eine BOTSCHAFT zu vermitteln –
kannst du dir vorstellen, sagt er, wie TAUSENDE aus TAUSENDEN gießkännchen öl ausschütten, etwa so gleichzeitig wie das morgendliche zähneputzen, nur mit dem unterschied, im bewußtsein eine BOTSCHAFT zu haben & diese BOTSCHAFT unmittelbar zu vermitteln, sichtbar & nachhaltig?
oder wir sagen ihnen: ihr habt einander doch sicherlich ungeheuer viel zu SAGEN; sagt es euch doch!
ihr geht, so weit ihr wollt, in den wald hinein & bleibt stehn, wo ihr wollt, & beginnt sofort einander alles, was ihr einander zu SAGEN habt, auch wirklich zu sagen, & zwar immer wieder, bis ihr einander wirklich ALLES gesagt habt.
durch das SAGEN trefft ihr einander, sagt er, schreibst du.
durch das TREFFEN erkennt ihr einander; durch das ERKENNEN wißt ihr, was ihr zu tun habt; durch das TUN vermehrt ihr euch & seid mutig & tief usw.usf.
(15.-30.5.1972)
e.a.richter - 2014-02-08 13:00
7
seine gesichtshaut verspricht geborgenheit, sagt meine frau, schreibst du, & ich sage, schreibst du, meine hände sind mir zu patschig, wie die eines kleinkinds, schweinchenfinger, eine art fleisch, die zur RÜHRUNG neigt, & sie verbessert: ZÄRTLICHKEIT, -
& ich sage: deine augen sind immer naß, & sie sagt: du hast sie eben nicht gesehen, keine spur von nässe, & übrigens: seine augen sind das beste, was er hat –
& ich sage: er hat noch weniger haare als ich, & sie sagt: das stimmt nicht –
& ich beharre: weniger, & sie drauf: mehr; aber bei einem menschen, den man liebt, spielt das doch keine rolle –
& ich wiederhole: viel weniger haare, & sie sagt: er hat eine so feine haut im gesicht –
& ich sage: man kann ihm doch alles ansehen wie einem kleinen buben, & sie sagt: ich weiß ganz genau, was mich erwartet, ich werde eben nicht mehr diese erwartungen haben –
& ich frage, warum sie denn ihre von mir enttäuschten erwartungen zur grundlage einer TRENNUNG machen wolle, & sie sagt, sie habe jetzt eben alles durchschaut, warum ich so sei & nicht anders, & nur das sei der grund –
& ich sage, sie bilde sich da was ein, was gehöriges, sie glaube, weil sie SCHRIFTLICHE unterlagen habe, weil sie immer ständig BEWEISE gesammelt habe, könne sie jetzt mit einem größeren wissen auftrumpfen, & sie sagt, für sie sei eben alles zu ende, ich möge mich doch gefälligst an meine letzten selbstmordäußerungen erinnern –
& ich sage, es sei unfair, sofort etwas als argument zu benutzen, das aus einer gefühlshaftigkeit, wie sie sich es immer gewünscht habe, gesagt worden sei, & sie sagt, seit sie von ihrer familie weg sei, habe sie sich immer mehr mit ihr identifizieren müssen, sie habe jetzt viel weniger distanz als vorher zu vater & mutter, besonders zum vater –
& ich sage, die ehe ihrer eltern habe deshalb so gut funktioniert, weil es gleich zwei sündenböcke gebe, & sie sagt, ich hätte mich in meiner 10jährigen alleinsamkeit zu dem machen lassen, der ich nun bin, sie habe mich voll & ganz in meiner ganzen ERBÄRMLICHKEIT erkannt, es gebe für mich keinen ausweg –
& ich sage, was sie jetzt so großartig als erkenntnis verkünde, hätte sie einfacherweise schon von allem anfang an verkünden müssen, & sie sagt, wenn die lüge nicht zwischen uns gewesen wäre; aber sie habe das alles geahnt, meine verschlagenen augen –
