Dienstag, 27. Dezember 2011

D-16 WÄRE ICH DRAUSSEN

wäre ich draußen, wäre es
sternklar, sähe ich den größten Mond
seit langem. Sähe ich womöglich
die Terrasse eines Palastes, nicht

den wüsten Vordergarten, die Weihnachts-
maskerade der Häuserzeilen,
zwergenhafte Bauwerke, nutzlos
aufeinandergestapelt. Wäre ich

draußen, würde ich das Kind sein,
das am Kuheuter saugt anstelle des
Kälbleins; wäre in mir trotziges Lutschen
und Nuckeln. Wäre ich draußen,

hörte ich nicht die immergleiche Tonleiter:
als übte jemand jede Nacht einen
Dauerton, aus dem sich Heimat
abspaltet und sofort wieder verflüchtigt

(1999)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

Mittwoch, 21. Dezember 2011

EI-09 HONIGSEIM

im Schloß, in einem Zimmer voller Honigseim
an den Wänden: Seim rann runter, raus aus den Fugen
der Intarsien, runter aufs Parkett. Ich lag auf dem Bett,

drehte mich, ließ alles, mich ergebend, honiggelb aufleuchten,
Rankenmuster, die sich tapfer schlugen mit Parkettstäben:
gradlinig schräg gegen wuchernd Verschlungenes;

Ornament gegen die Gier nach Rechteck, Quadrat
und rechte Lebensführung. So einer der Träume
in diesem Zimmer, dem Holzkabinett,

Honigseim noch nicht entdeckt. Vier Bücher,
alle nebeneinander aufgeschlagen auf dem Nachbarbett,
noch unberührt, während aus dem Wetterleuchten

Bienentod aufgetaucht war, wunderbare Bienenerrettung.
Auch das Bett Tracey Emins, trotz kolportierter Brandzerstörung.
Neu eingestickte Namen ihrer 1000 Liebhaber,

schöner als das Original; überall schimmernde Bienenflügel
und –rücken, Lippenblütler. Bienenerfahrung – ihr das
nicht zugesprochen, doch Drogenzerrüttung, Pendeln zwischen Entzug

und Zusammenbruch. Neben dem noch frischen Liegebett
das für sie errichtete Zelt mit der honiggetränkten Matratze.
Honiggesicht, Mund voller Seim; auch Honighand,

die mit ihren Nägeln jedes Papier zerfetzt, Niemandshand.
Ich wachte auf, anagrammatisch gestimmt, mit einem neuen Wort,
ohne auf eine Lösung zu stoßen für Süße, Sünde, Sühne

(29.7.2011)

Montag, 19. Dezember 2011

EU-15 MOMENT AN DER THEMSE (ST. SAVIOUS DOCK)

dünne knirschende Alu-Brücke,
auf der ich dreimal hin- und herging,
um bei Ebbe im Schlamm
der Themse zu wühlen.

Sessel, der besudelt fast versank,
vor der Leiter ins Leere.
Blumige Häuser, nicht das Neueste, fatal
sozial. Daneben die Spekulation:

Butler’s Wharf, Lagerhaus
mit Tower Bridge-Blick,
nur noch ein abgefucktes Gebäude
vom Cherry Gardens Pier aus geknickte

vielfenstrige Dunkelmänner-Wand.
Einsamer junger Mann
auf dem einzigen Hausboot,
inmitten von Grünpflanzen, Hanf: er winkt.

Stieg hinab zu moosigen Steinen,
ins Glitschige, am Wasser grautrocken.
Und von oben überraschend
Pakistanigesichter, einzeln

die Treppe herabkollernd,
mit Frauen- und Kinderlachen verbrämt.
Würdig grüßender Mann dahinter
Marionette des bronzenen Doktors

der die Katze vor ihm fixiert, begehrlich,
dem rätselhaft häßlichen Mädchen
mit der abgegriffen glänzenden Linken
unbemerkt drohend.

Im Gehen und Wenden
der grünglasige Rohbau gegenüber:
Brücke, Himmel, schräg aufgetürmte
versetzte auseinandergedrückte Gebäude.

