Dienstag, 31. Mai 2011

O-12 GROSSELTERNNACHBLICK

beschloß, mir zu widersagen, dem Teufel,
vor dem Foto des Großvaters; widerstand nicht,
es zu öffnen, Monitorleben, mit Zugaben von Rot, Gelb,
Intensität, Helligkeit und Kontrast: lächelt jetzt,
bild ich mir ein, unter seiner wassergescheitelten Haarfülle
brav und verbindlich zu mir herauf, fest
in sich ruhend, sprechbereit. Weiß ich den Satz?
Hör ich die Stimme? Würd ich ihn gleich wieder
duzen über die lange Zeit nach seinem Tod hinweg?

Nahm den Taschenspiegel, teilte sein Gesicht
in zwei Hälften: links das Gewicht der Jahre,
deren Enttäuschung, das die Mundwinkel lockert,
zugleich ihren Widerstandswillen artikuliert; rechts
der Schmerz über jeden Verlust, den vergangenen,
den, der kommen wird unweigerlich; hinter den
fleischigen Wangen wachsam errichtete Ohren:
Könnte er mich hören, mit welchem Laut sollte
ich anfangen? Würd er nur Pfeifen und Brüllen
vernehmen, brüllenden Enkel, pfeifenden Luftikus?

Über dem zugeknöpften Gilet der abgetragene,
keineswegs pedantisch gereinigte Rock. Darüber
das massige Haupt, ein wenig nach rechts geneigt, auch dem,
der ihn fotografiert, scheinbar wohlwollend entgegen.
Neben ihm der Spalt zu seiner Frau schließt sich
im Dunkel über dem Boden. Großmutters schmaler
verkrümmter Leib unter einem losen schwarzen Kleid;
darüber, ganz locker, die unermüdlich getragene Weste,
die mit dem Karomuster; und um den Kopf gugelartig
ein Tuch, das ihr Gesicht noch kränker, ganz
ausgezehrt erscheinen läßt. Haarreste zu beiden
Seiten, Hexenborsten. Wird sie sich halten?
Droht sie noch immer mit ihrem Tod?

Durchdringend ihr linkes Auge, das rechte in sich
versunken, an allen Schmerzorten gleichzeitig.
Ihr nie enthüllter Oberkörper, mittels linkem Ellen-
bogen auf dem Eßtisch abgestützt. Die rechte
Hand über die Kante hängend, nicht offen, nicht
willenlos verkrampft. Beschloß, dieses Foto verkehrt
unter die Bücher zu schieben. Las dann ein Whitman-Gedicht
in Kabbala und Tango. Hatte das Buch vorsorglich
zwischen vielen anderen hervorgezogen, zufällig dieses.
Schlug es irgendwo auf. Fühlte mich noch immer von Fragen,
unausgesprochenen, an die beiden Toten bedrängt,
vom Wunsch nach ihrem wärmenden Fleisch

(Dienstag, 4.1.2000)(21.50 Uhr)

(Blick ins Nebenzimmer: Campo di urne 03)

Montag, 30. Mai 2011

E-03 DAS ROTE BAND

Es ist ein Hängen, still in sich ruhend, straff, etwas zutiefst Hängendes,
und das über der Lampe: das Rote Band über der Lampe, ihrem dünnen
Arm (er läßt sich biegen), es stretcht. Die Uhr oben in der linken Ecke
des Monitors stretcht auch, sie rinnt, geräuschlos verschleudert sie Ziffern,
verschwindet zu Zeiten, wo niemand an ein Verschwinden gedacht hätte.

Verschwinden ist verschwunden – zwischendurch –, und das fällt nicht auf.
Die Schachtel mit dem Schlangenmuster getürmt auf die Schachtel
mit den wichtigen Dingen, Sticks, Speicherkarten, Schichten finsterer
lüsterner Geheimnisse. Von oben Licht, Licht von zwei Seiten, es wird
so beschrieben: von der Decke fällts auf die Wand in drei Schwüngen,

auch von rechts herab in Augenhöhe auf die Tastatur, ohne daß es blendet.
Blendung ist der Graue Star, der Rote, der Grüne. Kaum die Augen offen,
blendet der Traum schon wieder durch Vergessen. Hing etwa ein Band
mir tatsächlich zwischen den Augen, verband es geheim Ein- und Ausgänge,
gab es eine Hauteruption, sich sträubende Haare, hingen künftige Knochen

in der Luft, baute sich eine Kollision mit Erinnerungen auf, in denen es
Hintertreppenstürze nur so hagelte? Ich, unten am kalten Beton, flach,
wie vom Blitz getroffen, neben den Heizungsrippen, blieb liegen,
der ganze Körper weh, voller Striemen, Schrammen, Blutspuren, als wären
alle meine Geliebten über mich hergefallen, fleischwund, mich, den Ripper?

Zwischen den Rippen die Nerven, um die Schlüsselbeine verknäuelt,
als würden sie dort neue Organe ausbilden wollen – nur eine Phantasie
aus dem Roten Band, das auch in der Badewanne erweiternd funktioniert?
Um die Stirn so, daß schräg hinunter, hin zum Wellenschlag, die Sicht
noch möglich ist, auch das Atmen, voll die Sicht auf die Selbstbefleckung,

auch Selbstentdeckung, Selbstversicherung. Und auch so, daß die Beine,
gesträubten Haare zumindest die Illusion einer Selbstbefreiung beinhalten,
von selbst getragen von der bettartigen Dampfformation, leicht gebettet
also auf diese Wolke, um von dort wiederum auf jenes Band zu schnellen,
rechts die Schlangenschachtel, links die hölzerne, die voller Geheimnisse.

