Samstag, 28. Januar 2012

E-10 TRAUM VOLLER TRAUER

abgewandt, mit angezogenen Knien
im Bett - ihr Kopf inmitten der Haare,
weit nach vorn gestreckt, sie als Ganze
ein geknicktes S. Möchte allein sein beim Weinen,

niemandem ihre Tränen zeigen,
nur Trauer fühlen, darüber nicht reden.
Das Letzte wäre eine zärtliche Anwandlung.
Der eine und der andere versteht sie nicht,

verstärkt nur die Scham. Verschließt sich im Bad.
Als Abgewandte wieder da, und ist –
nach diesen vielen entgangenen Augenblicken –
eine sich fremde, vorwurfsvoll brennende Gestalt.

Das im Traum. Danach eingeklemmt
zwischen zwei Frauen, und keine weint.
Mich als Entscheidungswilligen verstört hingegen
das überm Kopf hängende Gleichgewicht

(Sonntag, 11. September 2005, 3.40 Uhr, Venedig)

Mittwoch, 25. Januar 2012

O-22 WIEDERKEHR

auf diesen Tisch mußt du noch einmal dein Bein legen,
aus Lust an einem Zufall, der dich den Schuh abstreifen läßt:

ihn vergrößernd, würd ich ihn küssen wie ein fleischliches Stück,
während du dir Todesarten ausmalst,

die dich nicht quälen, zähe Selbstverletzungen genauso
wie die reziproke Zurichtung durch deine Tochter.

Bei ihr bist du allgegenwärtig,
bei mir nur in den wenigsten Momenten.

Jetzt behauptest du dich als Spezialistin des Abbruchs,
die den Schmerz immer vorhersieht, sich schon vorher versagt.

Das alles ereignet sich auf der Folie eines Mannes,
der ständig anruft, um deinen Aufenthalt zu erkunden:

du gibst dem nach, selbst auf dem Klosett.
Dort rinnt etwas aus dir, goldgelbe Flüssigkeit,

die niemand auffangen wird außer mir:
was in deinem Mund verschwand, unter dem gerafften Mantel

lautlos sich verwandelt hat, vom Blut aufgesaugt,
oder in der Blase zwischen den Beinen,

in der schon anderes lauerte, dich nur ein wenig quälte,
zwischen den Sätzen: Kostprobe deines Lebens.

Bald wird der Spiegel steigen,
darin auch die Lust, die Distanz hält,

bis du mich als Gast betrachtest in einer Zelle,
wo hintereinander mehrere Begleiter auftreten,

nach dem Gewohnheits- oder Zufallsprinzip
dich in deiner Muttersprache reden lassen:

sonor, Luxus andeutend, Lebensverfestigung.
Die Spritzer schmecken nach dir, deinem Gift,

auf meiner schwierigen Zunge,
bis in mein Dickkopf-Hirn

(Donnerstag, 20.07.2000, 6.40, Pilastro)

(Erschienen in: Obachter, Edition Korrespondenzen, 2007.)

Montag, 23. Januar 2012

O-21 NULLVERSTAND

ich schämte mich, wessen, deiner, der Gefühle,
sofort versiegt, am Anrufbeantworter:
Nullverstand, völlig klar, schlugst jede Warnung
in den Wind. Blicklos sahst du herum,

begriffst überhaupt nichts. Ist dir alles egal,
geisterst du nur am Strick deines Mannes,
der Eltern, eines Gotts, der im Ausland dahinstirbt?
Ich mißachtete dich für deine schlampige Art,

mit Angst umzugehn, innerem Aufruhr,
mit Gelegenheiten zum Ausbruch, besserem
Spracherwerb. Stand plötzlich vor dir,
schon Tage hinter dir her, vergeblich,

die wenigen Schritte reichten nicht. Abrupt weg,
und dich dann einfach vor mich hingestellt.
Welche Fragen verbargst du hinter den Armen,
wie zufällig über deinen Brüsten verschränkt,

in der flüchtigen Abwärtsbewegung entlang
der Mantellinie, dem gestoppten Anfassen:
deine Hand schlapp, kalt, meine gedopt von der
monatelangen Erwartung, herausgerissen