& ich sage, ich bin nicht verschlagen, & sie sagt: wenn du den anderen mann physiognomisch betrachtest, dann wird man wohl auch dich so betrachten dürfen; deine augen verschwinden manchmal ganz tief unter der stirn –
& ich sage, sie wisse wohl, daß sie einmal ganz verschwinden werde, & sie sagt, sie habe nicht gewußt, was für ein unsinnlicher mensch ich z. b. im vergleich mit dem andern sei; in seiner gegenwart habe sie immer SCHÖPFERISCH sein können –
& ich sage, da habe sie doch seit jahren die schöne ausrede gebraucht, daß zwei - sogenannte - schöpferische menschen nicht miteinander leben können, & jetzt sage sie so etwas widersprüchliches, & drauf sagt sie nichts –
& ich sage, ich sei eben immer eine perforierung ihrer in der familie etablierten spezifischen schutzmauer gewesen, der schutzmauer gegen sich selbst & gegen die familie & gegen die „vergangenheit", & jetzt sei eben meine "vergangenheit" ihre schutzmauer gegen sich selbst, & sie wolle verständlicherweise das, was sie so zufällig spielend entdeckt habe, also USUPIERT, nicht abgeben, nicht verlassen, jetzt stecke sie eben in dem, was sie als mein GEHEIMNIS bezeichnet habe, jetzt fühle sie sich selbst als mein GEHEIMNIS, & daher sei ich eben ein versager, frigid ihr gegenüber & überhaupt jeder wirklichkeit, in ihren augen sähe ich ja gar keine wirklichkeit, während in meinen augen sie es sei, die die wirklichkeit ignoriere, die hundert-, ja tausendfältigkeit dieser wirklichkeit, was natürlich keine ausrede sein solle, sondern eine erfahrungstatsache darstelle, & sie sagt wieder nichts –
& ich sage, wenn sie sage, alles, was ich suche, seien FIKTIONEN, dann gebe es eben nur die möglichkeit zu glauben, wir beide kämen an die WIRKLICHE wirklichkeit gar nicht heran, allerdings mit dem kleinen unterschied, daß ich mir meine fiktionen, sie sich aber ihre ILLUSIONEN nicht rauben lasse, & sie sagt, sie habe mich noch nie so außer mir gesehen wie damals, als sie mir gesagt habe, sie habe den brief an die studienkollegin gelesen, & im übrigen wisse sie das alles schon seit langem, & sie zitiert wieder wiederum fremde SÄTZE, schlägt mir diese SÄTZE aus fremden briefen um die ohren –
& ich greife wieder zum MIGRÄNIN, was die schmerzempfindung herabsetzt bzw. beseitigt & die störungen der gehirndurchblutung durch lösen der gefäßkrampfe normalisiert, NORMALISIERT, & durch minderung des austritts der blutflüssigkeit aus den gefäßen ein schnelles nachlassen der spannungszustände bewirkt usw. usf.
(15.-30.5.1972)
e.a.richter - 2014-02-05 13:00
6
ich beobachte die radikalisierung der lebensvorgänge.
ich beobachte die radikale abnahme von zeit.
schon ist es september, schreibst du.
meine unterhosen sind schmutziger denn je.
seit wochen bin ich wegen des wetters zunehmend deprimiert.
mit der alten poldi rede ich nur mehr übers wetter.
ich denke mir gesprächsorgien übers wetter aus.
ich erkenne ständig die tautologien,
seitdem ich entdeckt habe, wie ich mich quälen kann, habe ich nur mehr gedanken an meine qual.
ich liege mit offenem herzen, schlaflos, mit den ärgsten gedanken an der mauer & sehe schwarzen rauch aufsteigen.
es stürmt.
es ist sonntag.
großmutter sagt: das kann man sich doch nicht bieten lassen!, und schon rennt meine frau zum telefonhaus.
sie ist, wie immer, REIN.
sie steht außerhalb der dialektik der befreiung.
