Sonntag, 30. Dezember 2012

DB-55 22 (Von diesem Gemisch)

22

Von diesem Gemisch aus düsterer Leidensgewißheit und Stolz auf das Anderssein, das diese Leiden jederzeit von neuem am eigenen Leib verspüren läßt, schlägt die Stimmung um in eine Silvesterbewältigungsmanie, gegen die Stefan im Moment nichts einzuwenden hat. Wenn ein Schlußpunkt gesetzt werden muß, droht auch ein Neubeginn.

Stefan hat vor, am Tag des scheinbar neuen Anfangs der noch nicht beglichenen alten Schuld zu gedenken. Er wird mit Lena nach Sachsenhausen fahren, um dort zur Ehre des ermordeten Großvaters von Beate dessen Kraft neu zu beleben, die Selbstverständlichkeit seines Widerstands.

Plötzlich kreischt Sascha und boxt Boris blitzschnell mit frechem Grinsen in die Rippen, worauf dieser seine flache Hand auf den Hinterkopf seines Bruders fallen läßt, sodaß er mit der Nase auf der Tischplatte anschlägt und danach blindwütig mit den Fäusten gegen die Brust von Boris trommelt, bis Götz dazwischenfährt, den Jüngeren an sich reißt und in die Höhe hebt. Er schüttelt ihn, bis aus der Schüttelbewegung ein Kreisen, ein Auf- und Abflattern des Kindskörpers geworden ist, von dem die Tränen in weitem Bogen wegfliegen, sodaß sich Boris mit theatralischen Beschwörungsgesten vor ihnen zu schützen versucht.

Ohne Rücksicht auf seine Gäste zu nehmen, poltert Götz mit den Kindern durch die Wohnung, bis auf einmal Ruhe einkehrt und Götz, zurückkommend, verkündet, er habe die beiden mit dem Versprechen, sie rechtzeitig zu wecken, zum Niederlegen überreden können.

Nachdem kurze Zeit nicht entschieden ist, was diese zwei Paare nun bis Mitternacht in der Sitzecke des Wohnzimmers miteinander anfangen sollen, reißt Götz die Initiative an sich und tischt Schnaps, Kaffee und Kuchen auf.

Dann setzt er sich neben Beate, anfangs kerzengerade, zur Feier des Tages rauchend, westdeutsche Roth-Händle, und weist auf seinen grünen Nickipullover, wie die Zigaretten ein Geschenk seiner Schwiegereltern, was ihn keineswegs mundtot macht, nicht einen einzigen Augenblick.

Stefan stellt sich eine Selbstauslöser-Blitzaufnahme von einer sechzigstel Sekunde Dauer vor.

Götz hat seine Hand in der Höhe seiner Lippen, verwischt, sodaß man nicht feststellen kann, ob er spricht oder nicht; neben ihm in etwa eineinhalb Meter Abstand seine mit dem Strickzeug klappernde Frau, der die schwarzen Haare vom Mittelscheitel aus strähnig übers Gesicht fallen, den Mund so verzerrt, als ob sie ständig das Blut von ihrer aufgerissenen Unterlippe in sich hineinsaugen würde, damit es niemand bemerkt; daneben Stefan selbst, in seinem schwarzen Hemd, die Rechte mit dem Ellbogen auf die Tischfläche gestemmt, mit der nach außen gewendeten Faust den Kopf, der dadurch nach hinten gekippt erscheint, abstützend; und Lena, mit teils rosigen, teils schattendunklen Ohren, in rotem Pulli, roten Jeans, fast unter den Tisch gerutscht, als säße sie auf der äußersten Kante eines weichen Fauteuils; und hinter Götz und Beate der fünffache Bogen der Rückwand eines Doppelbetts, bedeckt mit wolkiger Nußfurnier, von Götz hier unter einem schmalen Brett mit Büchern und Mitbringseln von der Ostsee eingepaßt.

(Die Berliner Entscheidung, Residenz Verlag, 1984)

(Seitenblick: B-11 PALME/RICHTEX, BAHNALOG)

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