Dienstag, 14. Juni 2011

0073 - AMSELGESANG

einem amselhahn stünden, hört der student, je nach veranlagung, lernangebot, lernreiz, alter 30 bis 300 elemente, das sind töne, klänge der humanen musik zur verfügung. 5 bis 50 elemente ergeben dann aneinandergereiht eine strophe. die pause zwischen den einzelnen elementen betragen durchschnittlich nur eine zehntelsekunde, die pausen zwischen den strophen dagegen eine halbe bis dreieinhalb sekunden. gute sänger besitzen, hört er, ein repertoire von mehr als 150 strophenausführungen, davon ein beträchtlicher teil individuelles eigentum. die meisten amseln variieren die mittel- und endteil einer strophe, sie singen, hört der student, verzweigte strophenklassen. der ungestörte vortrag eines amselhahns kann aus 400 strophen bestehen. singe eine amsel zum beispiel eine strophe der klasse a, dann würde die nachfolgende strophe bloß eine andere ausführung der klasse a sein. ebenso wahrscheinlich sei es aber, hört er, daß dieselbe amsel nach 7, 8 oder mehr zwischenstrophen anderer klassen wieder eine ausführung der klasse a singe, also zu periodischer wiederholung neige. als angewandte musik mit der funktion, das revier zu verteidigen, hört der student, werde der amselgesang auch vom gesang des reviernachbarn beeinflußt. dem singenden nachbarn antwortet die erste amsel mit einem gleichen oder ähnlichen muster. an diesem kontergesangseffekt liege es, hört er, daß der amselhahn an bestimmten grenzgebieten seines reviers bestimmte strophen häufiger singe als andere. höre nun ein amselhahn einen anderen singen, so könne er schon siebenhundertstel sekunden nach strophenbeginn mit einer eigenen strophe einfallen. diese strophe, hört er, stehe aber nicht immer in einem korrespondierenden zusammenhang mit dem gehörten strophenanfang, sondern könne ein motiv sein, das die amsel ohnehin singen wollte, mit dem sie aber aufgrund des auslösenden reizes der vorstrophe nur früher eingesetzt habe. erst bei der folgenden strophe, hört der student, mache sich der einfluß des vorsängers geltend. bei jeder entscheidung der amsel, was sie als nächstes singen werde, würde sich eine strophe derjenigen klasse durchsetzen, die von allen einflüssen zusammengenommen am stärksten begünstigt wird. allerdings beeinflussen alle bisher bekannten determinanten der strophe nur die wahl des ersten elements einer strophe. unbekannt sei also noch, und dies ist der letzte satz, ob auch der weitere verlauf gesteuert werde und wovon

(freitag, 27.3.1970, zell am see)

(Blick ins Nebenzimmer: Nullo nullo 09)

Montag, 13. Juni 2011

EU-08 TEARS

Tränen könnten springen beim Gedanken
an all die Demütigungen die ich dir antu.
Ich versteh nichts fühl nur Schande
und Sünde mach weiter

ohne Dreiecksgeschichte Prostatitis oder Arbeitsnot.
Ein Parallel-Mensch Äußerster-Pol-Mensch
ist der neben dir
auf der Straße im Bett.

Du bist rührend weich
zugleich hartherzig verstopft.
Und nie nur ein Ohr ein geschlossenes Auge
nie nur ein eingewinkelter Arm.

Auch wenn weit im Osten
die Sonne schon untergeht
sitz ich hier auf dem Null-Meridian
und nichts befreit mich

von dir in diesem gleißenden Licht.
Niemand nimmt mich mir ab
auch nicht die mitleidigste Buch-Person.
Flüchtige Gedanken unscharfe Ansichten.

Daher ist auch der letzte Satz
in dieser Sekunde gestohlen wie ich:
We will lead (not bleed not beat)
we will only detonate (denoted)

(Donnerstag, 13.7.1989, London, Österreichisches Kulturinstitut)

(Erschienen in Eurotunnel, Literaturedition Niederösterreich, 2005)

(Blick ins Nebenzimmer: Nullo nullo 08)