sie atmet schwer, hat einen unterleib, der schmerzt, ist schwach vor hunger, hat ständig tränen in den augen, ist aber, wie immer, TAPFER im kampf, verbirgt ihre waffen, kann das auch vor den 2000 polizistinnen, die ständig leibesvisitationen vornehmen.
sie ist, wie sie sagte. dabei, den wirklich WEIBLICHEN körper zu entdecken.
sie sagt, sie denke in konvulsionen, an einen - von einem kind - schweren unterleib, an das verbergen einen solchen schwangeren unterleibs, was sie aber jetzt nicht mehr nötig hätte, da doch alles legal geschehen kann: beischlaf, empfängnis, schwangerschaft & schließlich - die KRÖNUNG - die austreibung des kopfes.
sie denke ans verbergen unter vielen tüchern, für sie regne es babys.
was jetzt geschieht, fiktiv, hätte längst geschehen können, real.
aber jetzt ist es zu spät, jetzt ist die trennung keine krönung; jetzt bedeutet der fackelzug nichts; jetzt sind die energien der bewegung aufgezehrt; usw. usf.
*) was sie nicht denkt, denke ich, nämlich: sie mißbraucht das mitleid der leute, um eine BOMBE zu transportieren.
(15.-30.5.1972)
e.a.richter - 2014-02-02 13:00
5
ich kann mein GEHEIMNIS vergessen, schreibst du.
es ist wie mit dem startwort eines fliegenden teppichs: man verliert einfach den willen, sich selbst zu überprüfen, man wird sich gleichgültig in bezug auf das vorhandene.
meine verlassenheit, mein unverständnis, meine physische metaphysik genügen mir.
ich behandle mich absichtlich wegwerfend, ich verzichte auf die ärzte, die ja sowieso überlastet sind oder nur aufs geld aus.
der konjunktiv ist nun nicht mehr angebracht, ich leide wirklich, habe eine ungeheure leidenserinnerung.
meine gefühlsabstumpfungsmethode funkioniert nicht mehr, meine schmerzpunkte treten aus dem untergrund der haut; jetzt zeigt sich, was ich kann.
ich habe meine hose schließlich fallen lassen, meine erektion richtet sich direkt auf den zaun der nachbarn, hinter dem jetzt das feuer erloschen ist.
die nachbarn schlafen vor erschöpfung im rest ihres hauses.
sie hören nur mehr die schreie der getöteten tieren, müssen es, ihre zukunft besteht daraus, von schweinen zu träumen, die in FRACK & ZYLINDER in ihren betten liegen & sich sauwohl fühlen, die keine angst vor dem schlachtschußepperat mehr haben.
unsere nachbarn erinnern sich im traum nur an allen GUTE, WAHRE & SCHÖNE, an die fremdarbeiter aus der firestone-fabrik, die sie nicht mehr betrügen werden, an die großmutter, der sie nichts mehr zufleiß tun werden & die natürlich dann auch sie in ruhe lassen wird, an den garten, den sie nicht mehr den hühnern, sondern den kindern vom nebenhaus überlassen werden usw.
ihre träume haben zwangscharakter, sie leben sich im traum so auseinander, daß sie einander ABSCHIESSEN könnten, mit einem der stichmesser KÖPFEN.
mit freuden köpfe ich meinen mann, sagt die nachbarin, schlägt sich aber gleich betroffen auf den mund.
mit freuden setz ich dir das messer ans herz, an deine schlaffe brust, worunter dein schlaffes herz pumpert, schreit der nachbar, der schlächter, & will seinen traum nicht wahrhaben.
natürlich kenne ich die beiden nicht persönlich, was selbstverständlich ein gewisses mißtrauensverhältnis mit sich bringt.
so bin ich stets ein partisan, der auf dem eigenen dachboden die invasoren erwartet, der sich probeweise abseilt & den fluß an einer ungefährlichen stelle zu überqueren versucht usw. usf.
