Montag, 22. Oktober 2012

DB-004 2 (Ohne sich erleichtert zu haben)

2

Ohne sich erleichtert zu haben, verläßt Stefan das Bahnhofs-WC und kehrt zu Lena zurück, die ihn, vor Kälte steif, erwartet und ungeduldig trotz der Menge Zeit bis zur Abfahrt des Zuges. Während sie sich mit dem Handgepäck ins Glashaus des Buchungsschalters zurückzieht, transportiert Stefan die Koffer in den ersten Stock, um sie in einem der Warteräume abzustellen. Dort stößt er auf einen Polizisten, der, mit gerötetem Gesicht seine Kappe in der Hand haltend, eine alte Frau zu bewachen scheint, die auf einer Bank in der Ecke zusammengesunken ist. Als er Stefan bemerkt, setzt er seine Kappe wieder auf und weist mit verächtlich verzogenem Mund auf die gelbliche Lacke, die quer durch den Raum verläuft. Stefan begreift den Zusammenhang, überlegt einen Moment, ob er die Hilfe des Polizisten überhaupt in Anspruch nehmen soll, doch dieser kommt ihm zuvor: Wenn ihm der Gestank nichts ausmache, könne er die Koffer ruhig dalassen. Die alte Frau blickt nicht auf. Sie stellt sich schlafend. Nur ihr schneller Atem verrät, daß sie sich über diese Demütigung aufregt. Stefan verspürt eine unsinnige Wut. Er muß den Polizisten brüskieren. Dazu fällt ihm aber nichts anderes ein, als ihm zumindest die Funktion des Kofferhüters wieder zu entziehen. Doch kaum hat er den Raum verlassen, hört er einen dumpfen Aufprall. Die alte Frau ist von der Bank gekippt, und der Polizist hat in einer unkontrollierten Angst- und Hilfsreaktion seinen Fuß in die Pisse gesetzt. Er zerrt an der Frau, die sich schwer macht, zieht sie weg, eine glänzende Schleifspur am Plastikfußboden hinterlassend, und müht sich ab, sie auf der Bank wieder aufzurichten. Weil er das nicht schafft, geht er auf Distanz und zupft sich seine Uniform zurecht.

(Die Berliner Entscheidung, Residenz Verlag, 1984)

Sonntag, 21. Oktober 2012

DB-003 (1) (Du siehst)

Du siehst: Auch jetzt noch überträgt sich seine verletzende Ungeduld, die einen Ausbruch vorbereitet, auf alle Gegenstände im Raum, verunsichert mich und erinnert mich an meine Schuld. Natürlich könnte ich ihm mit meinem Ausbruch zuvorkommen. Doch wenn ich auf dein Gesicht in mir blicke, lächelt es mich wie eine Sphinx an, zeigt mir aber keinen Weg und überläßt mir die Wahl der Mittel. Zugleich erscheint die so oft erinnerte Badezimmerszene, wo ich heulend hinter der von innen verriegelten Tür sitze, nachdem ich in einem Anfall von Raserei fast alle Gegenstände in meinem Zimmer kaputtgeschlagen habe, nur um ihm wieder einmal zu zeigen: So darf er mit mir nicht umgehen, so darf er meine Gefühle nicht mißachten, so darf er mich nicht an sich binden wollen!

Plötzlich steht er bei der Tür, legt Hand an den Koffer, der ihn gleich umreißen wird, die Stiegen hinunter. Als er dann draußen ist, taucht auch Stefan wieder auf, zieht sich die Hose hinauf und versucht, mich besänftigend zu berühren, obwohl er wissen müßte, daß es jetzt nur einen Nachfolgezwang geben kann, den auch mein einfaches Wunschbild, das mich sofort in den Bahnhof versetzt (nur als Auge, Außenstelle der Schaulust, ausnahmsweise angstfrei), nicht mildern kann.

