Dienstag, 25. September 2012

EU-18 KALLIOPE (OXO TOWER)

am geschlossenen Museum der Bewegten Bilder
die Namen der neun Musen in Großbuchstaben
auf einer abblätternden Mauer, changierend
zwischen Himmelsblau und Sonnengelb.

Nur Kalliope sprach mich an, mit schönster Stimme.
Vor allen Fremden ihr Tadel: ich sollte mein Ziel
nicht länger verleugnen, mich endlich erklären, angstlos.
Unter jedem Namen war ein Sessel montiert.

Auf einem – Terpsichores – ein Taubenpaar, starr
die linke, die rechte sich unentwegt putzend. Mühte mich ab,
sie zum Auffliegen zu zwingen, mit einem Kraftblick,
ohne Reaktion - wandte ich mich ab, spazierte

weiter, bis Kalliope von oben mich ansprang, nichts
Weibliches mehr an sich. Rittlings auf meinen Schultern –
schrie Hü! und Hott!, kein Trab mehr gestattet, Galopp
und Reißaus durch die Menge, die hinter mir lachte

(Montag, 7.8.2000, 12 Uhr, London)

(Erschienen in Eurotunnel, Literaturedition Niederösterreich, 2005)

Sonntag, 23. September 2012

EU-17 MASKENGESICHT (BOUNDARY STREET)

Augen, unzugängliche, unter gesträubten Brauen,
offene Poren, Nasenhaare, todernst verkniffener
Mund, schwarzer Bartnachwuchs: Gesicht oder Maske?
Gleich erschien mir in einem anderen Raum

die grauhelle Spiegelfläche, samt Warnung davor,
mich selbst zu beschmutzen, die ich ignorierte,
vornübergebeugt in diesem Moment voller Gier,
mich auf der opaken Ölschicht ganz zu erkennen.

Sah nur etwas verschwommen Dunkles, Undefinierbares,
zugleich Spitznäsiges über der breiten Kinnlade.
Auch die Blechkante, unscharf zu beiden Seiten des Gangs,
die mich in Hüfthöhe umschloß. Weg ging ich

mit rinnender Spur rund um den Unterleib,
die nicht stank, durch nichts zu entfernen war.
Was mir narzißartig entschwebte, stellte sich
nebenan hin als viel kleinerer, vergreister Bub,

Zorn im Gesicht. Flugs dazu erfunden:
Normkörper, deren Engelhaftigkeit. Damit verband er sich
zu einer Dreieinigkeit, die den quadratischen Raum
gegen alle äußeren Anfechtungen abstützte.

Über all dem die Maske, drohend mit Flucht
durch eine der Dachluken, plötzlichem Absturz.
Ich löste den Zauber, zur Seite tretend: kein Volumen
mehr hinter dem Gesicht – Negativfläche,

in die ich die Finger bohren konnte, ohne
daß jemand mich strafend anfuhr oder gar biß.
Resümee: vorn Vortäuschung grimmigen Lebens,
von hinten bleiche Hohlform, selbst- und ichlos

(Samstag, 5.8.2000, 12.20 Uhr, London)

(Erschienen in Eurotunnel, Literaturedition Niederösterreich, 2005)

Freitag, 21. September 2012

EU-16 DIE STIMME (SOUTH KENSINGTON STATION)

blies mich an, dieser fremde Mund,
eröffnete mir, was ich tun sollte.

Folgsam setzte ich mich vor das Glas,
drückte den grünen Knopf.

Las, horchte zugleich, damit ich
nichts falsch machen konnte.

Trotzdem - drei Kinder von oben,
inmitten einer Orangen-Landschaft,

sich Augen, Ohren und Nasen zuhaltend:
saßen lächelnd nur wenige Zentimeter

über meiner Stirn, winzige Püppchen,
Wunschauswüchse, lautlos schaukelnd.

Zogen eine Schar von Gesichtern
hinter sich her, während meines erlosch.

Klappten Tische auf, Projektionsflächen
für schnell wechselnde Spiele.

Lagen nun nackt da, Objekte, schon vermessen,
Daten auf vorbeiflirrenden Listen.

Vielleicht auch nur Vorläufer all jener Figuren
die schlummerten, in mir drinnen,

sich manchmal von selbst belebten,
sich durch den Saal voller Spiegel schleppten,

hin bis zum Auftritt leibhaftiger Gogo-Girls -
Blitz, blecherner Donner,

Wiese, Bäume, Monitore, auch den Himmel darüber
als plumpe Täuschung entlarvend.

Aus dem Automaten die Frauenstimme
sprach wieder, ich blieb stumm.

