Freitag, 4. April 2014

0138 - FRAU B.

Frau B., Bedienerin aus G.,
steht neben ihrem Sohn,
füttert ihn, streichelt ihm
die Brösel vom Fischmund,

er atmet tief, keucht, den Kopf
in den Polster bohrend, zuckt,
spricht kein Wort, bleibt
schließlich apathisch liegen.

Bei uns in G., sagt Frau B.,
hat ihm nichts gepaßt,
seit seinem ersten Schlaganfall
kommt er vom Saufen nicht mehr los.

Immer, wenn er laut war, aufgedreht hat,
haben die Lacher den Gendarmen geholt,
ihn befreit aus der unzüchtigen Umarmung
der Mutter; dann Einlieferung,

Zwangsentziehung, zurück ins Dorf.
Und dort kurz kein Alkohol,
aber die Späße, die Versuchung der Leut.
Und dann wieder seine Ausfälle,

seine Wahrheitsanfälle, unerträglich
für die fröhlichen Spender:
Weg mit dem Trottel, dem Abschaum,
schnell weg von der Bildfläche!

Weinend erhebt sich Frau B.,
Bedienerin aus G., setzt sich
zu mir ins Auto, steigt bald um
in die Lokalbahn. Als Fuhrlohn

hinterläßt sie ein Glas Schmalz,
eine halbe Knackwurst,
ein kariertes Schneuztuch
und ihren Händedruck.

(17.6.1979)

Dienstag, 1. April 2014

DZL-02 MEIN PATTEX

mein Zauberer hieß nicht Pattex, nicht Expatt.
Er lebte nicht am Rand der Schizophrenie;
Schizophrenie war in unserer Familie unbekannt.

Ich hatte genug Brüder und Schwestern,
Tauf- und Firmpaten, genug im Krieg gefallene Onkel,
Onkel mit und ohne SS-Erinnerungen,

Tanten, die alles zertrennten und flugs wiederum
zusammenflickten. Ich hatte ein Matrosengewand,
ein Kochgewand, eine Professorenbrille,

einen Weinheber, Matadorsteine, Kiesel, eine Kiste
mit Riesennägeln, fünf Schlachtermesser,
eine Unzahl Besenruten auf dem Dachboden,

eine Selch zum Wundselchen von bösen Dingen.
Mein Zauberer hieß auch nicht Uhu, nicht Schuhu.
Er lebte nicht im Wald, nicht am Waldrand.

Er lebte nicht im Rauchfang, auch nicht im Brunnen.
Wenn man Wasser holte, sah man tief unten
den Himmel. Man sah immer wieder den stürzenden

Onkel, die Mauer, die auf ihn fiel. Man sah
den Schwarzen Mann, den noch niemand gesehen hatte.
Man sah den Tierarzt mit seiner Geburtszange,

den Saubären, den Schmied. Man sah die Esse,
die beschlagenen Hufe, die stampfenden Pferde, die Ziegenzotteln.
Man sah das Loch im Schuppen, aus dem in der Nacht

die Erdäpfel immer wieder heraufwanderten;
nie gaben sie Ruhe. Das war die Arbeit des Kinds: den Haufen
immer kleiner zu machen, trotz Rotz und Tränen,

und es gab kein Lob. Bei Brot und Wasser
das Heu gestopft, die Garben aufgerissen,
die Halme gedroschen, das Korn herausgeholt und gemahlen.

Mein Zauberer war namenlos, er konnte
jederzeit erscheinen, ungerufen.
Er versprach mir schnell ein höheres Alter,

mehr Muskel-, auch Einbildungskraft,
auch beim Geld- und Wissenserwerb,
eine Goldader beim Memorieren, mehr Stimmbegabung,

Standhaftigkeit in allen Lebenslagen.
Plötzlich hießen alle Zauberer Pattex und übertrafen
Vaters Perlleim, den man stundenlang

zum Kleben zwingen mußte. Mein Pattex
schob mich zwischen die Zwingen, ließ mich aber
keinen Schmerz spüren, betäubte mich mit süßen Schwaden.