Im Auto bleibt mir nur ein hilfloses Festklammern an den Arm Stefans, der vergeblich nach dem Gurtschloß tappt, um seinen Körper zu fixieren und sich schließlich starren Blicks auf die unvorhersehbaren Brems- und Beschleunigungsmanöver dieses unter dem wie immer viel zu dünnen Mantel hervorstechenden Fußes links vor ihm konzentriert. Draußen die regelwidrig kreuz und quer fahrenden Idioten, die im Straßenverkehr eigentlich nichts zu suchen hätten; herinnen dieser vermummte Mann, der, unablässig auf die Uhr blickend, mit seinem bitzligen Strampeln womöglich ein Blutbad provoziert.

Als die Koffer dann endlich vorm Eingang des Südbahnhofs abgestellt sind und mein Vater ohne Widerstand auf seine weitere Anwesenheit bis zur Abfahrt unseres Zuges verzichtet hat, glaubt Stefan noch immer an eine Koinzidenz der Zufälle, die Josef erlauben wird, ihn noch im letzten Moment einzuholen.

(Die Berliner Entscheidung, Residenz Verlag, 1984)

Samstag, 20. Oktober 2012

DB-002 (1) (Mein Vater)

Mein Vater betritt heftig atmend mein Zimmer, bleibt im Mantel, voller Ungeduld, von der er sich nur mühsam ablenken kann: Er nickt mir flüchtig zu, steuert zielstrebig ein bestimmtes Regal an und greift nach einem Buch, das sich als die Darstellung des Lebens in Gurs entpuppt, seines Lagers am Fuß der Pyrenäen. Während mich Stefan fragend anblickt (ob er den roten Koffer schon schließen kann), zugleich aber unruhig zum Telefon hinhorcht (ob nicht doch noch sein Freund Josef im letzten Moment anruft), wirft mein Vater seinen Kopf mit der Fuchspelzmütze herum, lacht schneidend: Lena - das mußt du hören! und zitiert einige Sätze. Er kommt in dem Buch nicht vor, obwohl er mit den Autorinnen in Gurs bis zu seiner Flucht im Sommer 1942 interniert gewesen ist. Er kann seine Verletzung nur mit blankem Hohn überspielen: Mit denen hab ich schon damals nichts geredet, die waren mir einfach zu blöd!

Zugleich ist ihm offensichtlich das rasend schnelle Vergehen der Zeit bewußt: jede halbe Minute schielt er von den Zeilen auf die Uhr und muß sich energisch beherrschen, seinen Drang, schon am Ort des Ereignisses (jetzt der Abreise) zu sein, wenn sich dieses doch erst als große, saugende Leere vorbereitet, wenn die mögliche Zeitvergeudung noch erträglich zu sein scheint.

Ich fühle mit ihm. Noch immer kann ich mich seinem Einfluß nicht entziehen. Du bist meine Zeugin: Ich sage so oft wir (und meine damit weder mich und meine Mutter noch meine Eltern und mich und schon gar nicht meinen Bruder, meine Eltern und mich). Wir heißt noch immer, nach all diesen verzweifelten Distanzierungsversuchen, diesen Fluchten durch die halbe Welt: ich und mein Vater, dieser äußerst verletzliche, eigensinnige, von früh bis spät durchritualisierte, von ständigen (verständlichen) Ängsten gepeinigte Mensch, der mich jetzt flüchtig anschaut und damit sofort eine Folge von Fragen bewirkt: Soll ich einen Vorwurf fürchten? Welchen? Oder blinzelt er mich nur an, weil er eine Genossin sucht? Wofür?

(Die Berliner Entscheidung, Residenz Verlag, 1984)

Donnerstag, 18. Oktober 2012

DB-001 1 (Immer der Traum vom Reisen)

1

Immer der Traum vom Reisen. Aber schon im Traum die Angst davor, wider besseres Wissen, daß etwas nicht klappt (was immer geklappt hat), daß ich nicht alles vorbedacht habe (wo ich doch immer alles vorbedenke, so vorsichtig, daß gar kein Spielraum mehr bleibt für Zufälle), daß etwas passiert, was ich nicht mehr schaffe (wo ich doch die verrücktesten Situationen geschafft habe).

