Samstag, 19. Januar 2013

DB-64 24 (Sie haben sich wirklich einen Hölderlin-Abend gegönnt)

24

Sie haben sich wirklich einen Hölderlin-Abend gegönnt, Stefan und Ludwig. Besser: sie sind von den Frauen, Lena und Julia, zu diesem abkommandiert worden mit dem Auftrag, auf dem Weg endlich die Anmeldung hinter sich bringen, man solle sich mit der Volkspolizei nicht spielen.

Zweimal ein Fehlschlag: Von den lachenden, tratschenden Beamtinnen der nächstgelegenen Meldestelle zum Hauptreferat im Haus des Reisens am Alexanderplatz verwiesen, ergibt sich dort folgende Situation: Ein Schwarzhaariger mit Brille und Bürstenhaarschnitt, der die Pässe entgegennimmt, erscheint erst nach geraumer Zeit wieder und empfiehlt, am nächsten Morgen wiederzukommen. Denn jetzt könne die Anmeldung nicht vollzogen werden, weil noch der fehlende Betrag des Zwangsumtauschs für fünf Tage und zwei Personen nicht belegt ist und diese Summe, da die Staatsbank bereits geschlossen hat, nicht mehr eingetauscht werden kann.

Sprung von diesem deutschen Bürokratengesicht ins Gesicht eines deutschen Schauspielers, der Gedichte des Deutschen Hölderlin deklamiert, auch Briefausschnitte, die seine Lebens- und Liebesphasen belegen.

Dann Hölderlin selbst, der aus dem Mund des Deutschen Ludwig Lang, 27, zuerst Metallarbeiter, jetzt Geometer, dazu Kurse fürs Übersetzerdiplom, sächselnd spricht: Und wie im Aug' ein Feuer dem Manne glänzt, / Wenn hohes er entwarf; so ist / Von neuem an den Zeichen, den Thaten der Welt jetzt / Ein Feuer angezündet in den Seelen der Dichter ...

Sprung zur Deutschen Julia Lang, 25, Mutter Nicoles und Uwes, die Stefan an die Stelle der die Rezitation begleitenden Gitarristin setzt, damit noch nicht alles zu spät ist. Morgen früh wird er die Anmeldung erledigen, zugleich die Abmeldung, und so die Bürokratie überlisten. Er wird die restlichen drei Tage im voraus bezahlen, zugleich aber jeden Gedanken an eine Abreise vermeiden.

Er muß Julia von Lena trennen. Er zweifelt, ob es einen Sinn hat, einen weiteren Anlauf zu Julia zu unternehmen. Er zweifelt, ob es einen Sinn hat, an einen Sinn zu denken.

Stefan folgt Ludwig, als dieser ihn noch zu sich nach Hause einlädt. Er hält ihn beim Haustor zurück und fragt ihn, alle Hemmungen wegwerfend, ob er mit Julia noch weggehen könne. Der nickt aufmunternd. Es scheint, als würde er Stefans Interesse an Julia als eine Ehre auffassen.

Als Julia erfährt, was man mit ihr vorhat, mustert sie Stefan neugierig und sagt hinhaltend: Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Dann verschwindet sie im Nebenzimmer, während Ludwig Stefan beruhigend die Hand auf die Schulter legt, hörbar noch bei Hölderlin: Noch Eins ist aber / Zu sagen. Denn es wäre / Mir fast zu plözlich / Das Glük gekommen, / Das Einsame, daß ich unverständig / Im Eigentum / Mich an die Schatten gewandt, / Denn weil du gabst / Den Sterblichen / Versuchend Göttergestalt, / Wofür ein Wort? und hätte die Schwermuth / Mir von den Lippen den Gesang genommen ...

(Die Berliner Entscheidung, Residenz Verlag, 1984)

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„...Dies ist der Versuch eines komprimierten Familienromans, zugleich ein Reisebericht, der an einen Ort führt, wo die Kriegsschäden an den Menschen und deren Behausungen noch unverhüllt sichtbar sind. Lena und Stefan, von den gegensätzlichen Seiten der Geschichte kommend, unternehmen, sich zwischen Überlebenden und deren Nachkommen bewegend, einen Versöhnungsversuch...“ (Klappentext)

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