Bald roch es nicht mehr nach Weihrauch.
Mein Zauberer war in mich eingedrungen.
Jeder in mir lebte am Rand der Schizophrenie

(1.4.2013)

(veröffentlicht in: KOLIK Nr. 62)

(Erschienen in: Der zarte Leib, Edition Korrespondenzen, 2015)

Freitag, 28. März 2014

0137 - DER FAHRENDE SCHÜLER

Ich stellte den Wecker
auf den Rand der Kredenz.
Widerwillig blätterte ich
im Fahrenden Schüler.
.
Da tauchte mein Traum wieder auf:
Ich hatte auf den Fahrenden Schüler.
völlig vergessen. Ich las weiter,
fiel gleich in eine Depression:

Die Sätze, die ich jetzt schrieb,
brachte ich nur
mit Mühe zuende.
Zornig sprang ich auf,
.
zähneknirschend ging ich aufs Klo.
Ich frisierte mich unwillig
bügelte schnell mein Hemd,
spuckte auf meine Schuhe

Du standst in der Küche,
mit zerknittertem Gesicht.
Ich setzte mich hin, kaute
mit geschlossenen Augen,

antwortete nur Unverständliches
auf deine beiläufigen Fragen.
Grußlos gingst du weg,
deine Brote blieben liegen.

Ich schlüpfte in die Hose,
wechselte in die Schuhe,
wischte den Straßenstaub
mit einem Slip ab.

Sofort stürzte ich aus der Tür,
ein Hund lief mir zwischen die Beine.
Ich dachte über den Traum nach,
lachte jetzt über den Fahrenden Schüler.
.
Ich bin feig und will jederzeit
auf alles vorbereitet sein.
Immer die Maske, nur keine Blöße;
die Schuld dafür gab ich der Mutter.

Ich fuhr an einer Telefonzelle vorbei,
bremste, blieb trotzig sitzen.
Ich erwartete von mir Wahrhaftigkeit
in dieser Stunde der Schwäche.

Plötzlich wollte ich das Auto
ins Wasser katapultieren.
Ich stieg aus, die Wellen teilten sich,
das Telefon leuchtete.

Ich sprach in bestem Deutsch
eine Menge schöner Lügen,
ohne daß mir die Brust aufplatzte.
Für diesen Tag war ich gerettet.

(9.6.1979)

Dienstag, 25. März 2014

0136 - DREHTAG

Schminke fürs Tages-
lichtgesicht, Warten,
ohne Bett und Thermophor,
bis zum Umfallen.

Und plötzlich, inmitten
der kreischenden Kinder
hinten, am Kleid,
ein roter Fleck,

der sich in den nächsten
Sequenzen vergrößert,
bald den Bildausschnitt
fast ganz füllt; schließlich

nur mehr Nahaufnahmen:
Schweiß auf der Nase,
Zähne mit Zahnlücke,
verkrampfende Hände.

Und beinahe unsichtbar
im stillen Glasbehälter
beim Fenster die Schnecke.
Mit ihren vorsichtigen Fühlern

heimliche Hauptfigur,
zwiegeschlechtlich,
auserwählt fürs Überleben
am Ende des Drehtags.

(2.7.1979)