Auf und ab, auf und ab.
Auch wegen der Fluß-, eigentlich Meeresenergie
über den Strom.
Verletzt, leer, ohne Profit

keine freudige Rückkehr.
Hinter mir der Spalt, fast unsichtbar
inmitten der Brücke,
die sich irgendwann öffnen wird -

bei der Ankunft des nächsten
Hochseeschiffes vom Kanal her,
der kippenden Bugwelle,
der Windhose, die ihr vorauseilt

(Sonntag, 6.8.2000, 23.25 Uhr, London)

(Erschienen in Eurotunnel, Literaturedition Niederösterreich, 2005)

Samstag, 17. Dezember 2011

EU-14 SAMSTAGNACHT (THE CUT)

bei Waterloo suchten wir The Cut,
fragten in Secondhandshops,
eilten weiter vorbei am Old Vic.
Schon um 16 Uhr

abgesperrte Straße mit Leinwänden,
Boxen unter Verschluß,
Securities vom Land, sonst nichts.
Fuhren zurück bis zum Oxford Circus.

Da stiegst du aus,
liefst hinter der 10 her.
Ich blieb sitzen, oben.
Pause für den Fahrer, Licht aus.

Ich mußte zur nächsten Haltestelle,
hatte mir 176 eingeprägt,
sagte 176, 176,
bei jedem Gesicht 1-7-6, 1-7-6.

Fuhr allein zurück,
dachte an dich, dein Zimmer,
mein leeres Zimmer daneben,
mein Fenster davor, die lautlosen Kräne.

Auf der Bühne Sängerinnen, kein Sänger:
rechts mit dem Hut in der Stirn,
aufgeschlagenem Mantel,
die Jackson-Doppelgängerin -

sang nicht, stand nur,
sog meinen Blick in sich hinein,
verschluckte sich nicht.
War gleich die Siegerin,

die mich schwanken ließ,
mir die Luft wegnahm
und alle Phantasien in einer glühenden Kugel
inmitten des Hirns zusammenpreßte.

Dann die Springprozession der Maskierten:
die Jungen auf Stelzen,
die Älteren im Trippelschritt, im Takt,
der sie aus Riesenlautsprechern

zu beiden Seiten vorantrieb:
immer ein Stück Straße,
gleich eine Weile ein Platz,
auf dem sie hin- und herzuckten.

Und immer diese wehe wühlende Melodie,
und dahinter das Gezirpe,
das verdächtig anschwoll
und schnell wieder fast erstarb.

Jonglierer ihre Keulen schleudernd –
Rollstuhlfahrer fingen sie auf
mit den Zähnen.
Tänzelten auf Rädern,

erhoben die Hände,
hinter Sonnenbrillen die Augen.
Mein Atem löste sich ab,
warf sich zu Boden,

schlich sich unter Schuhen weiter,
Hosenbeinen, Röcken,
bis ihn jeder einatmen konnte.
Als fremder kam er zurück:

atmete schwarzen Atem,
braunen, anderen weißen.
Ich regulierte die Musik
von den Balkonen herab,

saugte alles auf.
Ließ die Gospelsängerinnen aufleuchten
und wieder verschwinden.
Ungeniert ging ich hin und her,

ließ mich anstarren.
Niemand verletzte mich.
Niemand nahm mich mit.
Niemand verriet mir seinen Namen

(Sonntag, 15.07.2001, 8.50 Uhr, London)

(Erschienen in Eurotunnel, Literaturedition Niederösterreich, 2005)

Donnerstag, 15. Dezember 2011

EU-13 SCHWARZWEISS (BRIXTON ROAD)

hinter dem Schwarzen im roten Bus
mit dem weißen Mini-Handy am Ohr
die ganze Brixton Road entlang,
und noch weiter, hin bis zum Piccadilly –

neidische Blicke auf schwarz-weiße Paare,
einander heftig umarmende Flanierer,
was hieß: er verdrehte die Augen
nach draußen, lachte, gurrte: ah ah ah

wollte gleich das Vollbild, wo
ist dein Vollbild, hast du eins, schicks mir,
wann, gleich jetzt! Und: Hast du Zeit,
nie hast du Zeit, heut abend, wo bist du,

du mußt kommen, ich warte –
so viel gespielte Verachtung und Hohn
für weiße Londoner Mädchen: ah ah ah
mit versagender Stimme, die Haut

an den Fußsohlen reibend, streifte
über die Nägel, fast unhörbar, nur
sein Atem kam näher, wie er tief Luft holte,
während des Lachens zu röcheln begann,

wie ihn ein Husten aus dem tiefsten Innern
überfiel, nicht mehr zu stoppen war ,
Gekeuche, schon am Boden, krumm,
um ein bißchen Liebe und Sauerstoff