(15.-30.5.1972)
e.a.richter - 2014-01-30 13:00
4
wie immer steht GEWALT dahinter, schreibst du, & ich hab ALLES GEWALTTÄTIGE bewahrt, & jetzt kehr ich hervor, was die frösche in ihren einsiedegläsern singen, was sie singen, wenn ich sie zwischen meinen immer noch starken vorderzähnen zermalme.
meine lehrer sind tot.
ich habe, ohne mir dessen bewußt zu sein, ihre grabsteine gezeichnet, ihre grabinschriften entworfen, sie in variationen memoriert, in den monumenta historica verewigt.
die 3. generation, die schon in kommen ist, wird sich nicht mehr verbalisieren, sondern nur utopisieren können, nur mehr biotechnisch.
meine arme frau kann jetzt leider nicht hören, was ich höre: sie wäscht wäsche.
anscheinend sehe ich in meiner zaubermuschel vom tandler alle möglichen kleinen mädchen, die alle in mich VERLIEBT sind.
wo ist er gesessen? fragt inständig die 8jährige m., immer wieder.
wo ist er gesessen, es geht eine KRAFT aus von dort, wo einer gesessen ist, den ich liebe, ich werde noch wahnsinnig.
ich durchschaue mit unheimlicher klarheit, was kommen wird.
ich hab keine angst vor meinen ängsten, die mitternachts aufreten, überfallsartig, immer an der schwelle den schlafzimmers.
ohne es zu wollen, bin ich gefeit vor den plötzlichen übergängen, vor revolutionären umschwüngen, die ich zeitweise heftigst ersehne.
meine arme frau ist mit ihren schlüsseln am werk.
jetzt dreht sie den haustorschlüssel, jetzt flammt das licht auf, jetzt sieht sie die braune tafel mit den namen der wohnungsinhaber, jetzt will sie die tafel von der wand reißen, weil sie so SCHÖN ist, jetzt fällt ihr ein, daß das DIEBSTAHL sein würde, sie also straffällig, jetzt dreht sie den aufzugsschlüssel, jetzt fällt die aufzugstür zu, jetzt setzt sich der aufzug schon in fahrt usw. usf.
(15.-30.5.1972)
e.a.richter - 2014-01-27 13:00
3
seit heute mittag existiert das „projekt pirawarth“: anstelle von inspiration triumphiert die berechnung der widersprüche, & der faktor des sozialen materials.
ich sehe die bewohner von pirawarth, schreibst du, alle in einer reihe, und sie ERWARTEN mich schon.
ich sehe den professor-knesl-platz, die untere und obere hauptstraße, die kurhausstraße, die fasangasse, die brünndlgasse und am kaffeeberg.
ich sehe die landschaft um pirawarth, die felder, die feldwege, den kuhlettenwald.
ich sehe auch die umgebung: kollnbrunn, gaweinstal, klein harras, hohenruppersdorf, groß-schweinbarth, niedersulz,
eigentlich wollte ich nach drasenhofen, dem ort einer angeblich unbeabsichtigten grenzverletzung durch tschechoslowakische grenzbeamte im mißverständnis sog. männlicher leistungen.
hans ist ohne zu halten seine 1000 km aus hessen hergefahren.
dann erschien er OHNE EIN ZEICHEN KÖRPERLICHER ERSCHÖPFUNG vor meiner frau.
in diesem zusammenhang geht mir das wort LOKALAUGENSCHEIN nicht aus dem kopf.
beide wissen, daß ich einen geradezu perversen drall zur grenze habe.
das heißt: jetzt gehe ich entlang der tschechoslowakischen grenze spazieren, sag ich mir oft, & zwar so lange, bis es mich zu einem schritt in die kommunistische realität treibt, zumindest mit meinem rechten fuß, als sog. österreichischer staatsbürger, im vollbesitz meiner geistigen & körperlichen kräfte, & ohne irgendeinen erklärungsbedarf.