Freitag, 21. März 2014

DZL-01 WIR GLAUBTEN AN DAS BLUT

wir glaubten an das Blut.
Dieses Wir ist mit Vorsicht zu betrachten:
Ich glaubte an das Blut,
das in meinem rechten Auge aufgetaucht war
und nicht verschwand.
Sie glaubte an mein blutiges Auge,
auch an ihre Schwarz-Weiß-Welt,
voller Symbole, Gleichnisse und Allegorien.
Wir diskutierten nicht, wir schrieben.
Die Zeiten der Gemeinsamkeit
spalteten sich auf in einen betriebsamen Tag bei ihr,
bei mir in die übertriebene Nacht.
Sie brach sich den Arm auf der Promenade,
ich ließ mir die Linsen tauschen.
Ich beschrieb diesen Vorgang viel genauer
als sie ihren sogenannten Hinfaller am See.
Ich sah durch die Plastikaugenabdeckung
auf die Brillensammlung, die nun völlig wertlos war.
Ich glaubte an das Blut,
das jetzt aus den Augen tropfte,
auch daran, daß sie die Regentin der Blitze war,
die beim Kopfschütteln rechts und links auftraten.
Ich ließ mein Privatleben reichlich nebelumwabert,
sie projizierte langjährige Treue-Hoffnungen auf mich.
Sie kannte nichts anderes als Bravheit
und Pflicht und Ausführung und Versäuberung.
Mir war das Blut wichtig,
man malt mit Blut, nicht mit Wasser.
Man lässt das eigene Blut in die Ferne schwappen,
um die in der Ferne Schreibende heranzuholen.
Dem geht immer auch eine Art Lüge voraus,
eine Art Hoffnung, schleichendes Verschleiern.
Und Eintrübungen, Verschwommenheiten
die sich über jedes Bild gelegt hatten,
erzeugten tagblinde Bilddissonanzen,
prächtige Sehängste, die völlige Blindheit prophezeiten.
Blut auch, das ich aus ihren Sätzen herausgepresst hatte.
Ohne Ekel noch Lust, es aufzuschlürfen,
es war so abstrakt, so kalt, so klebrig, so unnachahmlich nicht ich.
Wäre es heiß gewesen, wär es augenblicklich
auf mich übergesprungen, mit einem Bilderregen.
Fraglich, ob ich mir diese fundamentale Nässe
gewünscht hatte, in dieser kurzen Zeit.
Mit Blut hatte ich die Zeit gedehnt,
aber auch schrumpfen lassen.
Ich konnte Blut in meiner Faust zusammendrücken
zu unsichtbaren Blutmännchen,
auch Blutwürfel, Blutkegel, die tanzten.
Ich brauchte kein Imponiergehabe vor ihr,
sie war ja gar nicht da.
Es war diese Frau gewesen, auf einem Foto
zwischen Versen wieder aufgetaucht,
mit dunkel geschminkten, weit auseinander lachenden Lippen.
Ich vertraute ihren sehr blauen Augen,
der ein wenig verwischten ägyptischen Augenumrandung,
dem geneigten Kopf, den zum Kinn hin gebürsteten Haarspitzen.
Es war ihr geneigter Kopf,
der mein Blut stoppte, die bloßen, hochgezogenen Schultern,
die Andeutung eines Willens zur Umwölbung aus der Ferne.
Dann dieselbe auf einer klapprigen Couch,
wie sie sich einem fast nackten, vielfarbigen Mann zuwendet,
der niemals ich sein kann,
ich bin ein Blutmann, kein Tattoomann,
keiner mit Hautverwandlungsphantasien.
So klein und kleinmädchenhaft
mit aufgestützten Armen im gelben Schlafanzug
nach rechts blickend hin zu dieser Figurenkontur,
in die ich nicht hinein gepasst hätte.
Ich hatte Loch gedacht, aber es mußte Kontur sein.
Die hatte ich ja auch gebraucht zur Niederhaltung der Angst,
die in mir aufstieg unter dem grünen Papiertuch,
wo mich der Bluttransport in meinem Körper ängstigte,
wo ich mich als allgemeine Blutquelle erfuhr,
während die draußen an mir herumwerkten.
In diesem linsenlosen Moment, im Gleißen,
das nicht zu vermeiden war,
stürzte dieser Satz in mir zusammen:
Wir glaubten an das Blut.
Das eine Wir hatte einen Gips am Arm,
der nur maximal eine Dreivierteldrehung erlaubte;
das andere lag da und dachte: Schluß damit, kein Licht

(Freitag, 21.3.2013)

(Zum Unesco-Welttag der Poesie)

(Erschienen in: Der zarte Leib, Edition Korrespondenzen, 2015)

Mittwoch, 19. März 2014

0135 - HUMOR MIT PANIK

Aufwachend les ich den Rauch
in der Wohnung. Gevierteilt
real springt die Wirklichkeit
durchs Fenster: mein Frühstück,
die schwarze Botin.

Ich trink die Buchstaben-Amazonen,
ich bad mich im Blut
von Kriegerinnen und Kraftfraun.
Ich wasch mich mit der Hoffnung
der Gläubiger, rasier
alle Zweifel ins Abortloch.

