Verwundbar wie in den besten
Zeiten der Vorvaterschaft
erschein ich schon wieder
in deiner unauslöschlichen Rede
als ungeahnt potenter Nachkommen-
Zeuger, weißbärtig, ohne
Haupthaar inmitten einer Schar
sich im Schlaf wälzender Kinder.
Da ließe sich ruhn, später,
ohne Gewissensbisse, ohne
Uneinigkeit mit sich selber.
Du pochst auf deine Gesundheit
und Kraft, dein Recht
auf Schwangerschaft, Wiederholung
der Kindheit mit anderen Vorzeichen,
auf eine künftig erfüllte Zeit.
Meine Widerrede bleibt stumm.
Ich geh jetzt nicht schlafen, setz
auf die roten apokalyptischen Reiter,
im Fernsehn, für mich ganz real.
(12.7.1979)
e.a.richter - 2014-05-20 13:00
Im Brennesselfeld
neben dem Steinbruch
überraschend der Anfall
des Asthmatikers.
Vom Kirschbaum
auf dem Weinberg herab
betracht ich die Verjüngung
seiner spitznäsigen Freundin,
als er sich vor Schmerz
auf den Findlingen windet.
Die überreifen Kirschen
prasseln zu Boden,
beflecken alles.
Von der Mülldeponie
weht ein Faulgeruch her.
Ich bleibe, die andern flüchten.
(13.7.1979)
e.a.richter - 2014-05-16 13:00
Eine Steckdose
in jeder Hundehütte,
das ist Fortschritt.
Trotzdem - der Hund
riecht den Haschischknochen:
regulierte Anarchie,
dezentralisierte Einheiten,
Recycling ohne Heldenkult
im Neandertal, keine Konkurrenz
der Windmacher, keine
pharaonische Beschneidung,
keine Angst vorm Streicheln.
Und brennend aktiv
mit gefilterter Wut
gegen die Polizistenstiefel
über den stockenden Fluß
aus Öl hinüber in den Wald,
zur Graswurzelwerkstatt.
Aktiv als Triebtäter,
mit dem Stimulans der Vision
einer allumfassenden Koalition
gegen Kirch- und Reaktortürme,
mit dem zweischneidigen Messer
der Zukunft, herzverstärkt.
(23.8.1979)
e.a.richter - 2014-05-13 13:00
Computer erigieren sich
in jedes Wohnzimmer: alles
wird abrufbar gegen Lohnabzug,
jeder Abruf registriert mittels Code
im Speicher der Zentralen Friedenssicherung.
Draußen die schwarzen
Armbinden sind eine Provokation,
die Straßenbahnen fahren leer, Fußgänger
demonstrieren kurz für die Zweite Gesellschaft,
halbdunkler Untergrund ohne Bewaffnung. Trotzdem –
die Polizei kocht Kaffee
und Würstchen vorm Haus, stellt
einen Hochstand hin, beobachtet das Wachsen
des Grases. Und weit weg, im Hochsicherheitstrakt,
lagern die Herzschrittmacher der inzwischen toten Rebellen.
(22.8.1979)
e.a.richter - 2014-05-10 13:00
Während droben auf den Kahlenberg
ein Gewitter niedergeht, die grellgrünen
Bäume Widerstand üben, seh ich meinen Vater
noch immer im sterilen Gang der Heilanstalt,
kaltes, graubraunes Essen schlürfend.
Als wir mit gestohlenen Blumen auftauchen,
schläft er mit offenem Mund, und sie sagt:
du denkst nur an deine Zukunft; und sie sagt:
noch immer beschneidest du meine Freiheit;
und sie sagt: selbst mein Psychiater lacht über dich.
Jetzt sitzen wir kauend zwischen Kerzen.
Und sie sagt: Zum Verdauen braucht mein Magen
völlige Stille. Und sie sagt: Meine einzige
Hoffnung ist der neue Mann in Berlin.
Draußen trocknen die Blätter. Sonne bricht durch,
die Wiese glänzt durch die Scheiben.
Die Erde reißt auf, im Mälstrom unter mir
leuchtet versteinert mein Vater.