aus dem Vergessen? Überließ dich der Herde
Studenten, die dich den Gehsteig hinaufschwemmten.
Du holtest Geld aus dem Bank, von zu Hause,
von allen Seiten, für ein Bad in Ersatzluxus,

anscheinend keine Sünde, wenn Angetraute, Verwandte
all das ersetzten, schnellstens, was zwischen Seufzern zerrann.
Jetzt hätte ich noch gern etwas Deutliches gesagt,
dich zurückholend in meine verbissene Projektion:

ich weiß, ich kann nicht auf Vergebung hoffen, Lust, maximale,
je nach Ansturm der Möglichkeiten. Ich geb mir sicher
noch eine Chance, Ausgleich für mein Versagen: bist ja
zugleich auch verständig, und klug, so anders schön

(Montag, 25.09.2000, 17.20)

(Erschienen in: Obachter, Edition Korrespondenzen, 2007.)

Donnerstag, 19. Januar 2012

O-20 JT

müßte ja mit unrechten Dingen zugehn,
wenn dein Blick wiederkehrte, dein Schnipsen
über den gierig schnappenden Karpfen-
mündern unter der Brücke, inmitten von

Möwen, Krähen und darunter kein
gewöhnlicher Teich, sondern Rußland,
Astrachan, das Kaspische Meer,
so blau wie ausgedruckt. Konsomolzin,

Caritas-Helferin, die du warst auf Geheiß des Bruders:
verschwindest hinter Glasscheiben
hast schon Sätze, die neuesten,
für deine Eltern, die täglich zurückschreiben:

du antwortest prompt, gewissenhaft, tanzt
den Reigen deiner Unsicherheitsskrupel
bravourös, lädst dich schon auf,
während wir noch durch den Donaupark streifen,

geblendet vom falschen Frühling, der künftigen
Moral der Geschichte, die uns schon jetzt
bedrängt als Stufenleiter falscher Entscheidungen.
Sinkst mit dem Kopf auf dein Buch, öffnest

die Augen mit trübem Blick, ohne den Traum
zu verraten vom Mann, der schnell die Tafel löscht,
sich aber umdreht ohne seinen Text,
dich brenntraurig anstarrt:

schlägst Kapital daraus, auch aus meiner
hoffnungsvollen Anwesenheit, die vielleicht
eine ganz andere meint, keine Spielerin,
keine Rubel-Flüchtige, die ihr Kind zurückläßt,

auch keine, die von überall aufgelesenen
Ermunterungen lebt zu Schritten nach vorn:
Du weichst nicht zurück, widerstehst
dem zärtlichen Blick deines Bewachers,

jedweder konjunktivischer Tätigkeit
hinter meinem Horizont: bleibst in Trance
die mich einlullt, als wär ich der Gelähmte,
den du in seine Badewanne hochhievst allmorgendlich

(Montag, 7.02.2000, 0.30 Uhr)

(Erschienen in: Obachter, Edition Korrespondenzen, 2007.)

Dienstag, 17. Januar 2012

O-19 BUKOWSKI

bei Bukowski denk ich an F. oder H.,
Säufer in meinem Alter, trocken,
doch unberechenbar auf immer. Schickt
der eine ein E-Mail EILT EILT EILT,

Treffpunkt Berlin, günstige Gelegenheit,
will der andere nicht nur Urkrebschen erforschen,
seine Frau bedrohn, kochen wie ein Gott,
andere Alkoholiker betreuen, wieder Auto fahren,

sondern auch Macht demonstrieren, Wissen,
Selbst-Beherrschung: riecht nicht nur, trinkt
auch Schlückchen, unter dem Titel:
Vorkosten für den Gast. Jetzt gleich weg

aus dieser Szene: da saß die Familie rund
um den Tisch, Landleben, Langeweile; die einen
wollten abfliegen, morgen früh, verurteilten
die andern zum Bleiben, Verrosten, Rösten

am Schoß ihrer Erde, am Schwanz ihres Hundes,
der Kleinkinderhände blutig beißt,
am triefnassen Beißkorb. Beide nun hier
in Berlin nur Papierfiguren, doch wiederauf-

erstehungsfähig im Gegensatz zu Bukowski,
den ich heranzog, weil sich sonst niemand
anbot, beinahe geschenkt, sogar mit dem Tod
im Titel, Lyrik verweigernd:

verband mich mit einem der Doppelgänger
vor zwanzig Jahren - als wir hinausgingen,
das Wasser abschlugen, und keiner kam jemals
wieder zurück in dieses Hotelzimmer voller Staub