Schließlich rot blinkend, ein Kreis
über dem Gesicht: ich dachte

ich säße richtig, saß aber völlig falsch.
Hätte den Vorgang wiederholen können,

tat es aber nicht. Etwas passierte,
verborgen vor mir, hinter der Wand.

Erhob mich, wartete draußen
ergeben vor dem Auswurf, ergriff

nach dem Pieps mein Vexierbild,
zerriß es in winzige Stückchen, aß sie auf

(Samstag, 5.8.2000, 12.30 Uhr, London)

(Erschienen in Eurotunnel, Literaturedition Niederösterreich, 2005)

Mittwoch, 19. September 2012

E-16 IM HOLZKABINETT

wieder im Holzkabinett, dasselbe honiggelbe, wieder
am verschlungenen Fluß, mit dem scheinbaren See
zwischen zwei Wehren. Die Köpfe der Schwimmer festgehakt
auf einer trägen, braun und grün schimmernden Oberfläche.

Wer hier auch ruft - man hört ihn, man ruft nicht zurück,
es ist nur das Echo. Manchmal ein Steingesicht,
manchmal grüne Algen auf Stein. Manchmal auch -
und das ist nach den Gewittern nicht überraschend -

geschlechtlich ringende Schnecken mit steilen Mänteln.
Auch mit Geduld sind ihre Liebespfeile nicht zu erkennen.
Die Betrachter bohren ihre Finger in die kalkige Erde,
wagen die Vorstellung eines Lebens im Schneckenhaus.

Das Schloß leuchtet auch aus der Ferne. Grober Klotz
unter einem Wolkenliebesspiel zwischen erschreckender
Düsternis und blendender Leuchtkraft. Einmal Regen,
der an den Fenstern kraftvoll vorbeizischt, einmal Hagel.

Lektüre. Und daraus der Schmerz aus allen Details
eines maßlosen Geschlechtsverkehrs über viele Seiten.
Sowohl der fremde Mann als auch die fremde Frau sind in mir.
Auch das fremde Haus, die Dreieckssituation, die Obsession

im Detail, Zeitdehnung, der geschrumpfte Wahrnehmungsradius.
Einmal im Schneckentempo alle äußeren und inneren Häute
so aneinander gerieben, dass sich Elektrizität aufbaut, die diskret,
zugleich feurig die nächsten Tage beherrscht, sogar steuert

(Mittwoch, 13.6.2012, 14.06 Uhr)

Montag, 17. September 2012

E-15 VERHEISSUNG

„es gibt“ - und schon ist es aus.
„Es gibt“ - und schon dreht sich die Treppe
im Kreis, die tätsächlich existente,
18 Stufen, gewendelt, im Oberlicht, und ich,
heraufgehumpelt, hinunter und rauf,
im Finstern, um die drei Schlafenden
in ihrer menage a trois nicht aufzuscheuen.
Schön, immerhin, ohne Herzlosigkeit
mir gegenüber, und dieser Geruch, der diesmal
nicht auftaucht, nach Karbid.
Du schnüffelst, als würde das Paradies
auf dich warten, ein winziger Spalt offene Tür,
die du kennst, zum Zimmer, in dem du dahinsickerst,
als wärst du nur eine wolkige Wasserfigur,
gehalten vom Zusammenspiel von Flieh-
und Schwerkraft, etwas völlig
unanständig Denkbares, eine Denkspirale,
die dich schon im Erdgeschoß angetrieben hat.
Unten ein Blitzgedanke, oben die permanente
Gefahr, der du momentan entgangen zu sein scheinst.
Dein Fuß im Verband. Bald flach auf den Boden,
um Schwellung und Schmerz zu lindern.
Verheißung: die Füße entwickeln,
und dann wieder adern- und haarlose Glätte,
etwas von früher her Elegantes,
ein Wettlauf, bei dem Zeit keine Rolle spielt,
ein schmerzloser Luftsprung mit Landung
auf bloßen empfindlichen Sohlen.
Es gibt einen Körper, der alles abfedert,
auch die bedeutungsvollste Verheißung

(Sonntag, 27.05.2012, 1.50 Uhr)

Samstag, 15. September 2012

O-37 DER SOGENANNTE HERR HELL

der sogenannte Herr Hell ist ein Mann,
den es eigentlich nicht gibt: irgendwo
aufgelesen, jetzt wieder angenommen.
Er ist und ist nicht.

Ich will mich nicht entscheiden.
Niemand kann mir seine Existenz
aufzwingen. Vielleicht saß er gestern
auf dem nur erinnerten Naturlehrpfad:

Mann in Kadmiumorange,
sehr gebrochen, selbstgedämpft.
So spiegelte er sich im beinahe
glatten Wasser. Ich dachte,

er würde etwas zeichnen, wollte das
aber nicht überprüfen. Allerdings
ging ich auf Schienen bis zum Tor
eines wie aus der Hölle aufgestiegenen

Fabrikareals inmitten der Au. Herr Hell
(er war es doch) schob ein Rad vor sich her,
und ihm folgten zwei Paare mit Hunden.
Ich zählte die Stufen zum Straßenniveau.

