T-19 TATIANA

Voraussichtlich gab es keine Küsse. Ebenso wenig heftige Umarmungen, auf diesem schmalen Betonrand, wo sie ein falscher Schritt hätte 10 Meter hinunterstürzen lassen. Dann hätten sie im schmutzigen stinkenden kalten Wasser, den Schock bekämpfend, ein Stück flußaufwärts schwimmen müssen, bis zu der Stelle, wo an die Betonwand Sprossen befestigt worden waren. Wieder oben angelangt, hätten sie sich der Kleider entledigen, einander mit einem Badetuch trocken rubbeln, dann nackt in Ersatzkleidung schlüpfen und zum Auto laufen müssen. Nichts dergleichen wäre ihnen zur Verfügung gestanden.

Tatiana erhielt einen Anruf am Handy, der sie sichtlich beunruhigte. Sie sagte nur, es sei ein Studienkollege, doch Ramirer vermutete, es handle sich um einen durch ihr Ausbleiben beunruhigten oder verärgerten Mann aus der Community. Sie hatte einige Sätze auf Russisch gesprochen, mit sonorer Stimme. Dabei mußte er sie sich als 9- oder 10jähriges Mädchen vorstellen, grimassierend, ihren erstarrenden Blick, ihr hysterisches Gelächter. Verrückter, offener als heute, noch unter der Herrschaft ihrer Eltern und Lehrer, schnell an der Grenze der Geduld, mit den Füßen auf den Boden stampfend, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.

Zu Hause schrieb er ihr, nachdem er ein wenig recherchiert hatte, ein Mail:

„Tatiana, diese Wasserfalltäuschung, der wir heute so zauberhafte Minuten verdankt haben, war schon den Römern bekannt: wenn man den Blick auf etwas richtet, das sich gleichförmig in eine bestimmte Richtung bewegt, und man dann auf etwas Statisches schaut, scheint dieses plötzlich im die umgekehrte Richtung zu driften. Drift, das war es, was ich empfunden habe – treiben, sich treiben lassen.

Weißt du, es handelt sich um einen Nacheffekt, eine Täuschung, die die Aktivität der Neuronen bewirkt. Denk daran, daß unsere Bewegungswahrnehmung nicht auf den absoluten Bewegungsniveaus aller bewegungssensitiven Zellen beruht. Denn sie entsteht ja dadurch, daß die Feuerungsraten verglichen werden. Bei der Wasserfalltäuschung feuern die nun ermüdeten richtungsspezifischen Zellen im Ruhezustand weniger als diejenigen Neuronen, die für die entgegengesetzte Richtungswahrnehmung zuständig sind. Sie haben nicht auf die Wasserströmung reagiert, waren daher ausgeruht und produzierten eine höhere Spannungsaktivität.

Was macht das Gehirn? Irrtümlicherweise schließt es auf eine entgegengesetzt gerichtete Bewegung. Dafür zuständig ist ein bestimmtes Areal in der Sehrinde. Es gibt noch andere Nacheffekte. Aber in unserem Fall war der Auslöser das gleichförmige Fließen des Wassers, vor dem wir gestanden sind.

Wie ist es jetzt bei dir: könntest du, im Bett liegend, allein mit deiner Vorstellungskraft, auch diesen Effekt hervorrufen? Könnten wir, wenn wir miteinander telefonieren, durch gegenseitige Beschreibung unsere Empfindungen so verschränken oder abstimmen, daß wir ein fiktives Territorium betreten, das nur uns gehört, wo wir alles tun können, was wir bisher nicht getan haben?“

(21. Jänner 2007)

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