Sonntag, 12. Juni 2011

EU-07 STONES

kein Kopfschmerz hindert mich alle Bilder der Cork Street
zu verbrennen in die Luft zu sprengen die granitenen Häuser
im Zentrum samt allen darin blutenden Lohnsklaven -
da ist kein Friede auch nicht unter dem Trauerweidengewedel
im Hyde Park in der Erinnerung an ein 24-Stunden-Stones-Konzert:

damals der radikal erweiterte Körper die nächtlichen Feuer
der musikalische Rausch der alle Menschen zu Gras werden ließ
nie dürr immer der Sonne entgegen mit närrisch glänzenden Augen -
und jetzt der Himmel mit dem unbarmherzigen Licht dieses Moments
dem niemand verzeiht daß er in Ausbeutung wurzelt übers Jahrtausend hinweg

(Donnerstag, 13.7.1989, 16 Uhr, London, Hyde Park)

(Erschienen in Eurotunnel, Literaturedition Niederösterreich, 2005)

(Blick ins Nebenzimmer: Nullo nullo 07)

Samstag, 11. Juni 2011

0071 - KURIER-ZEIT

vibrationen rauschen es geht los
coq d'or chez nous moulin rouge bb pigalle koralle orchidee feminabar
club nummer eins zwölfapostel habsburgkeller oberbayern (Wien)
vibrationen rauschen (Saalbach)
wieviele schier gleiten ab ins seitliche (unsichtbare) vergnügen
was liegt unterm schnee unsichtbar (seitlich?) vergraben
warum rutscht die masse auf dem pultdach (seitlich) nicht ab
vibrierende paare im licht das rot und violett rauscht (Wien)
einige können nicht schlafen in der unbarmherzigkeit des vergnügens
stress einige jammern (seitlich)
berührungen der bauchmuskeln (Wien) postleute streiken soldaten versehen
deren dienst
berührungen von handflächen (Wien) schnee (Saalbach) verharscht der
handflächen aufreißt
hinfaller auf dem glatten tisch ausrutscher im glatten licht
eiszeit zwischeneiszeit die eisgrenze wandert
dann tauwetter sprühregen auf den hängen hinter den weißen lidern
hockende lawinen dann Grönland
es geht los rauschen
rauschen in den rohren (Saalbach) ohren (Wien) ständig
zeit vom KURIER nur mäßig beansprucht zwischenohropaxzeit

(mi.25.3.1970, saalbach)

(Blick ins Nebenzimmer: Nullo nullo 06)

Freitag, 10. Juni 2011

L-03 LICHT, SCHATTEN

soll der scharf trillernde unsichtbare
Vogel mich jetzt aus dem Fenster locken?
Ist er ein Lockvogel, hinaus aus der
gegenwärtigen Lage: Vergangenes,
Vergänglichkeit, die wehtut, als Plan,
auch als Gefühlskontinuum, nur
durch unerkannte Träume unterbrochen?

Schon wieder der Atem der Schläferin,
die ich selbst sein könnte, zurückgelassen
in ihrem Geschlecht, auch endlich in der
wahren Natur ihrer Erkenntnisse, der natür-
lichen Überwachung dessen, was hinter
mir liegt mit fluoreszierenden grünen Algen.

Sie, in ihrem inneren Auge - eine wunderbare,
riesige, leuchtend grüne Fläche, mit einer
Sonne, die Sonnenwind hinter sich her schleppt,
riesige Baumschatten, völlig unvorhersehbar
hin- und herzuckend, hypnotisches Licht- und
Schattengeflimmer, durchstochen von Vögeln,
ihr scharf trillerndes Kielwasser hinter sich.

Das alles mitten im Stadtpark, dem, was ich
dafür halte, in der erträumten Oase: erinnerte
Landschaftsmalerei, Mischung aus Botticelli,
van Eyck, da Vinci. Wie sie das sagt, noch im Schlaf,
während sich zwischen den zurechtgeschobenen
Vorhängen zum Zenith hin der Himmel klärt

(2007)

(Blick ins Nebenzimmer: Nullo nullo 05)

Donnerstag, 9. Juni 2011

L-02 FIAMMIFERI

Streichhölzer heißen hier fiammiferi.

Lernsätze werden dem Zufall
überlassen, schöne Ergebnisse
bewirken weitere Fragen, zugleich
ein Gefühl des Verstehens
der besonderen Art, Sprachverstehen
aus dem Augenblick, ins weite Feld
der geschichtlichen Möglichkeiten, lastrada
lacasa, so einfach und doch voller Tücke,
in der Bandbreite bis zum Glück.

Streichhölzer heißen hier fiammiferi.