währenddessen sitzt meine mutter mit ihren unaussprechlichen leiden, ihren unaussprechlichen lebensverletzungen als personifizierung des status quo im BINNENLAND, mitten in MlTTELEUROPA, weitab von unaussprechlichen transzendentalen globalen grenzverletzungen.
ich bin weder da noch dort.
am flughafen salzburg-maxglan & im schloß klesheim ist es möglich, daß der präsident mit dem Schwarzen Haus ständig in verbindung bleibt.
der schützend vorgehaltenen zeitung entnehme ich weiters, daß es der gendarmerie und polizei gelang, das flughafengelände von den demonstranten zu säubern, weshalb die air force no. 1 mit nur wenigen minuten verspätung landen konnte.
allerdings konnte sie nicht verhindern, daß man ihn als mörder beschimpfte und amerikanische flaggen verbrannte.
der präsident wird in moskau seinen vorwahlbeitrag zur atomaren abrüstung leisten und den abm-vertrag unterzeichnen.
die vietnamischen regierungstruppen haben am sonntag zu einer gegenoffensive angesetzt, um die von den befreiungstruppen eroberte provinzhauptstadt quang tri zurückzugewinnen,
in salzburg hat gegen starke konkurrenz aus der schweiz, aus ungarn deutschland & der cssr bei den greyhounds ein hund aus wien gewonnen, bei den afghanen ein in salzburg gezüchteter usw. usf.
(15.-30.5.1972)
e.a.richter - 2014-01-24 13:00
2
mein herz ist ein stets schwer einzukalkulierender faktor.
bei jedem herzschlag folgt auf die systole der vorhöfe bei gleichzeitiger diastole der kammern die systole der kammern bei gleichzeitiger diastole der vorhöfe, nur das ist gewiß.
ich liege die ganze nacht wach, schreibst du, & mein herz hüpft mir, als wollte es sich selbständig machen.
die supermatratze unter meinem arsch ist ein folterbett mit abwechselnden hitzen & kälten.
ich sperre beide türen ab, weil ich angst habe, daß meine frau hier einbricht.
sie bricht auch ein, wenn sie nicht einbricht, hier herrscht laufend der zustand des eingebrochenwordens.
die kästen knacken, das küchengeschirr verschiebt sich.
der Geschäftsführende Vizepräsident schreibt mir eine freundliche karte.
es wimmelt von himmelsleitern, von denen immer wieder buster kanton rutscht, direkt in die hölle hinter der schlafzimmertür.
bisher hab ich mein herz nicht so beachtet, jetzt drängt es sich geradezu auf.
jetzt ist es ein hohlmuskel, in dem z. b. dieser tag völlig verschwindet.
ich fühle mich ständig beschnitten, obwohl mir nur gleiches mit gleichem vergolten wird, obwohl jetzt nur das eingetreten ist, was ich seit langem propagiert habe, allerdings unter ausklammerung der veränderten einschätzung durch fremde personen.
jetzt ist das ich von lächerlicher beschaffenheit, verletzbar durch & durch & daher unwichtig.
e. öffnet die tür zum laden & zwingt mich, in ihre kleider zu schlüpfen, die meisten sind von meiner mutter, sagt sie.
ich drehe mich um & sehe eine nackte flache brust, & das ist einen moment lang ekelerregend & im nächsten nur noch erregend, wegen des gleichzeitigen ekelgefühls.
soll ich in den grauen schmutz, der gar keiner ist, meine finger hineinbohren?
etwa in die grauen warzenhöfe, die beim zweiten blick gar nicht mehr grau sind, aber doch grau sein müssen?
es ist ekelerregend, auf dieser blassen haut diese art von hose, diese art von knöpfkleid in dieser art von rot: sowohl das herunterreißen als auch das bedecken sind keine auswege, das sehe ich ein.