Du kennst meine Angst, diesen Kitzel der Angst, daß etwas völlig Unvorhergesehenes eintreten könnte (endlich die Katastrophe, die mich völlig aus der Bahn wirft), aus meinen so oft abgebrochenen Schilderungen während der Therapiestunden. Du weißt, daß ich seit meiner Kindheit trainiert worden bin, ständig in Erwartung der Katastrophe zu leben, darin (wie meine Eltern) einen Großteil meiner Gefühlskraft investieren mußte, sodaß wenig übrig bleiben konnte für zärtliche Vorstellungen, wärmende Umarmungen, Streichelbewegungen, um etwa, wenn auch nur verstohlen, ein Haarbüschel aus den Augen zu streifen, eine Gedankenfalte aus der Stirn.

(Die Berliner Entscheidung, Residenz Verlag, 1984)

Montag, 15. Oktober 2012

0114 STILLE & FINSTERNIS (4)

4

30.000
kleine könige
in allen dörfern und städten österreichs
die jungschar im janitscharenschritt
mit dem stern voran
golden nicht rot
nicht zur eroberung
ausgeschickt sondern
mit weihrauchfaß & sammelbüchse
um 20 millionen für die mission
so auch in eggenburg
wo die schminkkünste des pfarrers
aus dem franzi keinen mohr
oder tschuschen machen können
auch kein kind gottes
wo ein brillantfeuerwerk
das brandneue jahr begrüßt
wo die kondioreien gratis
faschingkrapfen verteilen
die gastwirte glühwein ausschenken
wo die feuerwehr freund &
kameradschaftliche beziehungen
zur ff kopenhagen unterhält
wo den pfadfindern als aus
zeichnung das dschungelbuch verehrt wird:
so spenden die spender
einen unauslöschlichen frieden
zwischen denen die nichts
und denen die wenig
vom leben haben zugunsten
des einzigen großen königs

(4.1.1973, eggenburg)

Siehe gerecht zu den dingen sein,
im prinzip,
krimidylle.

Samstag, 13. Oktober 2012

0-113 STILLE & FINSTERNIS (3)

3

die frau die gern
wie ein hund liebe macht
zufällig sitzt sie in der konditorei vor mir
ich bohre meinen zeigefinger
in ihr butterbrot zwing sie so
noch vorm absturz auf ihre gräflichen
besitzungen zum mentalen
arschfick in überschreitung
des wirklichen lebens
der bagatellgrenze als schon der schreck
von eggenburg hereintritt
unscheinbar aus der tiefkühltruhe
da draußen die der konditor gleich
(die mutzenbacher sagt er
zum abendsport salve regina)
mit braunem vorhang
zum munkeln im dunkeln abdeckt aber
die weißen frauen vom schloß
versauen mir alles
die pfarrkirchenuhr geht nach wie
immer & ich sehe
das gespenst des debilen
zimmermädchens mit meinem
zu spät gefundenen ehering
am finger (sie hats auch am kreuz)
in der redaktion des faber verlags:
dort fabrizieren sie
was sie nicht lassen können
unverdrossen die lebenshauptsache
den anschein von anstand & ordnung

(4.1.1973, eggenburg)

Siehe freie liebe,
ich küsse deinen versteckten mund.
naturalismus.