Darauf wollte sie hinaus:
dieses Ich-liebe-dich, ich-brauche-dich
jedes Mal neu, und auch er, der Angesprochene
soll lächelnd, ohne Zynismus,
der gemeinsamen Jahre gedenken,
den Zufall ehren, die lehrreiche
Körperlichkeit, die ihm Ungleichgewicht
zubilligt, ungerechtes Leibersammeln
angesichts der verkürzten Lebenszeit.

Streichhölzer heißen hier fiammiferi.

Er wird es nicht aussprechen, nicht
jammern, schon jetzt, Grenzen sehen,
die wehtun. Trotzdem benennt er sie:
sich nachts ins Wasser fallen lassen
sich von dünner vergifteter Luft nähren,
bis jedes Maß, das Leben toleriert,
überschritten ist. So der vorbeugende Traum –
infiziert vom Morgenflieger über der Lagune,
die von unten her überschwappt.

Streichhölzer heißen hier fiammiferi

(2006)

(Blick ins Nebenzimmer: Nullo nullo 04)

Mittwoch, 8. Juni 2011

L-01 FELICITÀ

dieser Onkel ist meiner und auch
nicht. Er ist deiner. Er ist keiner.
Keiner, der hier ist im roten Hemd.
Ich sah ihn im roten Hemd,
mit roter Krawatte, roter Hose.
Er war es nicht. Seine linke Gesichtshälfte
voller Blut. Er lag auf dem Weg.

Er lag im Bett im Spital.
Nichts bewegte ihn, er fragte
unentwegt, pries das Glück,
felicità. Er sprach kein Wort
Italienisch – felicità. Auch kein
ottimismo umorismo. Er,
ein Optimist ohne Humor. Er lachte,

als er dort saß, an Tischen,
in der Geburtstagskutsche,
vor den Lokomotiven, die nicht fuhren.
Er schaute und lachte. Lag
auf dem Boden, wie tot, tot; lachte,
bis ihm die Gläser wegflogen,
die Augen, die Hände. Er griff,

umgriff seinen Stock, erhob sich.
Zornig riß er die Geige an sich,
angelte sich eine Geigerin
aus der Damenkapelle – nur für ihn
spielten sie, tanzten sie, aßen sie
die Torte auf, Stück für Stück.
Sie redeten, bis er schwieg

(2006)

(Blick ins Nebenzimmer: Nullo nullo 03)

Dienstag, 7. Juni 2011

0070 - MITTAGSGESPRÄCH

man spricht nicht man schneidet (Stalin)
unbarmherzig aber blank (Bucharin)
daß jetzt der bedarf an sensen beinahe null sei während früher noch
vor zehn jahren
über die zweideutigkeit von maulwürfen (siehe Eich)
mit sensen gegen maulwürfe da geht zumindest die zunge drauf
mit maulwürfen nachts gegen sensen
sich tagsüber in die samtige nacht wühlen
mit dem maul wegwerfen was einem die sicht verdeckt erde
erde voller eindeutigkeit voller maulwürfe jetzt
jetzt hände sensenhände rostig von der zeit die darüber verflossen ist
auf den in die erde gestoßenen sensen noch stehen wartend auf den
tödlichen ruck

(samstag. wir sprachen über über die zweideutigkeit der sprache im allgemeinen, über kommunismus stalinscher prägung, über literatur im besonderen. unsere mahlzeit bestand aus fleisch, salat und einer ausgezeichneten mehlspeise.)

(di.24.3.1970)

(Blick ins Nebenzimmer: Nullo nullo 02)

Montag, 6. Juni 2011

0069 - HODEN FÜR DIE FREIHEIT

1

hoden für die freiheit, las der student, die fachwelt halte einen kunststoffersatz nicht für nötig, die fachwelt, bestehend aus anscheinend männlichen richtern, anscheinend männlichen anwälten, verteidigern, geschworenen, gefängnisdirektoren, gefängniswärtern, fbi-beamten, scotlandyardbeamten, bundespolizeibeamten, anscheinend männlichen gerichtssachverständigen, gerichtsmedizinern, gerichtspsychologen, gerichtshumanisten. menschen. hoden für die freiheit. der student trat ins museum des gerichtsmedizinischen instituts. der führer zog eine menschentraube hinter sich her. ihren saftspuren folgte der student, angeekelt, neugierig, empört, hilflos, krank vor ichweißnichtwas. die bezeichnungen für die in vitrinen ausgestellten organe waren ihm teilweise aus tageszeitungen, illustrierten, vom hörensagen bekannt. vom hörensagen auch die vorurteile, was mit hoden alles verbunden ist, mit freiheit, mit gericht, mit kriminell, mit trieb, mit verbrechen, mit schwängerung, mit vitrine, mit museum, mit führung, mit mensch, mit menschlichkeit