Der Chor im Hintergrund so dicht, als wäre die ganze Familie angetreten,
um auf das Rote Band zu hüpfen mit mir, mirs zu entwinden im Training,
um selbst zu hüpfen, Chor aus lauter selbstverlieben Helden, schon toten,
sogleich zu unglaublichen Geständnissen bereit: Wir verurteilen, verachten
die Wiederholung, wiederholen die Verurteilung! Wir loben das lebendige

Rote Band, dessen Mitteilung – daß es nun nicht mehr hängt, nicht
mehr umschlingt, nicht schlingert und schlenkert, niemanden der Muskel
beraubt, der nächtlichen Denkkraft, deren schreiender Ergebnisse; daß es
eine zweite Haut sein wird, immer dünner, dünner als ein Hauch,
doch Membran, Lichtloch, Lichtmembran, die mit Lebenswut begeistert

(17.5.2011, 3.03 Uhr)

(Blick ins Nebenzimmer: Campo di urne 02)

Sonntag, 29. Mai 2011

0066 (12) - JUBLILÄUMSWARTE

12

eine fahrt auf sich nehmen, nicht um etwas reales, sondern fiktives, realfiktives zu rekonstruieren. die fahrt verläuft mit zwischenfällen, von berechneten schwierigkeiten gibt es mehr als genug. links gehen, rechts fahren. die beteiligten personen kennen ihr ziel, wissen aber nicht den weg. der autor kennt natürlich(?) auch das ziel, dieses winzige zwischenziel, das bild des ziels. jetzt ist es das vorstellungsbild der jubiläumswarte, etwas noch ziemlich formloses, farbloses. der autor, der student and seine begleiterin, diese wie gewöhnlich realfiktiv, steigen aus dem auto, fluchend. der schnitt erfolgt in der mittellinie vom proc. xiphoidus bis zum oder einen fingerbreit unter den nabel. ihr fluchen gilt dem auto, den vergangenen witterungsverhältnissen, die ihnen jetzt solche verkehrsverhälthisse, den beteiligten personen selbst. man kann häufig sehr schnell den schwielig veränderten teil, ja sogar die ulcusnische feststellen. der fiktive verlauf dieses nachmittags sei zwar als zwischenziel festgestanden, der reale verlauf mache dem allerdings (wie gewöhnlich?) einen strich durch die rechnung. auf die unterscheidung von ulcus and carcinom kann hier nicht näher eingegangen werden. 1 + 2 = 3. die sonne schien, der wind ging, der schnee lag. warm kalt hoch. die gesunde luft sei gesund, es gebe nichts gesünderes als gesunde luft, zimmerluft wäre der sache sicherlich sehr abträglich gewesen, ebenso hockenbleiben, hin- und herwälzen, rückgratverkrümmung, unterleibsstauung. der weg falle ab, mache kurven und bogen, schweizer (?) häuschen auf dem satzberg, der student als artist auf seinen galoschen auf dem verschneiten kleiberweg, seine begleiterin als beleidigte, der autor als letzter, orangen schälend mit orangenschalen (oder ist es doch der student?) den weg markierend. die umgebung des ulcus zeigt oft eine hochentzündliche rötung (flammende röte). pelzer rennweg, blick in den wolfsgraben. zunächst ist der mittlere teil des magens auszulösen. tower, observation tower, watching tower, dies allerdings am ehesten für militärische zwecke, das zwischenziel ist aufgetaucht, hat sich verfestigt, ist zuerst teilweise zwischen den bäumen hindurchzusehen, erscheint dann unverdeckt in den augen der beteiligten personen, die sitzen in den autos, fahrend, gehen schlendernd, sitzen im gasthaus, sitzen im freien auf den lehnen der öffentlichen bänke, doch diese personen sind nur minder beteiligte, als rasch wechselnde staffage, selbst der student and seine begleiterin sind nur staffage. am besten ist es, man löst den ulcus nun schnell mit messer oder schneidenem thermokauter ringsherum von dem in dem nachbarorgan zurückbleibenden ulcusgrunde ab. die jubiläumswarte, trotz des grauen himmels strahlend, die jubiläumswarte, sich in einer kräftigen spirale zum plateau drehend. der autor, eine annäherungsmöglichkeit an den aufgang suchend, entdeckt aus dem schnee ragend ein sperrgitter. betreten verboten. eine annäherung ist nicht möglich, nur sachliches einprägen der situation. vier fichten, ein gelber pfeil, abgang, ein polygonales häuschen, kassafensteröffnung, geschlossen. einen moment lang ein aufbegehren, der wunsch, sich durch den schnee zu kämpfen, sich über das gitter zu schwingen, wendeltreppe. der wunsch, den ersten fuß auf die wendeltreppe zu setzen, aufstieg, der wunsch vom plateau aus den spitzen eisenpfeil zu erklettern. mit der größe und ausdehnung des ulcus und der beteiligung der organe wächst natürlich auch die technische schwierigkeit und die gefahr. vom pfeil durchbohrt, aufgespießt, am spieß schreiend dem traumland die jeweilige windrichtung zeigen. sichtbarste funktion. die spirale mit den augen runtersausend, der autor landet, mit den augen, im schnee. betreten verboten. er könne, erwachend, nicht sagen, ob er den turm jemals betreten habe, ob die aufschlagstelle ihres körpers wirklich die aufschlagsstelle ihres körpers gewesen sei. vergegenwärtigt sei der körper seiner begleiterin jedenfalls wundenlos, von makelloser unbestimmtheit, in dieser unbestimmtheit allerdings unmenschlich. er habe den turm betrachtet, er bedeute für ihn nichts persönliches mehr (habe es nie bedeutet? nie bedeuten können?). er könne, erwachend, nicht sagen (der autor? der student?), wie die operation (zerfleischung) verlaufen sei, ob je eine solche stattgefunden habe