ich gehe nicht hinaus, verschwinde auch nicht im klo mit dem zerbrochenen fenster, wo jederzeit einer der besucher, die hier unvermutet auftauchen können, hereinlangen kann: ich erinnere mich an ein spiel, wo ich, auf der klobrille sitzend, im dunkel immer nach der hereingeworfenen klorolle tasten mußte, nach hinten in die spitzwinkelige staubige nasse ecke, worauf dann die hinausgeworfene klorolle einen aufschrei provozierte, ein befreites auflachen, & gleich darauf kam sie wieder flatternd hereingeschossen, mitten auf meine stirn.
ich erinnere mich, beharrlich am fenster stehend, an die verschiedensten hinabstürzwünsche, als es so dunkel & blühend - DUNKEL & BLÜHEND - da unten war, als es so warm - WARM - heraufwehte, als die katzen da unten hinter dem fensterglas sich in zeitlupe weiterbewegten & dabei gar nicht schlichen, so als wäre nur für eine kurze zeit ein anderes tempo ihr natürliches.
der patient bin ich.
die mutter bist du, du mußt es sein.
dein haar ist weg.
auf deiner nase sind die poren zu sehen.
deine zähne sind zu kurz, deine lippen zu aufgeworfen.
deine oberschenkel zu dick & weiß, deine kniee zu fleischig.
ich bleibe noch eine weile, unentschlossen wie ich bin, in diesem statischen weltbild, wo die wünsche immer nach prag, rom oder sizilien zielen, wo mit den möglichen - MÖGLICHEN -zukünften in form von wirklichen -WIRKLICHEN - männern gespielt wird, wo die herzige kleine das glücksrad dreht, aber doch nicht ambitioniert genug ist, um dabei wirklich geschäfte zu machen usw. usf.
(15.-30.5.1972)
e.a.richter - 2014-01-21 13:00
1
wenn ich die hosentür aufknöpfe, denk ich an meine arme frau, schreibst du.
ich hab schon einen bauch.
fett haß ich an allermeisten an mir, aber ich liebe die schamhaare.
meine frau ist jetzt weg, wäschewaschen, wenn das nicht auch wieder ein vorwand ist.
warum soll sie auch nicht ständig neue vorwände hervorholen, jetzt, wo sie doch gar nicht mehr so arm ist, wo sie den intellekt, die bücher, die sie früher so unglücklich machten, wieder entdeckt hat, & zwar unter solchen umständen, daß es mich, den bücherliebhaber, verärgert?
sie hat nie einen angriff auf mein GEHEIMNIS, wie sie es nennt, gestartet.
die gegnerischen truppen haben einen taktischen rückzug nach süden unternommen, gleich danach haben artillerie & kriegsschiffe der 7. flotte die geräumten regierungsstellungen mit einem wahren feuerhagel überschüttet, um zu versuchen, den vormarsch des feindes, aber wer ist das genau, zu bremsen.
quang tri ist praktisch menschenleer.
die einkreisungsmanöver um mein GEHEIMNIS sind faktisch zu ende.
jetzt liegt es ihren waffen offen da.
so wird der akt ein liebe zur transzendierung des nichtfickens der eigenen eltern & der nichtliebe der familie.
zur diskussion steht natürlich, wie schon so oft, die TRENNUNG, was bedeutet, daß das GEHEIMNIS plötzlich nicht mehr von bedeutung ist.
zwar habe ich binnen kürzester zeit sogar heimatgefühle entwickeln können, hier, in diesem fremden haus, unter aufsicht der hausinhabung, & ich bin voller gefühle, gerührtheiten, die ich anderswo sicherlich nicht so haben würde, bindungen, die zugleich lästig & angenehm sind.
zwar durchschaue ich meinen materialismus, meinen ästhetizismus, verberge mich aber trotzdem auch weiterhin hinter meiner banalen nichtssagenden maske.
selbstmaskierung ist der einzige schutz gegen solche, die auf dem hintergrund ihrer familie agieren usw. usf.