(Donnerstag, 20.4.2000, Berlin)

(Erschienen in: Obachter, Edition Korrespondenzen, 2007)

Sonntag, 15. Januar 2012

O-18 SILVESTERPFAD

unter Essenden nichts gegessen;
nichts getrunken unter allen,
die tranken: Ausschenkenden,
Tanzenden mit ihren riesigen
Silbermaschen, Zweitausenderhüten,
rotblinkenden Plastikfühlern.
Sie kamen von allen Seiten.
Ließ sie vorbei,
beäugte sie von den Ecken her,
aus Nebenstraßen,
über Denkmalbrüstungen,
Müllcontainer hinweg.

Nur einer ließ mich stillstehn:
der Feuerjongleur.
Zauberte Feuer um seinen Körper,
erforschte es dabei,
ließ es lang leben:
auf dem Kopf,
in den Achselhöhlen,
zwischen den Beinen.

Dann wandte ich mich ab,
sah nur eine einzige Verlockung
hinter Fensterscheiben:
auf einem Plakat Frauen mit Flügeln,
in Unterwäsche,
übermannt von wintergrünen Schatten.

Und am Ende der Straße,
unter Neonschriften,
ihre unwillkürliche Vermehrung -
Schaufensterpuppen,
in Reih und Glied auf dem Rücken,
die Beine nach oben gespreizt,
in den Knien abgewinkelt,
als würden sie tanzen:
erhoben sich nicht,
demolierten keine Scheiben,
stimmten keinen Chor an,
versammelten sich nicht zum Reigen:
ließen mich laufen,
ins nächste Jahr

(Sonntag, 2.1.2000, 6.35 Uhr)

(Erschienen in: Obachter, Edition Korrespondenzen, 2007)

Freitag, 13. Januar 2012

O-17 NACHTGESTALTEN

wie es nicht mehr auftaucht. Wie es mich
anstrengt, daran zu denken, daß es vorbei ist.
Wie ich lächle, weil ich glaubte, es wär ganz leicht
wiederzubeleben, wenn ich nur daran dächte.

Wie sich dann doch einige Gesichter herausschälen,
von denen ich nicht weiß, welche Rolle
sie in dieser Nacht spielten. Ich weiß: Mein Kopf
schmerzt. Nachtgestalten verstrahlten

Schmerz in meinen Schlaf. Vielleicht nur Autos,
die mich durchkreuzten. Darunter eines,
das auf ein anderes auffuhr. Sah harmlos aus:
kurzes Krachen, ein wenig zerdelltes Blech.

Und Männer, die einander nicht kannten.
Genau dieser Punkt, genau diese schmerzhafte Stelle.
Ohne Schmerz fährt nichts. Nachts, auf dem Weg
zum Flughafen, bei Regen, zu schnell, was heißt:

jäher Stopp, Abbruch. Zwei gestikulierten,
ein Schwarzer, ein Weißer. Und irgendwann
genau der mit einem schwarzen Kind
an der Kittelfalte, in einer Halle.

Später, nicht in dieser Nacht, nicht mehr da,
in der Stadt, sondern irgendwo an der Nordsee,
vier, fünf völlig Verschlafene,
vielleicht nur Abspaltungen des Ich,

frühere Gesichter, auf einer dämmrigen Fläche.
Etwas heller, dahinter, das Meer, ganz flach,
dunkel. Morgengrauen, Aufwachen.
Irgendwann Züngeln, Knattern, Qualm, ein Feuer.

Wie es brennt, wie Benzin ums Auto leckt,
ein Streichholz fliegt, wie Blechteile fliegen.
Wie man lacht, einander in die Wangen kneifend,
auf die Schultern klopfend vor dem Brennen.

Dunkler Rauch vor dem mondhellen Prospekt.
Auto am Meer abgefackelt, Täter, die lachen,
nun allein und klein dastehn, mir innigst
ans Herz gehn, mich drangsalieren.