(Sonntag, 6.8.2000, 22.40 Uhr, London)

Dienstag, 13. Dezember 2011

EU-12 SCHWARZE WELT (ELECTRIC AVENUE)

saß nur rum, aß und trank nichts, während
alle anderen, schwarze Mädchen, schwarze
Frauen und Männer, tranken und lachten,

auch etwas kauten und rauchten. Saß festgeklebt
auf diesem Drehstuhl, dem Plastikbelag,
schweißig, offenen Munds wartend - worauf?

Unentwegt Busse. Vor der geschlossenen
U-Bahnstation in reflektierenden Westen Schwarze -
setzten sich auf den Boden, tranken lachend.

Schwarze aus den Bussen hasteten vorbei, trugen
Taschen, Köfferchen, Plastiksäcke, Möbelstücke,
Radios. Standen da, stiegen ein und aus, gingen

in Nebenstraßen, kamen aus Gebäuden,
gingen bei Türen rein, bei andern raus -
herrlich unaufhörliche Menschenvermehrung!

Kinder zwischen den Beinen, unter Tischen,
spielten Fangen, Ball mit Obst. Schwarzer Hut,
Tigerpelzbesatz am Mantelkragen - diese Frau,

hüftschwingend verschwunden, war wieder da,
beugte sich runter zu den Früchten, schwenkte
Körbe, lustwandelte, während sich die andern

mit dem Einkaufen, Irgendwohin-Vorrücken
ungemein abmühten. Sah eine Unmenge Füße,
zwischen den Schenkeln Hemdzipfel, Daumen,

vergrößert, halbe Gesichter, Kassa, Bangladeshis,
mißmutigen Mammis zunickend, lächelnde Irin
in transparenter Bluse, überraschend mit einer Rechnung

auf der Handfläche. Draußen, hinter gespannten
Muskelarmen, blaue, auch rosa Blicke, stachen
unter Threadlocks, Turmhauben hervor. Schließlich –

bitzlige Finger auf kahlen Hühnerleibern,
Fischen, die bluteten. Biß wie die andern auch
in Orangen, schlürfte blindlings Saft.

Schluß damit: hob mich von meinem Ausguck .
lachte über die fleckige Hose, gehunwilligen
Schuhe, die rot-weiß-roten Zehen darin

(Samstag, 5.8.2000, 21.50 Uhr, London)

(Erschienen in Eurotunnel, Literaturedition Niederösterreich, 2005)

Samstag, 10. Dezember 2011

F-14 KAPITÄN GODOT

Im ersten Akt zunächst Cricket,
dann der Motorsport, das Boxen,
dann ein streunender Hund, die Schnauze
witternd am Boden, der den Traum
der Träume entdeckt:
Ich war nie ganz geboren.

Darauf im verdunkelten Zimmer
im Bett neben der Aufräumefrau,
die ihm sprachlos die Socken stopft,
neben dem erlaubten Bier
(eine Flasche pro Tag)
der Scheinkampf gegen die Fuchtel
der allgegenwärtigen Mutter:
sich von Krise zu Krise schweigend
vom eigenen Körpergeruch aufgestachelter Schöpfer;
verzweifelt kreiselnder Punkt
über einer tiefen Leere, zitternde
Kugel über seinen Stehauf-Frauen.

Schließlich: Wiederholung
der Vergangenheit, umgeben von Krüppeln,
Diabetes-Onkeln, immer wieder
auf der Flucht, ein schlechter
Hirt im Frankreich Vichys, ganz dürr
am Rücken einer Schneiderin,
die ihn bis zum Krepieren ernährt.

Am Schluß der Vorstellung
gerät er besoffen in eine Drehtür,
findet nicht raus, das Publikum
lacht sich halbtot: aber er
läßt sich auch jetzt
nicht zum Reden verleiten,
versucht mit spitzen Joyce-Schuhn,
in der Hand eine kindgroße
Hühneraugenpuderdose, flügel-
schlagend immer wieder
die Kulisse zu besteigen.