(15.-30.5.1972)
e.a.richter - 2014-01-18 13:00
sie sagt: gehen wir hinaus, und im hinausgehen zerfalle ich auf den entferntesten stern. ich blicke auf. die schrebergärten blitzen. die einbrecher sind unterwegs. die friedhofsbesucher drinnen können sich mit den friedhofsbesuchern draußen nur durchs gitter unterhalten. ich reiche einer toten die hand. meine füße baumeln von der aus den erdreich geholten bank. ich bin plötzlich im verhältnis sehr klein. einer wird den abhang hinunterrollen und an der neu errichteten mauer mit seinem tretroller zerschellen. wenn das nicht unser sohn ist? sie hat ihren sohn nur im bewußtsein. ihr mann geht neben ihr her mit vermehrten falten und zunehmender kahlheit. die politischen lehren verblassen im vergleich zur lage. ich spalte mich auf, meine diffusität verkünstlicht meine existenz. ich habe mich im hinaufgehen kurz vergessen. immer mehr maschinen halten zuhaus einzug. auch hinter gittern sind liegewiesen zu sehen; was dahinter liegt, weiß man nicht. gloriette ist ein kennwort für kenner der situation. wir recherchieren. die hausbewohner geben bereitwillig auskunft. wir halten uns länger auf, als wir wollten. die sonne brennt in unseren auf november eingestellten augen. zum weintrinken ist es zu früh, aber davonlaufen kann sie. aber ich kalkuliere mich als faktor des handelns insofern aus, als sie mich als faktor des liebens auskalkuliert. wenn wir wollen, bleiben wir beide auf der strecke. wir sind die strecke, die uns trennt. unser lustiger grüner bruch ist ein offsetdruck. unsere dialektik kann uns entstehungsgeschichtlich weiterhelfen, formell aber bleiben wir die alten scheißer. der eine steht dem anderen gegenüber, und das ist immateriell. wir kultivieren das unbewußte, der geist verschont uns nicht. sie sagt: gehen wir hinaus, und eine ganze weltanschauung knallt hinter uns ins schloß. die rentner erheben sich und applaudieren. meine vorsehung stirbt den kältetod. zitternd begeben wir uns die lange gasse hinauf, aus dem rock geschüttelt, barhäuptig, ein häufchen synthese, obwohl ich die synthese verweigere. sie kennt das kennwort für die kellner und das konkrete. und dann entzieht sie mir ihre hand, und ihr schweiß bildet sich auf mir von selbst. meine abhängigkeiten sind auf jahre konstituiert. vermischt lebe ich schon mit derjenigen, die mich verlassen wird. die gerinnungszeit unserer zeit hat sich verringert. haarfett auf der zunge, spucke ich gegen den wind aus dem westen. wir haben unsere himmelsrichtungen auf ein verbleiben überprüft. doch die renovierungsarbeiten sind noch nicht abgeschlossen. die bäder werden von bissigen hunden bewacht. immer denke ich den weg zurück in die studentenzeit, wo wissenschaft & kunst keimfrei waren. wo die sexualität sich aufs begeilen an der nachbarstätigkeit beschränkte. was damals an unerschöpflichem entdeckt wurde, nimmt diejenige, die mich verläßt, wieder mit. sie weiß natürlich nicht, warum sie mich verläßt. sie weiß ihre angst nicht anders umzusetzen. sie hat angst vor der zeit, sagt sie, und trotzdem versagt sie sich dieser zeit. sie küßt mein doppelbild. sie nimmt ihren jahrhundertkopf zwischen die schultern und öffnet die augen und wendet sie nicht mehr ab von der blendung, die ich bin. das licht scheint durch die beschlagenen scheiben, unsere körperwärme filtert die außenwelt ab. mehrmals schlage ich nicht nur im geist mein wasser ab. es geht nicht, sagt sie, nicht jetzt, später, bestimmt. das rätselhafte an mir bekommt eine neue dimension. die wahrnehmungen