Sonntag, 27. Januar 2013

DB-69 (24) (Er streift an herabhängende Säcke)

Er streift an herabhängende Säcke, stolpert, fängt sich an Julias Hüfte. Jetzt führt eindeutig sie Regie, nachdem sie sich selbst vom Hemmschuh ihrer geheimen Verzweiflung befreit hat. Ihr Recht sei es, einmal ungestraft aus ihrem System von Pflichten, bemessenen Tagesabläufen auszubrechen. Ihr Recht, diesen fremden, spröden, phantasieüberfrachteten Mannskörper nicht einfach sang- und klanglos verschwinden zu lassen. Schon morgen wird er wie Schnee weggeschmolzen sein, ohne eine Spur hinterlassen zu haben. Sie habe aber ein Recht auf eine Spur, zumindest eine solche, wie sie der Schnee hinterläßt.

Irgendwo ein Sofa, das Ludwig gerade repariert hat, wie sie sagt. Sie läßt sich darauf nieder, bäumt Stefan ihren Bauch entgegen.

Er kippt auf sie, entschuldigt sich für sein Gewicht, er tappt in eine staubige Stelle, die Mauer neben ihnen ist feucht und rauh. Er hält sein Ohr an ihres, reibt so lang, bis es freiliegt. Die Ostsee, sagt er, rauscht.

Oder die Donau, die kalte, flüstert Julia, gleich darauf wieder nach Geräuschen, die von oben, aus den Wohnungen über ihnen kommen könnten, horchend. In einiger Entfernung das Glucksen abfließenden Wassers in einem Rohr.

Stefan nähert sein Auge dem ihren, senkt die Wimpern, hebt sie - ein Kitzel, der ihn lüstern macht.

Und Julias Hand umschließt seine und führt sie unter ihr Kleid, zum bloßen Nabel hin, wohinein er seinen kalten Finger bohrt, immer tiefer, ohne daß Julia einen Laut von sich gibt. So könnte er eine Weile mit seiner Geburt versöhnt werden. So müßte er nicht schreien, bis seine Kehle wund ist, schweigen, bis das Schweigen brennt.

Stoffe, Gerüche, Bewegungen, Sich-Erhitzen, Errichten einer Laubhütte aus zwei Leibern, einer Entbindungsstation. Und Julias Antwort: Ihr Mund um seinen Daumen, die Schnittwunde auflutschend, bis sein Blut heraustritt.

Und das doppelgesichtige, doppelschneidige Messer ihrer zweiten Begegnung projiziert sich in Stefans Kopf und wächst zugleich strikt zwischen seinen Schenkeln heraus ohne mörderische Absicht.

Mit dem ersten Wehenschrei Julias erscheint diese Szene auf einer grell beleuchteten Bühne, wo sie und Stefan als Liebespaar aufeinanderliegcn, ihre Stellungen wechselnd, ohne das erstarrte Publikum zu beachten.

Immer schneller leert sich der Saal. Aber die Empörung, der Geruch des Skandals bleibt haften, trübt die Sinne, verfinstert die Situation, bis Stefan sich wiederfindet, naß, kalt und verlassen, mit zuckenden Gedanken: Er würde sie ficken müssen bis zur völligen Hörigkeit.

Er würde dieses Haus in die Luft sprengen, damit später nichts mehr von dieser unsinnigen Luststunde zeugen kann. Er würde ihre Kinder töten müssen, ihren Mann zu seinem Sklaven machen, der ihm jeden Wunsch von den Augen abliest. Er würde sich hier einnisten als U-Boot, nur von den nächtlichen Vereinigungen ernährt.

Er würde, erkennt Stefan mit erschreckender Klarheit, nun schon draußen vorm Haus, immer wieder an diesen undefinierbaren Ort zurückkehren müssen, von neuem den Drang verspüren, alle diese in der Finsternis verborgen gebliebenen Gegenstände zu rekonstruieren

(Die Berliner Entscheidung, Residenz Verlag, 1984)

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