2

diese art von menschlichkeit, die der abschreckung dienen soll, diese art von menschen, die abgeschreckt werden sollen, die aber so wie die hier vorbeigehenden (er eingeschlossen) von solchen problemen nicht direkt belastet werden, diese art von führung, die so abgestumpft ist, wie eine führung nur sein kann, diese art von museum, das nur die geilen kiebitze, die schleimer, liebäugler, handlanger, eiferer, langweiler anlockt, diese art von vitrinen, die dieser art des kriminellen das kriminelle nehmen, es ins sensationelle, spektakuläre, pseudowissenschaftliche transferieren, diese art von verbrechen, die mit schwängerung kein auslangen finden kann, diese art von trieb, der vor dieser art von gericht nicht gerechtigkeit widerfahren kann, diese art von freiheit, die einem freiheitsentzug gleichkommt, diese art von freiheit, die hoden entfernt, im dienste der menschlichkeit


3

als der triebverbrecher die sauna betrat, wußte keine der in der sauna befindlichen personen, daß er ein triebverbrecher war. als der triebverbrecher die sauna wieder verließ (fluchtartig in die kleider gefahren, mit halboffenem hemd, runterhängenden gürtel, den übrigen kleidungsstücken über dem arm, zerrauft, mit nassem haar, halbnackt, ohne kleider, durch die tür, durch die hintertür, durch das saunafenster, über die dächer), wußte jede in der sauna befindliche person (auch der student), daß er ein triebverbrecher war, ein frisch kastrierter, einer mit einem abnormen geschlechtstrieb, der nach seiner persönlichkeitsstruktur und seiner bisherigen lebensführung die begehung weiterer rechtswidriger taten erwarten läßt

4

ich an seiner stelle, sagte der student, doch seine begleiterin war zusammengezuckt, als hätte sie plötzlich eine leere zwischen seinen beinen entdeckt, das jähe verschwinden seiner männlichkeit, den jähen durchbruch einer bis jetzt beinahe verborgenen weiblichkeit, bis jetzt wohl an manchen tagen, in manchen augenblicken durchschimmernd, wohl transparent geworden, doch nie als dieser erschreckende verlust, beinahe völlige verlust primärer geschlechtsmerkmale, verbunden mit einer starken drosselung des sexualtriebs und der fähigkeit, geschlechtslust zu empfinden, verbunden mit den veränderungen einer frau im klimakterium: schwitzen, erröten, schwindelgefühle, depression, selbstmordabsicht. ich an seiner stelle, sagte der student, errötend, mit schweiß am ganzen körper, mit einem kopf, in dem sich alles dreht, von unlust überschwemmt, ich an seiner stelle, und stürzte aus den armen der begleiterin zum fenster, riß die flügel auf, und die passanten sahen einen springen, und die zeitungsleser sahen eine fette schlagzeile in den boulevardzeitungen, und die fernsehdiskutierer waren ratlos

(montag, 23.3.1970, zell am see)

(Blick ins Nebenzimmer: Nullo nullo 01)

Sonntag, 5. Juni 2011

D-10 DIESES AFRIKA DA

dieses Afrika da
ist schwarz-weiß, quadratisch, flach
und völlig durchkomponiert.

Dieses Afrika da:
ein uralter Schwarzer mit Hut,
ertappt mit fröhlicher Miene,
wie er an die Tür mit der Nummer 12 pocht;
ein Rosenvorhang rechts neben der Säule
versperrt den Blick in das Zimmer.

Dieses Afrika da:
ein Gärtner mit Elefantenohren
(wie in einem Film, wo jemand sagt:
Du mit deinen ... und höllisch zu lachen beginnt):
er lacht wie die Frau,
die den neben ihr Ausgerutschten
an einem Hemdzipfel festhält,
während über seine rechte Schulter
ein ausgehungerter Hund heraufschnappt – wonach?