Gekämmt mit klaglosen Vorsätzen
wünsch ich meinen Nachbarn
Guten Tag durch die Mauer. Ich weiß,
sie sind alle ans Bett gefesselt,
verstümmelt von ihrer Angst.

Sie wollen mich auf keinen Fall kennen.
Auf ihnen tanzt die Freiheitsstatue,
ein totes Negerbaby im Arm.
Von oben rieselt Kaffee herein,
er stinkt und klirrt. Plötzlich
muß ich das Haus vorm Umfallen
bewahren, was mir nicht gelingt.

Ein Helikoptermann wirft ein Lasso
und rettet mich. Am Seil
baumelnd fall ich in einen Brunnen.
Dort wächst das Wasser täglich
einen Millimeter. Mein einziger Trost:
die Algen sind eßbar.

(20.4.1979)

Montag, 17. März 2014

0134 - H. IM GLÜCK

Plötzlich steht dieser H. da,
mitten im Waldviertel,
auf der Flucht vorm Föhn,
weder Kärntner noch Deutscher,
mit ausgestreckten Füßen da- und dorthin.

Und die andere Dimension, die sich auftut,
auch hier vorm Wasserloch im Steinbruch:
die Hortens und Krupps,
ihre armen Frauen,
seine reichen Freundinnen, fallweise,

Mischpoche, die ihn abstoßend
anzieht, fallweise.
Rückblickend kommt er
notgedrungen zum Schluß:
eigentlich lebt er im Konjunktiv,

schaffe aber immer, zwischendurch,
den Indikativ, das Geschäft,
das ihn rettet vorm endgültigen
sozialen Abstieg, vom BMW
zum zerfallenden Ford Taunus,

von Modellkleidern und Ledermänteln
zu lächerlichen Zehensocken
oder Handtüchern aus Hongkong.
Kurz untergetaucht, entgeht er,
wenn es brenzelt, immer

der legalen Verfolgung, verfolgt trotzdem,
illegal, seinen Lebenstraum,
knüpft Kontakte, schöpft
Sicherheit, kleidet sich neu ein,
tritt rücksichtslos

auf irgendeine Bühne, geschäftlich
oder als ehrgeiziger Autor,
der sich gleich die Teufel von Loudun vorknöpft.
Theoretisch kann er alles:
aus der Blumenverkäuferin in Köln

macht er eine FDP-Politikerin,
aus dem kleinen steirischen Pornohändler
einen feinen Binkel,
aus dem leidenschaftlichen Konzertbesucher
einen Ehemann, der die dreimal

geschiedene Schauspielerin
mit einem Löffel Spaghetti erstickt;
kurzum: aus dem kurzen Ernst
des Lebens erhebt sich stets ein Tremolo,
das seine Unbehaustheit noch mehr verstärkt.

(6.6.1979)

Freitag, 14. März 2014

0133 - ZWEIMAL SCHULE

1

Im Traum ist die Schule
ein riesenhaftes Gebäude,
verschachtelt, auf vielen Ebenen,
mit vielen Ein- und Ausgängen,
verfallende Pyramide
inmitten des Verkehrslärms.

Und irgendwo drinnen
seh ich mich als Lehrer, auf der Suche
nach dem richtigen Stockwerk,
die Schüler marschieren blind vorbei,
meine Angst nimmt zu,
ich verfehle die Klasse,

ich gerate ins Freie,
doch der Schulwart zieht mich um die Ecke,
es wird totenstill,
ich schleppe mich weiter,
über Treppen hinauf und hinunter,
es gibt kein einziges Zeichen,

das mir den richtigen Weg weist,
ich seh mich schweißgebadet,
entkleidet am Boden,
der Direktor tritt zugleich
aus der Wand und aus der Tafel,
er beruhigt mein Herz.


2

Mit einem verrückten Herzschlag
fängt diesmal die Schule
schon auf der Matratze an,
mit brennenden Augen,
Schmerz in den Schultern,
mit einem vom Schlaf zerknitterten Hemd,

mit Haferflocken in den Haaren,
der Frage nach dem Inhalt der Tasche,
mit klebrigen Büchern,
unleserlich beschriebenen Exzerpten,
mit Methodik und Didaktik
im kleinen Finger.

