T-14 TATIANA

Derzeit - und das sehe ich in einem notwendigen Zusammenhang mit Ramirer – beschäftigen mich zwei Wörter: „Umkehrschluß“; und – das hatte sich bei der Suche nach Beispielen dafür ergeben – „Wasserfalltäuschung".

Ramirer hatte sich mit „Umkehrschluß“, wohl ausgelöst von Tatianas Verhalten, ausführlich beschäftigt. Es ging ihm sichtlich um ihr ausgefuchst verschränktes Einen-Schritt-vor-einen-Zurück-Spiel. Egal, wer von den beiden den tat: der andere reagierte mit einer Umkehrschlußhandlung!

„5.Jänner: 17.05 Uhr. Café Ring, Nichtraucherraum. Sie sitzt vor der Spiegelwand, ich sehe mich, wenn ich an ihr vorbeischaue, beim T.-Anschauen im Augenwinkel, sehe mir beim An-ihr-Vorbei-Schauen - zur Kontrolle jeder auch noch so minimalen Mimik- und Haltungsveränderung - zu.

Erstaunlich, wie schnell alles wechselt. Draußen Blaulicht, Polizei, Demonstration. Weg die Absicht, sie mit den hiesigen politischen Verhältnissen - zu konfrontieren. Hilft dabei ihr heutiges Clownsgeschau? Ihr unschuldiges - unwissendes? - Stirnrunzeln? Erfaßt schnell, daß ich hier vom Job, vom Studententratsch nichts wissen will - keine Nina, keine Sanaz, keine Emine usw. – alle müssen hinter die Spiegelwand. Auch kein Veton, der sie bis zur Weißglut reizen kann mit seinem überdimensionalen Macho-Gehabe.

Ihre eigentümliche Unschlüssigkeit bei der Auswahl der Speisen: geht dreimal im Kreis, bis sie sich für Gemüse entscheidet. Stochert bis zum Weggehen lustlos im Essen herum. Kann da nicht zuschauen, nehme ihren Löffel, damit der Teller leer wird.

Drei Foto-Mappen: ihre Eltern, die dicke Mutter, der vollglatzige Vater, die dickliche Tochter; und sie selbst in den verschiedensten Posen, sehr wandlungsfähig, immer süß, äußerst attraktiv und auch rührend. Mich plagt - völlig unsinnig - die Frage, warum ich da nicht dabei gewesen war. T. auch hier, vergangenen Sommer, vor den verschiedensten Touristenzielen, oft auch mit dem Heiratsanwärter, wie ich ihn nenne, dem Studenten, dessentwillen sie ja eigentlich ausgereist war.

Der darf jetzt kein Thema mehr sein, als ob er gar nicht existiert hätte. Sie wird sich allein durchschlagen, glaubt sie – und Hilfe nur dann , wenn sie die fordert. Zeit für mich, wann es mir möglich wäre, sie privat zu treffen - weg von Universität und Heim; warum kein Ausflug in die nähere oder weitere Umgebung? Sie zeichnet mir eine Liste in mein rotes Buch, mit allen ihren Vorhaben und Beschäftigungen in den nächsten Wochen.

Dachte, ich hätte fast keine Zeit. Sie dreht das um – so, als würden nur Minuten für mich übrigbleiben können. Fazit: verschlossen, verriegelt.“

(16. Jänner 2007)

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