Wie sie nicht mehr auftauchen. Wie es mich
anstrengt, daran zu denken, es könnte vorbei sein.
Wie ich lächle, weil ich glaubte, das alles
wäre ganz leicht wiederzubeleben, wenn ich

nur daran dächte. Wie ich über die Folgen nachsinne:
zu Fuß durch die kotige schrundige Gegend. Oder
einfach auf irgendwelche Schiffe hoffen,
am Küstenstrich, die Stadt verfluchend, keine Rückkehr

im Kopf. Sich vollaufen lassen, aneinander-
gekuschelt warten: bis die Sonne aufgeht,
wieder untergeht. Diese Lebenslakonie, die nicht fragt.
Warum ich nur diese Szene aufgeklaubt hab.

Wohin ich sie mitnehm. Und wie ich sie je
wieder loswerde. Genau über der linken
Augenbraue der Schmerz. Kein einziger Schnitt hier,
kein Piercing, nur einzelne Büschel, Resthaare

(Donnerstag, 6.1.2000, 8.30 Uhr)

(Erschienen in: Obachter, Edition Korrespondenzen, 2007)

Mittwoch, 11. Januar 2012

O-16 FINDIGES PORTRÄT

1

vor dem eingeschalteten Fernseher leugnet er
fernzusehen. Sagt immer wieder: Entzückend,
an den unpassendsten Stellen: Entzückend: Arbeit,
Zeit, Reise – alles: Entzückend. Schwärmt
in den höchsten Tönen von einem angeblich
altösterreichischen Beamten, schon in Pension,
den er bei einem Eßkurs aufgegabelt hat

2

er plädiert für einen Zugang zum Meer:
denn ohne solchen sitzt ein Land am Trockenen,
vernachlässigt die Ressourcen, schmählichst.
Fuhr bisher jedes Wochenende auf sein ungarisches
Weingut, fährt auch jetzt, zum dritten Mal,
zur Weinlese. Macht einen Weinkurs. Liest
immer im Restaurantführer nach, ißt sich der Reihe
nach durch die allerbesten Lokale, hier und dort

3

die Stempeldrucker, in den Ex-Ostblockländern,
alle ehemalige Judokas – von denen schwärmt er.
Der beste Freund: ein Stempeldrucker,
auch sein Brautführer bei der Hochzeit
in Las Vegas. Da trug er einen Steireranzug, sie
ein mitgebrachtes Schwarzes. Er unterscheidet
streng zwischen der permission und dem gemeinsamen
Herabsteigen auf der Treppe im billigen Superhotel.
Alle klatschten, schenkten ihnen Karten und Stofftiere.
Also er, der Mann mit den vielen Pussybären,
die am rosaroten Wasserbett saßen, keinen Laut
von sich gebend. Und eine Unzahl Amerikaner,
mit ihrem praktischen, heiteren Gemüt - entzückend

4

jetzt in der Firma des Vaters nistet er im Büro,
unter dem geretteten Baum, der sich ungeniert
ausbreitet, seine Blätter auch durch die Lehnen
der geerbten Stühle streckt, den Biedermeiertisch
überschattend. Darauf eine namenlose Kugelpflanze,
deren Schönheit zuletzt sehr verblaßt ist.
Draußen Messinghandläufe, kreuz und quer,
marmorierte Treppen, Decken aus spiegelnden
Glasquadraten, Kirschholztüren – soll er sie
wirklich täglich alle öffnen, und wenn ja: für wen?

5

gern residiert er in der Kleinwohnung im Palais
mitten in der Innenstadt: wo alles nächstliegend
gemütlich ist, so mühelos zwischen Barock und
Zeitgenossenschaft hin- und herschwebend, zwischen
dem Hier- und Dort-Leben, und dort heißt auch Neuguinea,
zum Beispiel, begleitet von einem Hobbyethnologen,
der ihm Verhaltensregeln zuflüstert: Kein Geld, nur Ware!
So tauscht er Steinwerkzeuge gegen T-Shirts,
und hält sich im Hintergrund, wenn die Italiener
mit ihren Brieftaschen schamlos protzen