(8.7.1979)
e.a.richter - 2014-05-07 13:00
Wie sehr sie sich bemühten, den wahren Augenblick zu entdecken:
wach und eindeutig umgrenzt sind die Leiden
an allen Zwangsbeschäftigungen zum Überleben.
Das kleine Land als Plattform ist abschüssig,
als Terrain nur passend für Schifahrer und Musikanten.
Der zornig traurige Mann ist künstlich entschärft,
die nur sonntags einsichtige Frau völlig gestreßt,
schwankend zwischen Männerhaß und zärtlicher Nervosität:
herantretend ergreift sie seinen Österreicher-Schwanz
und denkt zwangshaft an die Erstickungsanfälle ihrer Jugend,
die Pfropfen Menstruationsblut, das Fädchen zwischen den Beinen,
an das nie endende Gelächter ihrer Freundinnen.
Was brennt da draußen in der Ebene? Flache Grünflächen,
Fackeln an allen vier Windecken, in deren Mitte
ein Kind schreit, tröstliches LIFE-Produkt.
Die Waggons schaukeln und rauschen,
die unruhige Mutter versteckt ihr Gesicht in der Zeitung,
und bei der Tür die Pendler, die sich oft schneuzen,
saugen die Landschaft gleichgültig auf. Mein Schmerz
in den Fingerkuppen in Erwartung der Frauengesellschaft.
(15.6.1979)
e.a.richter - 2014-05-04 13:00
Zartleibigkeit wird vermißt,
auch intensive Zartlebigkeit.
Zärtlich gestrichene Haut,
die im Außenleben auflebt,
das sich zunehmend rotfleckig äußert,
als von selbst aufgebrochene Wundmale,
plötzliche Faltenvermehrung.
Schon wieder ein schärferer Blick auf Mädchen,
wie sie vor den Spiegeln hin- und hertanzen,
während sonst Spiegel tabu sind.
Dieses Leben im Ungefähren.
Das Wesen vernebelt sich von selbst.
Dieser erstaunliche Schwund an Wörtern:
als wäre man befreit,
wenn man Wörter verliert.
Diese Scheu, vom Wortverlust zu reden,
als wäre das Reden schon Verlust.
Als wäre Merktechnik eine Schande.
Als wäre die Überwältigung mit Namen
auch eine Namensverwaltungspflicht.
Man könnte jetzt sogar so weit kommen,
den eigenen Namen zu ändern,
um dem Namensauftrag der Eltern
endlich zu entgehn.
Der zarte Leib taucht nicht auf.
Die Lieben erscheinen nicht,
auch wenn sie schriftlich so tun,
als wäre ihr Witz schon Anwesenheit
(2013)
(veröffentlicht in: KOLIK Nr. 62)
(Erschienen in:
Der zarte Leib, Edition Korrespondenzen, 2015)
e.a.richter - 2014-05-01 13:00
Eine einzige Nacht damals in der Höhle des D. J.,
als vermeintlicher Sympathisant, in seinem feuchten Bett,
mit Blick auf die Glasscheibe in der Tür,
im Ohr die fremden aufreizenden Geräusche, und überall
der Schmerz über die schnelle Verschlechterung,
das nicht zu verhindernde Ausgestelltsein meines Lebens:
Gesucht wurde ich von den Hausparteien, von der Ehefrau,
den Schwiegereltern, aber auch von der Polizei
seit dem tatsächlichen Absprung, seit dem Rausschmiß,
seit der langsam vorbereiteten Ablösung,
seit dem ersten Tritt auf die Himmelsleiter,
seit der Affäre, die allen ihre Nerven gekostet hat,
seit dem pausenlosen Allen-in-den Rücken-Fallen,
seit der Großen Verantwortungslosigkeit,
seit dem unverständlichen Rückschritt in die Pubertät,
seit dem Gesamtaufbruch ins Kriminelle.
Jetzt schraube ich noch immer eine passende Platte vors Glas,
dichte die Tür ab, hole den Bücherkoffer, kaufe Bettzeug,
erzeuge den geistlosesten Widersinn von Wohnlichkeit,
erstatte Vollzugsmeldung, flüchte zum nächstbesten Freund.