Dieses Afrika da
zeigt auch zwei Angestellte der Stadt
vor einem schäbigen Wellblechtor:
sie lächelnd, die strammen Brüste
über dem sackgroßen Bauch unter Streifen,
die ihn noch vergrößern, hervorwölbend,
und er, den Kopf zu ihrer Schulter hin geneigt,
die Äuglein nach oben gerichtet,
simuliert mit eingesogenen Lippen listige Ergebenheit.

Dieses Afrika da
führt zu Leah und Illona, zwei Schwestern,
in ihre düstere Küche
mit Plastikboden und einem altmodischen Kochherd:
Leah schwingt ihren Kopf
über dem mächtigen Leib zurück,
kreischt lauthals, so,
daß Illona auf dem Stühlchen links neben ihr versinkt,
jedoch mitlacht, noch offener, gerade heraus
in die Augen des Fotografen,
der auch gleich einen Blick
auf die Plastiktasche auf dem Boden wirft,
die zermatschten Kugelfrüchte darin.

Dieses Afrika da
läßt zwei Burschen an eine wackelige Mauer treten,
mit einer aus Kinderwagenteilen zusammengebastelter Leiter,
der linke den anderen schiefköpfig beäugend,
ihn stoßend; der aber finster
mit seiner Linken den Rohrrahmen würgt,
während ein massiger Mann sich von hinten nähert,
auf eine höchst zweideutige Weise
mit Drähten hantiert.

Dieses Afrika da
endet abrupt bei einem Sicherheitsbeamten,
auf dem durchhängenden Bett
hinter einer sitzenden Frau,
ihrem verschwollenen Schlangengesicht -
stemmt die eine Hand in die Hüfte,
während er mit der andern einen Schlagstock umklammert
und dabei aus der schwarzumrahmten Brille
die glitzernde Haarpracht unter ihm fixiert.

Dieses Afrika da,
in der Rue Quincampoix in Paris,
ist tatsächlich nur schwarz-weiß,
quadratisch, flach, völlig durchkomponiert
und verschließt sich vor mir
mit einem schrillen Klick

(Mittwoch, 21.4.1999, Paris)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

(Blick ins Nebenzimmer: Campo di urne 08)

Samstag, 4. Juni 2011

D-09a KRÁLI JEDNOROŽEC 2

Dámu s jednorožcom som poriadne
Nevidel len telá žien,
Ploché ako zrazené zvieratá,
Bezkrvné, vyblednuté časom
Na kobercoch, ďalšie jednorožce,
ďalšie mužské a ženské hlavy,
Tiež ako jemné čierne gravúry
Na farbami žiariacich sklách.

Na internete som potom našiel
Množstvo jednorožcov, aj firmu Unikorn
So špeciálnou ponukou na vyvolanie
Vzájomnej bolesti z rozkoše: spútavanie
brnenia pásy cudnosti, štipce na bradavky
Všetko to čo každá dáma
Nemala alebo potrebovala
Pre rozkoš, ani jednorožec nie –
Nie v tom zmysle , nie v zmysloch.

Späť v sále do ktorej som nikdy nevkročil,
Som obkolesený hlavami,
V nadživotnej veľkosti, uložené, predsa
Plné výbušnej životnej sily,
Úplne prítomní – pohľady
Z odvrátených očí napomenutia
Z onemených úst, a za tým
Na javisku bezhlavé kamenné telá,
Uzavreté v patetických zastavených kontúrach,
Ktoré ma nútia ísť do kruhu,
Nadýchnuť sa: bez toho aby sa pohol lem
padnú na zem jedny šaty.
Som šťastný v sebe.

(Preklad Mila Haugová)

(Veröffentlicht in der Zeitschrift „vlna“ („Welle“), Bratislava, 2010.)

(Blick ins Nebenzimmer: Campo di urne 07)

Freitag, 3. Juni 2011

D-09 KÖNIGE EINHORN 2

nicht wirklich gesehn hab ich die Dame
mit dem Einhorn, nur Frauenkörper,
flach wie überfahrene Tiere
blutleer, ausgebleicht von der Zeit
auf Teppichen, andere Einhörner,
andere Männer- und Frauenköpfe,
auch als zarte, schwarze Gravuren
auf farbglühenden Gläsern.