(1980)

(Erschienen in: Friede den Männern, Residenz Verlag, 1982)

Mittwoch, 7. Dezember 2011

F-11 SOZIALBERICHT

Das Wort Sozialbericht
im Gedicht, das Wort
Gedicht. Das Wort Konjunktur-
aufschwung, das Wort
Arbeitslosigkeit, das Wort Armut.
In der Badewanne am Abend
mit nassem Kopf, auf meinen Knien. Haupt-
und Nebensätze, Haupt-
und Nebenwidersprüche, sozial-
partnerschaftlich bereinigt. Erstens -
neben dem wachsenden Handelsbilanzdefizit
drücken sich die Strukturprobleme
auch in der hohen Insolvenzenzahl aus. Zweitens -
Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt
haben vor allem ältere Arbeitnehmer,
bedingt Vermittlungsgeeignete
und Frauen. Drittens -
die Lohnquote sinkt, es steigt
die Gewinnquote. Viertens -
unverändert bleibt die Einkommensungleichheit.
Ich fühl mein Herz, Disharmonie
zwischen rechts und links, oben
und unten, Tachykardie. Aus dem Kabinett
hör ich die nächtlichen Schreie,
das Hüsteln und Räuspern aus dem Lichthof,
bis das Kind dann da steht,
blauäugiger als sonst: das dicke Buch
soll ins Wasser, schwimmen.
Klar ist der verhüllte Kontext,
mein Mikrokosmos: die Ängste
und die Ursachen der Ängste,
ihre irrationale Paradoxie
auf dem Hintergrund ihrer eindeutigen
Unkenntlichkeit: wo
stecken die Vermittler
zwischen mir und dem makrosozialen System?
Das Wort Wirklichkeit
im Gedicht, das Wort Schmerz.
Der Schritt über den Wannenrand,
die beiden Häute, kurz aneinander,
das zapplige Streben hinunter
zum festen Grund.

(4.9.1981)

(Erschienen in: Friede den Männern, Residenz Verlag, 1982)

Montag, 5. Dezember 2011

F-10 DIE ZÜRCHER KRANKHET

Von selbst reißen sich
die Pflastersteine aus der Straße, die Pelze
flüchten aus den Schaufenstern,
Goldschmuck versteckt sich im Rinnsal oder
hinterm Stacheldraht der staatlichen Drahtzieher.
In den Betten der aufgerichteten Bürger
knirschen die Scherben. Wasser
rauscht ohrenbetäubend durchs Zentrum,
Gas erzeugt ein Gelächter,
das jeden Widerstand erstickt.
Brennend kurven die Koloniakübel
zwischen den Sitzreihen der Theater. Gummigeschosse
springen in geschlossene Augen,
Fleischstücke erheben sich blutlos,
das Schmatzen nimmt zu, Rülpsen
und Furzen, zündende O-Ton-Musik
für die stehengebliebenen Uhren.
Der goldene Eisbär geht um, küßt jeden,
bis sein Stahlmantel schmilzt,
bis die Betonkruste zerbröselt.
Am Packeis schrumpft die Stadt
zu einer harmlosen Miniatur.

(19.3.1981)

(Erschienen in: Friede den Männern, Residenz Verlag, 1982)

Freitag, 2. Dezember 2011

E-09 SIEBEN (ODER ZEHN) DINGE

Achtung, das ist ein höchst sensibles privates Unternehmen, das nie
jemandem öffentlich eine Abfuhr erteilt, auch nicht (1) „Lee Walker“,

der – für mich erstaunlicherweise – (2)„Ende des Jahres Darlehensfazilitäten“
vergibt, wobei ich anscheinend (3)„auf seine Neuen kunden“ zähle,

daher mich von (4)„auf Zwei Prozent“ in einem leider nur (5)„minimalen
Bereich“ profitieren lassen will: (6)„von 5,000 € bis maximal € 100.000.000“.