Und immer wieder
bin ich dann plötzlich weg,
weggeblasen, aufgesogen
von der trockenen Radiatorenluft,
Spielball beschnittener Schülerphantasien,
festgehalten von lautlosen Uhren,

vom Gong, vom Stundenplan,
von der Dienstpragmatik.
Und immer wieder
beginnt der Marsch im Kreis,
vorbei an offenen Klassen,
verwischten Gesichtern.

Mit einem Mal ist die Sonne
riesig hinter den Fenstern,
blutrot lockend: ich bleib stehen,
bis alle Schüler auf den Plätzen sind.
Die Tür fällt ins Schloß,
dreißig Träume fließen aus.

(12.1.1979)

Dienstag, 11. März 2014

0132 - EIN HASE IM FRACK

Herein! Herein!
Ein Hase im Frack
wackelt vorbei,
mit ihm die Aussicht
auf ein doppeltes Leben
(d.h. Lottchen, d.h.
Alice), und alles
ist neu verfügbar,
radikal veränderbar:
Größen, Volumen,
die Geschichte der Erdkugel,
die Schichten der Geschichte,
ohne Medienmythen,
ohne Radiokarbon.

(4.6.1979)

Samstag, 8. März 2014

0131 - DER MANN

Natürlich - der Mann
ist imposant, interessant, intelligent,
von unbeschreiblicher Präsenz
im Muttermund der Erfahrung,
im Kondom der Erinnerung:
mein Vater mein Bruder alle Soldaten
marschieren durchs Dorf,
der Lehrer, der Pfarrer,
Dominosteine dominant,
bis aufs Messer rasant,
rasierend; lavierend
zwischen Vergötzung und Abscheu
Angst und Überschätzung
neig ich zum kleineren Übel,
brühwarme Ablehnung, Schutz
vor der Einreihung in die Armeen
der Schwänze Gewehre Wolkenkratzer Totmacher,
totlachend die Männerembryomilliarden
in den Weiberleibern
oder ihre Aufzucht zur Unruhe,
zum schmerzversessenen Schweifen,
zu Rasierklingenmenschen, Gurgelabschneidern,
zu heiteren Sadisten im allgemeinen Sumpf,
zu Lederstrumpfattentätern, Verschwörern
gegen das verleugnete Matriarchat.
Auf den Spuren des Hinterkopfs,
in der Praxis des Abtastens,
des Reißverschlußöffnens,
der notwehrnötigen Enthaarung:
Was kommt dabei heraus?
Glänzende Leiber, zwiegeschlechtlich,
andersrum heftig und heil,
ausgestattet mit allen Vorzügen der Phantasie,
des unbekannten Spielmaterials,
und es öffnet sich
das Zeitalter wahnsinniger Vernunft.

(30.6.1979)

Dienstag, 4. März 2014

0130 - PERSPEKTIVE, ÖSTERREICHISCH

Ein schwarzroter Adler aus Marzipan
legt sich aufs retardierte Bewußtsein,
schläfert das Gemüt schön weinselig ein.
Und herausspringt in trunkener Selbsthypnose
der Zweckoptimist, eine Kassette in der Kehle:
dort spielt sich immer wieder von selbst
die Operation Freiheit ab, ohne Rezept
für die Befreiung von den Befreiern:
Nonstop Konsens.

(18.1.1979)

Samstag, 1. März 2014

0129 - BOMBENSICHER

Kaspar ist tot, schreibt Arp,
aus der Kasperlhölle, wo er
in seinen Sätzen brät, seinen
Überraschungswendungen, Spießum-
drehungen, ohne Erklärung
der Monogramme in den Sternen,
ohne Büste auf allen Schauplätzen
des edlen Menschen, den es leider
nur in China gibt, jetzt tief
im Krieg gegen den sogenannten
Hegemoniefetischisten Viet-Nam.

Kaspar ist tot, schreib ich ihm
zurück aus dem Kasperlland,
wo ich kasparwörterlos, kasparwortlos
zum Lebenshandeln verurteilt bin,
zu Entscheidungen von heut auf morgen,
zwischen Stirn und Handrücken,
zwischen Augenauf- und Herzschlag.

Wer den ersten Stein von unten
hinaufwirft, antwortet Arp, trifft
ins Schwarze Loch, bombensicher.