Der sogenannte Herr Hell kam mir
nicht nach. Doch vorm Kirchentor stand
ein Verkrüppelter, und hinein lockte er ihn
mit einem Versprechen: abzulesen sind dort

die komplette Schöpfungsgeschichte,
alle Leiden der Menschheit, auch deren Erlösung
(und im besonderen die des Herrn Hell),
ohne daß jemand etwas daran ändern kann

(Dienstag, 24.10.2000, 17.50 Uhr, St. Georgen)

(Erschienen in: Obachter, Edition Korrespondenzen, 2007)

Donnerstag, 13. September 2012

O-35 WETTERMÄSSIG

hier hatte ich es bisher ganz einfach, wettermäßig:
Nebel, jedenfalls morgens, und danach die Frage,
ob er sich hebt. Gestern, beispielsweise, hob er sich.

Gleich zeigte sich ein makellos schimmriger Himmel.
Ich saß in der Kammer, streckte mich auf dem Moor aus,
eingepackt in Laken und Decke, wollte lesen,

bemerkte in der vibrierende Dunkelheit einen Vorhang,
nur am Rand ein wenig gerafft, einen Spalt Außenwelt.
Später sah ich durchs Fenster: nur Wolken,

von allen Seiten zusammengepreßt, hinter dem Nebentrakt
aufgetürmt, im Westen, zu einer steilen ausufernden
Anhöhe, in der Farbflächen durcheinanderwirbelten.

Jetzt achtete ich nicht mehr länger auf den Himmel.
Zurückgezogen in die beiden Stiegenhäuser, verschachtelten
Gänge, klammernden Räumlichkeiten in allen Etagen,

verbrachte ich Tag und Abend. Noch immer
keine Sonne, die das Wochenende erheitert.
Die Wiesen mattgrün, sattbraune geackerte Felder.

An einigen Stellen Birken in diesem mit jeder Drehung entfalteten
Landschaftsprospekt, gelb inmitten noch grüner Baumbestände.
Keine Ahnung, wer unter diesem rotem Dach dort wohnt.

Soll ich hingehen? Soll ich überhaupt einem der Wege folgen,
die sich im Blickfeld kreuzen? Hat sich der Nebel, der plötzlich
alles wegsaugt, nur für mich hier niedergelassen

(Mittwoch, 25.10.2000, 8.50 Uhr, St. Georgen)

(Erschienen in: Obachter, Edition Korrespondenzen, 2007)

Dienstag, 11. September 2012

O-34 GELIEBTE

aus einer sehr fernen Vergangenheit,
ihr wie aus dem Gesicht geschnitten,
trieb sie mir entgegen –

begleitete mich aufs Zimmer,
bot mir Schutz vor den andern an,
saugender Geselligkeit am Rauchertisch.

Ich begriff nicht gleich,
daß sie die wiedererstandene
allererste Geliebte sein sollte,

ihr Erinnerungszuspruch,
die Warnung davor, der Verkörperung,
viel jünger, als sie es damals war,

auf den Leim zu gehen.
Unberührbar die Neuausgabe
in ihrer eifrigen Wendigkeit:

bediente mich, ging völlig auf
in der Augenblicksaufgabe, blieb
ohne Beifall, Aussicht auf Orgasmus.

Beim Abschied schließlich Rosen,
die über die Nacht verwelkten
und nicht nur ihr gelten sollten:

nahm sie, im Vorbeigehn, wandte sich
nur kurz um nach mir, bei der Tür,
mir brannten Bauch und Stirn

(Samstag, 4.11.2000, 8.40 Uhr, St. Georgen)

(Erschienen in: Obachter, Edition Korrespondenzen, 2007)

Sonntag, 9. September 2012

O-33 HIMMEL

gleich hinter dem Nacken
beginnt dieses Ungeheure,
mit dem Sog nach draußen,
in die Weite, hinauf.

Der erste Blick, der sich wiederholt:
durchs aufgedeckte Fenster Licht,
das blitzschnell den Raum füllt,
aus dem hellblauen, schlierigen

Quadrat, das die Sonne verbirgt.
Tief innen der Atem. Verdacht,
im vielfach gesicherten Haus mitten
im schwärzesten Himmel zu sein

(Freitag, 7. 7.2000, 8.45 Uhr)

(Erschienen in: Obachter, Edition Korrespondenzen, 2007)

Freitag, 7. September 2012

O-32 FRAGE

vorwitzige Frage: bändigt
Erinnerung, stillt die Absicht?
Trifft mich auf den Stufen hinunter zur Donau
der Blick, die Stimme, das einzige Gebot der Stunde?
Wer eröffnet den Tanz
auf der Brücke, die schon summt

(Sonntag, 02.07.2000, 19.20 Uhr)

(Erschienen in: Obachter, Edition Korrespondenzen, 2007)

Mittwoch, 5. September 2012

O-31 IN AUGENHÖHE

was jetzt geschrieben wird,
stand noch nie da.
In diesem Buch
hätte ich früher nie geblättert.