(mittwoch, 4. bis sonntag, 8.3.1970)

(Blick ins Nebenzimmer: Campo di urne 01)

Samstag, 28. Mai 2011

0066 (9,10,11) - JUBLILÄUMSWARTE

9

wenn schon sonst nichts, dann doch das messer, das sie ihm damals angeboten, ja aufgedrängt habe. dann doch das messer, das nach langem spaziergang damals in ihrer vorstellung entstanden sei, gleichzeitig, er sei davon überzeugt, sagt der student, wie ein blitz vor beiden inneren augen, wenn es so etwas gibt. das messer habe man dazu gebraucht, um übereinander herzufallen. man habe so etwas wie ein vibrieren der nerven verspürt beim aussprechen dieses gedankens, er sei überzeugt, gleichzeitig. sie habe, sagt die begleiterin, plötzlich seinen weichen weißen bauch vor sich gesehen, da habe es kein halten mehr geben können. was da alles hineinzuritzen gewesen ist, zuerst, welch unaussprechbaren dinge in diese gespannte haut, in die haut dieser gespannten bauchdecke. zuerst in die haut, dann ins muskelgewebe, dann habe man sich schon gegenseitig stützen müssen, es sei aber herrlich weitergegangen

10

zur eröffnung der bauchhöhle ist eine große anzahl von schnitten empfohlen worden. trotz mancherlei gegenteiliger bestrebungen wird auch heute noch der schnitt in der linea alba am häufigsten ausgeführt. im wettstreit mit den schnitt durch die linea alba steht der vielfach empfohlene paramedianschnitt. er hat den zweifellosen vorteil, daß er teilweise von der muskulatur gedeckt wird. nerven und gefäße werden nicht zerstört. der bauchschnitt wird am besten schichtweise unter schonung von muskeln, nerven und größeren adern angelegt. dann kann das bauchfell zunächst an einer kleinen stelle geöffnet werden. je nach der gegend des bauches ist das vorquellen von darmschlingen und netz stärker oder weniger stark. am stärksten ist es in der unterbauchgegend. dann zieht man sich den magen vor and stellt die länge des fremdkörpers fest. die öffnung erfolgt am besten quer zur längsrichtung des magens. zunächst wird ein kleines loch in die magenwand geschnitten. dann wird die magenwunde gerade so viel erweitert, wie es zum herausziehen des fremdkörpers nötig ist. man muß sich aber davor hüten, den fremdkörper aus der wunde herauszuzwängen. besser ist es, die wunde mit dem messer noch etwas zu vergrößern

11

ihre besessenheit, ihre schmerzversessene passion. am entsetzlichsten sei, daß das unwahrscheinlichste doch eintrete. bei aller konzentration auf das wesentliche, sagt der student, bei aller konzentration auf die folgen dieser entsetzlichkeit. sinn und unsinn seien siamesische zwillinge. das jubläum des großen wütens findet aber nicht statt. statt dessen gezwungenermaßen fingerübungen. tatsächlich fingerübungen anhand des stadtplans. juchgasse judengasse. josephinum judenplatz. predigtstuhl, wasserbehälter, wilhelminenberg, standrohr steinbruch, wiener landesheil- und pflegeanstalt, ein irrtum, am steinhof, eine verwechslung, achtundvierzigerplatz, eine solche verwechslung, predigtstuhl, sternwarte, wie konnte das passieren, müllverbrennung, in der rose, sagt der student, feuerwache feuerwache. keine verwechslung, sagt der student, sich verbessernd, südlich der eisernen hand, südlich des schottenwalds, südlich des wolfsgrabens, südlich des gemeindewalds, zwischen kreuzzeichen- und schnepfenwiese, anscheinend am westlichen zipfel der vogeltennwiese, 449, in der nähe der stelle, wo johann staud-straße and pelzer rennweg aufeinandertreffen. wege, straßen, siedlungen sind rot eingezeichnet, bäche, flüsse, seen blau, straßenbahn-, autobuslinien, starkstromleitungen violett, namen schwarz, wiesen blaßgrün, wälder sind blaugrüne tupfen and kringel

(mittwoch, 4. bis sonntag, 8.3.1970)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 29)