(1.3.1979)

Mittwoch, 26. Februar 2014

0128 - DER DISSERTANT

(für Otto L.)


Nie wieder Ohropax, sagt K., nachher,
nie wieder nur Blutrauschen und die andern
Körpergeräusche, mühsam unterdrückt
durch absichtlich knackende Kiefer,
fast zehn Jahre lang diese unmerklich
vorrückende Zeit, ab und zu eine Zigarette,
ab und zu nützliche Schatten, die Frau
hinterm Küchentürglas, ihr lautmalend
geöffneter Mund, und nachts sogar
die Vorwarnung mit dem Licht am Gang.

So geht das wahre Leben, sagt K.,
an mir vorbei, vibriert weit
unter mir, und die Kopfhaut bebt,
die Exzerpte, Notizen wachsen,
die Niederschrift nimmt beharrlich zu.
Oft, wenn ich aufblicke, lassen sich Krähen
auf der Loggia nieder, fallen wie Kegel
auf meinen Wink neun Stockwerke runter
ins Kriegsspiel der Kinder,
auf die langsam auftauende Erde.

Und immer wieder, sagt K., träum ich
von einer Wiedergeburt: daß alle Fenster
aufplatzen, nachts, daß die Blätter
rausspringen mit einem Ultraschallknall,
von allen Türen ausgehend ein Sog entsteht,
daß ich mich endlich vors Haus wag, ungeschützt,
ohne Angstschweiß unter Menschen, in die Stadt,
um wieder, inmitten des alltäglichen Lärms,
sehen zu lernen, durch meine so schwer lesbare
Handschrift hindurch, was wirklich ist.

(8.1.1979)

Sonntag, 23. Februar 2014

0127 - WIENER BLUT

Der Karneval dauert scheinbar ewig,
der Vorhang hebt sich, das Theater beginnt,
Moliere schmiegt sich in den Schoß seiner Mutter,
sie singt ein Kinderlied und stirbt,
der Holzschuhbaum leuchtet, die Eiche rauscht,
Gadda hat Angst allein am Berg,
sein Vater verfolgt ihn mit seinen Fäusten,
der Herr fährt in seiner Kutsche vorbei,
die Pächter frieren.

Der Karneval dauert scheinbar ewig,
das Schaf wird erschlagen, auch Gaddas Neffe,
sein Mörder verbeißt sich in seiner großen Zehe,
die Ziehharmonika spielt Wiener Blut,
das junge Paar feiert Hochzeit im Kloster,
der Preis dafür ist ein Waisenkind,
das Theater segelt im Wind bis zum Abgrund,
die Steuereintreiber retten sich aus dem Fluß,
der Vorhang hebt sich, das Theater beginnt.

Moliere hustet heftig hinterm Vorhang,
der König zeigt seine Macht, indem er lächelt,
der Olivenhain ist erfroren,
das Waisenkind wächst frierend heran,
das Radio im Wasser jault Wiener Blut,
Gadda kann weder lesen noch schreiben,
Elektrizität fährt ihm ins Hirn,
es leuchtet von Fremdwörtern,
der Karneval dauert scheinbar ewig.

Der Vorhang hebt sich, das Theater beginnt,
plötzlich kommt hinter den Masken Blut hervor,
die Ordnungshüter räumen auf,
der Herr fährt in seiner Kutsche vorbei,
das Waisenkind weint, es hat keine Schuhe,
Gadda fährt nach Deutschland, ins Paradies,
Moliere schleppt sich die Stufen hinauf, er blutet,
der Holzschuhbaum leuchtet, das Waisenkind kriegt Schuhe,
der Herr vertreibt die Pächter.

Der Karneval dauert scheinbar ewig,
Moliere stürzt von der Bühne,
er stirbt und schlüpft in den Schoß seiner Mutter,
der Holzschuhbaumstumpf leuchtet,
die Bühne kracht in den Abgrund,
der König wird geköpft, der Herr vertrieben,
aus allen Radios auf den Bergspitzen ertönt Wiener Blut,
Gadda sitzt davor, sprechend und schreibend,
der Vorhang hebt sich, das Theater beginnt.

(4.1.1979)

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