Donnerstag, 11. Oktober 2012

0112 STILLE & FINSTERNIS (2)

2

für die präfigurierte
freude am feuer (das knall
körper & feuerwerksgeschäft
brennt) entschädigt
mich weder die sirene
in der nachtidylle noch
der brandgeruch noch das
erscheinen zum augenschein
das feuer brennt
(wie immer) in der selch
hinter der bemalten renaissance
fassade (nur ein bißchen mehr)
die pyrophilen verziehn sich enttäuscht
zu ihren stammtischen zurück
sich in die chronik der zeitung
rettend in den stromtod
in der badewanne
in den explodierenden weihnachtsbaum
ins foto des feuerzaubers von liesing:
der startfunke eines autos
setzt dort nur den gehsteig in brand

(4.1.1973, eggenburg)

Siehe zeichen & akte,
paulusplatz,
anal.

Dienstag, 9. Oktober 2012

0111 STILLE & FINSTERNIS (1)

1

jetzt hält die stadt
ihren jahrhundertealten
mittagsschlaf winterschlaf
mit geschlossenem licht
spieltheater stadtkeller
mit grauer graubrauner braun
grüner winternatur
mit vögeln kot & mopedfahrern
mit weißen vermessungs
knöpfen am bahnviadukt
mit 5000 schilling strafe oder
2 wochen arrest

mit ruhe & erholung
gewidmet vom verschönerungsverein

(dessen präsidentenwahl wiederholt
werden muß weil vandelen
ganze arbeit geleistet haben)
mit der krahuletz ruhe
einer einfachen tafel an
einem einfachen baumstamm inmitten
eines einfachs runds
aus bäumen unter bloßgelegten
föhrenwurzeln (von oben)
mit einem abgetrennten uhukopf
mit der schrecksekunde
beim anblick eines menschen
einer rot bekittelten frau:
das marx & engels lesen
besorgen die andern

(4.1.1973, eggenburg)

Siehe tagesschau,
3x täglich,
die lehrer,
ortsbestimmung.

Sonntag, 7. Oktober 2012

EU-24 SONNENDOM (KING´S CROSS)

Regen. Regen, auf drei Leinwänden
inmitten von Finsternis, flackernden Lichtern
irgendwo, schwarzen Kopf- und Leibmassen,
inmitten der Musikantenarena. Geräusche

von allen Seiten, in fein abgestuften
Lautstärken, zu zarten Anweisungen
der hell herausragenden Dirigentin. Regen,
der Regen blieb auf den Leinwänden,

in fiebrigen Streifen auf den Gesichtern,
in den Haaren der Protagonisten, während Streicher
und Bläser dort dreifach im Trockenen sitzen,
völlig unberührt, bis zum Schluß,

da jemand nach außen vordringt, hellauf trompetend,
während die andern die Instrumente nur streicheln,
nach den letzten Tönen, in ihrer Musikantenhöhle
warm und geschützt – bis der Trompeter draußen

im Wasser steht, knietief, trompetet inmitten
blutender Soldaten, mit mir, inmitten blutender Bläser,
Streicher und Trommler, plötzlich verstummter
Sänger – alle auf der Suche nach dem Sonnendom

(Donnerstag, 12.07.2001, 23.10 Uhr, London)

(Erschienen in Eurotunnel, Literaturedition Niederösterreich, 2005)

Freitag, 5. Oktober 2012

EU-23 EMPATHIE (RUTLAND GATE)

die Tür muß gar nicht aufgehn,
denn hinter diesem Holz-Ungetüm
ist keine Mauer. Nachts,
wenn ich das Licht ausmach, und du bist da,
kann ich in den Ritzen etwas Schmales,
flüchtig Helles sehn, einen verhuschten Fleck,
wenn ich den Kopf hin- und herschwenk.

Der Boden schwingt leicht mit, wenn du gehst,
auch das Bett. Deines muß in der Ecke stehn,
links, mit der Schmalseite zum Klo hin.
Du hast sehr wenig Platz, nur ein paar Schritte
zwischen Bett und Kastenfront.

Aus dem Spalt unter der Tür seh ich jetzt
vom Gang her Licht. Dein Fenster
muß offen sein, der Luftzug
weht beharrlich alle meine Blätter vom Tisch.