Freitag, 27. Mai 2011

0066 (7,8) - JUBLILÄUMSWARTE

7

von der basis hinaufzublicken, von der vorgeschobenen basis hinabzublicken auf die normale basis ohne schwindelgefühl, der traum von den menschenfressern, denen zu entkommen sei, dem ganzen menschenfresser-menschenfresserwärter-system, das morgens besonders hautnah zu spüren sei, sagt die begleiterin, in einem so schönen land bei einer so schönen stimmung. die hubschrauber seien zu sehen, ihr einsatz auf jeden fall begrüßenswert, sagt der student. die paradiesvögel in den verschiedensten spielarten, ihr flügelschlagen im traum, das zerbrechen der schallplatten, womöglich mit den lieblingsschlagern der eltern, bei deren musik sie sich zu lieben begonnen haben könnten, ein racheakt gegen den beherrschenden vater, gegen den die mutter sozusagen überwölbenden vater (diesmal umgekehrt), gegen seine, wie sie es damals empfunden habe, klebrige patzige gefühlshaftigkeit, wenn er die mutter bei der tür sozusagen gleich ansprang, sie sozusagen bei der tür gleich niederstreckte, ihre müdigkeit ausnützend, während die sich stets gefrotzelt habe fühlen müssen, daß ihr gesicht, ihre gesichtszüge, die sich brennend nach seinem bart gesehnt haben, nur von solchen eifersuchtswallungen geprägt worden seien, ihre eifersuchtsmaske, die nicht mehr runtergeht, sie könne das so herbeigesehnte gefühl des triumphes über ihre mutter jederzeit rekonstruieren, es fehlten ihr aber anhaltspunkte für einen wirklichen triumph, sagt die begleiterin, es habe nur brennende wangen, brennende arschbacken gegeben, folgen von trotzreaktionen, sie habe das dreckige, das zwiespältige der tätigkeit der hand des vaters wohl gespürt, diese züchtigungen seien sozusagen kleben geblieben, sagt die begleiterin. der einsatz der hubschrauber bei diesen witterungsverhältnissen sei jedenfalls begrüßenswert, sagt der student

8

oben angekommen fällt ihnen nichts mehr ein, sie blättern sozusagen im tagebuch um, eine neue seite, ein neuer tag hat zu erscheinen. bei aller schönheit könne sie das brennen der wangen, ohren nicht loswerden, es sei eine art von lebensscham, aber auch die folge der züchtigungen des windes, sagt die begleiterin, windzüchtigungen. man sei dem wind hier völlig ausgeliefert, sagt der student. die neue seite sei jedenfalls eine weiße, mit noch wenigen angeschwärzten stellen. man könne jedenfalls etwas lesen, was zu ereignen gar keine zeit mehr sein werde, jedenfalls nicht von ihrer zeit. man sei dem eigenen haarschwall hier völlig ausgeliefert, sagt der student, bei allem verständnis für die emporgehobene basis, gehobene position. oben angekommen fällt ihnen nicht mehr ein

(mittwoch, 4. bis sonntag, 8.3.1970)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 28)

Donnerstag, 26. Mai 2011

0066 (5,6) - JUBLILÄUMSWARTE

5

die menschenfresser werden in flaktürmen aufbewahrt. die menschenfresser sitzen hinter schloß und riegel, hinter gittern, hinter feuchten betonwänden. die menschenfresser können nur ihre eigene gefühls- und ausscheidungsluft fressen. die menschenfresser fressen menschen mit dem mund, was sie jetzt nicht können, mit den augen, ohren, mit dem hirn, den herzen, was sie jetzt jederzeit können, selbst im traum. am meisten zugerichtet seien natürlich die wärter. die merken es nicht, auch nicht ihre kinder, wenn sie ihnen zuhören, wenn ihnen die väter von ihrer arbeit erzählen. nur die kinder sind froh darüber, daß es menschenfresser gibt. ihre vorstellung, die realität ihrer vorstellung erzeuge eine solch angenehme angst, ein solch angenehmes, ja notwendiges gruseln. bis in ihre kinderzimmer könne man die menschenfresser schnarchen hören, sagen die kinder. es sei einer der gefährlichsten berufe, sagen die wärter, eine falsche bewegung, ein falscher handgriff, ein falsches wort (obwohl ihnen ja das sprechen verboten ist), ja sogar ein falscher gedanke, ein falsches gefühl in ihrer nähe könne todbringend sein. den tod brächten aber nicht die menschenfresser, die ja hinter schloß und riegel etc., sondern die vorgesetzte behörde, deren verhaltensvorschriften für wärter von menschenfressern ein so ausgeklügeltes system von verboten darstelle, daß es beinahe unmöglich sei, binnen eines jahres nicht angeklagt zu werden, ja sogar binnen kürzerer zeit. natürlich, notgedrungen gebe es begnadigungen, sogar am laufenden band, aber gerade das sei das gefährlichste: man rechne damit, man gewöhne sich daran, mit begnadigungen zu rechnen, und dann bleibt sie einmal aus. nach solchen schilderungen, sagt der student, wachse das leben der wärter und natürlich auch das leben der menschenfresser, welches eine das andere bedingt bzw. vertilgt, es wachse den wärtern ihr leben über den kopf, sie wüßten dann nicht, wo ihnen der kopf steht, jedenfalls in den augen der kinder, sagt der student, bist du auch ein kind, fragt der student seine begleiterin, natürlich bist du eins, jubiläumswarte, in den augen der kinder wachsen ihre wärterväter ins unermeßliche

6

ihr weißkaltes traumland aus einer gewissen höhe zu betrachten, eine künstliche gemeinsame basis in einer gewissen höhe, eine gewisse naturgegebene luftigkeit/lustigkeit, ihr liege einiges an wendeltreppen, sie schlucke so gern beim aufstieg, sie stelle sich so gern das ohrensausen/sausen der luft während eines jähen absturzes zum beispiel von möwen vor. dann sei sie unten gestanden, habe hinaufgestarrt, habe sich dem rausch der wendeltreppe hingegeben, ihrer selbstmörderischen passion, habe schließlich den ersten fuß auf die wendeltreppe gesetzt, sagt der student, und er hinterdrein

(mittwoch, 4. bis sonntag, 8.3.1970)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 27)