So etwas habe ich schon seit langem erwartet, wie jeder der ständig
Klassenlotterie spielt und nichts gewinnt. Dann sucht das Glück eben

einen anderen Weg, den speziellen über „Lee Walker“ zum Beispiel ,
der mich jetzt als Hans im Glück spazierengehen lassen will, vorerst, denn dann:

(7) „geben Sie sterben“, was ich gleich als „gehen Sie sterben“ lese, erschrocken,
und das inmitten von Abfall und Sonne (drei volle Mistkübel in der Sonne,

draußen vorm Haus): „gehen Sie sterben“, das hieße für mich: Stecken Sie
den Kopf in den Sack (oder Sand?) und warten Sie, was dann passiert: (8)„Wenn

interessiert, Wie unten dargestellt“. Kein Bild nur: (9)„Name ---- Amount ----
Dauer ---- Telefonnummer ---„. Das genügt. Und noch (10):„Grüße“. Ich grüße

zurück, „Lee Walker“, sehr herzlich. Was an brauchbaren Dingen da draußen wirklich
drinnen steckt – ich zähle sie nicht, nicht jetzt. So verzicht ich auf Glück und Gewinn

aus der einmal nicht überfüllten Mailbox und verlaß mich ganz auf Recycling aus dem
auf einen Wink hin polternd heranrollenden Container und Tauschhandel

(Samstag, 26. November 2011, 12.24)

Mittwoch, 30. November 2011

D -15 DIE WEISSNICHT-AFFEN

die Weißnicht-Affen im Wasser, im heißen Dampf
inmitten der tiefwinterlichen Umgebung,
hatten rote Gesichter.

Sie wollten das Becken nicht verlassen,
auch nicht, als sich eine fast nackte Frau zu ihnen gesellte.
Die Weißnicht-Affen schwammen nicht,

sie hockten an verschiedenen Orten
in Paaren oder Gruppen zusammen, wie erstarrt.
Ab und zu lauste einer den andern, tat so,

als würde er dabei kurz einnicken, mit erlahmenden Fingern.
Es war ein Loch im Felsen, ein Loch in der Landschaft –
Punkte im Wasser, die sich bald nicht mehr abhoben,

ein dunkler Fleck, der immer kleiner wurde,
im aufragenden Schneebezirk.
Erinnerung, daß es irgendwo so etwas gegeben haben muß,

mit Menschen, die sich schwemmen ließen
von einem heißen kräftigen Wasserstrahl,
aus einem riesigen Maul.

Ich war dort, ohne zu wissen,
wie ich hingekommen sein könnte.
Glasklare Oberfläche, kein Eintritt

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

Montag, 28. November 2011

D-14 AM DONAUKANAL IM FILM

muß, am Anfang, ein Blick sein
wie dieser: schwarzer Augenglanz,
hängende Lider, Kabuki-Mund,
gerötet; und gleich Vatergejammer:

liebt mich nicht, aus der Nähe,
auch nicht aus der Ferne; und Mutter-
Versessenheit: ist arm, ohne Geld,
braucht Hilfe; muß sich allein

über dem Wasser halten, zieht sich aber auch
selbst den Boden unter den Füßen weg.
Doch hier, in der Fremde, erste große
Schneeflocken, wunderbar taumelnde,

in der Zwischenhofödnis.
Und ihr Herz im Handgelenk,
ganz sanft, mit Knöchelchen,
wie vom Zufall unter der Haut

versteckt; rundum Nässe, schnell
verdunkelt. Bald kein Lippenrot mehr,
erloschen in Nächtlichkeit,
in den Schatten gnädiger Lichter, sie selbst

im Film, der gleich folgt, verschwunden,
als eine der Hauptfiguren,
eine Art Schutzmanteljungfrau für Greisinnen,
die sie für ihre Hilfe beschimpfen.

Bald wieder raus aus dem Schädel
der Nonne, reuigen Nutte, deren Sohn
am Auto der angehimmelten
Schauspielerin schmählich verendet.