Ins Bad gehst du schnurstracks nach links.
Willst es mit dem Riegelchen verschließen,
es sperrt nicht gleich. Auf dem Badewannenrand
find ich dann mein Shampo umgekippt, fast leer.
Das Handtuch bis zur Hälfte triefnaß.

Jetzt ist es beängstigend still bei dir.
Durch die Ritzen ist nichts zu erkennen.
Vielleicht liegst du nur flach auf dem Bett,
mit dem Kopf tief im Polster,
im Grübeln über deine Musik.

Noch ist es nicht Abend. Doch
die ganze Zeit denke ich an den heutigen Abend.
Du wirst spielen, selbst dirigieren.
Ich werde dich nicht aus den Augen lassen können am Pult,
mich dabei weiter enttraumatisieren

(Donnerstag, 12.07.2001, 11.50 Uhr, London)

(Erschienen in Eurotunnel, Literaturedition Niederösterreich, 2005)

Mittwoch, 3. Oktober 2012

EU-22 SAMSTAGNACHMITTAG (RANVILLE ROAD)

von der Themse her Wind, aus beiden Richtungen.
Da sitzt du mir schräg gegenüber,
in einer Nische der Riverside Studios,
sprichst mit meiner Zunge, erstaunlichem Auftrieb.

Es ist dein Bild auf dem Bildschirm
in meiner Hand, das dich antreibt.
Du stehst an der Theke zwischen zwei Mädchen,
gläsern und zart, die ihre Arme heben

zum Samstagsnachmittagstanz,
der die Jahre überdauert hat.
Eine von Tausenden bist du, Beine
wie Stämmchen nebeneinander,

und ein Insekt fliegt unermüdlich stechend
von Haut zu Haut – Blutströpfchen sondern
sich ab, langsam in eine Rinne rieselnd,
Sammelbecken, das in ein Abflußrohr mündet.

Es ist das Samstagnachmittagsritual
der Rotes-Kreuz-Wespen: ihre Opfer
und Helferinnen sind die Mädchen.
Auch du tust deine Samstagnachmittags-

Gute-Tat, die allen anderen zugutekommt,
nicht nur dir. Dafür willst du aufsteigen,
schlagartig, in den Himmel, freudenreich
bis in die Höhe der Satellitenumlaufbahnen,

lautloser Transport auf dieser fügsamen Lederbank.
Lohn für Mitleid, Güte, pulsierenden Schmerz:
von dort könntest du herabblicken,
hättest aber auch Zugang zu einem Wurmloch,

völlig anderen Welten-Raum. Du zweifelst
im Augenblick der Idee. Das hält dich fest,
hier auf der Erde, zwingt dich
unter die Oberfläche auf deinem Gestühl,

Ersatz für einen ganzen U-Bahnzug,
der nun mit dir allein, nur deinen Impulsen
gehorchend, durch alle Tunnels treibt, weich,
isoliert und gefahrlos durch menschenleere Stationen,

ohne zu halten, solange du willst –
dein Urwald ohne Pflanzen und Tiere,
deine unergründliche, selbsttätige Schlangenlinie,
die dein Bewußtsein dir jede Millisekunde vorschreibt:

bis zu der Stelle, wo das Feuer einst brannte
und die Mädchen tanzten ihren Samstagnachmittagstanz -
da wird plötzlich dein Halt sein,
Auslaß ins allgegenwärtige Nichtsein

(Dienstag, 10.07.2001, 22.30 Uhr, London)

(Erschienen in Eurotunnel, Literaturedition Niederösterreich, 2005)

Montag, 1. Oktober 2012

EU-21 AUGENLICHT (RUTLAND GATE)

plötzlich sah ich die Hände nicht.
Verdrehte den Kopf,
ergriff alle zehn Finger,
führte sie zum Mund:

schmeckten nach Harn (oder Hirn),
auch Babyöl.
Rieb mir die Augen,
und alles war schwarz.