Mittwoch, 25. Mai 2011

0066 (3,4) - JUBLILÄUMSWARTE

3

eine schöne gegend, schöne stimmung, habe sie gemurmelt, sagt der student, habe sie mit blick etwa auf die straßenbeleuchtung, durch deren schein der schnee so dicht gerieselt sei, daß es aussah, als sei der schein der schnee, vibrierendes zuckendes rieselndes materialisiertes licht, als fiele dieses materiallicht trichterförmig auf sie, das sei gestern abend gewesen, habe sie gemurmelt, sagt der student, während des aufstiegs, sagt er. die straße macht hier ständig kurven, unvorhergesehenes ist vorgesehen

4

vorbei, an otto königs tierstation vorbei, sagt der student, oder sollte ich da etwas verwechseln, man habe von seinen murmeltieren gesprochen, das sei aber irgendwie bedeutungslos, er habe den ton der stimmung nicht getroffen, das erwachen der murmeltiere, schaun sie, wie kalt das noch ist, und das hier, es hochhaltend, ist schon wärmer, und dieses da am wärmsten, gleich beißt es. murmeltiere trieben ihre liebesspiele den ganzen tag lang, das habe er aber nicht getroffen, sagt der student, im gegensatz etwa zum auer- oder birkhahn, deren balz. an die paradiesvögel habe er sich leider nicht mehr erinnern können, neben dem zerbrechen, zertrampeln von schallplatten habe seine begleiterin das betrachten jedweder abbildung von paradiesvögeln in die angenehmste stimmung versetzt, als mädchen habe sie, sagt der student, in einem paradiesvogelzimmer gelebt, mit einem ständigen flügelflattern auf dem paradiesvogelbaum, wobei sie viel weniger die abbildung angezogen haben dürfte, als der name, die evokationen des namens

(mittwoch, 4. bis sonntag, 8.3.1970)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 26)

Dienstag, 24. Mai 2011

0066 (1,2) - JUBLILÄUMSWARTE

1

das unwahrscheinliche sei größer als das wahrscheinliche, habe seine begleiterin damals gesagt, sagt der student, es werde kein zusammenkommen möglich sein, auf keiner ebene. auch dieser schnee, der alles herabdrückt, dieser patzige klebrige bedrückende schnee habe einiges verhindert. verhindert, daß der verkehr wie vor stunden fließe, daß man vom amtlichen hubschrauber aus jetzt nicht den erforderlichen verkehrsfluß, sondern eine endlose stauung ja stockung wahrnehmen könne. das gehe schon seit acht uhr morgens so, habe die zugestiegene bemerkt, jetzt um zwölf uhr mittags oder gar schon zwei uhr nachmittags, bei diesen wartezeiten spiele zeit ja erfahrungsgemäß keine oder nur eine nebensächliche rolle. so unwahrscheinlich wie eine pünktliche ankunft, so lächerlich wie diese jetzt sei ihr damals das erreichen der warte erschienen, sagt der student, sie habe, sagt er, erwiesenermaßen auf die warte gewollt, um (erwiesenermaßen) das land, die umgebung der stadt, so weit das auge reicht, weiß zu sehen, ein weißes land also, ihr weißkaltes traumland

2

mit schwierigkeiten rechnen, immer links gehen (das entgegenkommende bemerken), immer rechts fahren (den vordermann stoßen, sich am vordermann stoßen, sich ziehen lassen, oder gar überholen). trotz der gerüchte, sagt der student, daß manchmal geradezu tödliche materialfehler, daß sich etwa das profil loslösen könne, das zu denken, das profil, da genügten schon 70 kmh. mit schwierigkeiten rechnend, während des von-einem-bein-aufs-andere-steigens, während der zehengymnastik, an irgendeinem markantem punkt, wo man sich ohne riesenstrauß oder kleiderentledigung erkennen kann, daß seine begleiterin auch diesmal wie immer beharrlich jedwede auskunft über absichten, zielsetzung, motive verweigern werde, ob sie auch diesmal von ihrer geradezu tödlichen besessenheit, die aus ihr als ganzes spreche, nicht ablassen werde können, nicht abzuhalten sei, sagt der student

(mittwoch, 4. bis sonntag, 8.3.1970)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 25)

Montag, 23. Mai 2011

O-11 ELF

Uraugenblick mit einer Zahl wie 11.
Oder 111. Oder 11.111, was nur
Tage sein können, 30 Jahre und dazu
ein halbes: schon lang vorbei. Dachte: Hälfte
des Lebens, damals. Wessen eigentlich?
Dessen, der denkt, oder dessen, der lebt?
Welches Leben? Das eines anderen,
vieler anderer? Oder ein eigenes,
zum eigenen erklärtes? Und dann dieser
9.9.1999, der nichts damit zu tun hat, nur
als Zahl zur Rückerinnerung zwingt,
ob es ein Drama wird irgendwann mittendrin,
Vorausschau auf eine sonnenfinsternis-
nahe Empfängnis. Ob da irgendwo ein Same
herausschoß, ein Haus wegschwemmte,
im Wiederaufbauschutt versacken ließ

(Dienstag, 12.06.2001, 23.10 Uhr)

(Erschienen in: Obachter, Edition Korrespondenzen, 2007)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 24)

Sonntag, 22. Mai 2011

L-10 TOPF

der Topfwaschel im Hinterkopf,
er reibt und reibt
(und der Finger, er blutet und blutet),
ohne die schwarze Kruste
wirklich wegzukriegen.
Rieb in Abständen,
mit Schwämmen, Wascheln und Bürsten.
Der Topf, mit seinem Innentopf,
war immer am Herd gestanden,
unten Wasser, drüber Erdäpfel.
Irgendwann Gestank, Rauch
aus dem Erdgeschoß. Dort dann
geräucherte Erdäpfel, säuerlich.
Die landen im Klo,
im Mistkübel der Topf

