D-36 VLADIMIRS LIEBES

sie zwinkerte beim Sprechen, verzog unmerklich
ihren Mund, der auch ohne Lippenstift verlockend
rot leuchtete. Zeigte links einen etwas versetzten
schiefen Zahn zwischen den anderen geraden, sehr weißen.

Blickte aus schrägen schwarzbraunen Augen immer so,
als würde sie die Lider weit zurückklappen, erstaunt
über alles, was ihr gerade zu Ohren, in die Hände kam.
Sie lispelte ein wenig, lieblicher Hauch,

der stets mitspielen mußte mit etwas mehr Speichelfluß,
als nötig gewesen wäre zur Konstruktion und Äußerung
irgendeiner Wirklichkeit. Auch jetzt vor Vladimirs Käfig
erstarrte sie nur einen Moment, bevor sie auf sein Zwinkern

und gleichmütiges Herauswinken mit Augenaufschlägen,
herausfordernden Zischlauten einging. Schon
als kleines Mädchen hatte sie davon geträumt,
einen Orang Utan zu küssen: ihn an den Backenwülsten

zu sich heranzuziehn, am Kehlsack zu kraulen,
bis er die Lippen spitzte und ihr Begehren verstand.
Jetzt folgte sie seinen Zeichen, trat an die Glasscheibe,
rieb die Nase daran. Wie viele Küsse waren hier schon

eingetrocknet, während Vladimir in sicherer Entfernung
sich schlafend stellte, dabei alles Weibliche
aus Augenschlitzen verfolgte und in sich einsog!
Er hatte das Glas durchstoßen und sie zu sich hinauf

auf die Schaukel geholt; dort immer wieder die Haltestricke
so ineinander verdreht, daß sie von selbst in der Gegenrichtung
ausschlugen, ihn und seine Gefangene in einen sausenden
Wirbel versetzten. Zugleich waren das die Wellen,

die er unentwegt auf das Papier kritzelte, nur ihr zu Ehren,
mit einem Bleistift, den er nicht wie sonst wütend zerbrach
und aufaß. Er kreiste sie auf diese Weise ein,
harmlos-rührend, in der Luft und auf der Erde

(1999)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

***

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