Noch immer: spanischer Frauenchor,
muerte muerte, auf der Leinwand.
Und sie, danach, sehr in Not: blutleer,
nun fast kein Puls mehr. Will trotzdem

das Kaiserschnittbaby sein, das die Mutter
nachträglich umbringt. Davon jetzt keine Rede
am Donaukanal, im schnöden Westwind,
der Schnee herbeischafft, schweigendes

Spiegelwasserschwellen, ohne direkte
Verbindung zu ihrem türkischen Meer.
Die nächsten Wochentage lauern, notorische
Anstrengungen, Schmerzen, gleich in der Nacht,

die nach dem Film beginnt, noch
am selben Tag endet: Uhrzeit,
gegen den Uhrzeigersinn.
Raus aus dem Kino, dem Nordwinter, ins Bett,

unter die Tuchent, zu den fünf Bären -
ihre Trostsprachepartner, Heimatrestwärme.
Doch sie schweigt. Morgen will sie endlich
ein neues Leben sehen, sich selbst, in Liebe

(Samstag, 20.11.1999, 7.o5)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

Samstag, 26. November 2011

D-13 CHANTAL 2

erstarrt zur Puppe in einem Sarg-
zwischenraum, Fluchtreflex
aus der Ödnis des Doppelbetts -

so bewahrt sie ihr Selbst; bereitet
das Ausschlüpfen vor. Halbe
Gliedmaßen als Atmungsorgane,

die sich irgendwann aufpumpen,
um sich endgültig von diesem Hotel zu befreien.
Leblos als Tarnung nach dem Anfall

vorm Spiegel. Haut, Kleid als Kokon
um die Flachhöhle samt Organen. Als Vorrat
Blut und Luft. Nachtzustand,

vorweggenommen, Kopfaus-
wüchse, nachtrüßlige
Nachtsaftsüße. Fruchtsaugerin, inmitten

von Zitrusbildern. Ihr Überlebensgeruch,
nur für sie, Aidsbotin
oder Botin einer Unschuldsliebe,

die Säulen erklimmt, Mauerlöcher durchstößt:
in ihren Armen anheimelnde Rosen-
sträuße für Passanten im Liebesdornwald

(Sonntag, 21.11.1999, 15.01)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

Mittwoch, 23. November 2011

D-12 CHANTAL 1

Chantal, in den schmalen Spalt
zwischen Kasten und Decke geflüchtet,
hineingepreßt, Körperschaft, weiblich, nur
rechtes Bein, steif, im Strumpf, hochhakiger

schwarzer Schuh, zittrig, baumelnd,
puffartiger Halt, im Vorzimmer zum Bad,
wo das Video läuft, drauf sie, wie verrückt turnend,
in Blau, blauem Taft, Haare im Ostwind,

die Gummiband-Gliedmaßen verteilt im Raum,
Schuld-Tat, demonstrative: warum schreit sie nicht,
warum fällt sie nicht von der Decke, warum
gelbe Blüten, schon aufgeplatzt,

auf dem schneeweißen Bodenteich? Und für wen
diese Schmerzübung, zu wessen Bestrafung?
Paar, im Zuschaun blödböses Lächeln,
das sie zusammentreibt zu einem Schnellfick,

der ihre unbewußte Zeugenschaft ausnützt.
Chantal, dem Doppelbett, der Orangentapete
entwischt, dem ekelhaften Schwung der Lampe,
ins unwirtliche Versteck, zur Hälfte

jedermannsichtbar: nach der verzweifelten
Anprobe, deren Projektion auf die Zimmerwände,
blauer, roter Taft, Collier, Dekolleté,
Haarspray, Schminke, Stola: nichts paßt; nichts

rettet den Anlaß. Wir, jetzt davor, schauen auf,
knien nieder vor ihrem einbeinigen
Rumpf-Popanz. Gib uns ein Zeichen,
verrat uns deine wahre Pein! Gib uns

ein Zeichen, erzähl uns die Sekunden
in dieser selbstgewählten Finsternis, deinem
Fleischleibgefängnis! Wir locken,
löschen uns aus, in unserer unvoll-

kommenen Nachfolge; pausenlos
pulst das Herz, pulst eine ferne Stimme
im Blütenzauber, Regen der Geschenke.
So ist es: Büßerbereitschaft, die uns in flagrante

Ekstase treibt, aus der Einbildung
aller anonymen Blicke, die uns treffen müssen,
anfeuern zur maßlosen lebens-
rätsellösenden Selbst-Verleugnung

(Sonntag, 21.11.1999, 8.00)

(Erschienen in: Das leere Kuvert, Bibliothek der Provinz, 2002)

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