(Mittwoch, 27.06.2001, 10.10 Uhr)

(Erschienen in: Obachter, Edition Korrespondenzen, 2007)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 23)

Samstag, 21. Mai 2011

0065 DETONATION UND IDYLLE

1

materie: antimaterie: konglomerat: unmischbar: urmasse: urknall: urkomisch: auseinander: urgeschwindigkeit: uhrenlos: daß keine zeit war; daß keine zeit zur vernichtung war; es hätte ein gleichgewicht geherrscht. detonation und idylle. es ist ein kleiner grüner zettel, tageskarte nummer soundso, diese karte berechtigt usw. zur benützung der lesesäle usw. mit schiefem blauviolettem stempel ÖNB 5. FEB. 1970. idylle mit detonation, der student muß seinen rosa führerschein herzeigen, der mann am schalter telefoniert, in dem kissen sitzt ein mädchen, wo gesehen, durch die scheiben eines großen autohauses, vermutlich, erstaunt gesehen, unwillen, vermutlich, bei der begleiterin hervorrufemd, mit der klotür im aug, dem männchen an der klotür, den gespreizten beinen darauf, gesehen im linken augenwinkel, der mann telefoniert, daß der schaumgummi oder was sonst schon so vielen gesäßen nachgeben mußte, daß nichts zurückblieb, keine der mehr oder weniger häßlichen formen, daß es keine gesäßphysiognomie gebe, daß yoko onos film das einzige auf diesem gebiet sei, beim derzeitigen informationsstand, daß es einfach ist, hier mehrmals vorbeizugehen, nicht einfach aber, sich gegenüber hinzusetzen, hineinzugehn in dieses rondeau aus schaumgummioderwassonstbänken, und das körpergewicht einfach sprechen lassen, das alles, während der student die eine hand unter den händetrockner hält, diesmal ohne seife gewaschen, diesmal keine tasche recht hoch oben, auf der fensterbank keine halboffene tasche, diesmal: idylle

2

am telefon gesagt: einen brief geschrieben: einen brief geschrieben. den brief zur post gebracht, mit der absicht, den brief zur post zu bringen, aufgewacht, diese absicht vergessen, was alles vergessen, die lage dieses postamts, aller postämter. an wen der brief adressiert, welcher inhalt in welcher form. am telefon beschwingt gewesen, hörreize wahrgenommen, ansätze von konketterie, von verzweiflung keine spur, warum auch verzweifelt, sagte der student, alleinsein tut gut, anrufe briefe eine ungewohnte stille, zeitungen planungen ängste, eine ungewohnte stille, uhrenlos. den führerschein mit dem zettel in der linken inneren brusttasche, am rondeau vorbei, da erscheint plötzlich der makellose teint, während der student blättert, der braune punkt, blättert, auf der rechten wange, blättert, die makellosen, blättert, löckchen, lippen, ein ganzer stoß zeitungen, blättert, es ist eine beinahe verzweifelte suche, einen beinahe aussichtslose, blättert, dann das inhaltsverzeichnis am schlußblatt, blättert, immer unter dem stichwort drama, im gehorsamen bewußtsein nur dieses eine wort, blättert, das aber dann tatsächlich nirgendwo aufscheint, blättert, auch unter den scheuen seitenblicken auf die bereits gehenden, auf den fast völlig leeren saal: plötzlich hatte eine weibliche stimme schluß! geflüstert und eine männliche gleich darauf brüllend schluß! respondiert, detonation, langsamst

3

der kalte regen war auf das fenster geprasselt, prasselt noch immer, der scheibenwischer schafft es nicht, die gefährlichkeit solchen fahrens auch bei niedrigem tempo. wie oft schon erwähnt, geflissentlich eingeflochten, man sei erstaunt über die unvorhergesehenen bewußtseinsschwünde, man habe zum beispiel sehr wohl das herankommen eines fahrzeugs wahrnehmen können, nicht aber das vorbeifahren, und man habe dann vielleicht noch im rück-spiegel etwas entschwindend winziges erblickt, und dann plötzlich die frage: wo war ich während des vorbeifahrens, ist wirklich etwas vorbeigefahren, ich träume, ich habe tatsächlich geträumt. der rechte scheibenwischer müßte mit dem linken vertauscht werden, der rechte wischt besser, als fahrer braucht man links die bessere sicht. der film, den ich drehen werde, sagt der student, wird die ganze strecke umfassen, und zwar je eine hinfahrt im winter, eine rückfahrt im frühjahr usw. der film, den ich drehe, sagt der student, die kamera läuft, jeder frostaufbruch wird indirekt sichtbar sein, die zuständigen behörden werden sich nicht mehr verleugnen lassen können von untergeordneten beamten. plötzlich wird strom in die städtischen uhren fahren, und: detonation