6

trotzdem: seine größte Liebe gilt Rom, der Kirche, dem Vatikan.
Sollen doch die Toten anrennen dagegen, die Verbrannten,
die Gehängten, Eingegrabenen, Verhungerten,
die In-die-Luft-Gesprengten! Nicht die Körper
überleben, die Kraft der Kultur, die sich als Rhizom
ausbreitet unter der Erde und nach oben durchsticht,
als Ganzes völlig unsichtbar, sich vollsaugt mit Luft,
Lust, Leben, ihn jederzeit durchdringt vom Fuß bis zum Kopf

(Sonntag, 10.09.2000, 11.00)

(Erschienen in: Obachter, Edition Korrespondenzen, 2007)

Samstag, 7. Januar 2012

0086 - FREAKS

1

immer
wenn du vom tisch
aufstehst oder abends
vom fernseher weggehst
oder einfach die tür
zu deinem zimmer zuschnappen läßt schmerzt
es mich sehr

2

aus dem stillen abend
in den stillen morgen
irgendwas nehmen
und sichs in den mund stopfen
eine unglaubliche vielfalt
von erniedrigungen

3

der schmerz
kommt hinter der verschlossenen tür
hervor der schmerz
ist der staub am teppich am boden die abgekratzten wände der schmerz
ist die unordnung die hier herrscht
die verwechslung von tages und jahreszeiten notgedrungen
die notgedrungene unmenschlichkeit
eine unbändige art
von zärtlichkeit die nie
herauskann

4

du sagst
horror siehst
horror
und horror springt
zwischen deinen beinen hervor
und im spiegel ist nichts
zu sehn nur ein gewaschenes
rasiertes gesicht
das sich nicht
erkennt


5

freaks
das heißt mißgeburten menschen wie du
und ich ohne beine ohne hände
oder beides mannweiber
weibmänner siamesische
zwillinge stotterer spindel- und vogelmenschen kleinhirnige

(12.1.1971)

Donnerstag, 5. Januar 2012

0085 - DAS POETISCHE MATERIAL

eine polaroidkamera
an die schläfe gesetzt: Peter Lorre
prackt mir sein M auf den rücken: ich
reiße den mund auf zu hoher stimme: ich
anerkenne diese versammlung nicht: es sind
zwar vielleicht könner aber keine
psychopathen die nicht anders können nicht
aus ihrer haut rauskönnen: es
packt sie nicht wies mich packt wenns
mich packt: ich liebe weder mein leben noch
die leben anderer: zum beispiel der kleinen
mädchen denen ich süßigkeiten
in den mund stopfe unentwegt: meine
süßen wörter in die ohren meine süßesten
süßigkeiten: ich schreie ich will
raus aus meiner billigen blutigen
maske aber da fällt alles zusammen: plötzlich
ist der dunstige saal eine börse wo sichs
primär um geld handelt: und nichts ist mir
anzukennen unter meiner spießbürgerhaut: ich
spür nur ein kleines prickeln münzen
die klimpern man muß sie einwickeln in papier
oder stoff oder in bonbonpapier und
in die tasche damit: zum warmen langen messer
mit dem ich die rotstifte spitze: für die
briefe an presse und polizei:
für die briefe an meine lieben lieben
toten kleinen lieben toten: irgendwo unter der erde im himmel:
das poetische material ist ein material zur arbeit egal
ob an sich selbst oder am material

(4.1.1971)

Dienstag, 3. Januar 2012

0084 - ASPHALTSPALT

asphaltspalt: die ganze anarchie
tut sich auf das gekröse die wunden
verwunderte ornamentik selbstvergessene
banalität das überraschende matriarchat
die idealen zitate und taten
einer generation von nackten: kot kot kot
als einziges überlebenselexier

asphaltspalt: auf den bäumen
hängen die kleider und unter
diesem kunststofflaub bohren
sich buben ins trockene moos
wälzen sich mädchen im feuchten
gras in einer landschaft
aus ziviliation abfall kot

asphaltspalt: milch und honig
steigt in die knochen
aus den mündern kommt schaum
der reinigt und erlöst
und erstickt die erinnerung
an eine unfaßbare vergangenheit

(4.1.1971)