Stieß mit dem Kopf gegen die Tür,
mit den Knien gegen den Kühlschrank,
vornüber fallend
riß ich die Fächer heraus,

Milchflaschen, Eier, Bananen, Käse.
Stürzte zu Boden, kroch weiter,
ohne irgend etwas zu sehn,
die Treppe hinauf, ins Zimmer,

über den Augen Blut.
Legte mich aufs Bett,
zog die Decke über mich,
dachte mir Sonne und Mond,

beide nebeneinander,
zugleich den Himmel
überwachsend, und Sterne,
bis alles von innen her strahlte

(Mittwoch, 9.8.2000, 21.30 Uhr, London)

(Erschienen in Eurotunnel, Literaturedition Niederösterreich, 2005)

Samstag, 29. September 2012

EU-20 TARA (BRITISH MUSEUM)

Tara wars, die ich umkreiste,
keine Erscheinung wie jede andere,
verkrampft hinkend, wie in Trance.

Unbewegt sah sie
aus schmalen Augen, mitleidig brütend,
auf mich herab.

Metallisch glänzend der Leib,
die Brüste halbkugelig, Palmwedel-Hüften,
steil abgewinkeltes Bein.

Die Linke zum Segen erhoben,
die Rechte offen herabhängend,
tribhango tura, in sich versunken.

Ich, sie umgarnend, dachte:
Schleier über die Augen,
unter den Rock schlüpfen, Saft saugen.

Tara aushebeln, quer
über den Montague Place tragen,
Russel Square, ins nächste Hotel -

ihr mit eisernen Stößen
ein Lebenslächeln entlocken,
Laute, die aufscheuchen, Liebesgelächter.

Der Löwe des Stolzes in mir
verschwand, das Feuer des Zorns,
der Räuber irriger Ansichten.

Keine Flut von Begierde mehr,
kein Elephant der Verblendung.
Keine Schlange der Eifersucht.

Kein Geiz, kein Gespenst des Zweifels –
es war die Wahrheit, die mich beschämte,
mir im Moment alle Körperlichkeit entzog

(Mittwoch, 9.8.2000, 23 Uhr, London)

(Erschienen in Eurotunnel, Literaturedition Niederösterreich, 2005)

Donnerstag, 27. September 2012

EU-19 TEENAGER (ENNISMORE MEWS)

Teenager mit Brustwarzenhütchen,
sonst Transparentlook
bis zum Gürtel. Dort allerdings
begann der rosenrote Glanzrock,

zerteilt vom weiß-schwarzen Zipp,
den sie auch beim Sprechen und Essen –
sie aß nur einen Fingerhut voll,

nippte an mehreren Schälchen – auf-
und zuzog. Stand auf, drehte sich
kreiselig, mit auffliegenden Zöpfen,
hielt allen den Arsch hin: Reihen

aus Täschchen, beschriftet von A bis Z.
Nichts drinnen. Nichts konnte sie
lernen, nichts wirklich begreifen.

Sie platschte in die Arme des Begleiters.
Wurde kleiner und kleiner zerfloß
zu einem glucksenden analphabetischen Rinnsal.
Riß den Mann mit hinein ins Wurmloch

(Sonntag, 13.8.2000, 22 Uhr, London)

(Erschienen in Eurotunnel, Literaturedition Niederösterreich, 2005)

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„...Dies ist der Versuch eines komprimierten Familienromans, zugleich ein Reisebericht, der an einen Ort führt, wo die Kriegsschäden an den Menschen und deren Behausungen noch unverhüllt sichtbar sind. Lena und Stefan, von den gegensätzlichen Seiten der Geschichte kommend, unternehmen, sich zwischen Überlebenden und deren Nachkommen bewegend, einen Versöhnungsversuch...“ (Klappentext)

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