Im Internet fand ich dann viele
Einhörner, auch eine Firma Unikorn,
die Spezielles anbietet zur Erzeugung
gegenseitiger Schmerzlust: Fesseln,
Harnische, Keuschheitsgürtel, Brust-
warzenzwicker - all das, was jene Dame
nicht hatte oder brauchte
für ihre Lust, auch das Einhorn nicht -
nie im Sinn, nie in den Sinnen.

Zurück in dem Saal, den ich nie betrat,
bin ich umringt von Köpfen
überlebensgroß, lädiert, doch
voller Lebenssprengkraft,
Allgegenwärtigkeit – Blicke aus
weggeschlagenen Augen, Ermahnungen
aus verstümmelten Mündern: und dahinter
auf der Bühne kopflose Steinleiber,
eingesperrt in pathetisch gestockte Konturen,
die mich zum Umkreisen zwingen,
Anatmen: ohne daß sich ein Saum regt,
ein Kleid zu Boden fällt.
So bin ich glücklich in mir

(Montag, 26.4.1999, 21.40 Uhr)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

(Blick ins Nebenzimmer: Campo di urne 06)

Donnerstag, 2. Juni 2011

0068 - DIE BRIEFE

die briefe werden geschrieben werden (müssen)
mit Kodaks hilfe
mit Kodaks hilfe werd ich dich hier haben können hier im zimmer
du kommst aus sehr großer entfernung an meine wand
die wand wird zu zittern beginnen verputz wird springen rieselnder
verkehr unten ganz nahe vorbeiführen
ich spüre wie die wand zu zittern beginnt wie der verputz springt
rieselt wie der verkehr unten ganz nahe vorbeiführt

feine flimmerhärchen sich aneinander reibend
ein briefsatz: feine flimmerhärchen sich aneinander reibend
es ist leicht zu wissen was einer katze gut tut
meine fingerkuppen sind sicher erotisiert
der hineingedrückte (knopf) schnellt nach genau einer fünftelsekunde zurück
der knopf schnellt zurück immer wieder immer wieder
jede berührung des fingers löst dich aus dem leben (auslöser) hält dich
für genau eine fünftelsekunde lang fest

briefpapier ist nicht fotopapier ist nicht klopapier
zukunft ist nicht vergangenheit gegenwart
du wirst da gewesen sein (müssen) (meine briefe)
mein abfall (meine briefe fotos /auslöser//mein leben/) wird dich abstoßen
anziehen deine fingerkuppen werden das spüren (müssen)
der knopf schnellt zurück immer wieder

(sa.14.3.1970)

(Blick ins Nebenzimmer: Campo di urne 05)

Mittwoch, 1. Juni 2011

0067 - NA SCHÖN & GUT

rollage das heißt das zu einer breiten rolle aufgefächerte selbstporträt Dürers
daß die personen diesmal nicht aus dem bild herausträten aber immerhin noch
das faszinierende der dame rechts vorn mit der kirche als kopfschmuck
mit dem aufgeschlagenen buch
es leuchtet mir ein der motor beginnt zu tuckern

typisch morgendliches (für hier typisch) straßenbahn/autorauschen heller
werdender vogellärm knackende schritte (oben und unten) im haus
es war ein schöner abend
es war kein schöner nachmittag

nagut aus dem bett kommt halt wärme die dich überwältigt der körper im bett
da draußen vor der tür strahlt bis hierher herein
na gut gings gestern trotz des allgemeinen föhnverhaltens trotz benommen
rasender autos trotz verrückter vögel trotz des zorns
trotz der ständigen unflätigkeit unter der zunge gut & schön

naschön das wollen wir jetzt vergessen
na schön hinaus und hinein in die morgenluft
ein neuer kaffee und kuchentag ein neuer autotag ein neuer nimm dich
(zusammen) wie du bist tag
vielleicht ein neuer sehtag fundtag an dem vielleicht die gesuchte leiche
der gesuchte mensch (Dürer /ein pseudo Dürer vlämisch/) unter was weiß
ich wieviel tonnen (abfall) gefunden wird (eine an der schaufel des baggers
hängende oder in der hand des tauchers steckende hand /oder was weiß ich/
ETWAS in der sonne /bei nebel/)

rollage rollage
etwas gesuchtes gefunden ein völlig neues empfinden ernste erneuerung
na schön & gut

(sa.14.3.1970)

(Blick ins Nebenzimmer: Campo di urne 04)

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