Montag, 2. Januar 2012

0083 - ZU GEIST

so fett und schwere/gewichtslos aber mit hintersinn
und im vordergrund nagelflügeldecken dunkelrot
wandelndes vorurteil ungeeicht gereicht
kein komparativ ein superlativ eine hydra:

schwarzer schnee schwarzes licht
der kontrast des unbeschreibbaren
hin und herpendelnd nebeneinandergesetzt
aneinandergereiht gesichtslos gesichter:

sprühende goldfischschauder feuchte schwämmchen
freundschaftliche körperteile
die im auftauchen umkippen
stromkreise die aneinander vorbeifließen:

gespeicherte puppenhaftigkeit
entlarvung von selbst durch erweiterung zu geist
ehrgeiz zu geist ehrgeiz zu geist:
ich schreib mir hier einfach tachismen

ins neue jahr bleigießereien serpentinenrecht
einen blinden hund mit ernstem haar
einen sehenden hund mit bartgeruch
mit steifer haut um wachsweiches gebein

(3.1.1971)

Samstag, 31. Dezember 2011

0082 NEUJAHRSGEDICHT

dieser kühle verschlossene
gegenstand bin ich:
was ich lesen werde
stimuliert mich schon jetzt:
antike mittelalter moderne
gehen ineinander auf: angst
als antrieb des schreibenden

außer mir werden alle
ermordet: ein hermaphrodit
erscheint im traum und hoffentlich
auch in wahr und wirklichkeit:
er strippt sich von buch zu buch

die neue natürlichkeit
ist ein topos wie vertane
stunde: gute reisen
sind grausam: beharrliche
untreue als prinzip
von rhythmus und komposition

(5.1.1971)

Donnerstag, 29. Dezember 2011

D-17 FAMILIENMUSEUM

kein Hausschuh paßt. Es zieht vom Aufgang her.
Hinter jeder Tür Beete brennender Kerzen, Signale
der Offenheit für alles, was da kommen wird oder muß.

Frage, die du nicht aussprichst: Wo ist der Sarg, Sarkophag,
die Gruft für die ganze Familie? Hinaufgeschleift
über sechzehn steinernen Stufen, die Sohlen

jäh verkürzt auf das Maß eines Pubertierenden:
hin vor das einstige Ehebett, noch immer in Weiß, weißer Moder
aus den Ritzen, auch aus dem blitzblanken Kastenverbau.

Kein Gedanke mehr an den Brandherd Keller
dessen unverputzte Wände, die dort unten eingesperrten Öltanks,
an die Zeit, als du dieses Haus von allen Seiten her unterwühlt hast.

Du wärst vielleicht noch immer gern dieses Kind,
piepsend und grunzend, auf dem weißen Fell, im Bann
der Elternanbetung. Aber jetzt sitzt du da,

der einstige Zappler, ganz ruhig, kannst messenden Blicks
von dir sprechen, deinem fernen, noch unerreichten
Wunschland, kannst Sternbilder projizieren,

einen riesengroßen Flackermond, ihm Protuberanzen
andichten als ersehnte Heimstätte;
und das Ewige Feuer nur streifen, nebenbei,

aus dem sich das Chaos kreißt, Früh- und Spätzeit.
Es muß schnell anders werden. Irgend etwas soll auf jeden Fall
passieren, auch schleichend, auf Umwegen:

Bankenzusammenbruch, Fehler in Chips,
die Kettenreaktionen auslösen, Reaktorunsicherheit imitieren.
Und sicher kein nächstes Jahr im Familieschoß.

Es gibt Ziele, unaussprechliche, und schnell heruntergerasselte.
Es gibt Geborgenheit, die nie analysiert werden darf.
Keine Teile, nur immer das Ganze,

die Wesenheit, Ahnung hinter dem Minimalwissen,
das auch dieses unterhöhlt und auffrißt.
Es gibt und bleibt das Haus, und das Dach

das nicht so bald abheben wird, eine Frau darunter,
die sich an Junges andockt, ihre Arznei gegen Einsamkeit.
Es gibt und bleibt das Museum,

das viel Unausgesprochenes ausspricht, von Dauer glänzt.
Es kann sich hier selbst nicht mehr fortpflanzen,
erstickt irgendwann, in den Möbeln, unterm Teppich

(Dienstag, 28.12.1999, 6.12)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

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