4

ÖNB 5. FEB. 1970, materie antimaterie, ein gespräch will nicht zustande kommen. rekon-struierend: konglomerat: unmischbar: urmasse: urknall: urkomisch: auseinander. bei solchen entfernungen könne man sich kein urteil erlauben, nach so langer zeit sei alles inzwischen erfahrene, wahrscheinlich auch die erfahrensweisen, höchst verschieden. verblüfft aber doch über den gleichbleibenden stil, über die deckungsgleichheit vieler eindrücke jetzt und vor jahren. über ihr komplexes erinnerungsempfinden, was der student immer mit weiblichkeit identifizierte, über ihr komplexes leidevermögen, ihr ausharren im ungewohnten, für sie fast unerträglichen, über ihr ständiges denken an fluchtversuche, ihr gleichbleibendes wissen um die sinnlosigkeit, das eigentliche bleibe unverändert, daß man sich nicht einfach um sich herumstellen kann als einen umstand unter anderen umständen

5

die idylle sei ihr schon zuwider. der blick sei zwar anders, und die straße falle jetzt anders, was dort selten sei. straße, gehsteig, jänner, geparkte autos, fensterreihen, jänner, gewölbt verschnörkeltes haustor, wirtshaus, pelzgeschäft, jänner, der himmel nur ein streif. rekonstruierend: da habe der student, mit dem schlaf von zwei nächten aus dem norden kommend, nachdem man durch den zoo mehr gestolpert als gegangen war, durch die befremdliche stadt mehr gestolpert, in die busse straßenbahnen hinein hinaus, und die mühe, die augen offen-zuhalten, voller angst, wieder etwas liegen zu lassen, zum beispiel den fotoapparat, den ihn ein friedlicher mann mit der warnung vor weniger friedlichen, die hier in mengen gebe, überreicht, noch die kreuzungen, das überraschende umwerfende komische einer solchen hypertrophie, die kreuzung zwischen zebra und araberhengst vor sich, seinen fünften fuß, seinen penis vor augen, er habe sich also plötzlich auf einem zeitungspapier, die welt, unter einer baumkrone an einem baumstamm befunden und sei beinahe geschlafen hier am frühen nachmittag, mit dem nachgiebigen sand der wege auf den schuhen, aber mit einer unerklärlichen angst sich wieder aufgerafft, sei weitergestolpert über nachgiebige wege nach rechts und nach links, an einzelpersonen, gruppen, grüppchen vorbei, er sei schließlich allein, allein! einem zaun gegenübergestanden aus feinmaschigem draht, mit einem riesenverbotsschild darauf: ...verboten...20.000...strafe...verboten, und das schild fixierend sei er dagegen angerannt, was dahinter war in den augenwinkeln, eine riesige anlage, etwas sich drehendes, in einem hohen ton pfeifendes, jedenfalls eine beinahe unerträglicher anblick, dem er allein ausgesetzt gewesen sei. rekonstruierend: er habe die befehle an die beine nicht mehr zurückhalten können, und: detonation

6

was verdächtig an einem solchen konglomerat sei. immer unter dem stichwort drama, möglicherweise auch unter theater und drama. daß keine zeit zur vernichtung gewesen war, ein gotteswahnsinn. das inselhafte der stadt, daß man manchmal nicht atmen könne. ein solch offener himmel, ein solch reiner flugzeughimmel, eine solche verletzbarkeit des luftraums, der versorgungs- und atemwege. eine solche hitze in den lesesälen, das heizsystem scheint nur grob regulierbar zu sein, die antwort auf hohe außentemperatur scheint nur hohe innentemperatur sein zu müssen, unwille, überdruß in allen erhitzten köpfen. der student steht vor dem schalter, der mann telefoniert, in den schaumgummiodersonstwasbänken läßt sich gut suhlen. sich hinlegen, mit der erstbesten studentin liebe machen. oder doch auf teint, haartracht, körpergeruch achten, der händetrockner beginnt zu tuckern, aus dem spiegel blickt ein viel dünkleres gesicht. liebe machen, uhrenlose, das trächtige der bücherstapel demonstrieren, wie obszön bibliotheksatmosphäre ist. ich hätte ihm ins gesicht schlagen können, sagt der student, ein solches geschwätz, während mich die nadeln stechen, das neue leibchen, während mir der name beinahe entfällt, einen augenblick lang mühsamst herbeigeschafft werden muß, buchstabenpuzzle, und dann immerhin die entdeckung des indexes auf der rückseite, immerhin beschleunigte möglichkeit der suche, immerhin bewegung, und: detonation

7

was yoko ono tut, wenn sie allein mit yoko ono ist. was winckelmann tut, wenn er allein mit winckelmann ist. was doktor straka tut, wenn er allein mit doktor straka ist. was die pickelige sekretärin tut, wenn sie allein mit der pickeligen sekretärin ist. was der dicke mit dem lederkoffer tut, wenn er allein mit dem dicken mit dem lederkoffer ist. was die 1d tut, wenn sie allein mit der 1d ist. was der schulwart tut, wenn er allein mit dem schulwart ist. was die musikpädagogin tut, wenn sie allein mit der musikpädagogin ist. was diejenige, die den brief geschrieben hat, tut, wenn sie allein mit derjenigen ist, die den brief geschrieben hat. was der student tut, wenn er allein mit dem studenten ist – idylle? plötzlich ungewohnte stille, die balance haltend zwischen überdruß und aktivitätsdrang. die einzelnen zimmer plötzlich gestopft voll mit leere, mit horchen, nachhall, knacken, knistern, finsternis. furcht, die türen zu schließen, die letzte tür verschlossen, sicherheitsmaßnahmen gegen sich selbst, gegen seine eigene vervielfältigung. trotzdem zieht es, wie das blatt, das in der aufsteigenden luft flattert, beweist. zumindest eine luftbewegung, eine weitere botschaft. das unerledigte, die hypertrophen gespräche am boden nachschleifend, keine zeit zur vernichtung, ein unausdenkbarer gedanke. auf diesem stuhl läßt sich gut denken, sagt der student, dieser stuhl ist drehbar, in der höhe verstellbar, auf diesem stuhl, kein schöner, doch praktischer, nicht unbedingt der beste, mit kunststoffüberzug, läßt sich schon einiges vorbereiten, da steht ein tisch davor, da läßt sich schon einiges ausbreiten, von diesem stuhl aus läßt sich das auf diesem tisch ausgebreitete einigermaßen überblicken, an der oberfläche zumindest. der student dreht sich um, und: detonation