Mit mir wandert die Platte, wird umfunktioniert zum Tisch
im Vorzeigezimmer fürs Pflegschaftsgericht,
inmitten einer Schar von Grünpflanzen, die nicht verdursten,
trotz ihrer apokalyptischen Leiden. Im Traum klagen sie
über meine Herzlosigkeit, bedrohen mich
mit ihrer Mordmethode: sie verstopfen alle Zu- und Ausgänge,
dringen von überallher in mich ein,
besetzen mich, machen mich zu ihrem Erstbesitz.
(10.6.1979)
e.a.richter - 2014-04-27 13:00
Elfi, Kunstfigur
aus der wirklichen Hanni K.
und der wirklichen Gabi M.
(und den Erinnerungsfetzen
an so viele Mädchen in ihrem Alter,
auch den theoretischen Anforderungen
an gleichaltrige, vielleicht auch ein wenig
ältere und den scheinbar fixen
Regeln einer Kraft-Dramaturgie),
zwingt mich zu einer Bahnfahrt
nach Wien, zum Tatort.
Doch die Cassette mit ihren Stimmen
kann ich dort nicht hören:
untergehend in der leeren
Wohnung, im Widerhall
in den Küchenkästchen.
Im Zug die Trauben essende Frau,
die glockenhell auflacht.
Elfi muß so groß sein wie sie,
so kräftig, doch ernst.
Sie balanciert an der Grenze
von weiblicher Banalität und Auflehnung.
Sie kennt die Glanzlichter der Erfahrung
von zehntausend Sechzehnjährigen.
Mein verwischtes Spiegelbild vor mir
überlegt sich eine heftige Liebe.
Aber der Zug hält, ehe sich ihr Körper
plastisch und schmerzhaft zusammensetzt.
Zwei ziemlich beschwipste junge Frauen
allerdings bugsieren mich in ein Auto,
fahren mich ohne irgendein Wort
zum nächsten Hotel.
(14.7.1979)
e.a.richter - 2014-04-24 13:00
Als schöpferischer Subjektivist
in der Dramatik des historischen Augenblicks
gurgle ich stets mit einer feinen Mischung
aus IRRATIONAL INSTINTKIV ARCHETYP CHAOS,
vermengt mit einer Prise ORDNUNGSPLANFORM:
so entsteht kinderleicht die Methodik
des Instrumentariums und das Instrumentarium
der Methodik. Trotzdem unter Zwergen sitzend,
mit notgedrungen deformiertem Rückgrat,
seh ich meinem eigenen langsamen Dahinsterben
mit größtem Interesse zu.
Ohne der Süßlichkeit dieser Idylle zu verfallen,
noch ungewiß über das Ausmaß der neuen Leibeigenschaft
staatlicher Zwangsbeglückungsmaschinerien,
stets auslotend die Vielfalt des Schicksals weiß ich:
empört und irritiert wähl ich stets
die Freiheit als Elexier der Vitalität,
und die geometrische Epidemie überleb ich,
überwinternd in der Brunnentiefe
meiner zutiefst sprachlichen Existenz.
(mit Worten von Wolfgang Kraus,
entnommen einer Broschüre der Industriellenvereinigung)
(11.7.1979)
e.a.richter - 2014-04-19 13:00
Ich kreativ konservative sagen wir: Persönlichkeit
gedeihe nur auf dem Humus des Humanismus.
Aus gutem altem Holz, aber stets bereit
zur Veränderung bleib ich
bei meiner guten alten Taschenuhr.
Sie tickt mir die Zeit genausogut
wie der gute alte Holzwurm.
Als wiederbelebter Christ tret ich auf
gegen die Zeloten mit dem Maschinengewehr,
gegen die Brutalpolitsportler, trotz allem
behaftet mit der starken Potenz aktiver Geduld.
Benediktisch gesagt: lieber
die Verhinderung des Feuers
als das Feuer, lieber der wahre
Held als der falsche, lieber
die Deeskalation als der Skandal.
Säend mit beiden Händen, in der einen
das gute sozialistische Christliche,
in der andern das sozialistisch christliche Gute:
es gibt keinen Dritten Weg.
