D-04 ELSTERNGEDICHT

im Sitzen, auch Stehn schimmert sie vorbei,
Elster, weißbäuchig, spitzschwänzig,
auf stahlblauen Schwingen

aufblitzende Felder -
lärmt nicht um den Tod Christi,
ist nicht schwatzhaft oder gar streitsüchtig,

wenn sie schwierigen Wörtern nicht gewachsen ist.
Zu zweit schäkern sie von Zeit zu Zeit
von einem Wipfel zum andern,

mittendrin völlig still,
was immer sie da tun,
fühlen, denken, Elsternleid minimieren.

Dann wieder schönfiedrig
von der wehenden Birke
in eine der Nachbarsfichten.

Gelegeverluste rühren mich nicht,
aber der Anblick eines so treuen Paars,
das mit Drahtwürmern Schnecken Grillen Spinnen

lebenslang sich umwirbt und nährt.
Ich wage keinen Mucks auf dem kippeligen Feldbett,
erpicht auf einen Anflug Zutrauen.

Nur einmal saß eine der Elstern
unter der Birke im Gras so nah,
daß ich mich vergaß:

schon entfloh sie
dem greifbaren Begehren,
und ich schalt mich, kettete mich zur Strafe

in meinem Brustkorb fest, mußte Schönheit, Scheu,
viele Wörter mit "sch" am Anfang,
miteinander reimen, bis nur noch Speichel rann

( Sonntag 18.7.1999)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

(Blick zum Nachbarn: Freaks Nr. 39b.)

BUCH BLOG - 2011-04-11 11:23

Dieses Gedicht nimmt einen seltsamen Weg... Schöne Beschreibung, die aus einem Lehrbuch sein könnte. Ein Liebhaber der Elstern, der deren Ruf retten will und als stiller Beobachter sogar "Zutrauen" von ihnen erwartet... Die letzten sechs Zeilen haben mich überraschtm nämlich diese Wendung ins Innenleben und zur Selbstbestrafung.Ein grausliches Ende!

e.a.richter - 2011-04-11 22:09

Ja, ich bin ein Elsternliebhaber. Ihr Schäkern verursacht einen Schauder. Ich erinnere mich an die Sonnenfinsternis im August 1999 auch im Zusammenhang mit den beiden Elstern, die sich auf den Bäumen kurz gegenüber niedergelassen hatten. Auch an Elstern, die ich auf einem Baum auf dem Berry Head in Brixham gesehen habe, und ich habe mich still gehalten, um sie nicht zu verscheuchen. Doch immer entstand in mir auch der Wunsch, näher heranzukommen, als Test dafür, daß eine vorsichtige Annäherung die Fluchttendenz verringert.

Damit verbindet sich die Vorstellung, ich könnte durch meine Gedanken das Verhalten von Tieren beeinflussen. Doch dieser Machtausübungstrieb über Tiere durch mentale Kräfte ist nicht beherrschend. Er tritt verkleidet in Form von Tierliebe meist erst im Moment des Gegenüberstehens auf. Ich habe viele Tiere in Erinnerung, die mir mehr Annäherung gewährt haben, auch Vögel, mit denen scheinbar ein Dialog möglich war. Machtausübung, das heißt: Zähmung zum Zweck der Unterwerfung, damit auch Vermenschlichung.

Ein falsche Bewegung, und schon ist der Vogel weg. Um zu lernen, sich da zurückzuhalten, ist Einsicht oder Strafe nötig. Die Strafe kann sehr mild ausfallen. Ich habe mein lyrisches Ich nicht zu Bittgebeten oder Vaterunser verurteilt, wie ich es als Kind oft tat.

Viele Wörter mit "sch" an Anfang zu alliterieren, fördert ohne Zweifel den Speichelfluß. Besser ein solches Rinnsal auf dem eigenen Körper, eine glitzernde Speichelspur, als Geifern, also unkontrolliertes Speien oder Spucken.

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