spielen nur eine untergeordnete rolle. mein konzentriertes ich leidet, aber worunter? es verändert sich molluskenhaft. unser schwächebewußtsein stärkt einander, aber ihre kinderstimme liegt gleich hinter der glottis parat. jetzt stehen wir, wo wir geheiratet haben. ich lasse sie sich mir vor augen führen, aber meine Geduld reicht nicht aus für diesen entsetzlich langwierigen prozeß. ich beginne zu deuten und zu exemplifizieren. auch aus dieser situation mache ich ein exempel und statuiere, was anscheinend unvermeidbar war. ein kopf unter köpfen, die alle gleich fremd sind und entsetzlich schnell altern. wir beginnen zu streiten, diesmal fast lautlos. doch sie entdeckt noch die geheimsten kiebitze und verläßt empört das haus durch die hintertür. der kleine ersatz ist vielleicht der große erfolg. hartnäckigkeit hat wie immer nur das ziel der erhöhung des selbstbewußtseins. ich bitte wiederholt, ohne mir hündisch vorzukommen. ich gehe zu boden, und angst, blut & ekel halten mich zusammen. eingekeilt zwischen ihren bestrumpften beinen, erhebe ich mich mit einem ganzen sack voll revolutionen. ich bluffe nicht. ich halte mein bewußtsein im schach mit durchhalteparolen. leblose materie läßt mich reflektieren. ich denke mich leicht hier weg und suche bestimmt keinen trost. ein haus wäre schön, speise und trank in hülle und fülle. doch unter deinen füßen zischen schienen und das desinteresse für wissenschaft & forschung. der einsatz der zeitpunkte ist verwirrend genug: ich erkenne wieder meine voreiligkeit. schnellschießer haben bei ihr nichts zu suchen. die liebe ist aber trotzdem eine explosion in tagebüchern. kalkige ausscheidungen und ein hellroter fleckiger oder knotenbildender hautausschlag an verschiedenen körperstellen. nicht haben, sondern wissen ist von bedeutung. es gibt nur zu lernen, über den berg zu sein. sie sagt: gehen wir hinaus, und wir treffen uns an der wurzel der liebe, und die kritik an unseren erziehung und an unseren umgangsformen und an unserer wirklich gelebten zeit ist gegenstandslos. wir gehen hinaus, und schon haben wir ein haus und ein bett und eine nacht. was wir uns verweigern, wird uns gegeben. was wir uns geben, wird uns verweigert. wir gehen hinaus.
(9.11.1972)
e.a.richter - 2014-01-15 10:00
ich hätte mich nicht wieder
in die Altstadt locken lassen sollen.
Auch auf der Staatsbrücke
- oder einer anderen – der Schwindel,
der mich nicht entscheiden ließ,
wohin die Salzach fließt.
Überall Kühe, bizarr
verunstaltete, aus Plastik,
als hätte sich Bühnenmißwirtschaft
über die ganze Stadt ergossen.
Kühe, die das Leben aller Tiere
verhöhnen, auch das der Menschen.
Und oben das drohende Kastell,
Mauern mit tausend Augen.
Alle erdenklichen Grausamkeiten
geschehn dort noch immer,
nicht heimlich, sondern offenkundig:
es ist ein Sammelbecken
für das Blut aller jemals geopferten
Untertanen, das irgendwann
überschwappen wird, aus den Fenstern tritt,
herabrinnt, alles Leben in der Stadt
langsam vergiftet. Niemand darf mehr
hinaufblicken. Jedermann
muß mit niedergeschlagenen Augen
seinen tödlichen Geschäften nachgehn.
Ich hörte so lange Radio im Auto,
bis rechts der Mondsee erschien
und links nur Autos vorbeiflitzten,
trotz Geschwindigkeitsbeschränkung
fast unsichtbar. Wäre ich abgekommen
von der Straße, vom rechten Weg
hätte ich mit einem blinden Erzbischof
getanzt, hinein in Salzburgs ökumenische
Unterwelt, des Teufels und der gefallenen
Engel paradiesische Hochburg
(St. Georgen, Samstag, 28.10.2000, 7.40 Uhr)
e.a.richter - 2014-01-12 13:00