Es liegt zwischen Tastatur
und Monitor
über all dem Abfall,
der sich angesammelt hat

in den vielen letzten Wochen:
Rechnungen, Tabletten, Fotos,
Gläser, Stifte, Steinchen, Lurch -
das alles in befremdlicher Eintracht.

Etwa bis zur Mitte hin
hab ich’s gelesen,
im anderen Zimmer.
Und dort in der Ecke beim Müllsack

ein mehrfach verschnürter Koffer,
zwei ungleiche Schuhe,
eine speckige Brieftasche,
Prospekte, Zeitungen, Socken, Handtücher -

das alles auf dem Boden,
in Augenhöhe.
Was jetzt eintritt,
ist unvorhersehbar

(Montag, 15.01.2001, 18.10 Uhr)

(Erschienen in: Obachter, Edition Korrespondenzen, 2007)

Montag, 3. September 2012

J-50 DOOD / TOT

a dooda hund
und a doods heal
und a doods fraual
und a doods weipsbüüd

doods maunsbüüd
und a doods gleis
und a dooda bunkt
und a doode schbroch

a doode zeid
und a doode briafkostn
und a dooda schbioon
und a r adomblizz

(oktober 1972)

(Erschienen in: Jetzt bist aufgwocht, AV-Presse, Heidelberg, 1973)


(ein toter hund
und ein totes herrchen
ein totes frauchen
und ein totes weibsbild

ein totes mannsbild
und ein totes gleis
und ein toter punkt
und eine tote sprache

eine tote zeit
und ein toter briefkasten
und ein toter spion
und ein atomblitz)

Sonntag, 2. September 2012

J-49 LEEM UND SCHDEAM / LEBEN UND STERBEN

jezt san fia
genaraziaunen em haus
(und de drakdoan
en da schupfm
und de kia
em schdoe
und de sei
em schdoodl
und d hendln
em hof
und de kozzn
en da kuchl
und s keandl
aum boodn
und da wei
em kölla...)
und kaana faschdeed
wos da aundare
wüü oda iis se leem
en faschiidanen wöötn
owa gauns sicha
em sööm haus
en da schdändechn
aungst foam schdeam
und a jeeda
hoetn aundan
s eigane schdeam foa
das a schdiapt
auf da schdöö
waun ned geschiacht
wos a sogt
und so sans scho
olle mitanaunda
dausndmoe gschdoam
ooda efta und nua
d oawad
hods wiida zaumbrocht
fia r a weu
wei dees
waas a jeeda:
d oawad
hoet d leid zaumm
d oawad
is heulech
und wiads bleim
en olle ewechkeid

(oktober 1972)

(Erschienen in: Jetzt bist aufgwocht, AV-Presse, Heidelberg, 1973)


(jetzt sind vier
generationen im haus
/und die traktoren
im schuppen
und die kühe
im stall
ind die schweine
im stadel
und die hühner
im hof
und die katzen
in der küche
unds getreide
auf dem boden
und der wein
im keller/
und keiner versteht
was der andere
will oder ist sie leben
in verschiedenen welten
aber ganz sicher
im selben haus
in der ständigen
angst vorm sterben
und ein jeder
hält dem andern
das eigene sterben vor
dass er stirbt
auf der stelle
wenn nicht geschieht
was er sagt
und so sind sie
schon alle miteinander
tausendmal gestorben
oder öfter und nur
die arbeit
hat sie wieder zusammengebracht
für eine weile
weil das
ein jeder weiß:
die arbeit
hält die Leute zusammen
die arbeit
ist heilig
und wird’s bleiben
in alle ewigkeit)

Samstag, 1. September 2012

J-48 FREIDNFEIA / FREUDENFEUER

loß de ned babialn
buasche nimm ollas
babia wosd fintst
und frei de aum feia:
zint d hittn au
daun wirst schaun
wosd auf aamoe siaxt

(oktober 1972)

(Erschienen in: Jetzt bist aufgwocht, AV-Presse, Heidelberg, 1973)


(laß dich nicht hinter licht
führen bursche nimm alles
papier was du findest
und freu dich übers feuer:
zünd das haus an
dann wirst schaun
was du auf einmal siehst)

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