Mittwoch, 10. Juli 2013

T-17 TATIANA

Wasserfalltäuschungen habe ich schon mehrmals erlebt. Sollte ich sie deshalb nicht einfach auch Ramirer und Tatiana zuschreiben?

Ramirer, denke ich, wäre genauso verwundert, wenn nicht begeistert gewesen, hätte sich der Boden unter seinen Füßen bewegt, und zwar stromaufwärts, und er hätte nichts dagegen tun können, außer sich immer wieder von neuem zu wundern, mit ihm Tatiana, als wären sie jetzt beide auf einer Insel gelandet, in der die üblichen physikalischen Gesetze nicht gelten. Natürlich bewegt sich der Boden, die Erde, aber so unmerklich, daß nichts davon zu spüren ist. Die Erde dreht sich, und alles, was sich auf ihr befindet, dreht sich mit, Sonne, Mond und Sterne drehen sich von selbst usw.

Ein unausweichlicher Zustand, jedenfalls, solange man sich mit beiden Füßen am Boden befindet, auch wenn man deshalb, bildet man sich ein, man müßte sich mitdrehen, bald den Kopf verliert und selbst hinstürzt, und Gras und Erde können ungeniert in den Mund eindringen, und zwischen den Zähnen und auf der Zunge ist der Geschmack dessen zu schmecken, was uns ernährt und am Leben erhält. Jetzt zubeißen, und wir schlucken es, mit knirschenden Zähnen.

Ramirer wollte Tatiana überraschen. Sie widersprach ausnahmsweise nicht, als er ihr sagte, er werde sie jetzt nicht gleich zum Studentenheim bringen, dazu sei der Abend zu schön. Sie kannte das Industriegebiet am Fluß nicht, auch nicht den Damm, den Schienenstrang daneben, der dreimal die Straße überquert und danach wieder zurückführt, so daß sich eine langgezogene Schlangenlinie ergibt, von der man aus die früher hier die noch in Betrieb befindlichen Fabriken mit Nachschub versorgen konnte. Ramirer hätte nicht sagen können, ob hier tatsächlich noch überall Züge fahren.

Um in der Nähe des Kraftwerks an den Fluß zu gelangen, mußte er mit dem Auto unter einer schmalen Brücke hindurch, diese oben überqueren und an einem Fischrestaurant vorbei, um dahinter das Auto zu parken.

Nur noch einige Stufen hinauf, und sie konnten im Westen die letzte Brücke und nördlich davon eine Ansammlung von Hochhäusern sehen, alle unter der 100-Meter-Grenze, eher eine strukturierte Wand als einzeln zum Himmel aufragende, ehrgeizige Bauwerke. Und im Osten, flußabwärts, in etwa einem Kilometer Entfernung das Kraftwerk und die damit verbundene Schleuse. Er schlug vor, in diese Richtung zu gehen.

(19. Jänner 2007)

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