8

rekonstruierend: daß der artikel das gespräch hervorgerufen habe, daß das gespräch aber gar nicht stattfand. daß das gespräch über hypothesen hypothetisch stattfand. daß der artikel zu rekonstruieren sei, wo er gedruckt stehe, wo vor dem 5. FEB. 1970. jetzt, wo man weiß, daß keine zeit zur vernichtung war, kann das nicht schwer sein. diese karte berechtigt usw. zur benützung der lesesäle usw. und: detonation

9

einfach hindurchgestolpert, sie schreibt, die zeit in unzählige kleine stücke zerhackt, sie schreibt, immer an das nächste geklammert, mitgezogen voller sinnloser abwehr, sie schreibt, widerwillig, trotzdem willenlos, sie schreibt, abwechselnd stumpf ergeben und schrill nervös. der student dreht sich, sein erinnerung versagt. es ist ein kleiner grüner zettel, und was drauf steht, schlagwörter, die etwas evozieren sollen. das blatt hält sich unheimlich still. und: detonation

(21.2.1970)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 22)

Freitag, 20. Mai 2011

O-10 NICHTSTUER

Nichtstuer - heute, morgen, zwischendurch.
Magenrumor, schlechtes Wetter, nichts drängt.
Niemand ruft an. Greif nicht zum Telefon, denk nicht
an frühere Anrufe, schreib keine Mails, keine Briefe,

schweif hin und her, hin und her. Glaub einfach nicht,
daß nichts passiert. Immer passiert etwas, draußen,
irgendwo, und man könnte ja auch vor die Tür gehn.
Man muß sich nicht entscheiden, jetzt, nur die Scharniere,

die sich von selbst einstellen, zwischen den Stunden
oder Minuten, rühmen. Nichtstuender Nichtstuer –
Zehen, die knirschen, Finger, der Reihe nach aus dem Nichts,
Luftblasen vor halb geschlossenen Augen.

Brennen im Rippenbogen, am Schlüsselbein Figur,
die selbsttätig pulsiert, als Erinnerung, dazu weiterhin:
Luftblasen vor halb geschlossenen Augen! Und irgendwo
die Knochenmehlmaschine da draußen mahlt

(Montag 23.07.2001, 14.40 Uhr)

(Erschienen in: Obachter, Edition Korrespondenzen, 2007)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 21)

Donnerstag, 19. Mai 2011

O-09 HAUS AM MEER MIT BRAUT

Haus am Meer, voller Nippsachen, Möbelresten,
in Wahrheit ein Blick auf Fotos, einen Film,
von mir gedrehte Dreibisfünfminuten, Blick
auf die Hochzeitsreise, das schäumende, dunkel
kostümierte Meer, auf die Flut, die sich von unten den Berg
hinaufdrängt, zu den winzigen Füßen der Braut hin,
die etwas jetzt schwer Erkennbares trägt, vielleicht

ein englisches Minikleid, schließlich, auf den Klippen
thronend, mit dem Ehering winkt - und rechts der Sog
des verlassenen Gemäuers, mit den Spuren der Trauer
der entkommenen Bewohner, so als ob ein Sturm
die Türen und Fenster herausgerissen hätte, alles
umgeworfen, das Dach abgedeckt, und schon
nähern sich Helikopter, alles liegt auf dem Boden,

starr, ausgesetzt dem Geräuschterror, Körper
rollen den Hügel hinunter, die Küche brennt, das Bad
trocknet aus, die Bilder zerrinnen, Haut löst sich ab,
Knochen klirren, Blut versickert, das Herz pumpt
weiter, weiter, weiter - und die Braut wächst riesengroß
aus ihrem eigenen Bauch heraus, gebiert eine Puppe
nach der andern, die ihr aufs Haar gleicht

(Freitag, 3.1.1997)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 20)

Mittwoch, 18. Mai 2011

O-08 HAARE

Haare, die schon immer da waren,
irgendwo am Körper, auch
auf der Kopfhaut, Kopfhaare –
wehendes Unglück des Jungen,
der keine Frisur zusammenbringt,
auch keinen Kopf, der entrückt.

Es ist immer ein anderer,
mit einem falschen Kopf.
Der richtige wär nicht haarformbedürftig,
sondern kahl, ein Vorbeigehender,
dessen Schädel aus jedem Blickwinkel
leuchtet, distanzierend, fast heilig,
bereit für jeden Nachtraum.

Haare – Fäden, Gleitmittel,
in den persönlichen Himmel,
alterslose, sich unbefragt erneuernde
Begleiter. Kein Blut in ihnen,
keine wahrnehmbaren Wurzeln -
parallele, genau berechnete Auswüchse
aus dem weiterhin unsichtbaren Hirn

(Mittwoch, 27.06.2001, 9.30)

(Erschienen in: Obachter, Edition Korrespondenzen, 2007)

(Blick ins Nebenzimmer: Essere etrusco 19)

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