Ich sagen wir: David,
mit den schillernden Goethe-Worten im Mund,
stürz mich hinaus ins weite Land,
evolutionistisch aufs Böse, hau
mich drauf auf die schon lang
immunisierte Leich, aufs Bürgertum,
spritz meine Potenz als Besserwisser
aus allen Poren, hoffend,
am Horizont erscheint, absolut,
in den natürlichen Grenzen der Freiheit,
hinterm Goldenen Kalb endlich
der Schatten des Goldenen Zeitalters.
(mit Worten von Ernst Wolfram Marboe,
entnommen einer Broschüre der Industriellenvereinigung)
(11.7.1979)
e.a.richter - 2014-04-16 13:00
Die Batterie im Wecker
treibt die Zeit, sechs Uhr,
der Nachbar oben pendelt
unentwegt zwischen Küche
und Klo, sechs Uhr eins,
der Morgenverkehr rauscht,
die neue Frau im Bett
träumt sich noch schnell
einen schrumpfenden Vater,
sechs Uhr zwei, Schrei-
orgien, Klavierübungen,
Krankheiten, Katastrophen
zwischen Wohnung und Ordination,
sechs Uhr drei, der Sohn
in einem fernen Haus
atmet die gute Luft
links ein, sie ist blau,
die schlechte rechts aus, gelb,
sechs Uhr vier, plötzlich
hat er eine Idee, kriecht
ins Schlafzimmer, kitzelt
den Freund seiner Mutter
mit einer Flaumfeder
zwischen den Zehen,
sechs Uhr fünf, daneben
liegt sie, schon wach,
unterm Tuchtentknäuel,
Wagner begattet sie,
sechs Uhr sechs, mein Vater,
hingegen, will immer wieder
die gelähmte Hand am Bügel
über dem Bett festkrallen,
sechs Uhr sieben, immer wieder
rutscht sie ab, bleibt tot,
und ich, in diesem Zimmer,
zähle die seltsamen Kratzer
an meinen Fingern, genieße,
verwundert, das Chaos,
sechs Uhr acht: Hefte,
Bücher, Zeitungen, Skizzen,
Hemden, Hosen, Socken,
ein Korkturm, ein mit Wolle
umwickelter Zweig, Lego-
Bausteine, ein Korbstuhl,
von selbst schaukelnd, sechs Uhr neun,
und am Schreibtisch gehäuft:
Rechnungen, Prospekte,
Medikamente, Manuskripte -
das alles ganz zufällig
Gesetz und Ordnung
meines jetzigen behauchten
Lebens, sechs Uhr zehn.
(11.4.1979)
e.a.richter - 2014-04-13 13:00
Die Blätter des Zürgelbaums, schon gehäuft.
Darüber 12 neue Abenteuer in Afrika,
neben den Millionären durch ein Klassenlos,
verspricht Henkel-Benco.
Die Schülerinnen im Sportplatz hinterm Gitter
drehn ihre Arme wie Dreschflügel.
Der Wind, kühl trotz der Sonne,
fächelt mit den Zweigen der Trauerweide.
Der Krieg am Golf erreicht uns jetzt
über den Ölpreis, behaupten die Multis.
Kälte erzeugt Angst
und die Ohnmacht Überreaktionen.
Ganz Österreich blickt gläubig
in Carters Greisengesicht.
Unter der Last der Menschenwürde
prüft sein Nachfolger den Atomschild.
Vorm Schultor mein Sohn, der mir zuwinkt,
küßt seine Freundin zart auf den Mund.
(25.9.1979)
e.a.richter - 2014-04-10 13:00
(für Philipp)
An den Wänden kannst du
pissen und kuscheln,
die Geräusche der Türen
sind unnachahmlich,
die Decke verändert sich
ständig mit deiner Stimmung,
alles, wohin du blickst
ist für dich nur Theater:
es reißt dir die Augen
aus deinem Schädel,
die Nase, die Ohren
fliegen weg, die Hände
flattern zum Fenster,
die Füße zermalmen
die Schuhe und setzen sich
auf deine Zunge.
Wenn aber die Löschkatze
über diese Zeichnung schleicht,
wird alles weiß, und es bleibt
nur das rostrote Morgenrot.
(1.7.1979)
e.a.richter - 2014-04-07 13:00